#EMDR: Der Abfall

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⏱ Geschätzte Lesedauer: 14 Minuten

Triggerwarnung:
Die Artikelreihe #EMDR wird genauere Beschreibungen von unheimlichen Situationen und Gewalterfahrungen aus Kindheit und Jugend beinhalten.
Außerdem kommt es zu Aufzählungen und Beschreibungen von Verletzungen.
Bitte lies Dir diese Artikelreihe nur durch, wenn Du Dich dafür stabil genug fühlst.
Achte gut auf Dich.
Hier kommst Du nochmal zur allgemeinen Triggerwarnung
(einschließlich Hilfetelefonnummern) der Website TRAUMALEBEN.


Intro

Folgende Artikel gehören zu dieser Reihe:

  1. Therapieerfahrungen
  2. #EMDR: Wer Wie Was?
  3. #EMDR: Der Brunnen
  4. #EMDR: Die Schlucht – Umgang mit Scham in der Therapie
  5. #EMDR: Der Weg
  6. #EMDR: Die Schattenmonster
  7. #EMDR: Der Abfall

Alle hier thematisierten inneren Szenarien / Situationen / Bilder während der EMDR-Sitzung sind zum Teil reale Abbilder meiner Vergangenheit, zum Teil symbolische Imaginationen von früher erlebten Emotionen und Situationen (also Bilder, die für etwas anderes stehen) sowie Szenen, die meiner Vorstellungskraft entspringen, um eine Linderung des gefühlten Leids hervorzubringen. Bei manchen aufkommenden und in dieser Reihe beschriebenen Gedanken und Situationen lässt sich heute nicht mehr sagen, ob es sich um real erlebte Situationen handelt oder nicht.

Das liegt vor allem daran, dass das tatsächliche kognitive Erinnerungsvermögen, wie wir es als Erwachsene kennen, erst ab dem ca. dritten Lebensjahr beginnt. Alle Geschehnisse davor sind zwar im Körper gespeichert, können jedoch meist nicht bewusst beschrieben werden. Auch wenn der Körper die psychischen und physischen Reaktionen auf gewaltvolle frühkindliche Erlebnisse irgendwo gespeichert hat und diese im Laufe des Lebens immer wieder zu Beschwerden führen, wissen Betroffene kognitiv meist nicht, woher die jetzigen Reaktionen aus dieser frühkindlichen Prägung kommen.
Neben diesen frühkindlichen „Erinnerungsdefiziten“ führen auch Verdrängungs- und Abspaltungsprozesse im weiteren Kindesalter und auch später dazu, dass Situationen nicht oder nur teilweise erinnert werden können.

Aus diesen Gründen sind die Inhalte meiner EMDR-Sitzungen nicht klar in reale und fiktive Geschehnisse zu unterteilen. Meine Erinnerungen sind lückenhaft und geprägt von Verdrängung sowie dissoziativen Zuständen. Letztendlich ist es jedes Mal eine EMDR-Geschichte, die aus sich selbst heraus entsteht und sich entwickelt. Der Verlauf ist jedes Mal vollkommen ungewiss und ergebnisoffen. Ihr erhaltet hier also stets einen Einblick in meine EMDR-Geschichten, die zum Teil real und zum Teil fiktiv sind – aber vor allem und immer wieder das Ziel einer Heilung durch ihren Verlauf anstreben.

Während den EMDR-Sitzungen etablierten sich während der Verarbeitung zwei Hilfsintrojekte: Mein Kind A. (mutig und nicht ängstlich, positiv, freudig) und eine gute Freundin als Fee (leicht, Zauberkraft, heilende Kräfte, redefreudig, einfühlsam, liebend). Wie es damit angefangen hat, kannst Du in der Sitzung „Der Weg“ nachlesen. In dem Beitrag „#EMDR: Wer Wie Was?“ habe ich bereits erläutert, was unter Hilfsintrojekten zu verstehen ist.

