Mein schlechter Ruf… Oder einfach Stigma


Beitrag von Maria
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Beitragsbild KI-Generiert: Lasten tragen

Ahhh, die hat doch ne psychische Krankheit. … Die regt sich nur wegen ihrer psychischen Macke so auf. … Das liegt doch an ihrer psychischen Behinderung. … usw.

Nun ja, ich denke viele von Euch kennen die eine oder andere Aussage oder Anmerkung in diese Richtung. Manchmal ist es auch nur ein Gefühl, das mitschwingt in Gesprächen mit anderen, wenn Ihr Euch öffnet.

Wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen aufgrund ihrer Erkrankung abgewertet und negativ bewertet werden, führt es oft zu gesellschaftlicher Ausgrenzung, Vorurteilen und einem verminderten sozialen Status. Das nennt man Stigmatisierung.
Eine Steigerung davon ist die systematische Diskriminierung. Das ist die ungleiche Behandlung von Menschen aufgrund ihrer psychischen Erkrankung, die sich in verschiedenen Lebensbereichen wie Beschäftigung, Bildung oder im sozialen Miteinander manifestieren kann. Grund dafür sind z.B. tief verwurzelte Vorstellungen von negativen Eigenschaften psychisch erkrankter Menschen in einer sozialen Gruppe, in der Gesellschaft und damit auch in der Erziehung, Bildung und Sozialisation.

Eine hilfreiche deutsche Quelle, die sich mit diesen Themen beschäftigt,
ist das „Bundesministerium für Gesundheit“. In ihren Veröffentlichungen
zu psychischen Erkrankungen werden Stigmatisierung und Diskriminierung
thematisiert. Hier ist ein Link zu einer entsprechenden Seite:

Bundesministerium für Gesundheit – Psychische Gesundheit

Dort finden sich Informationen über die Herausforderungen,
die Menschen mit psychischen Erkrankungen begegnen,
sowie über Initiativen zur Entstigmatisierung.

Die meisten Betroffenen haben Stigmatisierung und Diskriminierung erlebt. Wenn es von fremden Personen ausgeht, ist das so eine nervige Sache, man dreht sich um, geht und regt sich noch ein paar Minuten auf… Je nach Verfassung und Situation vllt. auch länger und je nachdem wie oft man es erlebt, hinterlässt es Narben bis hin zu langanhaltenden Ängsten.

Und dann, ja dann gibt es noch die Vertrauten, Familienangehörige, Freunde, Arbeitskollegen oder Menschen, die zu Deinem Leben gehören, gewollt oder nicht gewollt. Auch sie können stigmatisieren oder diskriminieren – mit oftmals sehr viel schlimmeren Folgen für Betroffene, die Beziehungsebene, das Vertrauensverhältnis und manchmal auch für die Stabilität und Erkrankung.

Und so lange Ihr gute, wohlwollende Vertraute seid, werden unsere „Geheimnisse“ bei Ihnen wohl gut aufgehoben sein. Mh, ja „Geheimnisse“. Sind es denn „Geheimnisse“? Fühlt es sich nicht immer noch ab und zu so an? Leben wir nicht immer noch in einer Gesellschaft, wo wir nicht in jeder Ecke ganz unvoreingenommen davon sprechen können, psychische Probleme oder gar psychische Erkrankungen oder Behinderungen zu haben? Wo wir damit rechnen müssen denunziert, schlecht geredet, aus Gemeinschaften ausgeschlossen oder anders benachteiligt zu werden?

Wenn wir im vollen Vertrauen sind mit Menschen, dann wollen viele von uns nicht glauben, dass es mal anders werden könnte. Wir wollen Vertrauen, wollen angenommen werden, so wie wir sind. Wir wollen uns geborgen fühlen.

Und dann, manchmal, passiert genau das, wovor wir solche Angst hatten.

Vertraute oder ehemals Vertraute wenden sich mit dem Wissen, das Sie von uns haben, gegen uns.

Genau das ist mir passiert.

Ich möchte von drei Situationen erzählen, die mir alleine im letzten und diesem Jahr passiert sind.

