How to do: Jemanden kennenlernen/daten mit Bindungstrauma


Beitrag von Sammy
⏱ Geschätzte Lesedauer: 7 Minuten
Beitragsbild von Pixabay

Oh ja…so einen Leitfaden sollte es geben. Den hätte ich mir allzu oft schon gewünscht und wünsche ihn mir aktuell auch gerade sehr.

( Vielleicht eine gute Idee für ein Buchprojekt 😉 )

Kleines Prequel:

Meine bisherigen „Beziehungserfahrungen“, Kennlernerfahrungen und so weiter und sofort, waren bisher eine einzige Katastrophe.

Wenn sie nicht gerade von Narzissmus, emotionaler und sexueller Gewalt geprägt waren, dann waren sie immer belastet mit starken Selbstzweifeln, Ängsten, kühler Distanz, dem Zurückstellen meiner Selbst und meiner eigenen Bedürfnisse, Selbstverleugnung etc.

Ich hatte einen Partner, bei dem die Vorstellung, bei ihm zu übernachten, mir schlaflose Nächte bereitete. Geschweige denn irgendwann mal mit ihm zu verreisen. Körperliche Annäherungen habe ich mehr ertragen als genossen und generell bedeutete jeder Kontakt für mich immer Anspannung.

Alles in allem: Ich habe die Bindungsunfähigkeit in Person verkörpert.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dies jemals anders werden würde. Das ich jemals zu einem Mann auch nur ansatzweise eine wirkliche Verbindung aufbauen und halten könnte.

Ich habe viel herumprobiert und mich gefragt, ob ich mich vielleicht doch eher vom anderen Geschlecht angezogen fühle. Aber auch das war es nicht. Ich hatte einfach große, quasi fast Todesangst, vor Bindung zu einer Person, die über eine freundschaftliche Bindung hinausging.

Mir ist bewusst, dass es dafür natürlich Gründe gibt. Nicht umsonst befinde ich mich seit Jahren in Psychotherapie, mache Traumatherapie, habe andere psychische Erkrankungen entwickelt usw.

Doch dieses Wissen ändert nichts daran, dass ich es trotzdem bis dato nie wirklich für mich annehmen konnte so „beziehungsgestört“, wie ich es manchmal nenne, zu sein.

Denn ja: Ich habe den Traum mal eine Familie zu gründen. Kinder zu bekommen. Mit einem Menschen der mich liebt und den ich liebe, in einem Haus mit Garten zu wohnen. Vielleicht sogar zu heiraten.

Vielleicht auch alles etwas weniger kitschig, aber im Grunde ist das ein Leben, welches ich führen möchte.

Wahre Liebe zu einem Menschen erfahren.

Ich war bereits an dem Punkt, an dem ich mir ganz konkret überlegt hatte, wie ich mir vor allem meinen Kinderwunsch auch ohne einen festen Partner erfüllen könnte. Samenspende und Co-Parenting sind Themen, die mich in den letzten Monaten sehr intensiv begleitet haben.

Diese Optionen zu haben schafft für mich insofern vor allem Erleichterung, dass ich mit dem Gefühl leben kann, auch wenn ich nicht in das „System“ zu passen scheine, es trotzdem die Möglichkeiten gibt, mir selbst meine Träume zu erfüllen.

Prequel Ende…und jetzt zur aktuellen Situation:

Vor ca. zweieinhalb Monaten wurde ich von meinem Nachbarn angesprochen. Nichts ahnend im Wald spazierend joggte er auf einmal um die Ecke, hielt an und fragte mich, ob wir nicht mal zusammen laufen gehen wollen würden.

Ich musste mich erstmal kurz sammeln und antwortete glaube ich so etwas wie: “Äh ja, klar wieso nicht“. Nach einem kurzen Smalltalk und zwei Minuten Puls auf 180 fragte er dann Gott sei Dank danach, ob wir nicht lieber Nummern austauschen wollen würden. Ja das machte Sinn. Ich fragte ihn nach seiner Nummer.

