Klinikanruf

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Heute habe ich schon zum Frühstück geweint. Ich bin hin- und hergerissen, denn gestern bekam ich einen Anruf von der Klinik, bei der ich mich vor über einem Jahr für die Traumastation beworben habe. Jemand sei abgesprungen, ich könne nächste Woche kommen und müsse bis Montagvormittag bescheid geben, ob ich denn möchte. Gerade jetzt.

Nun. Schwanke ich. Das Gefühl überkommt mich, als würde ich komplett aus meinem Leben herausgerissen werden, nicht nur das, sondern es fühlt sich auch so an, als würde mein Leben auf Pause gestellt werden, so als würde alles auf später verschoben werden. Schon wieder. Verdammt, schon wieder! Es fühlt sich an, als würde ich dadurch so viel verlieren, alles, was gerade so gut begonnen hat. Ich habe Heimweh – ein Gefühl, das ich vor noch nicht allzu langer Zeit nicht kannte –, schon jetzt, wenn ich nur daran denke dort zu sein. 12 Wochen, ganze drei Monate würde der Aufenthalt dauern, in denen ich wegen Corona nicht nach Hause fahren darf und auch keinen Besuch empfangen kann. Der Zeitpunkt dieses Anrufes ist denkbar schlecht, denn ich habe in den letzten Wochen so viele Fortschritte gemacht, es gab so viele Durchbrüche und positive Entwicklungen, die zuvor unmöglich erschienen. Ich weiß, mein letzter Eintrag las sich noch ganz anders, aber seit dem ist viel passiert. So vieles hat sich getan, so viel hat sich verändert, so viel Lebensmut habe ich gesammelt, und über all das habe ich hier noch gar nicht geschrieben, weil es einfach so vieles ist. Ich kann sogar sagen es geht mir gut, schon eine Weile, trotz Traumafolgesymptomen, die es natürlich auch noch gibt. Ich weiß nicht, wann und ob überhaupt es mir jemals so lange „gut“ ging. Gerade habe ich damit begonnen mehr und mehr zu leben und die Uni hat auch wieder angefangen, was einen großen Anteil an meiner Lebensfreude hat. Endlich. Ich blühe gerade auf. Beginne im Studium sichtbar zu sein, meine Leidenschaften brennen (wieder) stark und meine Zukunftspläne nehmen so etwas wie Gestalt an. Daneben habe ich mich für zeitgenössische Tanzkurse angemeldet, nie hätte ich mich das zuvor getraut. Ich liebe es und es tut mir so gut. Zusätzlich habe ich begonnen zu Daten, fast unfassbar ist das und ich arbeite hart an meiner allumfassenden Scham. Ich wachse. So sehr gerade – über mich hinaus und da gibt es eine Freiheit, die ich zuvor nicht kannte. Und nun soll ich mit all dem wieder aufhören. Im Studium würde ich auch einiges an Zeit verlieren, aber darum geht es eigentlich nicht. Nicht wirklich. Es geht darum, ob die Klinik jetzt im Moment das richtige wäre, wo doch meine ambulante Therapie gerade so viele Früchte trägt, nebenbei würde ich meine Therapeutin auch schrecklich vermissen. Vor einigen Monaten, vermutlich sogar noch vor einigen Wochen, hätte ich mit Freude ja zur Klinik gesagt, aber jetzt… ich weiß es nicht. Ich möchte noch immer in diese Klinik, vor allem der Traumakonfrontation wegen, die im stationären Setting doch um einiges schneller und vielleicht auch einfacher funktionieren würde. Ich weiß, dass ich auch in der Klinik viele Fortschritte machen würde, auch jetzt, aber auch noch später. Es gäbe jedoch auch einige Vorteile, die ein Aufenthalt jetzt gerade mit sich bringen würde. Weihnachten zum Beispiel, das würde in diesem Zeitraum fallen und die Vorstellung dieses Fest weitgehend umgehen zu können, ist sehr verlockend. Vielleicht gibt es sogar noch einen Lockdown in meiner Stadt, der in einer Klinik sicher auch weniger einsam wäre, als in meinem Einpersonenhaushalt. Auch mein Studium ist dieses Semester teilweise digital möglich, wer weiß, wie das nächstes Semester dann aussieht. Da der Aufenthalt zu weiten Teilen im Winter wäre, könnte ich mir zusätzlich noch einiges an Heizkosten sparen, was auch ein nicht ganz unbedeutender Grund wäre zu gehen. Und auch die Aussicht darauf womöglich konkrete Traumabarrieren aufzubrechen und somit unbewusste Trigger und meine Phobie zu reduzieren, klingt mehr als wunderbar. Schon so bald noch freier von meinem Vater zu sein und dann nächsten Semester richtig durchzustarten, klingt so so großartig. Wieder beginnen zu arbeiten, einen Job annehmen zu können, ohne diese Ungewissheit im Hinterkopf zu haben, womöglich schon bald für einige Monate in eine Klinik abzutauchen, das wäre auch eine feine Sache. Diesen Grauen der Traumakonfrontation, diese Hölle, hinter mir zu haben. All das, diese hoffnungsvollen Gedanken, klingen mehr als wundervoll. 