Der Ex-Partner, der seine Entscheidung hinter meiner chronischen Erkrankung verstecken wollte

Im letzte Jahr hatte ich eine Beziehung. Sie fing so gut an, wohlwollend, liebevoll. Er lebte in Scheidung und wollte sich ein neues Leben aufbauen – so seine durchgehende Aussage. Und dann, nach fünf Monaten entschied er sich zurückzugehen – zu ihr und ihren beiden Kindern. Zuerst sagte er, dass die Mutter seiner Kinder ihn erpressen und manipulieren würde. Er müsse zurückkommen oder er würde seine Kinder nie wieder sehen. Ich zog mich zurück. Und doch kam er immer und immer wieder an. Erzählte von dieser „schrecklichen“ Frau. Er verstrickte sich in immer mehr Widersprüche. Bis ich erfuhr, dass er nie von dieser Frau getrennt war, nur viele hunderte von Kilometern weit weg arbeitete – eben in meiner Nähe.
Also sammelte ich viele unserer Nachrichten und Fotos zusammen, machte die E-Mail-Adresse der Frau ausfindig und sendete Ihr alle Sachen zu.
Und das Ende vom Lied? Er erzählte vielen unserer Bekannten, dass ich so psychisch krank sei, dass er nicht mehr mit mir zusammen sein konnte.

Da war es wieder – das Abwälzen von Verantwortung auf den Menschen mit einer psychischen Erkrankung – auch wenn all das gar nichts damit zu tun hatte. Es ist so einfach, so einfach zu stigmatisieren und zu diskriminieren.

Die Lehrerin des Kindes und die öffentliche Diffamierung als psychisch kranke Mutter

Und dann in diesem Jahr hatten wir immer wieder mit einer Lehrerin meines Kindes Probleme, die kurz vor ihrer Pensionierung steht und sehr alt hergebrachte pädagogische Maßnahmen vertritt. Kinder, also nur die Jungs der Klasse, bis zu einer Stunde ohne Aufsicht auf einen Stuhl vor die Klasse setzte, wenn sie ihrer Meinung nach zu spät kamen. Unabhängig von der allgemeinen Anfangszeit des Unterrichts an der Schule verlangte sie das Ankommen bereits 15 Minuten vor dem Beginn.
Oder immer wiederkehrende Denunzierungen von Jungs, die nicht in ihr Schülerbild passten. So musste auch mein Kind schlimme Aussagen ihrerseits ertragen. Andere Schüler machen es ihr nach, lachend und hänselnd. Alles ohne eine Unterlassung der Lehrerin.
Diese Lehrerin weiß von meiner chronischen Erkrankung, da ich gemeinhin offen damit umgehe und versuche ein Bild von Lebensweisen mit diesen Erkrankungen zu vermitteln.
Als ich sie nun an einem Morgen vor dem Unterricht sprechen wollte bzgl. einer sehr übergriffigen und schlimmen Denunzierung meines Kindes am Vortag im Unterricht, verweigerte sie mir ein Gespräch in einem Lehrerzimmer und stellte alle Aussagen als Lügen der Kinder dar. Und als ich mich darüber aufregte, sammelten sich immer mehr Lehrer im Flur und sie verkündete sinngemäß laut vor allen Anwesenden, dass ich mich mit meiner psychischen Erkrankung hier nicht so aufregen bräuchte und lieber an mir selbst arbeiten solle – sonst wäre mein Kind wohl falsch an dieser Schule!
Puh. Ja. Das hat wieder mal gesessen. Nicht nur, dass sie vor allen laut meine psychische Erkrankung offenbarte – sie stellte sie auch noch in einen direkten Kontakt damit, dass ich mich über ihre Verhalten ggü. den Kindern aufregte.

Da war es wieder – das Abwälzen von Verantwortung auf den Menschen mit einer psychischen Erkrankung – auch wenn all das gar nichts damit zu tun hatte. Es ist so einfach, so einfach zu stigmatisieren und zu diskriminieren.

Der Vater des Kindes

Der Vater meines Kindes, von dem ich seit langem getrennt bin, weiß viel von mir, von meiner Erkrankung, meinem Weg. Und eigentlich habe ich es schon lange gewusst. Seit Jahren redete er mich schlecht vor Menschen, die uns kannten oder kennen. Wenn ich nicht dabei war – aber auch wenn ich dabei war. Immer dann, wenn es ihm nicht gut ging, wenn er sich selbst aufwerten wollte. Vor den Erzieherinnen im Kindergarten, vor den Eltern anderer Kinder, vor Lehrerinnen, vor gemeinsamen Bekannten, vor seiner Familie. Und dabei ging und geht es nicht um das normale „Ablästern“ wie es jeder Mensch kennt. Nein, sonst würde es hier nicht erscheinen, auf diesem Blog.

Es handelt sich dabei um systematische Denunzierung meiner Person in Bezug auf meine psychische Erkrankung.

Alles, was ihm gerade nicht passt, wird auf mich und meine psychische Erkrankung geschoben. Er ist auch nicht psychisch gesund und dazu oft instabil, aber er würde das nie zugeben. Dass ich die Mutter seines Kindes bin, hindert ihn nicht daran, mich in einem schlechten Licht dastehen zu lassen.

