Das Gefühl zu viel zu sein

⏱ Geschätzte Lesedauer: 8 Minuten

Den Text wollte ich schon lange fertig schreiben, dann kam so viel dazwischen, aber er passt noch immer oder wieder viel zu gut zu meinem aktuellem Empfinden. Das Auto habe ich übrigens gekauft, ein kleiner blauer 19 Jahre alter VW. Darüber freue ich mich ziemlich und ich hoffe, dass das kleine Auto zu einem zusätzliche Safe-Space neben meiner Wohnung wird, aber dazu schreibe ich ein andern mal mehr. Das Gefühl zu viel zu sein plagt mich gerade sehr, obwohl ich immer versuche so wenig zu sein, doch leider hat sich dieses leise, aber aufdringliche Empfinden schon viel zu oft bestätigt. Das macht einsam. Trauma macht einsam. Keine Familie zu haben macht einsam. Es tut weh. Wirklich sehr.

Durch das Gefühl anderen zu viel zu sein, überschreite ich viel zu oft meine Grenzen. Um das Gefühl irgendwie zu kompensiere versuche ich immer so einfach wie möglich zu sein, besonders unkompliziert, sinnvoll, nützlich, lieb, unaufwändig, verständnisvoll, eben nicht anzuecken oder negativ aufzufallen und ich schlucke meine „schwierigen“ Gefühle so lange wie möglich hinunter. Nur irgendwie führt das alles oft dazu, dass Menschen fast schon selbstverständlich meine Grenzen ausweiten, meilenweit, ganz selbstverständlich, übertreten. In den letzten Wochen habe ich mich oft gefragt, was es ist an mir, das sie dazu verleitet. Was sehen sie da in mir und warum glauben sie dabei “immer“ im Recht zu sein? Wie oft habe ich mich bei Freundinnen entschuldigt für mein „zu viel“ sein, ganz oft, aus tiefstem Herzen, dafür, dass ich weine, dass ich am Boden zerstört bin und dass es mir schlecht geht. Im Zuge dieser Entschuldigungen fing ich oft noch heftiger an zu weinen, weil ich mich so für mich schämte, ich hasste mich dafür, eben so zu sein. Aber wie oder was war ich denn? Hilflos? Verzweifelt? Erschüttert? Verletzt? Ängstlich, dem Leben gegenüber, vor Verlusten, dem Trauma gegenüber, vor Phobischem, vor so vielem. Vor allem aber war ich bedürftig. Bin es noch und um ehrlich zu sein, wie könnte das auch anders sein. Jeder ist bedürftig, vielleicht bin ich es mehr, aber ich habe auch keine Familie, die mir den Rücken stärkt, dafür aber eine Traumavergangenheit, die mich tief getroffen und verwundet hat. Die meiste Zeit in meinem Leben habe ich mich selbst gehalten, habe meinen Körper mit 15 selbst in Sicherheit gebracht. Mich hat keiner gesehen und die „Zuwendung“, die ich als Kind erfuhr, wird häufig zum Thema in der Therapie. Für meine Mutter war ich immer zu sensibel, zu schüchtern, zu alles, zu viel einfach. Und mein Vater? Seine Toleranzschwelle war ohnehin ganz besonders niedrig und zusätzlich war er auch… sagen wir mal sehr speziell. Mit ungefähr sechs hat er mir anhand des farbigeren Gefieders am Kopf einer männlichen Ente versucht zu erklären, warum Männer, was man schon in der Tierwelt sieht, besser sind, schöner sind, eben einfach wichtiger sind. Ein gewöhnlicher Vater-Tochterspaziergang in meiner Kindheit. Zugegeben, seine Argumentation hakte an vielen Stellen. Mit 16 habe ich das Geld verdient, das ich gebraucht habe, damit ich auch mal ins Kino und mit den anderen mit aus gehen kann. Mit 17 bin ich ausgezogen und seit dem sorgte ich ganz für mich selbst, ohne meine Mama zu „belasten“, aber der Unterschied zu davor war ohnehin nicht wirklich spürbar. Meine Depressionen und die Selbstverletzung in meiner Jugend, habe ich mir auch selbst ausgetrieben (naja eher unterdrück, mit ganz viel anderem überlagert). Darüber und über so vieles habe ich mit niemandem geredet. Heute frage ich mich manchmal, warum mir nicht schon früher die Idee