#Mobbing: Auswirkungen von Gewalt


Beitrag von Gastautor*in Nele
photo by Isabella Mariana on Pexels.com (verändert)
⏱ Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Der Albtraum fing kurz nach der Umschulung zur weiterführenden Schule an.

Ich war gerade mal 10 Jahre alt.

Mein Leben war bis dahin schon nicht immer einfach gewesen, da ich durch eine Sprachentwicklungsstörung schon 2 Kindergärten besucht hatte und 2 Grundschulen. Ich war also immer ein wenig die Außenseiterin und trotzdem nie alleine. Ich hatte sowohl im Kindergarten als auch Grundschule meine 2-3 festen Freundinnen. Doch dazu gehören tat ich nie wirklich. Als ich dann die Grundschule verließ und mit meiner besten Freundin auf die weiterführende Schule wechselte, war zunächst alles gut. Ich fand neue Freunde, ich war zwar nie super integriert, hatte auch nie das Gefühl richtig zu der Klasse dazuzugehören, aber die ersten Wochen war alles gut. Doch das Klassengefüge war von Anfang an sehr gespaltet und einige Jungs fanden es lustig mich zu ärgern.

Damit fing das Mobbing an.

Körperliche und verbale Gewalt waren dann über 4 Jahre mein täglicher Schulalltag. Drohungen jeglicher Form waren normal, ja auch Morddrohungen. Mit gerade mal 10 Jahren fing es an, dass ich verbal fertig gemacht wurde, mit 10 Jahren fing es an, dass ich gejagt und geschlagen wurde, von einen, von 2 und von 3 Schüler*innen und mehr. Ja, eine Gruppe Jungs auf ein einzelnes Mädchen. Den Anfang machten ein paar Jungs aus der Klasse, doch recht schnell entwickelte sich daraus eine Dynamik und es machten immer mehr mit.

Die bekannte Macht einer Gruppe.
Meine wenigen Freundinnen wandten sich ab, zum Teil aus Angst auch ein Opfer zu werden.

Mein Alltag – tägliche Angst vor der Schule, tägliche Angst vor weiterer körperlicher und seelischer Gewalt und das so lange. Ich war der Klasse schutzlos ausgeliefert, 4,5 Jahre und das obwohl viele Lehrer*innen all das mitbekommen haben. Ja, sie haben die ganzen Jahre zugesehen, all die Jahre nicht reagiert, obwohl ich mich mehrfach hilfesuchend an sie gewendet hatte. Keiner sah sich in der Verpflichtung etwas dagegen zu tun. Viel schlimmer noch, einige Lehrer*innen nahmen dies als Anlass mitzumachen. Ja, auch Lehrer*innen haben das Mobbing angetrieben und verschlimmert. Denn es ist ja ein cooles Gefühl von Schüler*innen angesehen und gefeiert zu werden, selbst wenn dies ein großes Leid für eine einzelne Jugendliche bedeutet. Meine Eltern haben aus der Ferne den Ernst nie erkannt oder gar erkennen können. Es gab mehrfach den Austausch seitens meiner Eltern mit den Lehrer*innen, doch jeder spielte es runter und meinten sie würden sich kümmern. Ich verriet ihnen aus Angst und Scham auch nicht alles, ich verriet zunächst nur kleinere Ärgereien, die in der Summe zwar schlimm waren, aber erstmal einzeln nichts Bedrohliches darstellten und auch den Ernst der Lage nicht signalisierten. Natürlich haben meine Eltern auf die kleinen Ärgereien mit den Aussagen reagiert, dass ich es ignorieren solle, dann würde den anderen schon langweilig werden. Langweilig wurde den Täter*innen jedoch nie und ich habe gelernt alleine mit dem Problem zu sein und schluckte mein Leid immer tiefer runter.

Meine Eltern erzählte ich nichts mehr, da dies und auch die Gespräche mit den Lehrer*innen das Ganze verschlimmerte.

