Diskrimination & Realitätsüberprüfung


Beitrag von Gastautor*in Karin
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⏱ Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

In diesem Beitrag möchte ich auf Diskrimination und Realitätsüberprüfung eingehen, da sie mich in der Therapie derzeit ziemlich beschäftigen, einen wichtigen Teil der Traumatherapie darstellen und ich gerade meine liebe Mühe habe damit.

Hier möchte ich anfügen, dass mit Diskrimination, von der man in der Traumatherapie spricht, nicht die Diskriminierung gemeint ist, an welche jetzt die meisten denken, nämlich wenn jemand diskriminiert wird auf Grund seiner Herkunft, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, sexueller Ausrichtung etc.

In der Traumatherapie bedeutet Diskrimination das Trennen der Vergangenheit von der Gegenwart.

Für weitere Erläuterung siehe auch hier:

Im Alltag entstehen immer wieder Situationen, in welchen ich mich getriggert fühle und eine Lawine von Gefühlen über mich kommt, die etwas mit der Vergangenheit, aber eben mit der gegenwärtigen Situation so gut wie gar nichts zu tun haben.

An Weihnachten habe ich eine solche Situation erlebt. Ich saß in einem Gottesdienst, vor mir in der Bankreihe eine Familie, die das Bild einer heilen Familie abgegeben haben. Sie sind so innig und liebevoll miteinander umgegangen. Ich spüre, wie es mir einen Stich ins Herz gibt und ich minutenlang wie weggetreten und erstarrt bin, nur noch dorthin starren kann und überhaupt nicht mehr mitbekomme was rundherum geht. Nach einer gewissen Zeit realisiere ich, was gerade mit mir passiert und ich versuche den Blick auf meine Knie zu senken, sodass ich die Szene nicht mehr sehen muss.

Als ich dieses Thema in der nächsten Therapiestunde mitgenommen habe, ist es darauf hinausgelaufen, dass ich in dieser Situation versuchen sollte zu diskriminieren, d.h. die Gefühle, welche in dem Moment aus der Vergangenheit kommen, von der Gegenwart trennen. Soweit verstehe ich das ja auch. Aber jetzt kommt eben mein Problem.
Wenn jemand mich darauf hinweist, empfinde ich das so, als wenn es verwerflich wäre, dass ich in diesem Moment diese Gefühle habe, also als eine Kritik an meinen Gefühlen. Das wiederum ist ein Trigger für mich, denn ich habe die vergangenen mehr als 20 Jahre von jemandem aus meinem Umfeld hören müssen, dass meine Gefühle falsch sind, dass ich mit meinen Empfindungen falsch bin. Und das finde ich einfach so unglaublich verletzend…….

Denn letzten Endes gibt es sehr gute Gründe, weshalb ich diese Gefühle habe und sie sind weder richtig noch falsch, sie sind einfach so wie sie sind. Punkt. Und es sind meine, und niemand hat das Recht darüber zu urteilen.

Dann kommt das zweite Problem. Ich bekomme den Eindruck, dass ich es fertig bringen sollte, dass diese Gefühle irgendwann nicht mehr kommen. Das wiederum ist einfach schöne Theorie zu denken, dass in bestimmten Situationen diese Gefühle irgendwann nicht mehr kommen sollten. Das können Menschen gut sagen, die nicht von Trauma betroffen sind. Vielleicht meinen Therapeuten es auch anders als ich es gerade interpretiere, aber auch das ist letztlich meine Interpretation, die weder richtig noch falsch ist und es Gründe gibt, weshalb ich zu diesen Schlüssen komme. Ich glaube ehrlich gesagt auch nicht wirklich daran , dass das jemals aufhören wird, dass bei Triggern entsprechende Gefühle hochkommen. Was sich hoffentlich ändern kann, irgendwann, ist, wie ich in solchen Situationen mit ihnen umgehen kann, dass ich zu ihnen stehen kann und dennoch mich nicht von ihnen überfluten lassen muss.