Ich hab mir übrigens irgendwann mal überlegt, mir immer zuerst die Nummer geben zu lassen. So habe ich dann nämlich mit später klarem Kopf die Möglichkeit noch mal zu reflektieren und abzuwägen, ob ich wirklich auch meine Nummer rausgeben möchte bzw. ob ich wirklich Kontakt aufnehmen möchte

Ich war mir tatsächlich diesmal sehr sicher ihn kennenlernen zu wollen, deshalb klingelte ich kurz bei ihm durch, damit er meine Nummer dann also auch hatte. Puh, das war mutig.

Er lief weiter.

Ich ging weiter.

Ich brauchte ein wenig Zeit um es zu realisieren und dann machte ich mich schon drauf los und berichtete meinen beiden besten Freundinnen davon, dass er mich tatsächlich angesprochen hat.

An dieser Stelle möchte ich ein paar Wochen/Monate zurückgehen:

Im Grunde laufe ich diesem Nachbarn schon seit langer Zeit immer mal wieder über den Weg. Wir sind oft zur gleichen Uhrzeit spazieren gegangen und er fiel mir schon länger auf, weil ich ihn doch irgendwie echt attraktiv fand. Über ein „Hey“ oder „Hallo“ gingen die Kontakte allerdings nie hinaus.

Ungefähr zwei Wochen bevor es zu dem Zusammentreffen im Wald kam, fasste ich tatsächlich bereits selbst den Entschluss, ihn beim nächsten Wiedersehen anzusprechen. Denn an einem Morgen, als ich aus dem Haus gegangen bin, sah ich, wie er aus seinem Fenster schaute und mich ganz offensichtlich etwas länger „beobachtete“, als gewöhnlich.

Ich fühlte mich tatsächlich an diesem Morgen maximal getriggert (aufgrund meiner Stalking-Erfahrungen). Ich erzählte ebenfalls meinen besten Freundinnen davon und regte mich total auf, warum er mich denn nicht einfach ansprechen könnte, sondern mich „beobachten“ muss.

Ich muss gestehen, rückwirkend beurteile ich dieses „Beobachten“ nicht mehr so negativ, wie an diesem Tag. Deshalb setze ich es hier auch in Anführungszeichen, weil ich weiß, das von ihm zu diesem Zeitpunkt absolut keinerlei „böse“ Absicht oder sonstiges dahintersteckte.

Naja…auf jeden Fall hieß er von diesem Zeitpunkt an „Beobachtungsnachbar“. Und ich fasste, wie schon beschrieben den Entschluss, meinen „Beobachtungsnachbar“, bei der nächsten Gelegenheit selbst anzusprechen.

Nunja…er kam mir dann halt zuvor.

Kleiner Ausflug in die Vergangenheit: Ende

Wieder im Hier und Jetzt, während ich diesen Text schreibe

Ich treffe diesen Mann jetzt seit fast zweieinhalb Monaten regelmäßig. Im Schnitt so ca. zwei- bis dreimal pro Woche.

Vom ersten Treffen an (wir sind ungefähr vier Stunden spazieren gegangen), wusste ich, dass ich ihn wirklich wirklich kennenlernen möchte. Ich hatte tatsächlich ein echtes Bedürfnis in mir, ihm nahe zu sein. Bei unserem vierten Treffen fragte er mich, ob er seinen Arm um mich legen darf. Ich nahm mir kurz Zeit um in mich reinzufühlen und stimmte zu. Wir gingen eine Zeit lang Arm in Arm bis wir anhielten und in einen Sternenhimmel schauten (ja ich weiß, super kitschig). Er fragte mich dann, ob ich gerne geküsst werde. In mir eine Mischung aus Freude, Aufregung, aber auch Angst. Ich sagte ja und wir küssten uns. Danach gingen wir Arm in Arm weiter, bis wir wieder zu Hause waren. Es war spät abends und ich ging schlafen.

…um am nächsten Morgen in einem absoluten Panikmodus aufzuwachen.

Ich hatte wirklich nur Angst. So große Angst. In mir Gedanken und Ängste davor, mich selbst zu verlieren. Ab sofort keine Zeit mehr für mich selbst zu haben. Die Verbindung zu mir zu verlieren. Mich aufgeben zu müssen, um die Bedürfnisse eines anderen Menschen zu erfüllen. Dinge machen zu müssen, ein Leben leben zu müssen, die ich nicht machen möchte und das ich nicht leben will.