Was geschah in der Zeit der EMDR-Sitzung / Lebenssituation

Diese Sitzung fand, wie die letzte, auch im Juni 2020 statt. Immer noch war ich dabei meine digitale Weiterbildung zu machen. Die wohl bezeichnendsten Einflüsse in dieser Zeit waren meine Erschöpfung aufgrund der Belastungen durch die Weiterbildung, wie bereits in den vorherigen EMDR-Artikeln der Reihe beschrieben, und die Corona-Maßnahmen („harter Lock-Down“ mit Kindergartenschließung usw.), hierzu damals »#(trau)mal aktuell: Eltern-Dasein, Corona, Ressourcen«. Durch meine Erschöpfung war mein Kind öfter beim Vater, so dass die Sehnsucht nach diesem sehr groß war und mir meine Erkrankung im Angesicht der Lebensumstände noch Mal viel deutlicher vor Augen geführt wurde. In dieser Zeit ist dazu der Artikel »Oh meine Liebe« entstanden.

Thema der EMDR-Sitzung

Immer wieder triggerten mich im Alltag Verhaltensweisen von Menschen, die mir durch diese das Gefühl gaben, dass meine Anwesenheit, mein Dasein oder die mir gehörenden Sachen nicht wichtig sind. Die Ursprünge dafür liegen in meiner Kindheit und Jugend. Das konnte bereits ausgelöst werden durch das nicht Ansehen während eines Gespräches, wenn jemand dabei immer auf das Handy geschaut hat oder mich beim Sprechen einfach unterbrach bzw. mir meine Sätze abschnitt; wenn jemand meine Sachen beschädigte oder verlor. Dabei entfachte in mir regelmäßig ein unverhältnismäßig großes Feuer der Traurigkeit und Wut, dessen Auswirkungen mich über Stunden oder Tage beeinflussen konnten.

Das Thema der Sitzung legten wir also fest auf: Ich bin nicht wichtig. / Meine Meinung und Sachen sind nicht wichtig. / Es wäre besser, wenn ich nicht da wäre. …

Als mein Therapeut (T.) mich dann nach möglichen Situation aus meiner Kindheit fragte, die diese Gefühle und Gedanken gut in sich vereinigen, konnte ich mich an folgende Situationen erinnern:

Seit dem ich denken kann, wurden viele meiner Spielsachen, die ich z.B. von meinen Großeltern erhielt, in einem großen Sack im Keller verstaut. Warum weiß ich nicht, nur dass alles Bitten und Betteln, diese Sachen mit in mein Zimmer nehmen zu dürfen, verneint wurden. Also schlich ich mich des Öfteren, z.B. direkt nach der Schule, in den Keller und spielte dort mit den Sachen, aber immer heimlich. Viele dieser Sachen bedeuteten mir sehr viel (z.B. ein altes Puppentheater mit Figuren und ein Puppenhaus) und ich stellte mir bereits damals vor, dass meine Kinder einmal damit spielen würden. Bereits zu dieser Zeit spürte ich immer wieder eine tiefe Leere, als wenn man mir mit dem was mich interessiert auch mein Leben entreißt.

Als meine Familie, ich war ca. 12 Jahre alt, in eine neue Wohnung umzog, verfuhren Sie mit vielen meiner Sachen, wie all die Jahre zuvor: mit Missachtung und Verstoßung. Alle meine Sachen aus dem Keller wurden an die Mülltonnen gestellt. Auch hier half all mein Bitten und Betteln nichts. Sie blieben hart, so wie immer. Aber damit nicht genug, auch mein Schreibtischstuhl, den ich von meinem Vater erhielt, der mich an diesen erinnerte und mir sehr viel bedeutete, wurde zu Abfall degradiert. Er bestand aus schwarzem Leder, die Sitzfläche aus grün kariertem festen Stoff und Nieten an den Armlehnen. Die Handauflagen waren schon sehr abgenutzt und darunter kam das Holz zum Vorschein, aber egal wie er aussah, er war für mich der tollste Stuhl. Vllt. auch deshalb, weil ich meinen Vater so selten sah. Ich stand lange an den Mülltonnen und weinte. Immer wieder gingen die anderen von der Haustür zum Umzugswagen und luden Dinge ein. Mein Stiefvater hatte nichts weiter als grinsende und missbilligende Blicke für mich übrig. An diesen Tag erinnerte ich mich immer, als wenn er gestern gewesen wäre. Ich stand da an diesen Mülltonnen neben all diesen Sachen, die ich liebte, und fühlte mich so, als wenn auch ich auf diesen Müll gehöre, einsam und verloren und so viel Wert, wie dieser Abfall.

