#Bedürfnistage // Teil 1

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Vor einiger Zeit habe ich für mich eine Methode entwickelt, die sich der Stärkung von Wahrnehmung, Regulation und Reflexion von Bedürfnissen / Bedürfnisbefriedigung und Gefühlen widmet.
Hier möchte ich das erste Mal darüber schreiben, wie ich zu dieser Methode gekommen bin und worum es sich dabei genau handelt. In weiteren Teilen werde ich von meiner ersten Bedürfniswoche und späteren Bedürfnistagen berichten.

Direkt auslösender Moment für die tatsächliche Umsetzung von vorher nur theoretisch angedachten „Bedürfnistagen“ war eine Krankheit Anfang März 2020, die in einem mehrtägigen Klinikaufenthalt mündete. Ich war seit Wochen immer wieder krank und mein Zustand verbesserte sich nicht. Anfang März wurde ich wieder krank. Diesmal so schlimm, dass ich durch stark vereiterte Mandeln nicht mehr richtig atmen konnte. Nach ein paar Tagen kam es nachts zu Zuständen, in denen ich immer wieder dachte ersticken zu müssen, da ich in Momenten des Einschlafens nicht mehr atmen konnte.
Nachdem ich über 30 Stunden nicht geschlafen habe, mein Fieber immer weiter über 40 Grad stieg, rief ich einen notärztlichen Dienst und kam schließlich in ein Klinikum. Dort erhielt ich einen Tropf, da ich zu wenig Wasser zu mir nehmen konnte in den vorherigen Tagen, außerdem Antibiotikum und andere Wundermittelchen. Die Mandelschwellungen nahmen nach ein paar Tagen immer mehr ab – meine Schlaflosigkeit jedoch nicht. Das kannte ich bis dahin nicht und war nach vier Tagen der Schlaflosigkeit ernsthaft besorgt – immer noch hatte ich bei jedem Einschlafversuch das Gefühl ersticken zu müssen.

Panik machte sich allmählich breit, ich hatte durch den Schlafmangel immer mehr Probleme mich richtig auf den Beinen zu halten, hatte immer mehr das Gefühl in eine Art Dämmerzustand abzudriften. Also rief ich am fünften Tag morgens um 4 völlig aufgelöst bei meinem Traumatologen an und sprach diesem ewig auf das Band. Dieser rief mich bei Arbeitsbeginn auch gleich zurück.

Quintessenz war – ich WOLLTE unbedingt schlafen, konnte aus Angst zu ersticken jedoch nicht einschlafen und setzte mich mehr und mehr unter Druck, was zu Panikattacken führte. Und der Anfang lag im WOLLEN.

Ich hatte die Vorstellung davon, wie es zu laufen hat für meinen Körper – mein Verstand baute ein Palast voller Druck und Angst auf. Mein Therapeut riet mir alle Ansprüche und Sollen-Müssen wegzulassen, laufen lassen und damit los lassen, in den Körper vertrauen – und zuschauen was passiert. Und tatsächlich.

Meine Müdigkeit war nicht mehr so schlimm, der Druck in meinem Kopf nahm immer mehr ab – ich wollte mir keine Befehle mehr geben, wann ich zu schlafen hatte, sondern wollte darauf vertrauen, dass meine Körper sich alleine heilen kann – ohne meinen komischen Verstand. Und genau das funktionierte…

Das faszinierende an dieser Situation war, dass sie genau wiederspiegelte, wie in meinem Körper das Verhältnis von Verstand, Bedürfnissen und Gefühlen charakterisiert ist. Der Verstand gibt (die meiste Zeit) vor, was geschehen soll, hier z.B. der Anspruch endlich in den Schlaf zu finden. Meine Gefühle werden davon mitgerissen und meine Bedürfnisse weggedrängt.

Im Kontext meiner Traumatherapie nahm die Wahrnehmung von Bedürfnissen und Gefühlen im letzten Jahr viel Zeit in Anspruch – und doch bin ich mit meiner Bedürfnis- und Gefühlsregulation noch lange nicht dort wo ich hin möchte.

Dabei handelt es sich, seitdem ich denken kann, um ein wichtiges Thema – nicht nur in Momenten, in denen ich bewusst in mich hineinhöre, was mir wohl gerade gut tut bzw. was meine Psyche und mein Körper brauchen, um mir dann die Erlaubnis dafür innerlich zu erkämpfen –
vielmehr geht es um tausende unbewusste Momente, in denen ich innerlich erstarrt bin und Bedürfnisse sowie Gefühle nicht spüre. Dann fällt mir der Zugang zu mir selbst sehr schwer. Das können Momente sein, in denen ich einfach mit Freunden auf dem Hof sitze, mit anderen Eltern vor dem Kindergarten warte, vor dem Computer sitze, in der Stadt umherlaufe, mich zu einem Termin aufmache usw. Gerade durch die vergrößerte Wahrnehmung verfalle ich nach reizüberflutenden Situationen, die auch schön sein können, in einen unangenehmen psychischen sowie physischen Zustand.
In diesem Zustand der Taubheit, der Bedürfnis- und Gefühlslosigkeit rutsche ich so schnell hinein, dass ich dies oft gar nicht wahrnehme. Erst wenn mein Kinn vor Anspannung wehtut, ich merke, dass ich wohl mal wieder regelmäßiger Luft holen müsste, sich ein Tinituston einstellt oder sich meine allgemeine Wahrnehmung verlangsamt – schrillen die Alarmglocken – jedoch viel zu spät.

