Brief an meine Mutter: Teil 1

⏱ Geschätzte Lesedauer: 8 Minuten

Briefe schreiben. Es hat sich herausgestellt, dass das für mich eine gute Methode ist, um mit bestimmten Emotionen leben zu lernen. All die Worte und Gefühle endlich an die Person zu richten, zu der sie eigentlich gehören, auch wenn schon lange kein persönlicher Kontakt mehr besteht. Das befreit. Sehr. Auch die kindliche Mutterübertragung, die ich zu meiner Therapeutin hatte, die mich mit einer kaum tragbaren Sehnsucht einnahm, ist nach diesem Brief viel leichter geworden. Das alles war ein ziemlicher Meilenstein. Sehr lange habe ich an dem Brief geschrieben, bestimmt ein 3/4 Jahr, einfach, weil da so viel Schmerz und Ungesagtes war. Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig den Brief tatsächlich abzuschicken, ich habe ihn dennoch im Dezember letzten Jahres (2019) zur Post gebracht. Seit dem hat sich einiges verändert und es gibt auch Dinge, die ich mittlerweile anders sehe… vermutlich auch, da ich mit dem Brief vieles verarbeitet habe, um es eben heute aus dieser anderen Perspektive betrachten zu können. Und deswegen sind die folgenden Worte genau die Worte, die auch meine Mutter vor einigen Monaten gelesen hat, aber ich warne euch, es liest sich sehr… naja, wie die Worte eines verletzten Kindes, aber genau dafür soll der Brief eigentlich auch ein Ausdruck sein. Da der Brief jedoch ziemlich lang ist, habe ich ihn in zwei Teile unterteilt. Hier der erste Teil:


Mama,

Ich schreibe dir diesen Brief, weil es viele Dinge gibt, die ich dir gerne sagen möchte und die ich dir so vermutlich auch noch nie gesagt habe. Lange habe ich geschwiegen, aus Angst dir weh zu tun, aber vor allem, weil es mich immer so schmerzte, dich zu sehen und ich diesen Schmerz noch nicht einordnen konnte. Mittlerweile jedoch ist es mir sehr wichtig geworden, diese Dinge an dich zu adressieren und für dich kann es eine Erklärung sein, warum ich meine Worte so lange nicht fand. Ich möchte dir hier in diesem Brief meine Perspektive schildern und dir die Geschichte deiner Tochter erzählen.

Wie du weißt, bin ich seit bald 2 Jahren in Psychotherapie. Mir ging es nicht gut und es ging immer steiler bergab, bis es irgendwann dann eben nicht mehr ging. Die Angst nahm überhand und mein Körper spielte nicht mehr mit. So musste ich mir irgendwann eingestehen, dass all diese vielfältigen körperlichen Beschwerden und seltsamen Bewusstseins- und Unruhezustände, einen psychischen Ursprung haben. Wie zum Beispiel meine Magen-Darmprobleme, meine immer wiederkehrenden depressiven Zustände, die egal was ich versuchte, nicht besser wurden. Meine Angstzustände und Panikattacken, die mir einen täglichen Kampf lieferten, bis ich irgendwann nicht mehr arbeitsfähig war. Sowie meine Schmerzen, der Seelenschmerz, wie auch die ganz realen körperlichen Schmerzen. Oder meine Phobie, erinnerst du dich noch an sie? Kurzum, kann man das auch als eine ausgiebig gewachsene und verzwirbelte Traumafolgestörung bezeichnen, mit Schutzmechanismen, die sich Somatisierung und Verdrängung nennen. Vermutlich kannst du damit nicht viel anfangen, aber das macht nichts. All diese Symptome und Probleme sind mit mir gewachsen, entstanden durch das Aufwachsen mit dir und Papa. Er hat mich traumatisiert und du hast nichts getan, was alles noch um ein vielfaches schlimmer machte. Ich kann die Male nicht mehr zählen, als mich das alles in die pure Verzweiflung und an den Rand des Erträglichen trieb. Mehr als nur einmal schon dachte ich, ich müsse sterben, oder die Symptome trieben mich gar so weit, dass meine Sehnsucht nach dem Tod größer wurde, als die nach dem Leben. Ich möchte dir in diesem Brief einige Seiten von mir zeigen, die du vermutlich noch nie wahrgenommen hast.

