Warum das Ganze hier?

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PODCAST TRAUMALEBEN


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„Mit mir stimmt etwas nicht!“

Das war (und ist) der Gedanke, der mich über 30 Jahre begleitete, ohne genau zu wissen, wieso, weshalb und warum. Mit 12 Jahren stand ich das erste Mal auf dem Fensterbrett meines Kinderzimmers und sehnte mich nach dem Mut hinunterzuspringen, damit endlich alles vorbei wäre. Krampfartige Weinanfälle und Zustände innerer Erstarrung säumen die Zeiten meiner Kindheit und Jugend.

Dies sind Sätze, die ich jetzt leicht niederschreiben kann und dennoch in ihrer Bedeutung immer noch schwer zu fassen sind. So viele Situationen voller innerer Schmerzen, die sich wie Krämpfe anfühlten, außerdem Leid, Zweifel, Rastlosigkeit, Trauer, Befreiung und Freiheit, früher äußerer und später innerer Zwänge, Wut, Verzweiflung, Lebensunmut, Verwirrtheit, Suche und Hoffnung.

Ich musste 35 Jahre alt werden, um anzukommen – am Anfang.

Vor zwei Jahren traf ich einen Menschen, der mir ausführlicher von Entwicklungstrauma erzählte. Ich erkannte so viele Parallelen zu meinen Symptomen, meiner Geschichte. Also fing ich an mich zu informieren und nach kurzer Zeit wusste ich – um Heilung zu erfahren brauchte ich eine Trauma- und Körperpsychotherapie (im Folgenden nur noch Traumatherapie genannt).

Und hier bin ich. Bald ein Jahr Traumatherapie hinter mir und ich weiß, ich bin angekommen, auf dem Weg, der mir wirklich Heilung bringen kann – nach und nach. Ich kann mich besser sehen als je zuvor – auch wenn es mir oft schwer fällt wirklich hinzusehen. Ich kann mich besser erfühlen – auch wenn das die meiste Zeit nicht schön ist – noch nicht. Aber das gehört dazu, den Schmerz zu sehen und zu fühlen, der mich einst so krank gemacht hat. Ich habe Ehrfurcht davor, freue mich aber auch darauf. Getrieben von der Hoffnung auf ein Leben ohne die Einschränkungen meines bisherigen Lebens.
Ein Leben, was ich mir noch nicht vorstellen kann.

Wie an einem Abgrund zu stehen und den Mut zu haben den ersten Schritt nach vorne zu setzen und darauf zu vertrauen, dass sich eine Brücke bauen wird, die mich trägt und nicht morsch ist.

All dies ist leider nicht nur ein Hobby oder ein Buch, das ich beiseitelegen kann. Dieser Zustand, diese Situation, wie auch immer wir es nennen wollen, ist mein Leben, jeden Tag, Tag für Tag. Ich bin bereit dies anzunehmen, mehr und mehr. Ich möchte es nicht mehr verstecken und ich wünsche mir, dass weniger Menschen mit Trauma jeden Tag so viel Kraft aufbringen müssen, um ihre Traumafolgen zu verstecken. Denn, das ist unheimlich mühselig, ermüdend, macht einsam und bringt wieder neues Leid hervor.

Also, beginnt es hier für mich. Denn solange Betroffene schweigen (und das tun sehr viele), wird es sich weiter um gesellschaftlich blinde Flecken handeln. Viele Menschen wissen nicht mal, dass Sie unter Entwicklungstrauma leiden. Die Auswirkungen sind zwar erkennbar, werden jedoch oft nicht mit Entwicklungstrauma in Verbindung gebracht. So werden tausende Fehldiagnosen gestellt. Und wenn die auf den Fehldiagnosen basierenden Therapien und Medikamente keine dauerhafte Heilung bringen, kommen Verzweiflung und Verurteilung durch die Umwelt dazu. Denn Betroffene können oft nicht arbeiten, sind des Öfteren in psychatrischen Kliniken, leiden unter Süchten oder destruktiven Bewältigungsmechanismen, werden kriminell, leben isoliert usw. Die Folgen zeigen sich sehr vielfältig. Da ich mich seit zwanzig Jahren mit diesen Themen beschäftige, es ein fester Teil meiner Persönlichkeit und Vergangenheit ist, möchte ich anfangen das Thema und mich zu zeigen. Mit allem was dazu gehört. Ich möchte Tabus brechen, zeigen, dass Menschen mit Entwicklungstrauma ein Recht darauf haben sich frei zu äußern, mit all ihren Wunden, Narben und einzigartigen Fähigkeiten! Denn sie sind in keiner Weise verantwortlich oder schuld an dem was ihnen angetan wurde. Sie sind Opfer des Systems – System Familie, Schule, Gesundheitssystem usw.

Entwicklungstrauma haben bisher keine große Lobby. Erst in zwei Jahren, 2022, werden Entwicklungstrauma als komplexe posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS) überhaupt offiziell als Diagnose anerkannt im ICD-11 („Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ als wichtigstes, weltweit anerkanntes Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen.). Und nur weil die Professionen, d.h. Berufsgruppen, die sich Tag ein, Tag aus mit Menschen dieser Symptomklassifikation beschäftigen, endlich eine offizielle Anerkennung mit hoffentlich besserer Früherkennung und Therapiemöglichkeiten auf den Weg bringen, heißt das noch lange nicht, dass Entwicklungstrauma und deren Folgen gesellschaftlich anerkannt sind oder bald sein werden.

