Menschen 2. Klasse?

⏱ Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Ich fahre mit dem Fahrrad nach Hause, ich schlucke die Tränen runter, immer und immer wieder. Doch irgendwann kann ich nicht mehr und sie fließen einfach nur noch. Ich muss langsamer fahren, damit ich noch genug sehe. Dabei sehen mich einige Menschen im vorbeifahren an.
Ich komme in die Wohnung und es bricht aus mir raus.
Um mich zu beruhigen, sitze ich nun hier und fange an zu schreiben.

Heute war wieder einer dieser Tage. Einer dieser Tage, von denen es schon viele in meinem Leben gab – und doch hat es dieses Mal eine neue Qualität angenommen.

Ich wurde gedemütigt, bloßgestellt und aus einem Laden rausgeschmissen – weil ich psychisch krank bin. Stigmatisierung, Diskriminierung, Gewalt – sucht euch etwas davon aus, es trifft es alles zu.

Ich habe gehofft, dass dieser Tag nicht kommen würde.

Ich habe gehofft, dass diese Art der Diskriminierung nie wieder so um sich greift.

Aber vielleicht erstmal von vorne.
Ich bin seit meiner Kindheit psychisch krank. Hatte über sehr viele Jahre aufgrund dieser Erkrankung einen Grad der Behinderung von 50. Vor ein paar Jahren wurde dieser auf 30 % runtergestuft. Seit zwanzig Jahren begleiten mich immer wieder Neurologen, Psychater*innen und Psychologen auf meinem Weg.

Aufgrund der Erlebnisse in meiner Kindheit und Jugend leide ich bis heute an Symptomen einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Ein Symptom ist, dass ich in engen Räumen Panikattacken bekomme. Und das trifft auch auf das Bedecken von Mund und Nase zu. Sind mein Mund und meine Nase länger bedeckt wird mir schwindelig, ich fange an zu hyperventilieren und mir wird schwarz vor Augen.

Als mit der Coronazeit die Mund-und-Nasen-Schutz-Pflicht kam, wollte ich mich ganz mutig los trauen. Ging mit einem Tuch um den Kopf gebunden in den Laden. Ich dachte mir, ja wer weiß, ich habe schon wieder ein Jahr Traumatherapie hinter mir – vllt. hat sich ja was geändert.

Pustekuchen.
Nach zwei Minuten fing ich an zu hyperventilieren und ich konnte gerade noch so nach draußen kommen, um mich an der frischen Luft auf den Boden zu setzen.

Also ließ ich die erste Zeit, immer wenn es ging, für mich einkaufen. Wenn dies nicht ging und geht, nehme ich ein größeres Halstuch und halte es mir vor Mund und Nase – aber so, dass Mund und Nase nicht berührt werden. Ich brauchte ein paar Monate, bis mir nicht mehr schwindelig war beim einkaufen. Jetzt geht es schon, aber ich darf mich nicht zu lange in Läden aufhalten und schon gar nicht mit meinem Kind. Das alles zusammen überfordert mich total und meine körperlichen Reaktionen fallen wieder schlimmer aus.

Also, alles in allem eine brisante, für mich unschöne Zeit.

In einem Video habe ich bereits darüber berichtet, dass mein Therapeut mir gleich anbot ein Attest fertig zu machen, das ich dann überall vorzeigen könnte, falls es mal zu Problemen kommt. Wir haben dann aber noch über die Folgen gesprochen. Was es für mich bedeutet mit so einem Schein in der Tasche umherzulaufen, der bestätigt, dass ich psychisch krank bin, nicht normal, anders. Wir sprachen über Stigmatisierung und wie ich mich damit fühlen würde. Nicht gut, war meine Antwort. Also ließen wir es erstmal.