Diese Situation des Umzug wählten wir also aus, auch wenn mir bei dem Gedanken daran sehr mulmig wurde und eine starke Abwehrhaltung in mir entstand. Ich bemerkte bereits in dieser Phase, dass mein Gesicht und auch der restliche Körper immer wieder von Zuckungen durchzogen wurden, die ich nicht steuern konnte.

Nachdem T. und ich die Gefühle, mögliche Situationen usw. für diese Sitzung schriftlich festgehalten und festgelegt hatten, begannen wir mit den ersten Pendelphasen.

So viel Wert wie Abfall

Immer wieder versuchte ich eine innere Verbindung aufzubauen, in eine Visualisierung der Situation zu kommen. Doch, als wenn mir mein Inneres den Zugang versperren wollte, rissen die Bilder immer wieder ab und meine Gefühle waren von Taubheit bestimmt. Das körperliche Unbehagen, Ziehen und Zucken, nahm dabei jedoch stetig zu.

Ich brauchte sehr viel länger als in jeder anderen Sitzung, um überhaupt die Szene in mir zu erschaffen…

Ich stehe an diesen Mülltonnen und betrachte sie und die Umgebung. Unser Haus, die Sträucher mit den weißen Knallerbsen, die parkenden Autos, die Telefonzelle – dann lange meinen Sack voller Spielsachen und da steht er, mein Stuhl, gleich daneben. Die Taubheit weicht nur langsam einer Tiefe. In meinem Bauch öffnet sich langsam ein schwarzes Loch, es saugt alles ein. Es nimmt mir meinen Atem… meine Existenz… es ist schwarz… es ist Dunkelheit…
Da geht mein Stiefvater (S.) an mir vorbei in Richtung Transporter, während er sagt: „Du kannst Dich gleich zum Müll dazustellen.“ In mir schießen sogleich Gedanken durcheinander: „Sie wollen mich hier stehen lassen, ich werde hier heute Nacht stehen, sie werden mich nicht mitnehmen, ich werde auf einer Müllkippe wohnen… Aber ich bin doch noch ein Kind…
Da geht S. wieder an mir vorbei und mit einem genervten Blick sagt er: „Na dann muss ich Dich wohl wieder mitnehmen.“ Er holt ein Hunde-Halsband hervor und legt mir dieses um meinen Hals. Als meine Mutter und meine Schwestern in das Auto einsteigen, klemmt er die Leine in einer Tür ein, setzt sich ins Auto und fährt los. Ich laufe und laufe und gleichzeitig falle ich immer weiter in mein inneres schwarzes Loch.

In den Pendelpausen bemerkte ich ziemlich schnell, dass die ganze Szene mich extrem mitnahm, mir war schwindelig, ununterbrochen zuckte mein Körper und ich bekam schlecht Luft. Die Bilder brachen dann immer wieder ab und meine innerlich geschaffene Welt verzerrte sich und vermischte sich mit anderen Bildern.

Ich laufe hinter dem Auto her und sehe die anderen im Auto, sie unterhalten sich unbekümmert, lachen über etwas. Es fällt niemandem auf, dass ich hier draußen bin. Was mit mir geschieht. Dann plötzlich… sitze ich auf meinem Stuhl an den Mülltonnen, ich betrachte die Mülltonnen, es wird dunkel, ich verschmelze mit dem Stuhl und werde zu einer Sache.

Die Bilder rissen immer wieder ab und ich versuchte wieder in die Situation zurückzukommen. Aber ich fühle nichts mehr. Bekam keinen Zugang mehr.

