Bewältigungsstrategien


Beitrag von Nicole
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⏱ Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Wir alle nutzen die unterschiedlichsten Bewältigungsstrategien – ja, auch die Menschen, die (offiziell) als gesund gelten…

Wir haben Bewältigungsstrategien, die gut für uns sind, z.B. Sport treiben, wenn wir zu lange gesessen haben; Erholung und Chillen nach einem stressigen Tag, Obst und Gemüse statt Fastfood, ein Freundesabend mit Spielen, lustige Filme über die wir herzzerreißend lachen können…

Aber wir alle haben auch destruktive Bewältigungsstrategien. Damit meine ich Strategien, die unserem Wohlbefinden und unserer sozialen Eingebundenheit langfristig schaden; die inneren Druck langfristig nicht abbauen – einfach weil wir unpassende Strategien zur Lösung unserer Probleme, unserer Bedürfnisse nutzen…
– extremen Sport machen, um den überwältigenden Stress von der Arbeit nicht spüren zu müssen
– ständiges Essen, um Einsamkeit oder Ablehnung nicht zu spüren
– ständige Online-Spiele, um sich erfolgreich und selbstwirksam zu fühlen
– ständiges Arbeiten, um nicht zu spüren, dass zu Hause niemand auf einen wartet
– (…)

Versteht mich nicht falsch – all diese Strategien können in einem gesunden Maße sehr gut für uns sein. Es geht dabei vielmehr um das „WARUM wir gewisse Dinge tun“.

Wenn wir Sport machen, weil unser Körper gerade die sportliche Aktivität für das Herz-Kreislauf-System usw. benötigt; wenn wir Essen, weil unser Körper gerade Nahrungsmittel braucht; wenn wir spielen, weil wir gerade eine kognitive Herausforderung, ein strategisches und herausforderndes Denken brauchen usw. – ist unserem Körper damit sehr gut getan.

Wenn wir allerdings mit unseren Handlungen negative Gefühle (d.h. als unangenehm empfundene Gefühle) immer wieder unterdrücken wollen oder aufgrund von Unwissenheit immer wieder uns selbst oder andere schädigende Handlungen durchführen, können wir z.B. schnell in destruktive Gewohnheiten bis hin zu einer Sucht abgleiten. Ich möchte hier vor allem auf ersteres eingehen. Das Nicht-Fühlen-Wollen von dem was da wirklich in uns los ist kann fatale Folgen für uns und unsere Mitmenschen haben.

So trinken sich tausende Menschen jährlich tot durch den dauerhaften Konsum von Alkohol – weil Sie nicht fühlen wollen / können.
So brechen viele Familien und Freundschaften auseinander – weil Sie nicht fühlen wollen / können.
So essen Tausende alles Mögliche in sich hinein – weil Sie nicht fühlen wollen / können.
So arbeiten viele Menschen sich in ein Burnout hinein – weil Sie nicht fühlen wollen / können.
(…)

Aber es geht nicht nur um das Nicht-Fühlen-Wollen, sondern auch darum, ob wir gelernt haben gut mit uns, unserer Psyche und unserem Körper umzugehen. Es geht um Gewohnheiten. Es geht um unser soziales Umfeld. Es geht dabei um so vieles.

Alleine in meinem Leben und meinem sozialen Umfeld der letzten ca. dreißig Jahre gab es viele Menschen, die aufgrund des Nicht-Fühlen-Wollens, des Nicht-Wissen-Wie-Man-Es-Anders-Machen-Kann immer wieder tiefe Krisen erlebt oder ihr ganzes Leben zerstört haben.

Viele haben Alkohol in extremen Mengen konsumiert. Wahrscheinlich nicht nur um zu kompensieren und Probleme und Gefühle zu vergessen, sondern auch weil es irgendwann einfach Gewohnheit war und viele Menschen in ihrem Umfeld dies ebenso getan haben. Andere haben so viel online gespielt, dass sie ihre Arbeit verloren haben oder zwei Jahre länger zur Schule gehen mussten. Eine Person macht so extrem Sport, dass sie oft kurz vor der Magersucht stand oder bereits drin war und sich das ganze Leben darum dreht und viele andere Bedürfnisse und Wünsche dabei vernachlässigt. Wieder andere Personen schauen so extrem Fern, dass nicht mal eine einfache Konversation ohne Fernsehgedudel möglich ist. Und dann noch die Personen, deren Hauptkompensation über Ablenkung durch soziale Kontakte verläuft – stundenlange Telefonate, ein Treffen nach dem anderen mit depressiven Symptomen sobald dies wegfällt.