Mama, kannst du dich noch daran erinnern, als ich dir erzählt habe, dass ich alleine auf Weltreise gehen möchte, nach Asien und Neuseeland? Du hast so etwas gesagt wie „achso“ und weiter an deinem Toast gegessen, als hätte ich dir erzählt wie das Wetter gerade so ist.
Oder kannst du dich noch daran erinnern, als ich mal begeistert aus dem Kindergarten nachhause kam und dich fragte, ob du mir zeigen kannst, wie das Lesen geht, nur ein kleines bisschen. Ich war so aufgeregt. Ich war so motiviert. Aber du wolltest nicht. Du hast nein gesagt, das lernst du dann doch nächstes Jahr in der Schule. Ich war sehr enttäuscht damals. Du hättest genügend Zeit gehabt. Wieso wolltest du dich nicht näher mit mir befassen? Diese kurzen Geschichten, sind nur ein Ausschnitt von einer Vielzahl an ähnlichen Erinnerungen, aber sie sind symbolhaft für so vieles und spiegeln unsere Beziehung auf so vielerlei Hinsicht wider. Sie sollen auch zeigen, dass unsere Beziehung nicht erst in den letzten Jahren so erkaltet ist, sondern sie erklären meine Gefühle, die mich dir gegenüber schon seit meiner frühen Kindheit begleiten. Ich habe nämlich das Gefühl, du hast mich nie richtig gesehen, mich nie wirklich wahrgenommen und ich hatte wenig bis gar nicht das Gefühl, dass ich dir sonderlich viel bedeute, du hast es mir schließlich nie gezeigt. Ich habe mich immer wieder gefragt, wo du mein ganzes Leben lang warst. Für dich war ich immer zu viel, obwohl ich doch so wenig war. Körperlich warst du in meiner Kindheit zwar da, aber du warst nie wirklich anwesend, nie wirklich bei mir, weshalb ich den Papa immer mehr liebte als dich. Einfach, weil von dir nichts kam. Keine Wärme, keine Geborgenheit, nicht ausreichend Aufmerksamkeit. Nur ein stummes Betteln, ein Hoffen auf ein bisschen Wärme, ein bisschen sichtbar sein. Ich weiß, dass du das wahrscheinlich nicht verstehen wirst, sogar verleugnen wirst, aber es ist mir trotzdem wichtig dir das zu sagen. Wir sind sehr verschieden, leben in anderen Welten, aber das hätte nicht so sein müssen. Ich finde, es wäre deine Aufgabe gewesen an meinem Leben Teil zu nehmen, dich in meiner Welt zu bewegen und eine Beziehung zu mir aufzubauen. Ja es lag an dir eine Beziehung zu deiner Tochter aufzubauen und sie zu schützen. Das lag in deinen Händen.