Diese und andere alarmierenden Zustände bewegten mich also nun zu ungewöhnlichen Maßnahmen – denn mein Verstand war lange genug alleinherrschendes Medium in meinem Körper gewesen.

Dabei geht es um das (Wieder-Er-)Spüren von Bedürfnissen, die Wahrnehmung von Gefühlen – und von, diese Gefühle und Bedürfnisse, einschränkenden Denk- und Handlungsmustern sowie Strukturen um mich herum.

Wenn mein (sozialisierter) Verstand also endlich entthront werden soll, ich den, durch die Gewalttäter*innen meiner Vergangenheit, eingesetzten Gedankenmuster den Kampf ansagen möchte – muss ich wirksame Methoden entwickeln zur Stärkung meiner Gefühle und Bedürfnisse, des Vertrauens zu mir selbst sowie der Selbstheilungskräften meines Körpers.

Also habe ich beschlossen, meinem Körper regelmäßig eine Bedürfniskur zukommen zu lassen...

Ich möchte euch meinen Gedankengang zur Entstehung dieser Idee erläutern:

Zum einen entstand diese Idee aus den eben beschriebenen Entwicklungen meiner Gesundheit und den Einsichten hierzu in diesem Jahr sowie einer grundlegenden langjährigen Frage nach Möglichkeiten und Methoden zur Bedürfnisstärkung.

Zum anderen, weil ich mich in den letzten Jahren mit bedürfnisorientiertem Lernen auseinandergesetzt habe. Wir Menschen lernen (bewusst und unbewusst) vor allem durch Wiederholungen und Routinen, die uns gut tun, uns ein Wohlgefühl bescheren. Wenn ich also das Ziel habe, dass mein gesamter Körper mehr und mehr die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrnimmt, dann wäre es gut für mich dies bewusst zu trainieren, diesem wiederholt Raum zu geben. Dies sollte in einem Rahmen geschehen, in dem ich mich sicher fühle, ohne Angst von außen reglementiert zu werden, da dies für mich Trigger darstellen. So dass sich Gefühle des Wohlseins, ja vllt. sogar Glücksgefühle einstellen – der Lernbooster schlechthin. Wenn sich dann Routinemuster hierzu ausbilden, können diese letztendlich viel einfacher durch unser Unterbewusstes in Anspannungsmomenten aufgegriffen werden. Soviel zur Idee.

Und wie genau sollen sich diese Bedürfnistage gestalten?

Dadurch, dass meinem Körper viele dynamische und gesunde Regulationsfähigkeiten durch meine komplexe PTBS fehlen (hier und hier habe ich darüber geschrieben), muss ich ganz am Anfang ansetzen.

Wie komme ich zurück zu einem natürlichen Gefühl für mich und meine Bedürfnisse?

Am Anfang war totale Einschränkung und Unterdrückung – zumindest in meiner Kindheit und Jugend – und innerlich bis heute. Das begann bereits so früh in meiner Kindheit, dass ich mich zu einem großen Teil in meinem Körper nicht zu Hause fühle. Und hier werde ich erstmal ansetzen. Also mache ich eine absolute Kehrtwende – nehme mal alle Einschränkungen um mich herum weg und schaue wie mein Körper reagiert – ich werde mich kennenlernen, ganz ohne die ständigen Trigger, Wahrnehmung und Erfüllung von Erwartungen.

Ziel des Experiments sollte es sein, ausschließlich auf meine Bedürfnisse und Gefühle zu hören – auf nichts anderes.

Das geht so weit, sogar sogenanntes erwartetes bzw. sozial erwünschtes Verhalten abzulegen – die sozialisierten Normen, wann die rechte Zeit für essen, trinken und schlafen sei. Ich war überrascht zu sehen, dass meine Introspektion und Selbstreflektion sehr viele sozialisierte Verhaltensnormen preis gab, von denen ich vorher irgendwie dachte, das sei so doch natürlich – dazu gehörte z.B. der in unserer Gesellschaft vorgelebte Tag-Nacht-Rhythmus.

In den Bedürfnistagen wollte ich nun den diesbezüglich aufkommenden Gedanken und Gefühlen bei nicht „normierten Verhaltensweisen“ keinen Raum zur Entfaltung geben.
An allererster Stelle stand also nur noch die Gefühls- und Bedürfniswelt in mir, meine Launen, meine Motivation oder Nicht-Motivation.

Und alles was in meinem Kopf „SOLL“ oder „BESSER SEIN SOLLTE“ würde weggepustet werden…

Ob das so geklappt hat, schreibe ich im nächsten Teil…

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