gekommen ist, mir Hilfe zu suchen, irgendwo Unterstützung zu finden, aber solche Gedanken gab es in meinem Kopf damals einfach nicht und ich glaube, meine Psyche wollte ich auch in keinster Weise in den Vordergrund rücken. Psychische Probleme zu haben, war damals keine Option, natürlich wusste ich, dass ich zu der Zeit vor allem eine depressive Symptomatik hatte, aber mein Verständnis von psychischer Gesundheit war, dass das einfach bloß irgendwie weg muss. Dass es nichts ist, was man sich genauer anschauen muss, ich müsse mich einfach mal endlich richtig „zusammenreißen“, einfach nicht mehr so „blöd“ tun und endlich einmal anfangen „normal“ zu sein. Nein, ernst genommen habe ich mich nicht. Vielleicht kommt es daher, dass ich mich in meiner Kindheit meist selbst getröstet habe, mir eine Welt zurechtgelegt habe, in der ich bestehen konnte. Es gab immer nur mich, um mit Problemen zurechtzukommen, um mir meine „Flausen“ auszutreiben und mich, die sich in Sicherheit brachte. Alleine kämpfte ich mit meinem phobischen Gehirn schon seit frühester Kindheit, heimlich, ganz einsam. In der Unterstufe hab ich das mal ein paar Freundinnen erzählt, dass ich diese Phobie habe. Witzig fanden sie es. Gelacht haben sie. Das war auch okay, ich war es gewohnt, das merkwürdige Mädchen zu sein. Das ist schließlich ein komisches, höchst irrationales Problem. Gestört eben. Ich verstand mich doch selbst nicht und dachte immer, an mir ist etwas falsch, dass ich eben nicht ganz richtig im Kopf sei, mit all meinen Gehirngespinsten, komischen Macken, seltsamen Bewusstseinszuständen und unerklärlichen körperlichen Dysfunktionen. Doch ich hatte immer Freunde, weil ich so gut war, mich überall anzupassen und mit mir konnte man auch immer spielen, was man wollte. In meiner Jugend dann, es begann so mit 16, hatte ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl in diesen Freundschaften auch ein Stück weit mehr ich selbst zu sein, nicht bloß diese weise Leinwand, die von jedem neu bepinselt wird und so erlebte ich so etwas wie Verbundenheit. Zugehörigkeit, ich konnte mich tatsächlich als eine begreifen, die wohin gehört und das, nach meinem familiären Desaster, dort, wo ich so gar nicht hingepasst habe. Es war ein schönes Gefühl, in diesem neuen Leben und zu der Zeit lernte ich auch meine heutige beste Freundin kennen. Das alles war wie Honig, der in meine düstere, ungemütliche Leere floss. Ich kam sogar ganz gut an, so mit mir. Ich war die, die Liebeserklärungen in meiner Gruppe verteilte, wie Bonbons. So gerne. Es war so erträglich mit ihnen, sogar schön, denn mit mir alleine war es immer so unaushaltbar, da war ich verloren in den Abgründen, die sich immer in mir auftaten und ich sah keinen Grund darin zu verweilen. Wozu auch? Es erschien unerträglich. Ich konnte nicht allein mit mir sein, ich war immer auf Achse und in all diesen Begegnungen entdeckte ich die Welt der gesprochenen Worte, die ich zuvor nur in Büchern fand. Wörter, die auf eine Art und Weise dazu führten, verstanden zu werden. Es war Kommunikation, die nicht ins Leere führte, die Resonanz erzeugte und nicht so viel Schmerz in mir auslöste. Ja, da gab es plötzlich Gespräche, die sich gut in mir anfühlten, die zu Nähe führten und nicht wie so oft bei meinen Eltern Distanz erzeugten. In der Schule war ich trotzdem die Unergründliche, die keiner richtig kennt, die schon eine eigene Wohnung hat, ganz viel neben der Schule arbeitet und immer zu spät zum Unterricht kommt. So etwas ähnliches stand als Beschreibung in meiner Maturazeitschrift und das haben sie eigentlich auch gut erkannt, dass alles was ich wollte, nicht durchschaut zu werden, war.