T. wies mich immer wieder darauf hin, dass ich auch Hilfe bekommen könnte.

Ich stehe wieder an den Mülltonnen, es ist immer noch dunkel, Abend, ich fühle mich taub. Da erscheint auf meiner Schulter die kleine Fee und wir betrachten den Abfall gemeinsam. Sie fängt an zu weinen, sagt, sie fühlt sich ganz klein und leer. Ich betrachte sie eher überrascht als mitfühlend. Sie sagt zu mir, dass ich doch nur ein Kind bin.
Umso länger ich sie betrachte, umso mehr sehe ich wie klein und leer sie sich fühlt. Da fange ich an mit ihr zu fühlen und dann fühle ich wieder mich… und bin erschrocken um die Welt, in der mein Kinder-Ich lebt.

Plötzlich sitze ich in der neuen Wohnung in meinem Zimmer. Es ist stockduster und ich schaue in Richtung Tür. Durch den Türspalt am unteren Ende scheint das einzige Licht in den Raum. Ich starre. Ich lausche. Ich habe Angst vor den Geräuschen. Ich höre sie draußen. Sie sind in der Wohnung. Jeder Muskel in meinem Körper ist angespannt und zunehmend fällt mir das Atmen wieder schwerer.

T. wies mich in einer neuen Pendelpause wieder auf Hilfsfiguren und Möglichkeiten hin.

Dann sitze ich auf meinem geliebten Stuhl, in der Mitte des Raumes. Ich kann mich um meine Achse drehen mit dem Stuhl und sehe, dass ich keine Wand erkenne, so dunkel ist es um mich herum – aber es sieht nicht nur so aus, sondern es fühlt sich auch dunkel an. Ich denke an A. und die Fee. Und ich weiß, dass sie da vor der Tür sind, da wo es hell ist. Aber nicht hier drin. Sie dürfen nicht hier drin sein. Es ist meine tiefe Dunkelheit und sie dürfen das nicht sehen und nicht spüren, nicht diese Schmerzen. Ich denke immer wieder: Ich will nicht, dass sie sterben… Ich darf niemanden rein lassen, ich darf niemanden reinlassen…

Ich weinte immer mehr, zitterte und fühlte mich, als wenn ich mich mehr und mehr in all diesen Gefühlen verlor. Es fühlte sich wie eine absolute Unmöglichkeit an, jemandem in diese Dunkelheit einzuladen. Dadurch, dass alle da draußen vor dieser Tür waren und ich alleine in diesem Raum, breitete sich zusätzlich immer mehr das Gefühl der Einsamkeit aus.

Dann wurde der schwarze Raum immer enger und ich bekam keine Luft mehr, konnte keinen Sauerstoff mehr in meine Lungen ziehen.

Die innere Welt fiel zusammen und ich saß in der Therapie auf meinem Stuhl und hyperventilierte, ein starker Druck befand sich auf meiner Brust und ich fühlte die Panikattacke. Ich gestikulierte mit meinen Händen und versuchte alles von mir wegzuschieben, als wenn etwas auf meiner Haut, meinem Körper liegt und mir alles abschnürt. T. redete ganz ruhig mit mir. Er sagte sowas wie, dass wir ruhig ausatmen, ruhig einatmen. Ich musste die Luft regelrecht herauspressen mit sehr viel Kraft. Irgendwann wurde mir schwindelig und ich verlor das Gefühl für den Raum. T. sagte, dass ich wieder hineingehen in meine Situation und Hilfe annehmen solle, dass das alles nicht real sei und nur in meiner Phantasie passiert. Niemand würde verletzt werden oder sterben.