Als ich dann ausgezogen bin, mit 17, weil es mit uns nicht funktioniert hat, habe ich anfangs jede Woche angerufen, weil ich so sehr versucht habe eine gute Beziehung zu dir aufzubauen, weil ich es wirklich wollte, aber von dir kam nie viel Interesse. Ich habe wirklich versuch dich so zu lieben, wie du bist. Das ist mir leider nicht gelungen, aber das hast du schließlich auch nicht geschafft. Irgendwann habe ich dann einmal zwei Wochen lang nicht angerufen und nach und nach habe ich die Abstände zwischen unseren Telefonaten immer weiter vergrößert. Von dir kam auch nichts (mehr). Weißt du, zu einer Beziehung gehören zwei Personen, unsere hat nur dann existiert, wenn ich mich bemüht habe, weil du immer nur Erwartungen an mich hattest. Erwartungen und Bedürfnisse, die ich nicht erfüllen konnte. Irgendwie konnte ich nichts richtig machen, am Ende war es meistens meine Schuld. Eine „gute“ Mutter-Tochter Beziehung scheint es für dich nur zu sein, wenn sich deine Töchter um dich kümmern. Doch ein Kind braucht seine Mutter. Ein Kind, das verletzt wurde, braucht sie umso mehr. Für mich war das alles sehr frustrierend, vor allem, dass so wenig von dir kam, jedes Mal, wenn ich dich gesehen habe, ging es mir danach sehr schlecht, weshalb ich irgendwann aufgehört habe mich zu bemühen und es überraschte mich nicht, dass von dir gar nichts mehr kam. Es war so einfach dich loszulassen. Es war so schrecklich einfach dich gehen zu lassen. Ich hätte mir oft von dir gewünscht, dass du zu mir hältst, dich für mich und mein Leben interessierst, versuchst mich zu verstehen, dass du an meiner Seite stehst, aber du hast nichts davon getan. Du hast gar nichts getan und in meiner Welt sind Kinder nicht dazu da, um die Bedürfnisse ihrer Eltern zu befriedigen und auch nicht, um ihnen zu geben, was ihnen gefehlt hat. Selbst warst du nie bereit zu geben oder gar für mich einzustehen. So funktioniert das nicht. Du wolltest nie die Verantwortung, die mit der Rolle einer Mutter einhergeht, übernehmen und warst nie die Mutter, die ich so bitter benötigt hätte. Trotzdem bin ich in deinen Augen die Böse, bin gemein, bin genau wie der Papa und sowas zu hören tut einfach nur weh und macht unfassbar wütend. Ich musste immer alles alleine schaffen, trotz allem was passiert ist, ohne Eltern und ohne eine Mutter, die für mich da ist. Wenn dir etwas an mir liegt, dann solltest du [Onkel*] und [Tante*] dankbar sein und ich weiß, dass du das nicht gerne hörst. Jedoch geben sie mir etwas, das du mir nie gegeben hast. Sie hören mir nämlich zu, sie interessieren sich, versuchen mich zu verstehen, zeigen mir, dass ich ihnen wichtig bin, geben mir einen Platz und das wichtigste ist, sie sind emotional einfach da. Sie haben mich dir nicht „weggenommen“ und sie haben mich auch nicht „in der Hand“, wie du das immer behauptest. Man kann nämlich niemandem die Tochter wegnehmen, das liegt einfach daran, dass du niemals da warst, weil man mit dir immer alleine war. Gemeinsam mit dir bedeutete immer Einsamkeit. Außerdem ist auch nicht jeder so manipulierbar, nur, weil du das bist. Sie waren auch die einzigen, die im Scheidungskrieg für uns Kinder einstanden, euch war unser Leid und was wir damit durchmachten, so schien es, egal. Ich verstehe, dass die Scheidung auch schlimm für dich war, aber für mich und sicher auch für die [Schwester*], war das noch einmal etwas anderes, schließlich haben wir dabei unseren Vater verloren. Sie waren auch die ersten Menschen überhaupt, die sich die Zeit nahmen, mit mir zu sprechen, die sich mir annahmen und sich wirklich mit mir auseinandersetzten. Ich bin ihnen für all das sehr dankbar und sie haben schon lange einen festen Platz in meinem Herzen eingenommen. Sie geben so viel, ihnen vertraue ich mehr als ich dir jemals vertraut habe und ich weiß, dass dieses bei ihnen gut aufgehoben ist. Anders als bei dir. Mit dir ging das alles nicht, du hast dich nie bemüht auf mich einzugehen und deine Antworten waren nie die auf meinen Fragen. Hatten so wenig mit meinen Aussagen zu tun, sodass man einfach nur schreien möchte, weil es so frustrierend ist. Ich hatte immer das Gefühl, dass egal was ich auch sagte, es bei dir nie wirklich ankam. Das war auch schon immer so. Ich werde versuchen es dir näher zu erklären, dafür werde ich wieder tiefer in die Vergangenheit tauchen.