Die meisten Menschen verstehen unter „Trauma“ nämlich nur die verbreitete Definition von „Schocktrauma“, in Folge von Unfällen, Naturkatastrophen, Kriegen o.ä.
Dabei sind Entwicklungstrauma sehr viel verbreiteter weltweit, als Schocktrauma. Sie beginnen nämlich in den Familien und Institutionen, wie Kindergärten und Schulen, bei den Erwachsenen, die Kindern nicht das geben können, was diese wirklich brauchen, um sich psychisch und physisch gesund zu entwickeln.

Dami Charf, Traumatologe*in, hat Entwicklungstrauma wie folgt beschrieben:

„Ein Entwicklungstrauma ist meist hoher Stress, der über längere Zeit anhält und oftmals damit verbunden ist, sich nirgendwo sicher zu fühlen. Dies führt zu weitaus gravierenderen Folgen, da Kinder unter solchen Umständen kaum die Möglichkeit haben sich „normal“ zu entwickeln. Ein Entwicklungstrauma greift meist sehr viel tiefer in die Persönlichkeitsstruktur und –entwicklung ein, als das ein Schocktrauma tut.

Folgende Folgen können aus Entwicklungstrauma entstehen:

  • Persönlichkeitsstörungen
  • schlechte Selbstregulation (Schwierigkeiten sich zu entspannen, mit Emotionen umzugehen, Bedürfnisse zu fühlen und diese adäquat zu erfüllen etc.)
  • Hohe und dauerhafte Aktivierung des Nervensystems (Dauerstress)
  • Oder ständiger Zustand in „Submission“( Unterwerfung): Schwierigkeiten sich abzugrenzen, Nein zu sagen, für sich einzustehen, andere zu enttäuschen etc.)
  • Wenig Modulationsfähigkeit des Nervensystems (starre und unflexible Reaktionen, Schwierigkeiten sich an neue oder unvorhergesehene Situationen anzupassen etc.)
  • Wenig Stressresistenz
  • Beziehungsstörungen (Angst vor Nähe, Stress mit Sexualität, Vermeidungsverhalten, Zynismus, Ironie, Symbiotisches Verhalten oder inneres Allein-sein etc.)

Diese Unterscheidungen zwischen Schocktrauma und Entwicklungstrauma sind enorm wichtig für die Wahl einer passenden Therapie, da die Themen und Auswirkungen auf die Person sehr unterschiedlich sind.“

Quelle: https://www.traumaheilung.de/trauma-kategorien/

In diesem ersten Beitrag möchte ich lieber darauf eingehen, warum ich hier schreibe und die Öffentlichkeit suche. Wie bereits weiter vorne beschrieben, handelt es sich immer noch um ein wenig bekanntes Phänomen und das bei gleichzeitig weiter Verbreitung.

Bessel A. van der Kolk schrieb in seinem Aufsatz: „Entwicklungstrauma-Störung: Auf dem Weg zu einer sinnvollen Diagnostik für chronisch traumatisierte Kinder“, 2009 folgendes:

Die Forschung hat verdeutlicht, dass traumatische Kindheitserfahrungen nicht nur sehr weit verbreitet und alltäglich sind, sondern auch tiefgreifende Auswirkungen auf viele verschiedene Entwicklungsbereiche haben.“ S. 574

Quelle: https://psydok.psycharchives.de/jspui/bitstream/20.500.11780/3160/1/58.20098_2_49207.pdf

Sehr häufig werden im weiteren Lebensverlauf Fehldiagnosen gestellt, psychopharmazeutische Medikamente für Symptome verabreicht und für das zugrunde liegende Problem die falsche Therapie verordnet. Menschen verbleiben so nicht selten ihr Leben lang im Hilfe- und Krankensystem. Sie werden stigmatisiert als psychisch kranke Menschen mit großen sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen / finanziellen Einbußen und weiteren Folgen.

Wichtig ist mir hier nochmal die Betonung, dass es sich bei den meisten Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen aufgrund von Entwicklungstrauma nicht um genetisch verursachte Einschränkungen handelt! Die Einschränkungen sind Folgen von Gewalt (z.B.  emotionale, physische) und Diskriminierung (z.B. Rassismus, Sexismus, Ableismus) durch andere Menschen. Die Folgen begleiten die Betroffenen ihr Leben lang.


Aus diesem Grund wünsche ich mir, dass ein Gemeinschaftsblog wie dieser, dazu beiträgt, dass Berührungsängste abgebaut, Erfahrungen gesammelt sowie Aufklärung und Öffentlichkeit geschaffen werden. Für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung eines allgemein größeren Verständnisses für Entstehung, Folgen und Leben mit Entwicklungstrauma sowie Heilungsmöglichkeiten.

Menschen mit Entwicklungstrauma haben schlussendlich nicht nur mit Einschränkungen zu leben, sondern auch Fähigkeiten bzw. Ressourcen durch ihre Perspektiven, die eine Bereicherung für alle sein können.

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