Ich zwang mich zurück in meinen dunklen Raum und da sitze ich wieder als 12-jähriges Kind auf diesem Stuhl. Ich blicke mich panisch um und da erscheint neben mir mein Ich – als erwachsene Person. Es ist die Version von mir, die sich so unheimlich stark aufregen kann, die ohne jeden Zweifel für Dinge eintritt und ihre Ängste und Wut hinausschreit, mein Kämpferin-Ich. Ich schaue sie an und nehme alles nur gedämpft wahr. Mein Kämpferin-Ich schreit mich immer wieder laut an, ihr ganzer Körper bebt, das Gesicht windet sich, ist stark verzerrt: „Atme, atme, atme, Du musst atmen, Du wirst nicht für diese Menschen sterben! Du wirst Dein Leben nicht wegwerfen wegen dieser Menschen!
Ich weiß sofort, dass sie meine Mutter und S. meint. Mir wird bewusst, dass ich nicht atmen will, ich will ersticken, will mich auflösen. Mein Kämpferin-Ich sagt: „Er (S.) ist da draußen, er kommt hier nicht rein, er kann Dir nichts tun – Du wirst nicht sterben für diesen Menschen!
Langsam werde ich ruhiger im Angesicht ihrer starken Präsenz und nehme alles wieder etwas klarer wahr. Ihre Stimme wird immer deutlicher und ich zwinge mich zu atmen, wieder und wieder bis es fast wieder zu einem natürlichen Bedürfnis wird.

Alles was in meiner Welt mit meinem 12-jährigen Ich passierte, geschah auch auf diesem Stuhl in der Therapie. Zusätzlich weinte, zuckte und krampfte ich…

Mein Erwachsenen-Ich redet weiter auf mich ein mit fester aber leiserer Stimme. Mehr und mehr beruhigt sich mein Geist und mein Körper, so dass die krampfartigen Zustände nachlassen. Mit der einkehrenden Ruhe, sehe ich in meinem Raum immer mehr. Nun kann ich mein Kämpferin-Ich fast vollkommen erkennen, auch die Konturen der Wände… Jetzt, da mein Körper fast wieder normal funktioniert, spüre ich die Angst umso mehr. Ich starre zur Tür und sage, dass ich Angst davor habe, dass er hereinkommt. In der Ecke hinter der Tür baut sich ein Berg auf. Ich erinnere mich an diesen Berg, so wie er damals da war. Ein Berg mit Decken, Puppen und Kuscheltieren…
Die Angst wird übergroß, ich sehe Erinnerungen wie Bilder an mir vorbeiziehen: Das kleine Kind läuft weg, ganz schnell, versucht die Tür zuzuknallen, wirft sich dahinter in den Haufen und versucht sich einzugraben… Immer tiefer und tiefer… Er ist da, so schnell, viel zu schnell, so groß…

Mein Körper spielte schon wieder verrückt und mit einem Ruck fingen wir, mein 12-jähriges Ich und Ich auf diesem Stuhl in dieser Therapie, uns an zu schütteln, alles zuckte und ich verlor die Kontrolle über meinen Körper und sagte immer wieder und wieder „Ich will das nicht sehen, ich will das nicht sehen…!“ Die Welt brach dabei wieder zusammen und T. sagte mir, dass wir es nicht ansehen müssen, wenn ich es nicht möchte.

Ich bin erstarrt und wir betrachten die stillgelegte Szenerie. Mein Kämpferin-Ich sagt zu mir, dass sie es wegradieren kann. Doch jeder Versuch misslingt. Da dreht sie sich zu mir, dem 12-jährigen Ich um und sagt: „Du musst es selber weg malen.“ Da nehme ich einen Eimer voll Farbe, der neben mir auf dem Boden steht, und schütte ihn mit einem Wurf über die Situation, die sich vor uns abzeichnet. Die Farbe rinnt wie an einer Leinwand dickflüssig über das Geschehen. Da immer noch einige Stellen die dahinterliegende Situation frei geben, fange ich an mit meinen Händen die Farbe wild zu verwischen. Es stellt sich jedoch keine Erleichterung ein, wieder bekomme ich schlechter Luft. Ich überlege hin und her warum es einfach nicht funktioniert. Da fällt mir mein kleines Kinder-Ich ein, das immer noch mit S. hinter der Farbe in dieser Situation fest steckt. Ein beklemmendes, fürchterliches Gefühl überkommt mich und ich beginne die Farbe schnell wegzuwischen. Als S. zum Vorschein kommt, beginnt mein Kämpferin-Ich ihn laut an anzuschreiben: „Du verschwindest sofort hier aus diesem Zimmer!“ Er schreit sie ebenfalls laut an. Seine übermächtige und Zeit meines Lebens furchteinflößende Gestalt macht mir solche Angst. Aber die Kämpferin lässt sich nicht zurückdrängen. Sie öffnet die Tür und stößt ihn hinaus mit den Worten: „Ich verfluche Dich, ich verfluche Dich zu einem frühen Tode!