Aber ich betrachtete in all den Jahren nicht nur mein Umfeld, sondern zuallererst immer mich selbst – in einem Semester im Studium der Sozialen Arbeit habe ich mich intensiv mit Suchtproblematiken, deren Entstehung usw. auseinandergesetzt: also mit substanzgebundenen Suchtformen (Alkohol, Tabak, Tabletten, Kokain, LSD usw.) und verhaltensgebundenen Suchtformen, z.B. Glücksspielsucht (Gambling), Kaufsucht (Oniomanie), Ess- und Essbrechsucht (Bulimie), Magersucht (Anorexie) usw.

In diesem Zuge habe ich mich auch intensiv mit meiner Familiengeschichte, meinen eigenen Denk- und Verhaltensweisen und mit meinen Bewältigungsstrategien auseinandergesetzt. Ich weiß z.B. von mir selbst, dass ich stark suchtgefährdet bin und muss mich bei allem was ich viel und lange tue immer wieder hinterfragen warum ich dies gerade tue. Dient es noch dem eigentlichen Zweck oder kompensiere ich schon wieder Gefühle, die ich nicht fühlen möchte? Bereits als Jugendliche ahnte ich dies, als ich mit meinem Gameboy wochenlang, täglich stundenlang das neue Pokemonspiel meiner Schwester spielte. Immer mehr und mehr. Ich hatte keinen Hunger mehr und machte auch sonst kaum noch was. Als meine Schwester dann meinen Spielstand einfach löschte, bin ich förmlich ausgerastet. Ich war außer mir, aufgelöst, als wenn meine Welt zusammenbricht. Seit dem habe ich nie wieder für längere Zeit ein Spiel gespielt. Zu groß war meine Angst so süchtig zu werden, wie andere Menschen in meiner Familie. Aber letztendlich ging es gar nicht um das Spielen. Ich bin einfach hochgradig gefährdet. Ich komme aus einer Familie mit so vielen suchtkranken Menschen, dass es wohl einem Wunder nahegekommen wäre, hätte mich dies verschont. Aber ich wollte den Gründen für meine Neigung diesbezüglich bereits sehr früh auf den Grund gehen. Ich spürte immer wieder sehr schnell, dass ich nach allem möglichen süchtig werden könnte: Sport, Arbeit, Hobbies usw. Ich tauch(t)e dabei so stark in die jeweilige Welt ab, dass ich fast nichts anderes mehr spüren muss(te). Und das war der Schlüssel, da war meine Achillessehne: Nichts mehr spüren von dem, was in meinem Körper sonst noch so abging und abgeht. Die Einsamkeit, das Gefühl nicht gewollt zu sein, nichts wert zu sein usw. Mit den Jahren kam dann noch hinzu, dass ich meine Wünsche und Träume nur sehr mühselig oder gar nicht erfüllen konnte aufgrund meiner komplexen PTBS und den Traumafolgestörungen, während viele andere Menschen ihre beruflichen Karrieren, Familienplanung usw. voranbrachten. Das heißt, es kam eine grundlegende Enttäuschung hinzu – nicht das erreichen zu können, was ich mir für mich und meine Lebensgestaltung selbst wünschte.

Ich bin der Überzeugung, dass es sehr wichtig ist zuallererst ehrlich zu sich selbst zu sein: Ich werde mein Leben lang gefährdet sein. Immer dann, wenn ich die Trauer, Ängste und Enttäuschung in mir selbst nicht sehen möchte und wenn ich ein soziales Umfeld um mich aufrechterhalte, das mich schlecht behandelt.

