Die Tür wieder schließen

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Vor acht Wochen öffnete sich eine Tür.

Ich wollte, dass sie sich öffnet. Ich wollte hinsehen, aufräumen, verarbeiten – nachdem meine Weiterbildung Ende August vorüber war, hatte ich mir vorgenommen die folgenden Monate meiner Gesundheit und meinen persönlichen Zielen zu widmen. Ich war im totalen Aktivitätsmodus und guter Dinge.

Ich entspannte mich, widmete mich mir selbst, nahm mich stärker wahr, öffnete die Tür zu weggeschobenen Gefühlen, betrachtete meine Bewältigungsstrategien und ließ Gedanken an verschiedenste Momente meines Lebens wieder zu, ohne sie aktiv wegzuschieben. Und dann – vollzog sich das Leben um mich herum in einer Weise, die mir nicht gut tat. Das Resultat: es zog sich mir, ohne dass ich es hätte kontrollieren können, der Boden unter den Füßen weg.
Und sie war wieder da: die Depression. Unkontrollierbar.

Zu meinem Glück konnte ich jede Woche zu meinem Therapeuten gehen. Ein Segen in dieser Zeit und ich glaube diese Zeit wäre ganz anders verlaufen ohne diese Begleitung.

Vor einiger Zeit schrieb ich darüber, dass ich die starken Depressionen seit sehr langer Zeit hinter mir gelassen habe. Also die Depressionen mit All-Inclusive-Standard: Dunkelheit, Leere, starke innere Schmerzen, Suizidwünsche. Und nun – waren sie doch wieder da. Soviel zu Prognosen…

Jetzt, acht Wochen später, geht es mir wieder sehr viel besser – ohne medikamentöse Hilfe, Klinikaufenthalt oder ähnliches, was eine gewisse Zeit nicht absehbar war. Und jetzt möchte ich diese Zeit ein bisschen Revue passieren lassen und wieder anfangen zu schreiben.

Der Beginn des tiefen Falls wurde vor allem ausgelöst durch eine Kombination aus Entspannung, dem Wahrnehmen und Zulassen tiefer, älterer Gefühle, dem Erspüren meines Kern-Selbst in der Traumatherapie und der zugehörigen Sensibilität in Verbindung mit sich zeitgleich vollziehenden zwischenmenschlichen, sozialen Enttäuschungen. Ich schaltete in dieser Zeit den Mechanismus der ständigen Aktivität und des Funktionierens, der einhergeht mit einer gewissen Gefühlsstumpfheit, mehr und mehr aus. Doch neben den schönen Dingen, die sich mir dadurch wieder eröffneten, trafen mich andere, unschöne Dinge nun umso mehr.

So wurde ich erneut nicht in Läden hineingelassen aufgrund meiner Maskenbefreiung (obwohl ich ein Tuch vor Mund und Nase hielt), in anderen lagen verächtliche Blicke auf mir, ich hörte Menschen darüber reden, wie unmöglich mein Verhalten sei, und kaum jemand fragte einfach nett nach, warum ich denn keine Maske trug. An vielen Kassen musste (und muss) ich mir mit herablassender, teilweise wütender Tonlage anhören, dass ich gefälligst eine Maske aufsetzen solle. Und selbst wenn ich sage, dass ich eine ärztliche Befreiung habe, werden diese Menschen in ihrer Tonlage nicht netter oder entschuldigen sich gar für ihre Voreingenommenheit. Als ich in einem Laden beschimpft wurde, ging ich wieder zur Polizei. Dort teilte mir ein Polizist mit, dass meine frühere Anzeige gegen den Geschäftsführer von Fielmann nicht mehr vorhanden sei (hier könntest du den entsprechenden Beitrag nochmal nachlesen). Als ich genauer nachfragte, sagte man mir, dass sie die Anzeige einfach gelöscht hätten! Ich bin fast vom Glauben abgefallen. Außerdem erhielt ich die Aussage, dass sie von mir keine weitere Anzeige entgegennehmen würden. Der Polizist war in diesem Gespräch nicht nett, eher unhöflich und barsch. Ich hatte keine Chance und dass obwohl Menschen mit Behinderungen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) eine gesetzliche Grundlage zur Sicherung der Teilhabe am öffentlichen Leben haben. Aber in dieser hitzigen Zeit, rund um Corona, interessiert das nicht, so wurde mir dies mit einem Verweis auf das „Hausrecht“ der Ladenbesitzer*innen vermittelt. Ich verlies das Polizeirevier und fühlte mich wieder wie in meiner Kindheit. Auch wenn mir dieses Recht auf Teilhabe auf Grundlage der Menschenrechte zustand, konnten Menschen ihre Position und ihre Macht missbrauchen, um ihre Meinungen durchzusetzen, vollkommen egal welche Opfer dafür gebracht werden. Ich weinte viel, bekam kaum Luft und Panikattacken. Es dauerte Stunden, bis ich wieder einigermaßen klar denken konnte. Ich hatte panische Angst davor, was in den nächsten Monaten auf mich zukommen würde. Nach der Aussage des Polizisten zum „Hausrecht“ der Ladenbesitzer*innen konnte es gut sein, dass ich demnächst nicht mehr in Lebensmittelgeschäften einkaufen kann. Ich wäre vollkommen davon abhängig, dass andere Menschen für mich einkaufen gehen. Ohne Familie und soziale Kontakte ist dies jedoch kaum möglich, auch wenn ich um ein bis zwei Menschen weiß, die mir in einer solchen Notlage helfen würden. Am gleichen Tag hatte ich einen Termin bei meinem Therapeuten. Ich konnte kaum sprechen und es gab für dieses Problem einfach keine Lösung.