Also gehe ich, wenn ich denn mal gehe, in Geschäfte und halte mir dabei immer ein Tuch 2 bis 3 cm weit weg von meinem Gesicht, ich drehe mich weg, wenn mir ein Mensch zu nahe kommt und versuche umsichtig zu sein. Dennoch spüre ich seit Beginn der Masken-Pflicht missbilligende Blicke, die Mimik, die Gestik auf mir – selbst mit vor dem Gesicht gehaltenem Tuch. Und ich komme nicht drum herum Angst zu spüren: „Gleich spricht mich jemand an!“ / „Gleich schimpft jemand auf mich ein!“ Seit Monaten spüre ich dies JEDES MAL. Die Angst, die Traurigkeit. Es ist echt nicht cool, jeden Tag daran erinnert zu werden, dass man so anders ist als der Durchschnitt. An das Trauma erinnert zu werden, an die vielen anderen Male, in denen ich mich in meinem Leben bereits ausgegrenzt, beobachtet oder verachtet gefühlt habe.

Hier habe ich z.B. gerade über eine andere Erfahrung auf dem Abendgymnasium geschrieben.

Und heute fühlte ich mich so schlimm, wie schon lange nicht mehr im Angesicht meiner Erkrankung.

Ich wollte in der Innenstadt zu einem Fielmann-Geschäft. Ich hatte zwei Brillen mit, die ich abgeben wollte, denn in diese sollten neue Gläser eingesetzt werden.
Als ich den Laden betrat, mit meinem Tuch vor Mund und Nase gehalten, fragte eine Verkäuferin in sehr nettem Tonfall, ob ich denn keine Maske hätte. Ich sagte, dass ich keine tragen könne, aber mein Tuch die ganze Zeit vor dem Gesicht behalten würde. Sie fragte warum. Ich schluckte und sagte ihr, das sich eine Erkrankung habe, durch die es mir nicht möglich wäre eine Maske auf Mund und Nase zu tragen. Sie fragte nach was das für eine Erkrankung wäre. Ich schluckte nochmal und antwortet, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt. Sie sagte, dass das nicht gehen würde. Es gäbe hier eine klare Anordnung, dass „niemand“ ohne Mundschutz den Laden betreten dürfte.

Mittlerweile sah ich bereits einige Blicke auf mir ruhen – der Laden war voll.

Die Verkäuferin sagte nur kurz, dass sie den Geschäftsführer holen würde. Dabei lächelte sie noch immer freundlich.

Mein Blick viel auf eine ältere Dame, die direkt am ersten Tisch mit einem Mann saß. Sie trug keine Maske, hielt sich nichts vor den Mund. In meinem Kopf fuhren die Gedanken Achterbahn: Niemand ohne Maske? Warum sitzt sie ohne Maske hier? Was hat sie denn, dass sie ohne Maske hier rein darf? Warum wurde ich gerade gefragt WAS ich für eine Erkrankung habe? Warum schauen mich die Menschen an? (…)

Dann, nach einiger Zeit, kam ein Mann mit Anzug und strengem Gesichtsausdruck um die Ecke. Er steuerte auf mich zu und sagte kurz und knapp, wenn ich keine Maske hätte, müsste ich jetzt den Laden verlassen. Hier wolle niemand krank werden. Dies sagte dieser Mensch mit einem solch barschen Ton, dass mir echt die Spucke wegblieb. Gerade wollte ich noch auf die Frau ohne Maske verweisen, da erzählte er mir, dass es ein einheitliches Konzept gebe uswusf. Ich erklärte ihm, dass ich eine psychische Erkrankung habe und aufgrund eines Traumas nichts auf Mund und Nase haben könne. Da antwortete er, dass ihm das egal ist! Er forderte mich auf den Laden zu verlassen.
Ich war so verdutzt, dass ich nun immer wütender wurde. Ich fragte ihn, ob ich denn in den Laden dürfte, wenn ich ein ärztliches Attest vorlege – schließlich hielt ich ja sogar die ganze Zeit etwas vor Nase und Mund! Er verneinte dies wieder barsch und sagte, ich würde in diesem Laden nicht bedient werden. Ich sagte ihm, dass das Diskriminierung von Menschen mit psychischen Beeinträchtigen ist – denn da sitzt ja noch eine Person ohne Mundschutz im Laden. Er antwortet darauf gar nicht und verwies mich des Ladens. Ich sagte daraufhin, zitternd und wütend, dass ich jetzt bei der Polizei anrufe und mich zu einer Anzeige wegen Diskriminierung informiere.