Als ich klein war, hast du zu mir oft Sätze wie „Du bist so sensibel“ oder „Nimm dir nicht immer alles so zu Herzen!“ gesagt, wenn es Dinge gab, die mir auf der Seele lagen. Vielleicht sind das für dich nur Kleinigkeiten, doch für ein Kind waren es definitiv keine, denn diese Kleinigkeiten wuchsen ganz groß. Gehen wir zurück in die Zeit, in der meine Phobie so stark wurde. Erinnerst du dich noch daran, als ich abends immer weinte, weil ich solche Angst hatte zu schlafen? Da hätte ich wirklich deine Hilfe gebraucht. Ich erinnere heute noch genau, wie du bei mir im Türrahmen gelehnt hast. Ich weinend und ängstlich im Bett. Du wirktest genervt. Von mir, meinen Ängsten, meinen Bedürfnissen. Ich erinnere, wie ich zu viel für dich war, wie ich zu anstrengend war und wie überfordert du warst. Irgendwann hast du in schroffen Ton dann gemeint, dass, wenn das so weiter gehe, du mich zu einem Psychiater schicken müsstest. Doch das war kein Hilfsangebot, das war als Drohung formuliert. Was du mir mit all dem vermittelt hast, war, dass meine Gefühle hier bei dir keinen Platz haben, dass sie nicht angebracht sind, dass ich einfacher sein soll und mich endlich zusammenreißen müsse. Aber natürlich waren meine Gefühle angebracht, meine Angst war schließlich real, denn wenn ein Kind eine Phobie entwickelt, dann hat das eine Ursache, dann gibt es etwas, was das Kind ängstigt, was es schrecklich belastet. Meine Ursache war der Papa. Doch Angst vor ihm zu haben, wäre nicht aushaltbar gewesen, wäre zu grausam gewesen, denn er war doch mein Papa, meine engste Bezugsperson. Deshalb legte sich eine Angst, meine Phobie, vor die eigentliche Angst, um das wirklich furchtbare zu verdecken, weil die Phobie fassbarer war, erträglicher war, als die verstörende untragbare Angst vor dem Papa. Jedes Mal, wenn ich mich an dich wandte, wenn ich dich gebraucht hätte und du mir solche Sätze sagtest, wurde ich innerlich weniger. Verstummte innerlich, verstummte äußerlich. Ich schluckte den Schmerz. Ich erinnere, wie ich innerlich förmlich zusammenfiel. Schloss alles in mir ein, weil es im Außen nicht sein durfte, weil es niemanden gab an den ich mich wenden konnte. Es gab schlicht keinen Platz für meine Gefühle bei dir, keine Resonanz und damit hatte auch ich keinen Platz bei dir. Für mich wurde irgendwann damit klar, dass ich mit meinen Gefühlen, mit meinen Problemen alleine fertig werden muss, aber das kann ein Kind nicht. Deshalb wurden sie abgespalten, nicht gelebt und alles wurde verdrängt. Doch Gefühle kann man nicht abschalten, was ich tat, war sie fern meines Bewusstseins, in körperliche Symptome umzuwandeln, wie die Magen-Darmprobleme, die ich entwickelte und über die Jahre kamen noch viele weitere körperliche Beschwerden hinzu. Und genau das meine ich, wenn ich sage, du hast mich nie gesehen, mich nie wirklich wahrgenommen. Du hast mich, mein Leid und meine Gefühle unsichtbar gemacht. Damit hast du meinen Selbstwert klein gehalten, mir vermittelt ich sei falsch so wie ich bin. Das ist unfassbar kränkend für ein Kind. Und das war der Nährboden dafür ein Mädchen zu verletzen, es sexuell zu missbrauchen, weil du mir damit die Möglichkeit nahmst, mich an jemanden zu wenden, mich an dich zu wenden. Für mich fühlt sich das an, als hättest du mich als deine Tochter damit nie wirklich angenommen, mich verstoßen, weil ich bei dir nie sein durfte, so wie ich nun mal war. Weil meine Gefühle dir immer zu viel waren. Du fandest keinen Umgang mit mir und konntest dadurch auch keine tragfähige Beziehung zu mir aufbauen. Wie soll denn ein Kind seine Gefühle aushalten, wenn sie die eigene Mutter nicht aushält? Wenn die Mutter mit kalter Hilflosigkeit reagiert, wird das zur Hilflosigkeit der Tochter, die sie dann noch zusätzlich tragen muss, wo sie doch eigentlich Hilfe gebraucht hätte. Mama du kennst mich nicht, du hast mich nie gekannt und du wolltest mich auch nie kennenlernen. Vielleicht würde das heute auch gar keine so große Rolle mehr spielen und vielleicht, nur vielleicht hätte ich mit dir heute noch Kontakt, wenn es für mich keinen sexuellen Missbrauch gegeben hätte. Doch den gab es und diese tiefe Wunde wurde mit dir erst möglich, denn du hast mich mit deinem Verhalten ins Messer laufen lassen. Die Wunde, die daraus entstand, konnten bis heute nicht heilen. Wenn du einen ganz fassbaren Grund dafür willst, warum ich dich nicht mehr sehen möchte, dann ist das dieser, lass es mich noch genauer erklären.

... Fortsetzung in Teil 2

*Namen unkenntlich gemacht

Ein Kommentar Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.