An dem folgenden Wochenende kam erschwerend hinzu, dass ich mit ein paar Freunden aufs Land fuhr – eigentlich, um mich zu erholen. Leider was das Wochenende alles in allem nicht erholsam, sondern eher das Gegenteil, da das unsoziale Verhalten einer Freundin fast das Wochenende gesprengt hat. Ich bin seitdem nicht mehr mit dieser Person befreundet. Das Verhalten war einfach zu schlimm und hat letztendlich auch eigentlich nur das soziale Miteinander zu Tage getragen, was ich viele, viele Jahre toleriert habe, obwohl es mir damit immer schlecht ging.

Es passierten in dieser Zeit noch zwei andere Sachen, die das egoistische und unsoziale Verhalten von Menschen offen darlegten, und dann tauchte ich nicht mehr aus meiner dunklen Tiefe auf.
Ich war zutiefst enttäuscht von den Menschen. Ich fühlte mich klein und unglaublich macht- und wertlos in meinem eigenen Leben. Ich konnte mich kaum bewegen, mich nicht mehr an den Computer setzen und hatte Angst vor sozialen Kontakten. Dazu kam, dass ich Fotos einer Familienfeier online einsehen konnte, an der ich natürlich nicht teilnehmen konnte, da ich keinen Kontakt zu meiner Familie habe. Das stach auch nochmal tief ins Herz. Dennoch konnte ich morgens immer noch aufstehen. Das änderte sich, als die Gedanken an den Tod eines mir sehr wichtigen Menschen immer drängender wurden. Dieser Mensch ist vor knapp 10 Jahren tödlich verunglückt und ich habe ihn sehr geliebt. Zu der damaligen Zeit dachte ich bereits fast 15 Jahre, dass dieser Mensch sowas wie mein Seelenverwandter ist. In Zeiten, in denen ich mich sehr einsam und klein fühle, tauchen die Gedanken an ihn immer wieder sehr drängend auf. Ich wünsche mir dann mit ihm reden zu können. Vor allem, weil er ein sehr starker Mensch war, voller unerschütterlichem Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit, Mut, Ausdauer und Willenskraft. Er war ein Mensch, dem es egal war, was andere von ihm dachten und der sich dafür einsetzte was ihm wichtig war. In schlechten Zeiten erinnerte er mich immer an meine Mitte, an meine Kraft und mein Vertrauen in mich selbst. Deshalb tauchen die Gedanken an ihn wahrscheinlich auch immer wieder auf in sehr schweren Zeiten. Doch bevor mich diese Gedanken wirklich durchdringen können, bin ich ohnmächtig vor Schmerz über diesen Verlust. Das ist ein Thema, dass ich sonst nicht viel zulasse und dieses Mal, unter diesen Umständen, riss es mir endgültig den Boden unter den Füßen weg. Diese Dunkelheit habe ich lange nicht mehr gesehen.

Ich dachte, dass wenn ich die Gefühle zulasse, auslebe, dann hätte dies eine heilsame Wirkung. Aber es war teilweise einfach zu schmerzhaft – ich wollte nur noch, dass es aufhört. Auch wenn das Wahrnehmen und Zulassen meiner Gefühlen bestimmt eine heilsame Wirkung hatte, wusste ich bald, dass es so nicht weitergehen konnte. Es waren nun fast vier Wochen. Und ich bin eben nicht allein und habe ein fünfjähriges Kind und damit auch eine dahingehende Verantwortung. Mein Kind war in dieser Zeit viel bei dem Vater und ich bekam immer mehr Angst davor, für Monate in eine Klinik zu müssen. Ich sah den Wald schon nicht mehr vor lauter Bäumen, wie man so schön sagt.

Also sprach ich mit meinem Therapeuten was für einen Weg ich nun einschlagen müsse.