Gesagt getan. Ich rief vor dem Laden bei der Polizei an und schilderte alles – mir wurde geraten zur nächsten Dienststelle zu gehen und eine Anzeige aufzugeben.

Ich ging noch einmal in den Laden und bat die Verkäuferin mir ihren Namen und den Namen des Geschäftsführers zu nennen. Sie sagte darauf gar nichts, wandte sich von mir ab und holte erneut den Geschäftsführer. Einige Menschen in dem Laden starrten mich an. Manche sahen verstohlen weg. Ich sagte dem herbeieilenden Geschäftsführer, dass ich eine Anzeige aufgrund von Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen aufgeben würde und nun noch seinen Namen bräuchte. Er trug ein Namensschild. Während ich darauf schauen wollte, drehte er sich weg und sagte mir, ich könne gerne eine Anzeige machen und nun solle ich den Laden verlassen, er hätte hier das Hausrecht!

Ich schrieb mir auf, was ich noch sehen konnte vom Namen und verließ den Laden.

Ich holte mir einen Café und setzte mich auf eine Bank. Ich fühlte mich betäubt. Ich fühlte mich so klein, machtlos, wertlos.

Ich war wieder in meiner Kindheit.

Ich war genau da, wo ich nie hin möchte. Und wenn dann nur gemeinsam mit meinem Therapeuten, in einem geschützten Rahmen. Ich saß auf dieser Bank und mir liefen die Tränen runter. Ich konnte es nicht stoppen. Ich konnte nicht verhindern, wie sich etwas von mir trennte und neben mich stellte.

Und da saß ich nun eine ganze Weile, ich weiß nicht wie lange. Ich überlegte irgendwann, ob ich jetzt wirklich zur Polizei gehen sollte. Ich fragte mich, ob ich jetzt wirklich noch die Kraft dafür hatte. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet und ich werde heute noch bin zum späten Abend mein Kind betreuen. Ohne Tabletten würde ich jetzt schon vor Erschöpfung zu Hause im Bett liegen. Aber so saß ich noch da. Und ich war gewillt zur Polizei zu gehen, auch wenn ich Angst hatte. Denn auch dort konnte es gut sein, dass ich auf einem Menschen treffen würde, der mich nicht versteht, der Diskriminierung aufgrund einer psychischen Erkrankung für albern hält.

Nichts desto trotz bin ich also zum Polizeirevier gefahren.

Schon an der Anmeldung fragte man mich, ob ich einen Mundschutz hätte, das Tuch würde nicht reichen. Ich antwortet wieder, dass ich aufgrund einer Erkrankung kein Mund-Nasen-Schutz tragen könnte. Gott sei Dank nickte der Mensch nur und ließ mich durch. Nach einiger Zeit saß ich dann bei einem Polizisten im Büro und dieser hatte genau die befürchtete Ausstrahlung. Kein Lächeln ging über seine Lippen. Ich schilderte ihm das Ganze und merkte bereits da, dass er Bedenken hatte bei dem Ganzen. Er fragte mich, ob ich denn ein Attest bei mir tragen würde. Ich erwiderte nur, dass ich das bis morgen besorgt hätte. Als ich alles erläutert hatte, er den Fall aufgenommen hatte, ich mich wiedermal nackig gemacht hatte, sagte er zum Schluss nur ganz trocken, dass der Geschäftsführer von seinem Hausrecht Gebrauch machen könne und es wohl nicht so gut aussehe für die Anzeige. Ich fragte dann nur noch wer das Recht hätte, zu entscheiden, welche Krankheit einer Aussetzung der Mund-Nasen-Schutz-Pflicht würdig wäre und welche nicht – und ob ein Mensch das wirklich einfach so entscheiden dürfe. Natürlich erhielt ich keine Antwort.