Das Aushalten ist immer wieder das Schwerste, das Schmerzhafteste, was ich in meinem Leben durchmachen muss. Aus diesem Grund mache ich meine Therapie, denn, der Ehrlichkeit geschuldet: Es wird sonst niemals anders werden, egal wie sehr ich meine Bewältigungsstrategien wechsle und mich anstrenge. Außerdem lerne ich gerade etwas zur Emotionsregulation. Wenn Du das letzte Jahr hier auf TRAUMALEBEN mitverfolgt hast, dann weißt Du bestimmt, dass ich im letzten Jahr viele emotionale Täler durchwandert habe. Aus einigen, dachte ich, würde ich nicht wieder herauskommen. Aber auch wenn es immer wieder schwer ist, ist es weiter wichtig zu spüren was da in mir los ist – aber vllt. etwas regulierter. Daher erprobe ich seit einiger Zeit folgende Methode:

  1. Ich mache mir bewusst, dass ich alleine für meine momentan vorhandenen Gefühle verantwortlich bin.
  2. Ich sage mir, dass die Gefühle da sein dürfen, dass sie eine grundsätzliche Daseinsberechtigung haben und beobachte sie.
  3. Ich fange an bewusst zu atmen und stelle mir vor, wie die Gefühle nach und nach ausgeatmet werden.
  4. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die Situation vor den Emotionen: Was hat meine Gefühle ausgelöst? Was gab es für Trigger? Was will ich vllt. nicht sehen?
  5. Ich setze mich aktiv mit der auslösenden Situation auseinander: Ich bearbeite es in der Therapie (EMDR), ich mache mir ein Portfolio, ich denke mir alternative Reaktionen auf die Situationen aus und spiele sie immer wieder im Kopf durch… usw….

Was mir in den letzten Jahren geholfen hat mit unangenehmen Emotionen umzugehen, im Sinne konstruktiver Bewältigungsstrategien, waren ansonsten z.B.: Reflektion über die tatsächlichen Ursachen meiner Gefühle; Konsequenzen aus den Rückschlüssen ziehen (z.B. Freundschaften, die mir nicht gut tun, kündigen); Nachsichtigkeit und liebevoller Umgang mit mir selbst ; Therapie; Aktivität statt Passivität – Joggen, Freunde treffen; Biografien oder Lebensweisen von anderen Menschen ansehen (Video) oder darüber lesen (Blogs, Bücher)… Zu meinen seit einigen Jahren aktiv eingesetzten Bewältigungsstrategien in schwer aushaltbaren emotionalen Zuständen gehören das Schauen von Serien und Filmen, das Abtauchen in diese Welten und das emotionale Mitschwingen bei lustigen, mutigen Geschichten, aber auch das Lesen solcher Geschichten, außerdem die digitale Arbeit an sozialen Projekten.

Ich könnte noch viel zu diesem Thema schreiben, aber letztendlich glaube ich, egal was wir tun – einfach stehenzubleiben und zu sagen „So bin ich halt!“ ist für uns und unser soziales Umfeld unter Umständen sehr schmerzhaft. Indem wir destruktive Bewältigungsstrategien weiterführen, verletzen wir uns selbst und unsere Mitmenschen immer weiter.

Aber ich kann es auch verstehen, wenn Menschen nicht hinsehen wollen und damit können, nicht fühlen wollen was da wirklich alles in Ihnen los ist. Es ist schwer und kann sehr angsteinflößend sein. Den Preis dafür bezahlen wir jedoch alle: Einsamkeit, verletzende Denk- und Verhaltensweisen, eine von Ängsten und Süchten geprägte Gesellschaft, normalisierte emotionale Übergriffigkeit, Verurteilung, Gewalt und Diskriminierung.

Letztendlich entscheiden ich mich – entscheiden wir alle uns mit dem Hin- oder Wegsehen, mit dem Zulassen oder Nichtzulassen unserer Gefühle und mit der Art unserer Bewältigungsstrategien für jeweils eine Art von Leben. Und für jede Entscheidung gibt es Gründe…

Und daher bleibt zum Schluss nur eine Frage – für mich – für Dich – für uns:
Wie will ich leben?

Wie wollen wir leben?

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