Und da beschlossen wir erstmal wieder an meine früheren Bewältigungsstrategien anzuknüpfen: Aktivität, Aktivität, Aktivität, und das Schließen der Tür, die das Tor zu vielen meiner tiefen Gefühle darstellt. Der Tür, die meine Sensibilität und den Tod wieder mit voller Wucht in mein Leben hineinkatapultiert hat. Wir beschlossen, dass diese Tür nur einmal die Woche bewusst geöffnet wird: in der Therapiesitzung.

Also bemühte ich mich wieder in meine vorherige Verfassung zu gelangen, aber das war schwerer als gedacht. Die innere Schwere und Lethargie ließen mich kaum los. Ich brauchte fast zwei Wochen, jeden Tag mit ganz kleinen Schritten, um wieder so etwas wie Freude und Lebenslust zu spüren. Was mir dabei half? – Filme und Serien. Ich tauchte in andere Welten und Lebensvorstellungen ab, konnte herzhaft lachen und fand so wieder Zugang zu positiven Gefühlen. Also konsumierte ich diese teilweise exzessiv. Und es funktionierte. Nach und nach trugen sich diese Gefühle auch wieder in mein Leben und ich fing an ein paar Pläne zu schmieden – für den Tag, die Woche, die Zukunft. Ich traf mich wieder mit Freunden, ging spazieren und merkte wie gut mir soziale Kontakte tun. Sie belebten mich.

Und so sehe ich, dass (gesunde) soziale Kontakte und positive Erlebnisse der Dreh- und Angelpunkt einer gesunden Lebensweise für mich sind. Es sind die Umgangsweisen, die sozialen Kontakte, das Miteinander, die Qualität der Interaktionen, die uns Menschen krank machen können, uns herunterziehen und zu Boden drücken, die Tür zu dunklen Orten in der Tiefe der Seele öffnen können – so wie bei mir am Anfang dieser Episode.

Und ich komme wieder mal zu der Einsicht – es ist nicht alles leicht erklärbar in schwarz-weiß. Es sind viele verschiedene Einflüsse, die unser psychisches Wohlbefinden in der Wage halten. Und wenn uns einige davon Schmerzen bereiten, sich nicht regenerieren oder reparieren lassen, dann kann es kippen, einfach so. Ein Konglomerat aus sozialen, psychischen, physischen und umweltbedingten Einflüssen… Ja, einfach wäre so schön, ist es aber leider nicht…

Auch wenn ich immer noch nicht ganz über den Berg bin, merke ich, mit Geduld, ohne Druck und den richtigen sozialen Kontakten sowie der Vermeidung von unsozialen Kontakten, wie sich wieder das Licht am Horizont für mich eröffnet.
Wie bei anderen Erkrankungen auch, so spüre ich auch in diesem Fall, dass noch keine großen Sprünge möglich sind. Es sind kleine Schritte, Tag für Tag, an denen ich versuche alles von mir mitzunehmen: Körper, Geist und Seele.
Und was in ihren Tiefen, hinter der nun wieder verschlossenen Tür, immer noch verborgen liegt, werde ich nach dieser Erfahrung wohl nur noch wohlproportioniert herauslassen – in meiner Therapie.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Alles Gute dir und gute Erfolge bei der Heil-Werdung. Segen!

    Gefällt 1 Person

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Vielen Dank Monika-Maria…

      Gefällt 1 Person

  2. tina von traumaleben sagt:

    Sehr eindrücklich, berührend und plastisch beschrieben… Das mit dem Verlust des lieben Menschens tut mir sehr Leid, es ist gut nachvollziehbar, dass dieser in schweren Zeiten besonders fehlt… Und diese tiefe Enttäuschung von (ehemals) nahestehenden Menschen kann ich leider auch sehr gut nachfühlen, da gab es bei mir nämlich in diesem Jahr sehr viele Brüche – das ist wirklich schwer. Die Sache mit der Diskriminierung im Kontext Maske lässt mich allerdings immer wieder ziemlich fassungslos zurück. Generell finde ich, dass bei einigen der Coronamaßnahmen anmaßend und unreflektiert von irgendeiner „Mehrheits- oder Normgesellschaft“ ausgegangen wird, die eher den privilegierteren Bevölkerungsanteile entspricht… Das macht mich ziemlich wütend und ich verstehe auch nicht, wie davon ausgegangen werden kann, dass absolut jeder „einfach so“ problemlos MNS tragen kann. Auch ich hatte anfangs große Probleme damit, mittlerweile kann ich sie zwar sogar für eine Vorlesungslänge beinahe problemlos tragen, aber auch nicht, wenn ich panisch oder in Angstzuständen bin. Wie auch immer, ich wünsch dir noch ganz vieeel Kraft und einen hoffentlich angenehmen Abend! Die richtigen sozialen Kontakte sind für mich auch immer wieder Gamechanger, wohingegen die „falschen“… naja mich eben fallen lassen…

    Gefällt 2 Personen

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