Keine Lüge Mehr

⏱ Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Abends beim zu Bett bringen meines Kindes, sagt es nach einiger Zeit der Ruhe: „Mama, du wirst immer meine beste Freundin sein!“ Ich freue mich, dann schlucke ich, ein Gefühl von Angst und Beklommenheit kriecht in mir hoch – ich schlucke meine aufkommenden Tränen runter und sage: „Du wirst auch immer mein bester Freund sein!“

Morgens um vier. Ich liege da und es schmerzt oberhalb der Brust, in der Brust, auf der Brust. Ich glaube es ist mein Herz. Als wenn es jemand mit dem Fleischklopfer behandelt hat, als wenn es zerschnitten wurde und blutet. Ich bekomme schlecht Luft.

Ich bin wieder aufgewacht mit dieser Schwere und diesem Wundsein in der Brust.

Ich kann nicht atmen.

Gefühle und Bilder ploppen in meinem Inneren auf – von ganz früher, früher, irgendwann, vorhin, eben und jetzt, dazu Gefühle, so viele Gefühle.
Es überrascht mich immer wieder – in den ersten Sekunden. Ob man sich je daran gewöhnt?
Denn eigentlich war es doch schon immer da, so mein Gefühl – nicht atmen zu können, weil der innere Schmerz zu groß ist.

Als ich so da liege, es so weh tut, ich weine und nach Luft schnappe, Minute um Minute – Nimmt das denn kein Ende? – kommt wieder der so lang bekannte Gedanke: Wenn ich nicht mehr da bin, wenn ich irgendwann tot bin – dann wird es nicht mehr weh tun.

Heute sind es nur noch diese Gedanken und ich bin sehr froh darüber.
Die Gedanken an Suizid sind schon lange nicht mehr Teil meines Lebens. Das waren über 15 Jahre ernsthafte Gedanken, doch seit einem Jahrzehnt habe ich das wohl erstmal hinter mir gelassen. Aber die Gedanken und der Wunsch nach Erlösung von diesen Schmerzen sind dennoch immer mal wieder da.
Und ich weiß nicht mal genau warum. Vllt. weil ich mit Hilfe von Therapien heute anders mit Schmerzen und Gedanken umgehen kann oder weil ich nicht mehr ständig so genau hineinsehen möchte in diesen Schlund in meinem Alltag mit kleinem Kind usw.

Also bin ich hier.

Ich fühle mich betäubt und dann wieder voller Schmerz, schluchse, weine, ringe nach Atem.

Ich möchte aufstehen und etwas tun – mich ablenken.

Aber ich halte mich zurück. Ich wollte mich doch nicht mehr ablenken, wollte es erlauben. Wollte wieder weniger unterdrücken. So wie ich es gerade in dem Buch von Mike Hellwig „Radikale Erlaubnis“ gelesen habe.

Ich erlaube noch ein paar Minuten.

(…)

Dann stehe ich irgendwann auf.

Nun sitze ich hier und schaue zurück.

Warum diese Gefühle? Warum dieser Schmerz?

Ich denke an mein Kind – für immer Freunde sein.

Und dann kommt wieder dieser unsagbare Schmerz.

Ich dachte an Sie.

An Sie alle.

Oder fühle ich zuerst und dann kommen die Gedanken? Ich weiß es gerade nicht.

Diese unglaubliche Verbundenheit, die Kinder zu ihren nächsten Angehörigen spüren (wollen). Das geht, so glaube ich, nie wieder weg im Leben. Ja, vllt. wird es weniger schmerzhaft, weniger intensiv, weniger von allem. Bis jetzt bin ich auf dem Stand: Ein Teil bleibt. Diese Sehnsucht. Irgendwann war da mal eine Sekunde, eine Minute oder eine Stunde, in der habe ich mich mit ihnen verbunden gefühlt. Sogar mit meinem größten Peiniger. Ich denke an sein Lächeln und fühle mich wohl. Und dann, im nächsten Moment, wieder an seine Fratze, die Angst, das Entsetzen – nicht atmen, nicht da sein!

Und dann meine Mutter. „Mama“ habe ich sie immer liebevoll genannt. Und ich denke an ihren Geruch und ihre sanfte Art zu lächeln. Sie, die immer so ruhig und still war, mit einer Erscheinung, die offenbarte, keinem Menschen was zu Leide tun zu können.
Und wie sehr ich sie immer noch vermisse…
Und dann mein Vater. Mein Papa, nach dem ich eigentlich immer nur Sehnsucht verspürt habe, dem ich immer so nahe sein wollte und doch nicht konnte. Mein Papa, der stärkste Mensch auf der ganzen Welt, der, der alle anmeckern konnte, vor dessen Erscheinung Menschen in die Knie gingen. Der, der mich hätte beschützen können.
Und wie sehr ich ihn immer noch vermisse…
Und dann meine Großeltern. Omi und Opi, die Felsen in der Brandung. Die harten Felsen, die auf mich aufgepasst haben, auf deren Coach ich mich legen möchte, mein Opi macht mir ein Orangensaft und meine Omi fragt mich wie es mir geht.
Und wie sehr ich sie immer noch vermisse…

Ich will zu vielen Sachen zurück – auch wenn es einfach nur absurd ist.

Denn meine Mutter, die so schön duftete und sanft drein blicken konnte, ließ meinen Stiefvater alles mit mir machen, was er wollte. Sie schaute weg und tat mir damit so sehr weh. Bis heute kann sie nicht hinsehen. An allererster Stelle stand und steht immer nur Sie. Sie lebt lieber ein Leben ohne mich und ihr Enkelkind, denn es könnte ja schmerzhaft sein, mich mit meinen Zuckungen, meiner Krankheit zu sehen und an irgendwas erinnert zu werden.