Ich habe an diesem Tag und auch an dem darauffolgenden Tag sehr sehr viel geweint. Ich habe mit meinen Freundinnen darüber geredet und mit meinem besten Freund. Viel geredet, viel geweint, viel gefühlt. Viel aufgeschrieben.

Und dann habe ich den Entschluss gefasst, mit ihm reden zu wollen.

Ich bat ihn um ein Gespräch und er stimmte sofort zu.

Wir trafen uns wieder zum spazieren gehen und ich erzählte ihm, was in mir vorging. (Natürlich nicht alles. Denn dafür kannte ich ihn noch viel zu wenig. Aber genau so viel, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich es wirklich sehr sehr sehr langsam angehen wollte).

Er hatte absolutes Verständnis dafür.

Von da an war das Motto „Slow Dating“.

Und: DAS war genau der richtige Weg.

Ein Schritt nach dem anderen.

Einen Konflikt, durch den ich dann doch alles hinwerfen wollte, hatten wir auch schon.

Ein eigentlich banaler Konflikt. Doch mein Hirn wollte mich direkt beschützen. Und bevor ich verletzt werde, oder Gefahr laufe, mich selbst zu verlieren oder wieder alte Erfahrungen zu machen, wollte es lieber wieder weglaufen und zog eine große innere Mauer hoch.

Trotzdem war da mein tiefer Wunsch, diesen Mann doch weiter kennenzulernen. Also trafen wir uns wieder. Diesmal, das erste mal bei ihm zu Hause. Wir tranken Tee und redeten den ganzen Abend.

Es war tatsächlich wunderschön. Ich fing an, mich sicher zu fühlen. Mich wohl zu fühlen.

Und der Fluchtreflex meines Hirns war von diesem Abend an nur noch sehr schwach.

An diesem Abend ging ich nach Hause und spürte, dass sich etwas verändert hat.

Ich glaube, ich spürte da erste Gefühle tiefer gehender Zuneigung.

Ich fühlte ein Nähebedürfnis. Ich wollte ihn öfter sehen. Ihn öfter in meiner Nähe haben. Und das krasse dabei war: Ich hatte dabei nicht das Gefühl, mich selbst zu verlieren, sondern tatsächlich im Gegenteil eher das Gefühl, mit mir in Verbindung zu stehen und mich wirklich zu spüren. Und vor allem: So sein zu können, wie ich bin.

Seitdem haben wir uns weiter getroffen. Mal bei ihm, mal bei mir. Und wir haben auch schon ein paar Unternehmungen zu zweit gemacht. Meine Zuneigung zu ihm wächst stetig.

An einem Abend habe ich ihm von meinen Gedanken und Gefühlen erzählt. Das ich mich wohl bei ihm fühle und gerne in seiner Nähe bin.

Das hat weitere „Türen“ für eine noch intensivere Verbindung zu ihm geöffnet.

Der Prozess fühlt sich stabil an.

Und doch…

Schön wär’s wenn die Geschichte jetzt so happy fluffig wundervoll weitergehen würde.

Ich spüre Angst. Ich spüre Schmerz.

Große Angst. Starken Schmerz.

Lange dachte ich, mein Bindungstrauma würde sich allein dadurch bemerkbar machen, dass ich früher oder später aus jeder Beziehung flüchten werde und niemals Nähe zulassen werden können und immer eine Distanz zu einem Menschen aufrechterhalten würde, damit ich nicht verletzt werden würde.

Ich dachte immer, die einzige Ursache, weshalb ich mich nicht binden kann, ist das ich Angst habe, mich dabei selbst zu verlieren.

Doch seit ungefähr 1,5 Wochen spüre ich da eine neue Angst. Eine noch viel größere Angst.

Die Angst verlassen zu werden. Die Angst davor abgelehnt zu werden. Nicht gewollt zu sein.

Die Angst, dass wenn ich mein Herz öffne, es gebrochen wird und ich sehr sehr doll verletzt werde.

Diese Ängste sind neu.

Ich fühle mich verletzlich und verwundbar. Ich möchte mich öffnen und ich kann irgendwie auch fast gar nichts dagegen tun, dass ich es tue, weil ich diesen Mann inzwischen tatsächlich sehr mag.

