Freundschaften & Verletzungen


Beitrag von Nicole
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⏱ Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

In diesem Jahr habe ich Freundschaften beendet.

Nicht Hals über Kopf – oder aus einer Laune heraus.

Nein, wohl überlegt und auch schweren Herzens.

Ich brauche lange bis ich eine enge Freundschaft aufgebaut habe und lege eigentlich auch viel Wert darauf diese zu behalten. Sie sind für mich ein großes Stück meines sozialen Kuchens – sogar sowas wie Familie.

Aber dieses Jahr war heftig, in vielerlei Hinsicht. Vor allem in Bezug auf meine Erfahrungen in der Therapie und was meine Psyche, mein Kopf, mein Körper gelernt haben.

Da ich mich aufgrund meiner traumatischen Erfahrungen chronisch einsam und als „nicht genügend“ empfunden habe, war ich auch angewiesen auf soziale Kontakte, auf Freundschaften, die mir das Gefühl gaben irgendwo dazuzugehören. Ich gehörte in all den Jahren immer irgendwo dazu – und doch nicht wirklich. Oft war ich einfach nur „der komische Vogel“ dazwischen mit dem man viele kreative, spontane und auch verrückte Sachen machen konnte. Das ist ja auch ein großer Teil meiner Selbst. Aber einen anderen großen Anteil musste ich meist hinten anstellen, wenn nicht sogar verstecken. Daher fühlte ich mich eigentlich bei sehr vielen dieser Freundschaften nie vollends verstanden. Gerade was meine psychische Beeinträchtigung angeht, musste ich immer wieder über die letzten 30 Jahre feststellen, dass sogar sehr gute (ehemalige) Freunde dies nicht verstehen wollten. Ja – wollten. Denn ich gab ihnen allen die Möglichkeit es zu verstehen, darüber zu berichten wie es ist damit zu leben.

Eine sehr interessante Situation, zumindest rückblickend, habe ich erlebt als ich ca. 16 Jahre alt war. Ich hatte damals eine beste Freundin. Wir haben uns immer ganz schrecklich vermisst, wenn wir nicht beieinander waren und mochten uns einfach sehr. Ich fuhr in einem Sommer mit ihr und ihren Eltern in den Urlaub. Sie hatte sehr sympathische Eltern und erhielt viel Liebe und Aufmerksamkeit… Also irgendwie vollkommen anders als bei mir zu Hause. Und in diesem Urlaub konnte ich meine Beeinträchtigung, die damals schon sehr stark ausgeprägt war, nicht mehr verstecken. Ich hatte zu der Zeit immer wieder starke Depressionen, was sich auch einfach in dem wiederfand was ich so erzählte. Als die Eltern meiner Freundin mitbekamen, dass ich immer wieder von Sinnlosigkeit bis hin zu dem, dass ich am liebsten manchmal „von dieser Erde verschwinden“ möchte sprach – war es nicht so, dass sie sich mit mir zusammen hinsetzen und wir darüber sprachen – Nein. Sie redeten auf meine Freundin ein, dass der Kontakt zu mir nicht gut sei und sie ihn doch besser abbrechen solle…
Was das bedeutet, welches verantwortungslose Verhalten die Eltern dort gezeigt haben ist mir erst viele viele Jahre später wirklich bewusst geworden…

Aber, ja, was soll ich sagen, es war zum einen kein wirkliches Interesse vorhanden und zum anderen war es für viele vllt. auch zu belastend, sich mit all dem wirklich auseinanderzusetzen. Und so blieb es letztendlich doch meist nur in mir und etwas, dass ich nicht teilen konnte mit meiner Umwelt. Daher fühlte ich mich immer wieder entfernt und fremd – sogar unter sehr guten Freunden.

Dafür hatte ich aber ab Mitte 20 auch immer freundschaftliche Beziehungen zu Menschen, die ebenfalls unter psychischen Beeinträchtigungen litten. Da fühlte ich mich sehr verstanden, das war wohltuend. Diese traf ich aber eigentlich nicht im Studium oder wenn ich arbeitete. Und das waren nun mal viele Jahre die hauptsächlichen Aktivitäten meinerseits.