Mein Ich, dass in der Therapie, auf diesem Stuhl sitzt erschrickt im Angesicht der Wahrhaftigkeit dieser Worte und denkt an den Tod dieses Menschen zurück. Eine Zeit lang nehmen mich die Bilder gefangen, aber ich versuche mich wieder davon zu lösen und erneut in meine Welt einzutauchen.

Vor uns liegt nun nur noch der Kuscheltierhaufen und irgendwo darin versteckt sich mein kleines Kinder-Ich. Wir sprechen zu dem kleinen Ich, dass es nun herauskommen könne, aber es rührt sich nicht. Wir sagen, dass es nun sicher ist. Da hören wir ihre ängstliche Stimme: „Er ist da, er ist da!“ Wir sagen, dass wir ihn hinausgeschmissen haben. Aber sie antwortet nur: „Doch, die Tür ist da, die Tür ist da!“ Wir blicken zur Tür und sehen die Spalten, die Raum für Licht und Geräusche lassen. Die Kämpferin sagt daraufhin, dass sie die Tür nun versiegeln wird! Sie zaubert eine Acryl-Spritzpistole hervor und schließt damit alle Spalten. Dennoch verbleibt das kleine Ich in ihrem Haufen. Nochmal fangen wir an zu überlegen, was wir nur tun können, bis mir als 12-Jährige einfällt, dass ich schon immer die hellen Grobspanplatten mit dem Stroheffekt geliebt habe. Die Kämpferin öffnete daraufhin ein Portal in der oberen linken Ecke und verschwindet, um kurze Zeit später mit vielen dieser Platten zurückzukehren. Wir bringen sie überall im Zimmer an, so dass die dunklen Wände nicht mehr zu sehen sind. Überall erscheint es nun hell und freundlich um uns herum und die Tür ist gar nicht mehr zu sehen. Ich sage als 12-Jährige in Richtung Kuscheltierhaufen: „Komm heraus und sag uns wie Du Dein Zimmer gestalten möchtest, was wünscht Du Dir?“ Weiter sage ich: „Niemals wieder wird jemand, den wir nicht mögen, in dieses Zimmer kommen. Durch das Portal kommen nur noch Menschen, die Dich gut behandeln und lieb zu Dir sind!“ Ab und zu lugt das kleine Kind nun zwischen den Kuscheltieren hervor. Auch wenn es sich zu beruhigen scheint, verbleibt es weiterhin ängstlich im Versteck. Auf unsere erneute Einladung hin sagt es auf einmal: „In meiner Zeit lebt er noch und er wird wiederkommen!
Kaum war der Satz ausgesprochen kommt A. mit seinem Ghostbuster-Anzug durch das Portal gebeamt. Mutig, fast abenteuerlustig geht er auf den Kuscheltierhaufen zu und sagt zu ihr, dass er jetzt hinausgehen werde, um S. zu beseitigen. Die Stimme aus dem Haufen fängt an zu weinen und äußert die Angst um einen möglichen Tod ihrer Mama und Geschwister. A. versichert, dass er ihn draußen auf der Straße beseitigen wird. Dann sehe ich, wie A. draußen auf der Straße vor unserem damaligen Wohnhaus, S. mit mehreren Schüssen niederstreckt, die Waffe wieder einsteckt und sich unbehelligt zurück durch das Portal beamt. Ich bin erschrocken um die Leichtigkeit dieses Vorgangs und A.´s Ausstrahlung dabei, so als wenn er sich vollkommen sicher ist das Richtige zu tun. Die Stimme aus dem Kuscheltierhaufen sagt immer wieder: „Ich kann ihn nicht töten, ich kann ihn nicht töten…!“ A. spricht nun mit leichter, ebenfalls kindlicher Stimme zu ihr, dass sie gar nichts gemacht hätte – aber er musste das erledigen und nun wird sie immer sicher sein! Sie bleibt weiter, wenn auch ruhiger, in dem Haufen versteckt und wir bleiben ratlos im Raum stehen.