Wenn es denn nur so einfach wäre… Vermutlich ist es das aber nicht. Ich habe auch Angst, unsagbare Angst davor in die Traumata zu gehen, doch diese Angst wird vermutlich immer da sein. Heute und auch noch später, aber irgendwann muss ich mich ihr stellen. Habe ich zumindest für mich beschlossen. Doch vielleicht ist es später sanfter, weniger wuchtig, vielleicht bin ich noch nicht so weit und zu einem späteren Zeitpunkt mehr bereit. Der Grund warum ich mich für die Klinik angemeldet habe, ist nämlich genau dieser: mich den konkreten Schocktraumata anzunehmen, dem sexuellen Missbrauch, die Situationen an sich und nicht all das darum herum. Denn das möchte ich zu Hause tun. Nämlich leben lernen, wie jetzt gerade, im Feld draußen und nicht abgekapselt in einer Klinik, eben, weil es gerade im echten Leben auch funktioniert. Vielleicht möchte ich noch ein wenig länger lernen zu leben, mich noch weiter festigen, noch mehr ankommen, bei mir, im Körper und im Leben, bevor ich intensiv beginne die Traumabarrieren abzubauen. In ganz kleinen Schritten tu ich das doch auch schon hier, zu Hause, mit meiner Therapeutin, alltäglich. Ich arbeite immer intensiv an meinem Innenleben. Ich befürchte, es würde mich in ein Loch reißen, nun ganz weit weg in der Klinik, von all dem, was mich hält, zu sein. Wahrscheinlich hält mich dort dann anderes, doch das kam alles sehr plötzlich. Ich hätte mich gern darauf vorbereitet, mich innerlich darauf eingestellt, das mit meiner Therapeutin ausgiebig besprochen und mein Leben im außen daraufhin organisiert. Nun soll ich verschwinden, aus all dem, ganz plötzlich, für einen doch ziemlich langen Zeitraum. Ich weiß nicht, ob dafür gerade der richtige Augenblick ist, vielleicht ist er das in einem Monat und ich würde ein nein bereuen, vielleicht aber auch nicht und vielleicht sammele ich gerade auch nur Ausreden, um nicht zu gehen.

Ich will diese Entscheidung irgendwie gerade nicht treffen. Mal sehen, ob ich während der Therapiezeiten in der Klinik auch an Uni-Lehrveranstaltungen teilnehmen darf. Davon wie starr und strikt dort der Therapieplan ist, hängt meine Entscheidung auch ein bisschen von ab. Lieber würde ich meine Sommerferien in der Klinik verbringen und dann an den Wochenenden auch nach Hause fahren dürfen, denn so fühlt es sich ein bisschen wie eingesperrt sein an… Ach ich weiß es nicht. Für gewöhnlich, fällt es mir überhaupt nicht schwer Entscheidungen zu treffen. Und eigentlich will ich gerade nicht in eine Klinik gehen. Eigentlich. Ein Dilemma.

Wenn ich nicht Ja sagen kann, vielleicht ist es dann auch einfach ein Nein?

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Paleica sagt:

    ich kann mir vorstellen, dass das gerade eine sehr schwere entscheidung ist. ich drücke dir die daumen, dass du eine triffst, die für dich auch langfristig okay ist, ganz egal wie sie ausfällt! letztens habe ich gelesen „hoffnung ist nicht die überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die gewissheit, dass etwas sinn hat, egal wie es ausgeht.“ ich weiß nicht, ob das für dich genau passt, aber ich fand dass es ein sehr wahrer spruch ist (für mich).
    viel glück für deine entscheidung!

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    1. tina von traumaleben sagt:

      Danke, ich hab auch schon eine Entscheidung getroffen (gegen die Klinik erstmal), die sich sehr gut anfühlt und nebenbei hat sich auch eine tolle Lösung ergeben. 🙂 Ja, stimmt, an dem Spruch ist viel wahres dran!

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      1. Paleica sagt:

        das ist ja super!

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      2. tina von traumaleben sagt:

        Ja, ich bin auch sehr erleichtert und freu mich ziemlich!

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