Wie ich mich in den symbolisch genannten „zwei Welten“, also psychisch Gesunde in der einen und psychisch beeinträchtigte Menschen in der anderen, gefühlt habe in meiner Vergangenheit, habe ich in dem Artikel „Zwischen den Welten“ bereits thematisiert. Schau da doch einfach vorbei, wenn Dich der Drahtseilakt interessiert.

Was Freundschaften alles für mich bedeuten, welchen Platz sie in mir einnahmen, welche Sehnsucht sie zum Teil auch füllen sollten, habe ich nun in der Traumatherapie erst wirklich verstanden. Das Eingebundensein in ein soziales Miteinander ist für den menschlichen Körper über längere Sicht lebensnotwendig. Wenn dieses Bedürfnis lange nicht erfüllt wird, wird unsere Gesundheit zumindest psychisch in Mitleidenschaft gezogen. Da ich als Kind mit meiner Persönlichkeit, meinen Bedürfnissen und Vorlieben nicht so eingebunden war in eine Gemeinschaft, wie ich es für eine gesunde Entwicklung benötigt hätte, ist ein riesiges Loch in mir entstanden, dass ich immer versuchte zu füllen – vor allem mit Freundschaften…
Dadurch, dass ich den zwischenmenschlichen Austausch, das einfache Beisammensein so dringend benötigte – sah ich über so viele Sachen immer wieder hinweg über viele Jahre, die mich eigentlich verletzten.

Erst wenn ich Verhaltensweisen gar nicht mehr ertragen konnte, aber das dauerte meinst Monate bis Jahre, traute ich mich zu meinem eigenen Schutz diese Freundschaften zu beenden. Aber es waren dennoch nur die Extreme, die ich aus meinem Leben verband habe – viele Freundschaften und verletzende Verhaltensweisen blieben weiter bestehen – um der Nähe willen.

Aber in diesem Jahr sollte dann damit Schluss sein. Nicht weil ich eines Morgens aufgestanden bin und beschlossen habe ein anderes Leben zu führen (was meiner Meinung nach auch gar nicht möglich ist), sondern weil ich in der Therapie die schmerzlich vermisste Nähe und Selbstliebe zu mir selbst aufbauen konnte. (In der #EMDR-Reihe findest Du dazu einiges…)

Und umso sicherer ich mich innerlich fühlte, um so erschrockener war ich über all die Dinge, über die ich immer hinweggesehen habe, obwohl sie solidarisch und menschlich gesehen einfach so egoistisch und falsch waren – und sich auch immer wieder wiederholten.

Auch in diesem Jahr wurde ich wieder ausgenutzt bzw. habe mich wieder ausnutzen lassen. Es ging mir (für alle ziemlich offensichtlich) nicht gut und ein paar Freunde nahmen keine Rücksicht oder gar Notiz davon und spannten mich noch in Fahraktionen ein; der zu machende Abwasch oder das Abräumen des Geschirrs in einem Kurzurlaub war einer Freundin die Sprengung des ganzen Wochenendes wert – obwohl ein paar kleine Kinder involviert waren und eine diesbezügliche Verantwortung eigentlich klar im Raum stand. Aber die betreffende Freundin hat kein kleines Kind und weiß um diese Verantwortung vllt. auch nicht, auch wenn Empathie da eigentlich reichen sollte. All solche Sachen führten im Zusammenhang mit meiner Therapie zu eindeutigen und klaren Entscheidungen in meinem Inneren.

Auf einmal hatte ich keine Angst mehr langjährige Freundschaften zu beenden, die mir schon lange nicht mehr gut taten – und das tat ich auch. Ich hatte bereits oft auf verletzende Verhaltensweisen hingewiesen und dennoch änderte sich nicht wirklich viel. Natürlich liegt auch eine Verantwortung für all das, was geschehen ist, bei mir – ich hätte viel früher klar und deutlich sagen sollen, was für mich geht und was nicht. Das tut mir auch leid. Es war mir nicht möglich, denn ich war noch nicht bereit diese sozialen Beziehungen aufzugeben.

Aber letztendlich habe ich jetzt keine Angst mehr – dank meiner Therapie. Ich fühle mich nun „bewohnt“ und erfüllt. Nun kann ich genau sagen, was für Verhaltensweisen ich in meinem privaten Leben haben möchte und welche nicht. Diese unstillbare Sehnsucht ist weg, ich kann nun selbstbestimmter reagieren und bin sehr glücklich darüber.