Ein paar Jahre später fand ich mich dann in einer neuen Stadt wieder. In einer Großstadt. Wir waren alle hier hingezogen um zu studieren, mein kleiner Kreis, die „Mädls“ und meine liebste Freundin, mit der ich in eine Wohnung zog. Alles war gut, ich mochte mein Studium, ganz anders als die Schule, wie auch mein Privatleben und doch war gar nichts gut. Mir ging es immer schlechter, meine vielfältigen und zum Teil merkwürdigen körperlichen Beschwerden wurden immer heftiger und erreichten durch meinen letzten Job den Punkt, an dem ich mir endlich eingestand vermutlich eine psychische Erkrankung zu haben. Jedes mal vor der Arbeit und während der Arbeit hatte ich Durchfall, heftige körperliche Angstzustände und ich dissoziierte oft die ganzen acht Stunden lang. Ich weiß nicht, wie ich das so viele Monate ausgehalten habe. Es war ein Job in einem Bio-Supermarkt, in dem kleinen Bistro dort, das sie hatten. Später fand ich heraus, dass mich der Chef dort an meinen Vater erinnerte, doch das hat lange gedauert bis mir das endlich bewusst wurde. Er hatte einige Charaktereigenschaften, die auch mein Vater hatte, ich beschreibe es ganz kurz mit ziemlich sexistisch und teilweise grenzüberschreitend. Einmal, als ich zur Arbeit kam hat er mich gefragt, ob ich eine Essstörung hätte, weil ich werde ja immer weniger, sein Tonfall war nicht besorgt, sondern höhnisch. Nein dachte ich mir, nur bei solchen Männern wie dir vergeht mir eben der Appetit. Getroffen hat es mich irgendwo sehr, aber geantwortet habe ich mit einem ganz lieben, verwunderten „Nein“. Dieser Mann hat so viel angetriggert, so viel hochgeholt und meinen bis dahin verschlossenen, aber wild brodelnden, dampfenden Traumakessel zum überlaufen gebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt war er fest verschlossen gewesen und ich lief auf Hochtouren im vollen Funktionsmodus. Das ist nun über zwei Jahre her. Seit dem bin ich in Therapie und arbeitsunfähig oder ich wäre es, wenn ich keine Studentin mehr wäre. Meine „Funktionsfähigkeit“ habe ich, zumindest zeitweise, fast komplett verloren. So vieles ging nicht mehr, was ich zuvor getan habe, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Gefühle kamen hoch, die ich bis dahin verdrängt und abgespalten habe und ich habe über Dinge geredet, die ich davor noch nie ausgesprochen habe. Ich habe mich wohl im wahrsten Sinne des Wortes geöffnet, zum ersten Mal richtig, auch meiner Freundinnengruppe gegenüber. Ich denke, man hat mich wohl ganz anders kennengelernt in dieser Zeit. Konstant war ich im Krisenmodus, ich habe mich selbst kaum ausgehalten und war mir selbst ständig zu viel. Ich habe trotzdem noch immer bei anderen versucht so wenig wie möglich zu sein, aber ich war wirklich wirklich sehr verzweifelt, komplett hilflos, suizidal, ohnmächtig und hatte bei all dem zeitweise keine Kontrolle über all diese Gefühle, vor allem nicht über meine Angstzustände und Dissoziationen. Sie kamen, wann sie wollten und gingen, wann es ihnen passte. Es waren wie Überfälle, für mich war das Folter. Ich weiß nicht, wie man das Gefühl beschreibt, bestimmte Gefühle nicht mehr länger aushalten zu können. Das ist kein Satz, den man sonst so oft einfach sagt, sondern das wurde ganz wahrhaftig so empfunden. Wenn da Ängste sind, die größer als das Leben sind, sich genau so anfühlen, dann scheint es keine Erlösung für all die Anspannung zu geben. Da war nur nackte Angst, ein nicht aushalten können, was zwischen der Angst davor gleich zu sterben und einem auf der Stelle sofort sterben wollen, hin und her wechselte. Die Angst davor zu sterben war erträglicher. Nach solchen akuten Angstzuständen, die oft über viele lange Stunden gingen, mich komplett festnagelten, einnahmen und mich unfähig dazu machten irgendetwas anderes zu empfinden als die rasende, tobende Angst, war mein Körper oft überseht mit blauen Flecken und vielen blutig aufgekratzten Stellen.