Und letzte Woche dann erfuhr ich wieder mal von einer anderen Mutter aus der Schule, dass Eltern in der Schule über mich und meine psychische Erkrankung sprechen. Dass ich nicht verlässlich oder nicht für mein Kind da sei. Und dass der Vater meines Kindes ihnen erzählt hätte „was so abgeht“.

Sie ist psychisch krank und kann sich nicht ausreichend um das Kind kümmern.

Na ja, sie ist so wenig präsent, da sie so viele psychische Probleme hat.

Sie diskutiert soviel, ist total egoistisch. Sie ist halt psychisch krank.

Ich war wieder betäubt, entsetzt. Auch wenn ich mich schon so sehr daran gewöhnt habe in all den Jahren. Ja, ich bin fast abgestumpft. Und dann gingen mir in den letzten Tagen so viele Situationen durch den Kopf, die zum Teil schon Jahre her sind. Wie er mich vor der Kindergartenerzieherin schlecht geredet hat – in Verbindung mit meiner psychischen Erkrankung – in meinem Beisein. Oder vor Freunden… vor seiner Familie…

Und etwas bleibt. Es bleibt in den Köpfen der Menschen. Egal ob es stimmt oder nicht.

Dass ich mich aufrege, wenn er Verantwortung für sein berufliches Scheitern bei mir sucht – hat nichts mit meiner psychischen Erkrankung zu tun, sondern mit seinem Unvermögen sich selbst zu reflektieren in Bezug auf seine gescheiterten Ausbildungs- und Studienversuche.
Dass ich nicht so viel präsent sein kann in der Schule, mich nicht ständig austausche mit anderen Eltern – hat nichts mit meiner psychischen Erkrankung zu tun, sondern damit, dass ich zwei Jobs habe, mich um mein Kind, meine Wohnung und meinen Garten kümmern muss.
Dass ich nach Hilfe frage, wenn es um das Tragen schwerer Sachen geht, das Anschließen von Lampen oder ähnlichem, hat nichts mit Egoismus und meiner psychischen Erkrankung zu tun, sondern mit einer gesunder Einschätzung meiner Ressourcen.
(…)

Aber egal was ich sage oder schreibe, am Ende steht der feste Gedanke bei ihm und bestimmt tausenden anderen Menschen in solchen oder ähnlichen Situationen in Zusammenhang mit psychisch Erkrankten – dass unangenehme Sachverhalte halt an einer anderen Person – und wenn sie bei der Person vorliegt – an einer psychischen Erkrankung liegt.

Eigentlich passiert hier nur eins – ganz simpel – eine psychische Erkrankung, auch wenn eine Person schon lange stabil und ohne Symptome ist, wird verbunden mit irgendwelchen Sachlagen, die einer anderen Person nicht gefallen und unangenehm sind. Und schon wird ein Schuh draus:

Ich bin nicht Schuld. Ich trage keine Verantwortung! Und auf den Menschen mit psychischer Erkrankung kann man all mögliches gut abwälzen, da diesem Schuld und Verantwortung für negative Situationen viel eher zugeschrieben werden – und das immer noch in einem großen Teil unserer Gesellschaft!

Und da sind wir – in der immer noch strukturell und sozial verankerten Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen und Behinderungen. Egal wie lange diese schon stabil sind oder sich um Genesung, Reflexion usw. bemühen.

Ein willkommenes Opfer für all das Abladen von (Alt)Lasten, die andere nicht tragen wollen.

Und nun stehe ich da und habe beschlossen, dass es reicht. Es ist vorbei.

Ich habe mich informiert und habe zumindest für den Kindsvater eine Unterlassungsverfügung im Amtsgericht beantragt. Er darf zukünftig vor anderen nicht mehr über meine psychische Behinderung sprechen. Und auch eine Anzeige wegen Verleumdung ist noch möglich.

Wir haben also Möglichkeiten uns zu wehren.

Wir müssen uns das nicht immer weiter und weiter gefallen lassen.

Ich werde mir das nicht weiter gefallen lassen.

Ich nehme diese Verleumdungen und diese Lügen über mich nicht weiter hin.

Es wird Zeit, dass solche Menschen ihre Verantwortung für sich selbst selber tragen und keine anderen Schuldigen suchen, auf die sie ihre negativen Gefühle und Handlungsweisen abladen können.

Es wird Zeit, dass psychisch Erkrankte nicht mehr für sowas missbraucht werden.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Holla die Waldfeen Holla die Waldfeen sagt:

    🦾😘🥰🤗

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    1. Avatar von maria_von_traumaleben maria_von_traumaleben sagt:

      ❤️

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