Das zweite Thema ist die Realitätsüberpüfung. Hier geht es für mich in eine ähnliche Richtung. Auf Grund meiner Erfahrungen mit Missbrauch bin ich äußerst empfindlich, wenn es um Grenzüberschreitungen geht. Vor ein paar Wochen bei meinem Klinikaufenthalt saß ich eines Morgens in der Cafeteria in einer Ecke, den Kopf gesenkt, Kopfhörer in den Ohren, mir ein Video ansehend auf Youtube und nach außen hin signalisierend, dass ich einfach meine Ruhe haben wollte. Dennoch stand plötzlich eine Mitpatientin neben mir und hat mich angesprochen. Sehr kurz angebunden habe ich ihr zu verstehen gegeben, dass ich alleine sein möchte. Aber dieser kurze Moment in dem diese Frau neben mir stand, empfand ich eben schon als grenzüberschreitend. Sie hat meine Signale (dass ich allein sein wollte in diesem Moment) nicht wahrgenommen und sich darüber hinweggesetzt. Ich habe darauf das Thema mitgenommen in die nächste Therapiesitzung. Meine Therapeutin meinte dann, vielleicht sollten wir eine Realitätsüberprüfung machen, das heißt, möglichst objektiv die Situation betrachten und dabei merken, dass hier nicht wirklich eine Grenzüberschreitung vorliegt. Nun ist es aber so, dass ich mir im Grunde diese Realitätsüberprüfung sparen kann, denn ich bin mir bewusst, dass meine Empfindungen oftmals nicht der Realität entsprechen. Und dennoch geht es ums Gleiche wie bei der Diskrimination:

Es sind meine Gefühle in diesem entsprechenden Moment und die sind weder richtig noch falsch, sondern es sind einfach meine. Wenn ich den Eindruck bekomme, mir meine Gefühle abreden lassen zu müssen ist das wie ein Verrat an mir selber, meinen Empfindungen und meiner Vergangenheit.

Die Verletzlichkeit in Gefühlsdingen kennen wohl alle Menschen, die von Trauma betroffen sind, und beim Schreiben dieses Artikels wird mir das wieder so richtig bewusst. Auf jeden Fall werde ich an diesen Themen dran bleiben, sie werden unausweichlich wieder kommen…

Karin


E-Mail: kasarizo@yahoo.com

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung und Traumafolgestörungen aufgrund eines Bindungstrauma sowie psychischem und physischem (außerfamiliären) Missbrauch.
Dissoziative Störung (Depersonalisations- und Derealisationssyndrom) / Rezidivierende depressive Störung / phasenweise atypische Bulimie und selbstverletzendes Verhalten / weitere Verdachtsdiagnosen über die Jahre waren eine Borderline-Persönlichkeitsstörung und Bipolar-II-Störung

Ich bin 1976 in der Zentralschweiz (CH) geboren. Mit 20 Jahren habe ich mit Therapie begonnen, noch bevor die erste klinische Diagnose vorlag (allerdings waren zu diesem Zeitpunkt schon einige Symptome über mehrere Jahre hinweg spürbar), weil ich nicht mehr ausgehalten habe, was ich in mir herum trug und was über all die Jahre zu Hause vorgefallen ist. Kurz darauf war ich am Anfang einer Essstörung, dann folgte die erste depressive Episode. Nach eineinhalb Jahren Therapie und Psychopharmaka dachte ich, jetzt ist gut. Ich begann zu arbeiten und habe all die Symptome, die wieder auftraten ignoriert, obwohl ich teilweise kaum noch stehen konnte. Mit 30 folgte der erste Klinikaufenthalt. Die darauffolgenden Jahre war ich praktisch jährlich in der Klinik wegen Depressionen. Mit Mitte 30 wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass womöglich Traumata der Grund sind, warum sich mein Zustand nicht verbessern wollte. 2019, nach bald 20 Jahren Psychotherapie, begann ich dann mit einer spezifischen stationären Traumatherapie, d.h. ich gehe alle paar Monate für ein paar Wochen in die Ostschweiz, um mit dieser Therapie, neben der ambulanten Therapie, weiterzumachen. Was mir gut tut: Spaziergänge in der Natur, Spiritualität, Musik, ein gutes Buch…

Ich möchte darüber berichten was es heißt, mit Traumafolgestörungen leben zu müssen, wie es ist, wenn kleinste Dinge im Alltag kaum bewältigbar sind, wie es ist sich durch das Bindungstrauma verursacht völlig behindert zu fühlen in sozialen Kontakten und dass bei Traumafolgestörungen der ganze Mensch (Psyche, Körper und Kognition) beeinträchtigt ist.
Gerne möchte ich aber auch davon erzählen, was mir Kraft und Antrieb gibt immer wieder weiterzumachen und dass es sich lohnt, weiterzumachen.
Nach 40 Jahren des Schweigens was mit mir ist und bei uns zu Hause war, möchte ich beginnen diese Fesseln zu sprengen und erreiche hoffentlich damit auch andere Menschen, die von Traumata betroffen sind.

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