Mit Trauma ist man vermutlich nie wenig, Trauma ist immer zu viel, das ist schlicht das Kernproblem von traumatischem Erleben. Trauma hat auch keinen Platz im Leben, nicht in der Gesellschaft, nicht im persönlichen Umfeld, eigentlich auch nicht bei mir im Leben als Betroffene. Nur, dass ich eben keine andere Wahl habe. Ich war immer so dankbar, wenn sich Menschen mich zumuten, wenn sie mich aushalten, wenn sie mich ertragen. Und trotzdem, war ich Menschen zu viel, zu schwer oder ich lade Menschen dazu ein meine Grenzen zu übertreten, die ich gerade lerne festzustecken. Oft fühlt(e) es sich an als wäre ich weniger wert, weil ich eine Traumavergangenheit habe und weil meine Eltern mich so behandelten, wie sie mich behandelten, habe ich automatisch jegliches Recht auf gesehen werden und aufrichtig gute Behandlung verloren. Damit sollte ich aufhören, mit solchen Gedanken. Eigentlich wollte ich diesen Text in einem positiveren Ton schreiben. Ich wollte sagen, dass wir den richtigen Menschen nicht zu viel sind und den Menschen, denen wir zu viel sind, da liegt es oft an ihnen, weil sie mit diesen Dingen eben nicht umgehen können, was jedoch meist nicht viel mit mir oder anderen Betroffenen zu tun hat. Doch gerade fühlt es sich nicht so an, als würde das einen Unterschied machen. Alleine ist man so oder so. Menschen reden gerne gemeinsam über ihre Probleme, über Ängste, die die meisten Menschen kennen, vielleicht über einen niedrigen Selbstwert, über solche und ähnliche Dinge. Das schafft Nähe, Verbundenheit, Verständnis und das Gefühl nicht allein damit zu sein, aber sie reden nicht besonders gerne über Dinge wie Missbrauch bzw. die Traumafolgen davon, über schwere familiäre Enttäuschungen oder über das Problem, wenn alle Aktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände als eine unüberwindbare Hürde erschienen. Bei Traumathemen, da endet die Verbundenheit, das erzeugt keine Nähe mehr und da fehlt schlicht und einfach das Verständnis. Vielleicht, weil es nicht nachempfunden werden kann oder will, weil es nicht bekannt ist, weil es zu anstrengend ist, weil Zeit besser verbracht werden könnte… weil es zu viel ist. Zumindest erlebe ich das oft so. Für Dinge, die nicht mehr so „normal“ sind, den anderen irgendwie zu pathologisch sind, fehlt schlicht das Verständnis und es gibt oft wenig Bereitschaft dafür um das zu ändern. Glaubt mir, auch ich finde das meiste (meine Vergangenheit und ihre Folgen betreffend) sehr befremdlich. 

Der Text ist ziemlich chaotisch geworden, ich muss meine Ordnung hier noch finden, aber irgendwie ist mein Leben dafür nie ruhig genug. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich mich nun so oft alleine fühle, seit dem ich immer öfter zu mir stehe, nicht mehr so viel von mir verstecke und meine heile Welt-Fassade fallen lasse. Es schmerzt dann muss ich mich verletzen und manchmal würde ich mich selbst lieber wieder so verleugnen, nur um mich nicht so alleine zu fühlen, aber irgendwie kann ich dorthin auch nicht mehr zurück. Gelinde ausgedrückt, es frustriert und die Frage wohin bleibt offen.

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