T. äußerte irgendwann in einer Pendelpause, als meine Erschöpfung und Entscheidungsmöglichkeiten nach und nach abnahmen, dass sie sich bestimmt über das Spielzeug aus dem Sack, dass bei den Mülltonnen steht, freuen würde…

Die Kämpferin und A. waren schnell wieder zurück und nun schütten sie den gesamten Inhalt in die Mitte des Raumes. Wir alle staunen über die Schätze und jede Version meines Ich´s freut sich darüber. Wir fangen an das Puppentheater aufzustellen, es ist groß und wir platzieren es gleich neben dem Kuscheltierhaufen. Die anderen Spielsachen werden daneben und im Raum verteilt. Nach und nach erscheinen immer mehr interessante Dinge, die meinem Inneren entspringen. Das Kämpferin-Ich sagt dann: „Du musst anfangen Dein Leben zu erschaffen!“ Und dann fängt jede Version meines Ich´s an den Raum mit Sachen zu füllen, die es besonders mag. Mein erwachsenes Ich stapelt ein paar Bücher und Projektideen, verschiebt ein Piano und spielt mit Pois. Mein 12-jähriges Ich sitzt auf ihrem geliebten Schreibtischstuhl vor einer Staffelei und betrachtet eine Nähmaschine. Mit der weiter fortschreitenden Gestaltung des Raumes wandern die Spielsachen nach und nach in Richtung des Kuscheltierhaufens. Mein kleines Ich lugt immer noch nur vorsichtig durch die Kuscheltiere in Richtung Spielsachen. Da setze ich mich als erwachsenes Ich neben das Versteck gleich hinter das Puppentheater und mache dessen Vorhänge zu. Nun erscheint es wie ein erweitertes Versteck. Ich zwinkere dem kleinen Ich zu und es kriecht unter den Kuscheltieren lang hinter das Theater, direkt auf meinen Schoß. Und dann war ich plötzlich das kleine Kind-Ich. Ich griff an der Seite des Puppentheaters vorbei und holte mir immer wieder eins von den Spielzeugen. Ich bestaunte und erkannte sie wieder, mein Herz ging auf und Freude strömte durch mich hindurch.

Der Raum ist nun gefüllt von liebevollen Menschen: Fee ist da, A., das Kämpferin-Ich, mein 12-jähriges Ich – die anfangen alles bunt zu bemalen und mit Girlanden zu schmücken. A. zieht den Ghostbuster-Anzug aus und hängt ihn an einen Haken neben das Portal. Mein Kämpferin-Ich zieht den Kampfanzug aus und hängt ihn ebenfalls neben das Portal. Und dann bin ich wieder mein erwachsenes Ich aus der Therapie und gehe auf A. zu, um ihn liebevoll und weich zu umarmen. Ich spüre, nun kann ich endlich wieder so sein, ohne die Obachtstellung und Kampfbereitschaft. In diesem Zustand sehe ich dann leicht durch die Vorhänge des Puppentheaters und lächle das Kinder-Ich an. Es schaute immer wieder scheu weg und gibt mir zu verstehen, dass es eine Decke haben möchte, in die es sich einkuscheln kann. Ich setze mich mit der Decke neben das Theater und dann krieche ich als Kinder-Ich auf den Schoß des liebevollen erwachsenen Ich´s. Es fühlt sich warm, weich und sicher an. Ab und zu luschere ich durch einen Spalt der Decke in den Raum. Mein Erwachsenen-Ich sagt zu mir: „Schau mal hier kann Dir nichts passieren, alles ist gut – Hier und Jetzt.“ Ich fühle mich immer ruhiger und gewöhne mich an die Menschen im Raum. A. kommt mit seiner unbekümmerten, freien Art herangehopst und kichert: „Komm mit Spielen, wir spritzen die anderen mit Wasserpistolen ab!“ Ich bin davon erschrocken und wundere mich, wie ein Kind so sein kann. Ich sage: „Aber dann werden wir doch bestraft!“ A. geht einfach los und spritzt mit dem Wasser umher und sagt: „Ach was!“ Ich beobachte weiter das ganze Geschehen und fühle mich zunehmend wohler, auch wenn ich immer noch ein grundlegendes Unbehagen in mir trage.