Natürlich bleibt eine Sehnsucht nach gewissen Anteilen von früheren Freundschaften. Ich vermisse bei der einen ehemaligen Freundin ihre verrückte und kreative Art und Weise, die uns so sehr miteinander verband, bei der anderen ehemaligen Freundin unsere Gespräche und das Beisammensein auch ohne Worte, und bei wieder einer anderen ehemaligen Freundin vermisse ich die schlagfertige, freche, mutige Art. Und da gibt es noch viele andere Dinge von anderen Personen. Ja, ich vermisse viel. Aber es ist wie in dem Artikel „Geburtstag“ schon einmal beschrieben:
Es fühlt sich ein bisschen an wie eine Tragödie, in der zwei geliebte Werte um den einzig vorhandenen daseinsberechtigten Platz ringen, nach deren Ringen ein Wert untergehen muss, damit der andere bestehen bleibt. Mit der Entscheidung für mich, einen wohlwollenden und liebevollen Umgang mit mir selbst und einer gewaltärmeren und gesünderen Lebensweise, mussten einige Freundschaften leider gehen, auch wenn sie von vielen tollen, mitreißenden, freudigen Momenten gekennzeichnet waren. Aber beides zusammen war nach langem Ringen nicht vereinbar miteinander.

Daher möchte ich auch sagen: Ich vermisse Euch – auch wenn wir unser Leben gerade nicht weiter zusammen gehen können. Ich liebe viele Erinnerungen und werde sie immer in meinem Herzen tragen…

Und so hoffe ich letztendlich allen Bedürfnissen und Gefühlen in mir gerecht zu werden, denen, die sich nach solidarischen und liebevollen Umgangsweisen, ohne ständige Verletzungen, sehnen und diejenigen, die trotz meiner Entscheidungen Momente der großen Vermissung erleben…

Ja, ihr dürft alle da sein…

Ich musste es in und außerhalb von mir nur ein bisschen neu ordnen…


Noch ein kleiner Nachtrag zu gelingenden Freundschaften und der Absprache von Gefühlen

In „Zwischen den Welten“ beschrieb ich, wie ich die Freundschaft zu einer ebenfalls von psychischen Beeinträchtigungen betroffenen Person im Juli beenden musste, weil diese immer wieder unglaublich viel Raum einnahm und sich über meine persönlichen Grenzen hinwegsetzte. Und nach einer erneuten Aussprache und der Annahme, ihrerseits, dass ich Grenzen äußern darf, ohne gleich egoistisch und narzisstisch zu sein, und sie versucht diese besser einzuhalten, gehen wir wieder zusammen unseren Weg.

In unseren Gesprächen kamen wir dann immer wieder darauf, was Grenzen eigentlich bedeuten und wie damit in unserer Gesellschaft oft umgegangen wird…

In diesem Zusammenhang ist mir aufgefallen, wie oft Menschen eigentlich dafür gerügt werden, wenn sie anderen ihre persönlichen Grenzen aufzeigen…

Als wenn man sich nicht über verletzendes und grenzüberschreitendes Verhalten beschweren darf – da werden Menschen doch glatt immer wieder für ihre Beschwerden sozial sanktioniert (z.B. ausgeschlossen, angeschimpft, ignoriert).

Diese Freundin und ich redeten eine Weile darüber und kamen zu dem Schluss, dass wir schon in unserer Kindheit beigebracht bekommen haben, dass wir eher ruhig sein und Dinge über uns ergehen lassen sollten und uns schon gar nicht über verletzende Verhaltensweisen unserer Eltern beschweren durften.

Immer wieder ist mir in diesem Zusammenhang aufgefallen, dass ich in Freundeskreisen, wenn ich etwas bei verletzenden Verhaltensweisen ansprach oder mich irgendwann darüber aufregte, als „theatralisch“, „übertrieben“, „dramatisch“ oder „autoritär“ beschimpft wurde…
Das finde ich so schlimm.
Was für eine verdrehte Logik herrscht da in vielen Menschen (gesunde und erkrankte) vor, dass das Ansprechen von Gefühlen und Verletzungen dann niedergeredet und damit auch nicht ernst genommen wird.

Eigentlich werden mit solchen Reaktionen den Menschen ihre Gefühle und damit auch ihre Würde abgesprochen…

Und mehr ist dazu eigentlich auch nicht zu sagen.

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