Die Täter*innen haben es über die Jahre geschafft mich so massiv unter Druck zu setzen, dass ich kein Wort mehr darüber verlor, sie haben es geschafft, dass ich kein Selbstwertgefühl entwickeln konnte, dass ich immerzu das Gefühl hatte, dass ich so wie ich bin nicht gut bin und vieles mehr. Sie haben mir die schlimmste Zeit meines Lebens beschert.

Ich wurde krank.

Psychisch wie auch körperlich, denn eine chronische Hilflosigkeit begleitet mich seither. Ich entwickelte erst eine massive Migräne, die psychosomatisch verursacht war und ich deshalb mindestens 1x pro Woche durch Migräne aus der Schule bleiben musste. Dies war natürlich für meine Eltern keine Option, denn auch die Noten litten zusehend und durch die Empfehlung meiner Kinderärztin sind wir in eine psychosomatische Schmerzklinik, um dies abklären zu lassen. Bis dahin war meinen Eltern nicht klar was die Ursache war, sie dachten die Migräne sei genetisch, denn meine Mutter litt selber seit ihrer Jugend daran. Doch das erste Mal nach 4,5 Jahren, hatte ich das Gefühl ansatzweise mal verstanden zu werden, das erste Mal, dass jemand erkannte, wie es mir in der Schule erging. Denn ja, ich war seit langem (ab dem ca. 13. Lebensjahr) akut suizidal, ich wusste, wie und wo ich mich umbringen werde und ich bin mir sicher, hätte ich damals nicht mein Hobby als Halt gehabt, wäre ich heute nicht mehr hier. Die Klinik öffnete meinen Eltern die Augen, sagte ihnen ganz klar, dass sie handeln müssen und ich endlich die Schule wechseln muss, sonst würde ich das nicht überleben. Da war der Tag, der Tag der mir endlich ein wenig Hilflosigkeit nahm, doch tiefe Narben blieben.

Viele Jahre war das Trauma vollständig verdrängt, mein Glück – was meine schulische Laufbahn betraf, ich habe meinen Abschluss und meine Fachhochschulreife noch abschließen können. Doch nach dem Versuch eine Ausbildung zu starten, brach die Psyche zusammen. Das Trauma kam langsam in Bruchstücken wieder – in Erinnerung. Bis heute weiß ich, dass die Erinnerungen nur ein kleinerer Teil von dem ist, was ich wirklich erleben musste. Doch allein dieser kleine Teil quält mich tagtäglich und schränkt mich sehr ein.

Ich bin 22 Jahre alt und kann bislang keine Ausbildung oder Studium machen, da alles was mich an Schule erinnert sehr triggert!

Ich leider unter verschiedenen dissoziativen Störungen, darunter auch Krampfanfälle. Flashbacks und embody memories, sowie dissoziative Anfälle sind mein tägliches Brot. Alles, was mein Leben sehr beeinträchtigt und erschwert – nur weil es lustig war eine Mitschülerin über Jahre zu ärgern und zu misshandeln.
Es ist ja cool zu zeigen, wie cool man ist, wenn man andere fertig macht. Es ist cool, wenn andere einen feiern, weil man jemanden zusammengeschlagen hat und den Kampf natürlich gewonnen hat. Es ist cool jemanden so schutzlos und leidend zu sehen.
Doch keiner hat bis heute eingesehen was sie mir damit angetan haben. Die, die mir das Leben über Jahre zum Horror gemacht haben, haben es geschafft mein Leben bis jetzt stark zu beeinflussen. Während diese Personen durch Welt reisen, feiern gehen, studieren, Ausbildungen absolvieren, Freunde treffen, frei und unabhängig sein können und nicht mehr an die Zeit von damals denken, sitze ich hier in meinen 4 Wänden und habe täglich Angst, Angst um mein Leben, Angst, weil ich tagtäglich diese Situationen wieder durchlebe. Ich hatte dank dieser Menschen nicht die Chance mein Leben bis jetzt zu genießen, sondern durfte seit meiner Kindheit um das Überleben kämpfen.