In der nächsten Sequenz bin ich wieder das Erwachsenen-Ich. Ich versuche nach einer gefühlt sehr langen Zeit, in der das Kinder-Ich genügend Vertrauen gefasst hat und sich immer mehr zeigt, es auf die Beine zu stellen. Es wackelt wie ein neugeborenes Rehkitz bei den ersten Stehversuchen. Ich stelle mich schützend darüber und dahinter und halte es wie ein Kleinkind an den Händen, um die ersten Gehversuche zu begleiten. Es lächelt schüchtern und zeigt so freudige Gefühle. Da spüre ich, dass es ein grundlegend ruhiges, beobachtendes, schüchternes Wesen ist. Ich bin erstaunt. Die anderen Menschen im Raum wenden sich immer mal wieder ab von ihrem Tun und umarmen das kleine Kinder-Ich, sagen, dass sie es lieb haben. Ich spüre in jeder Version meines Selbst wie schön sich dieses „lieb-haben“ anfühlt.

Immer sicherer bewegt sich das Kinder-Ich mit der Zeit im Raum, schaut mal hier, mal da und kommt dann immer wieder schnell zurück auf meinen erwachsenen Schoß, um sich auszuruhen, um wieder zu beobachten und sich auch mal unter der Decke auszuruhen. Auch andere Kinder bewegen sich spielend im Raum und ich beobachte wieder erstaunt, dass keines der Kinder Erwartungen an mein Kinder-Ich hat, sie sind nicht sauer, weil es sich zurückzieht oder nicht mitspielt. Zwischendurch kommen sie herangesprungen umarmen es, geben ein Küsschen und lächeln es immer wieder an – als wenn es nur um das Dasein des Menschen geht. In mir kommt das Gefühl auf, dass ich als Kinder-Ich vollkommen in Ordnung bin, so wie ich bin.

In den Pendelpause war ich regelrecht erschrocken über diese Entwicklungen des einfach so in Ordnung seins.

Plötzlich verdunkelt sich der Raum – vor dem Portal erscheint schemenhaft irgendeine schattenartige Person und ich spüre, dass sie hier nicht hineindarf. Ich zeige mit meiner Hand auf den Kampfanzug und in diesem Moment leuchtet dieser auf und ein heller Strahl schießt hinaus. Es wird wieder hell.

Mein Kinder-Ich, dass kurz in Deckung gegangen war, beobachtet mich dabei genau und lächelt mich dann an. Ich spüre in meiner Bauchgegend ein warmes und wohliges Gefühl, habe das Gefühl ganz bei mir zu sein. In dieser Weise erhebt sich mein Kinder-Ich und läuft durch den ganzen Raum und lächelt.

Alles fühlt sich in Ordnung an, es ist schön einfach da zu sein, alle sind zusammen und doch kann jede Person für sich sein, so, wie sie ganz persönlich sein will.

Nachwirkungen

Nach dieser EMDR-Sitzung war ich sehr doll erschöpft. Ich musste früh ins Bett gehen an jenem Tag und schlief wie ein Stein. Noch Tage lang hatte ich mit einer grundlegenden Erschöpfung zu tun, bei einem gleichzeitig ruhigen inneren Gemütszustand.

Diese Sitzung war für mich eine extreme Erfahrung und wirkte noch lange nach. Aber nicht die durchgemachten Ängste und Schmerzen, sondern der Ausgang der ganzen Situation.

Für mich waren die Annahme meines ruhigen und schüchternen Ich´s, die sich mir offenbarende Geduld, dass manche Dinge einfach eine gewisse Zeit brauchen, der Schutz und die innere Sicherheit in der Folge stark zu spüren. Der von mir erschaffene Raum taucht seit dem auch immer wieder in meinen Gedanken und in den EMDR-Sitzungen auf.

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