Gefühlt ist es gerade jeden Tag ein Balanceakt, den ich halten muss, um selbst stabil zu bleiben. Denn die Angst davor verlassen zu werden, weckt einerseits in mir das Bedürfnis, Sicherheit zu bekommen und Stabilität einzufordern.

Doch wie wir wissen: Sicherheit bekommen wir nicht im Außen. Sicherheit kommt von innen. Nur wir selbst können uns das Gefühl geben, wirklich in Sicherheit zu sein. Alles andere würde lediglich die Abhängigkeit von einem Menschen bedeuten, der einem dieses Gefühl gibt. Hiermit überträgt man allerdings eine Verantwortung auf einen anderen Menschen, die dieser niemals tragen können wird und wahrscheinlich auch nicht will. Solch ein Abhängigkeitsverhältnis ist nicht gesund.

Deshalb differenziere ich persönlich immer zwischen „Sicherheit“ und „Stabilität“.

Denn ich denke gegenseitige Stabilität können sich zwei Menschen durch „verbindliches“ Verhalten, Worte oder Gesten gegenüber, auf jeden Fall geben.

Naja…auf der anderen Seite wird durch meine starke Angst aber auch mein Fluchtreflex getriggert. Der Reflex lieber wegzulaufen. Meine innere Mauer doch wieder hochzuziehen, emotional auf Distanz  zu gehen. Um mich selbst zu schützen.

Ich mag diesen Menschen wirklich sehr. Und es tut verdammt noch mal richtig krass doll weh, so hin und hergerissen zu sein. Es ist anstrengend. Die Balance zu halten zwischen „ich mute mich zu“, „ich lasse mich fallen“, „ich lasse mich auf ihn ein“ und auf der anderen Seite eine gesunde „Distanz“ zu wahren, um mich nicht selbst zu verlieren.

Die großen Fragen: „Bin ich genug?“, „Mag er mich auch, so wie ich ihn mag?“, „Bin ich vielleicht sogar zu viel?“, „Kann ich meine Bedürfnisse ansprechen?“, „Rede ich zu viel über meine Gefühle?“, „Was mache ich, wenn er doch wieder geht?“, „Ist das alles hier richtig?“….

…die Liste ist endlos. Endlose Gedanken und Fragen, die sich in meinem Kopf überschlagen.

Und trotzdem: Da ist ein wunderschönes Gefühl. Das Gefühl, mich das erste Mal seit langem einem Menschen öffnen zu können. Mich jemandem nah zu fühlen, bei dem ich mich wirklich sicher fühle. Bei dem ich mich wohl fühle.

Das Gefühl, eine Verbindung mit jemandem halten zu können, ohne mich selbst dabei zu verlieren.

Ich glaube, das habe ich bisher so noch nicht gefühlt.

Du bist richtig, genau so wie du bist!

Deine Sammy.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. lachmitmaren sagt:

    Wenn wir von unseren Eltern abgelehnt wurden, sind wir das Gefühl der Ablehnung so gewohnt, dass wir es manchmal gar nicht mehr richtig wertschätzen können, wenn uns jemand NICHT ablehnt. Mir scheint, du hast ein echtes Juwel gefunden, dessen Schönheit durch deine Zeilen hindurchleuchtet.

    Gefällt 2 Personen

    1. Sammy sagt:

      Danke! Ja das stimmt. Und der Prozess, das zu erkennen ist sehr intensiv.

      Gefällt 1 Person

  2. laluna80 sagt:

    Danke für Deine Offenheit!
    Kenn ich alles genauso und bin echt gespannt wie es weitergeht, mit Euch beiden generell, aber auch eher mit Dir und Deinen Gefühlen/Gedanken.
    Viel Glück!
    LaLuna

    Gefällt 2 Personen

    1. Sammy sagt:

      Hey LaLuna, danke für deinen Kommentar! 🙂 Ich werde in den kommenden Wochen auf jeden Fall weitere Beiträge mit Updates über meinen Prozess schreiben
      und euch so ein wenig auf dem Laufenden halten 🙂

      Gefällt 1 Person

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