Ich habe mit meiner Geschichte nie abschließen können, zu viel ist passiert, doch eins habe ich in den ganzen Jahren erkannt und gelernt, meine Eltern trifft hier nur ganz wenig bis gar keine Schuld. Schließlich sind die Eltern nicht dabei, sie können nur das mitbekommen, was wir ihnen als betroffene Person preisgeben. Ich war immer ein schwieriges Kind, ich war aber auch immer stark und hatte schnell gelernt eine perfekt sitzende Maske aufzusetzen. Eine Maske, die so perfekt ist, dass kaum einer dahinter blicken konnte, nicht mal die engsten Menschen. Ich gebe hier ganz klar der Schule, den Lehrer*innen und den Täter*innen die Schuld für das Ausmaß und den langen Zeitraum, in dem ich all das ertragen musste.. Aber auch meine Ärzt*innen, an die ich mich wandte, als es mir in meiner Jugend nicht gut ging, sie wussten, dass ich suizidal war – aber keiner von denen reagierte, oder informierte meine Eltern. Keiner. Meine Eltern wurden von allen, inklusive mir (weil ich mich natürlich alleine gelassen gefühlt habe, auch wenn sie es nie wirklich getan haben, denn woher sollten sie wissen, dass ich ihre Hilfe so dringend gebraucht hätte), über Jahre im Dunkeln stehen gelassen, 4,5 Jahre lang – bis der Ernst erkannt wurde und sie informiert wurden. Sie hätten sicherlich nicht gewollt, dass das Ganze so endet und ich weiß heute, dass sie früher reagiert hätten, wenn sie es gewusst hätten. Doch ich war ja erst ein Kind, was mit der Situation überfordert war, ich war stark und somit schluckte ich – mein Weg, meine Option, dachte ich damals dies zu überleben, alles andere machte es ja schlimmer. Doch heute weiß ich aus erwachsener Sicht, dass dies der falsche Weg war, aber als Kind konnte ich so noch nicht denken.

Was möchte ich dazu noch sagen:
Ich möchte, dass das Thema Mobbing endlich wirklich beim Kern erkannt wird.

Mobbing ist schlimm, Mobbing macht krank.

Doch wir sollten uns in der heutigen Zeit noch mal Gedanken machen, was Mobbing wirklich bedeutet. Nicht nur ab wann wir von Mobbing sprechen, sondern auch was Mobbing wirklich verursacht? Kaum einer kann sich vorstellen, was es bedeutet so viele Jahre hilflos zu sein und auf allen Ebenen gedemütigt zu werden. Mobbing heißt nicht, dass man mal von der einen oder anderen Person geärgert wird, nein hinter Mobbing steckt weitaus mehr und richtet weitaus mehr an, als viele glauben.

Ich möchte hiermit jeden Menschen bitten sich mal an die eigene Nase zu fassen, dass jeder nochmal darüber nachdenkt, was tue ich ggf. mit meinem Verhalten anderen an. Kann ich als außenstehende Person helfen? Und wenn nicht, kann ich Hilfe holen? Betroffene können aus vielen Gründen nicht immer in der Lage dazu sein.

Jeder der die Opferrolle hat, bitte bitte öffnet euch jemanden, weiht jemanden ein, bittet um Hilfe und wenn dies mehrfach bei verschiedenen Leuten passieren muss, bis einer hilft.

Ihr seid damit nicht alleine!!!

Schlucken, aushalten und runterspielen ist keine Lösung, es macht es schlimmer!!!

Nele


Instagram: helfende_pfote_amy

Mein Name ist Nele 22 mit Amy Lou.

Ich leide seit vielen Jahren an etlichen psychischen Erkrankungen. Darunter chronische Depression, Borderline, PTBS, verschiedene Angststörung mit Panikstörung, verschiedene dissoziative Störungen (darunter auch dissoziative Krampfanfälle) und noch einiges mehr. In meinem Alltag werde ich von meiner Assistenzhündin Amy Lou begleitet und unterstützt. Für mich ist schon lange kein normales Leben mehr möglich und nach etlichen Klinikaufenthalten von mehreren Wochen und Monaten kam sie in mein Leben. Seit dem berichte ich in meinem Account über meine psychische Erkrankung, mein Leben damit und über die Ausbildung und Arbeit meiner Assistenzhündin Amy Lou.

Schaut gerne mal vorbei! Freue mich auf Euch.

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