Die ältere Frau hatte anscheinend Argumente, an die ich mit meinen nicht heranreichen konnte. Eine andere, eine „richtige“, „echte“ Erkrankung eben.

Ich fühlte mich heute das erste Mal, seit sehr langer Zeit, wieder so, als wenn eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, aufgeteilt in „Gesund“ sowie „wirklich“ Kranke auf der einen Seite und „psychisch kranke Menschen“ auf der anderen Seite, richtig salonfähig wird. Überall in Geschäften dürfen nun Menschen mit psychischen Beeinträchtigen gedemütigt werden, bloß gestellt werden, als Menschen zweiter Klasse behandelt werden – alleine dadurch, dass ihre Erkrankung nicht ernst genommen wird, sie gedemütigt und bloßgestellt werden.

Viele Menschen haben das heute gesehen – und alle blieben ruhig auf ihren Plätzen sitzen.

Es gab schon einmal eine Zeit, in der Menschen mit Behinderungen, mit psychischen Erkrankungen, Menschen zweiter Klasse waren. Menschen, die in Geschäften nicht bedient und irgendwann weggesperrt wurden. Was mit diesen dann letztendlich geschehen ist, erinnert hoffentlich jeder – dies lesende – Mensch.

Ihr erinnert euch nicht mehr?
Hier könnt ihr dazu nochmal was lesen:
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V.: Psychiatrie im Nationalsozialismus: Gedenken und Verantwortung

Landschaftsverband Rheinland: Psychiatriegeschichte in der NS-Zeit

Bitte entschuldigt, dass ich heute nicht die Kraft für Rechtschreibung und gendergerechten Ausdruck habe.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. tina von traumaleben sagt:

    😓 Sehr nachvollziehbar, dass du dich nun so fühlst… Mir fehlen irgendwie die Worte, ich lass einfach mal ein gelesen hier

    Gefällt 2 Personen

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Danke Tina… 💛 Jetzt, nach zwei Tagen, geht es mir schon wieder etwas besser, aber es sitzt noch in den sprichwörtlichen Knochen…

      Gefällt 1 Person

  2. Mondmädchen sagt:

    Es tut mir so unfassbar leid, dass du das heute erleben musstest und dich so klein gefühlt hast. Dennoch muss ich sagen, dass ich es unglaublich mutig finde, was du der Verkäuferin und dem Geschäftsführer entgegnetest. Es sollte aber erst gar nicht dazu kommen. Punkt. Über diese Art von Diskriminierung wird einfach auch noch viel zu wenig gesprochen. Toll, dass du es hiermit tust!

    Ich hoffe, du kannst du etwas erholen nach dem heutigen Tag.

    Liebe Grüße,

    Mondmädchen

    Gefällt 2 Personen

  3. nicole_von_traumaleben sagt:

    Danke Mondmädchen, 💛 deine Anteilnahme und die von anderen, die mir geschrieben haben, tat gut. Dadurch fühlte ich mich nicht so allein damit.

    Und zu dem was ich dort gesagt habe: Manchmal mache ich auch irgendwie Sachen ohne darüber nachzudenken, was dies für mich persönlich für Folgen hat. Im Nachhinein hat mich das sehr viel Kraft gekostet und ich brauchte nun fast 2 Tage um wieder bisschen klar zu kommen. Ich glaube das solche Situationen für alle Betroffenen anstrengend sind und deshalb vllt. auch nicht so oft angezeigt werden. Das ist ein Teufelskreis und macht mich traurig und ermüdet.

    Aber hier auf wordpress und z.B. auf Facebook, Insta gibt es ja einige Menschen und Gruppierungen, die über ihre Betroffenheit schreiben. und / oder Anteil nehmen. Das finde ich toll und wenn ich mich darauf konzentriere gibt mir das wieder Kraft! Und ich hoffe allen anderen auch.

    LG Nicole

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.