Und mein Vater, mein starker, großer Held, konnte mich oft nicht abholen als Kind, weil er so besoffen war, so dass meine Stiefmutter mich abholte. Sie kümmerte sich an den Wochenenden um mich, auch wenn ich spürte, dass ich nicht erwünscht war. Das Schreien im Haus, das Verstecken unter der Treppe, nein Papa, du warst eigentlich auch schon damals nicht mein starker Held. – Bis heute versteht er nicht was mit mir los ist. Hat mich nun, nach seiner zweiten Ehe, auch in der dritten Ehe fallen lassen, weil die neue Frau mich, mein Umfeld, meine Art zu leben ständig denunziert. Ja, Papa, du bist klein, so verdammt klein. Deine zwei Kinder hast du verloren, weil du auf deine herrschsüchtigen Frauen gehört hast.

Und meine Großeltern, das Sicherste, was mir in meiner Kindheit passieren konnte, haben mich dann doch vor allem wertgeschätzt, wenn ich ihren Vorstellungen entsprach. Sie haben große Probleme damit meine Erkrankung zu verstehen. Sie wollen, dass ich mich anpasse, dass ich nicht so tun soll, dass ich aufhören soll so krank zu sein. Sie wollen die scheinbar heile Welt meines Vaters und seiner neuen Frau MITERLEBEN. Ja, sie sind alt, es ist schon in Ordnung. Seit diesem Jahr haben wir kaum noch Kontakt, da ich mich ihren Bedingungen einfach nicht anpassen kann – meiner Gesundheit und meinem Kind zu liebe.

Und nun sitze ich hier. In mir ist ein riesiges Loch, es ist so leer, so wund.

Sie alle sind nicht „meine Freunde“ und waren es eigentlich auch noch nie. Dabei habe ich mir dies, genauso wie mein Kind, immer so sehr gewünscht. Nein, dieses Familiennetzwerk war und ist schon immer von herrschsüchtigen, machtbesessenen und unterwürfigen Menschen gekennzeichnet. Unterworfen werden und andere unterwerfen, um sich gut und wertvoll zu fühlen, bloß nichts falsch machen, die eigene Verantwortung wegschieben und wahllos nach „Schuldigen“ suchen.

Und aus diesem kranken System musste ich aussteigen.

Und deshalb sind sie alle auch nicht da. Nicht weil sie nicht können, sondern weil sie nicht wollen.

Ich frage mich, wie es ist, wenn man seine Familie verliert, z.B. durch einen Unfall, und sie nicht mehr da sind. Also eine Familie, die liebe- und verständnisvoll miteinander umgegangen ist. Menschen zu verlieren, zu dem eine wundervolle Beziehung bestand, muss unglaublich schmerzhaft sein, da kann ich leider kaum mitreden. Dieses neben dem allgemeinen Schmerz des Verlustes, die immer wiederkehrende Ohnmacht, diese Hoffnungslosigkeit, dieses Alleinsein, dieses sich alleine durchschlagen müssen.

Und dann frage ich mich, wie es wohl anderen geht, die neben den Schmerzen des Verlustes den Umstand mit sich tragen, dass dieser Verlust daher rührt, dass sie nicht gewollt sind in der Familie. Die ihre Familie also nicht durch einen Unfall o.ä. verloren haben, sondern durch Verstoßung. Die den Schmerz des Verlustes und dann noch den Schmerz der Erniedrigung, der vermittelten Wertlosigkeit und der Schande spüren müssen (sollen).

Ich weiß heute, dass all diese Gefühle rational nicht von mir gefühlt werden sollten, da sie nicht richtig sind. Meine Familie ist krank, alle Beteiligten sind krank. Damit meine ich, dass sie psychisch so sehr in Vermeidung leben, dass sie dadurch sogar auf das Kind oder das Enkelkind und Urenkelkind (also mein Kind) verzichten.

Dennoch sind all diese Gefühle immer wieder da.

Und durch all dies spüre ich, dass es eigentlich immer so war.

Ich fühlte mich schon immer nicht gesehen, nicht gespürt, auch wenn sie alle bei mir waren.

Der Unterschied zu früher ist nur, dass nun die äußere mit der inneren Realität aller Beteiligten übereinstimmt.

Ich weiß, dass sie ebenfalls unter der Situation leiden, nun können sie sich nichts mehr vormachen, denn ich spiele nicht mehr mit.

Ich passe mich nun nicht mehr ihrer kranken Welt an.

Wir leben nun keine Lüge mehr.

Wir sind keine Freunde (mehr).

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Paleica sagt:

    „Bis jetzt bin ich auf dem Stand: Ein Teil bleibt. Diese Sehnsucht.“ – das glaube ich auch…
    gut, dass du die gedanken dein leben beenden zu wollen hinter dir gelassen hast. das ist eine ganz große leistung. dass die gedanken, der schmerz würde aufhören wenn wir nicht mehr da sind immer wieder kommen… ja das kommt mir auch bekannt vor. diese fiese begleiterscheinung… wichtig ist „nur“, dass es genug gibt, dass uns hier hält und wegen dem wir da sein wollen.

    Gefällt 2 Personen

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Danke 🙂 Dein letzter Satz gibt genau wieder warum diese Gedanken bei mir aufgehört haben. Mit dem „mich finden“ begann auch eine Lust auf das Leben, auf ein Erleben desses was kommt.
      Trotz dessen, wie du so schön geschrieben hast, leben wir dennoch mit den Begleiterscheinungen… LG

      Gefällt 1 Person

      1. Paleica sagt:

        ich finde es immer wieder schön zu sehen – sowohl bei mir selbst als auch bei anderen – wo man überall wieder licht und mut und hoffnung finden kann wenn man die richtige unterstützung findet.

        Gefällt 1 Person

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