Weil es uns ALLE angeht (oder) wie Menschen Betroffenheit verleugnen

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In den letzten Wochen ist viel passiert – außerhalb von mir und in meinem Innenleben.

Durch meine EMDR-Sitzungen (Therapieform für Menschen mit Trauma) hat sich in mir viel gelöst. Es ist Licht in einige dunkle Ecken gefallen, ich habe Schmerzen gespürt, von denen ich nicht wusste, dass ich sie hätte fühlen können.

Aber das schreibe ich demnächst in einer Beitragsreihe zu meinen Erfahrungen in den EMDR-Therapiesitzungen.

Der Drang, mich möglichst gut zu stellen mit anderen Menschen, weicht immer mehr dem Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit. Ich möchte mich in meiner Gänze immer weniger verstecken und meine Erfahrungen und mein Wissen in meinem Leben voll einbringen – privat, beruflich, medial. Seit meiner Kindheit musste ich diesen großen Teil von mir verstecken – vor Familienangehörigen, Arbeitgeber*innen oder vielen Freund*innen. Und warum tat ich dies? Weil mir diese Menschen immer wieder signalisiert haben, dass sie sich mit dem Thema unwohl fühlen, dass sie sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen wollen, dass es ihnen zu unbequem ist, dass ich ihnen peinlich bin, dass sie nicht an ihre Verantwortung für meine psychische Beeinträchtigung erinnert werden wollen, hier bzgl. der Familie (…). Also schwieg ich immer und immer wieder – denn ich wollte sie schützen, wollte nicht, dass sie sich unwohl fühlen in meiner Gegenwart.

Mein Therapeut hat mir geholfen, die Verantwortung von anderen nicht mehr auf mich zu nehmen. Ich gebe nun also den Menschen ihre Verantwortung wieder zurück.

Ich möchte nicht mehr für Dein Wohlsein zuständig sein müssen, wenn es um das Thema psychische Beeinträchtigungen oder Diskriminierung und Gewalt im Allgemeinen geht!

Ich möchte dich nicht mehr davor schützen, dich mit Gewalterfahrungen und Diskriminierungserfahrungen auseinanderzusetzen!

Ich möchte dich auch nicht mehr vor dem Unwohlsein schützen, das entsteht, wenn du dir ansiehst wie gewalt- und diskriminierungsvoll du mit anderen Menschen umgehst!

Und, für mich das Wichtigste, ich möchte dich nicht mehr davor bewahren, in deine eigene Dunkelheit zu blicken. Zu sehen, was dir angetan wurde, was du unterdrückst und nicht sehen möchtest!

Vielleicht bin ich ein Spiegel und du erkennst eigene Erfahrungen in meinen Erzählungen und auch wenn dir das nicht gefällt, werde ich nicht mehr schweigen.

Denn jeder erwachsene Mensch trägt für sich und in gewisser Weise für das soziale Umfeld sowie für fürsorglich unterstellte Menschen (z.B. Kinder) eine Verantwortung! Für das leibliche und seelische bzw. psychische Wohl!

Hier habe ich etwas über „Soziale Verantwortung“ geschrieben.

Ich fühle mich nun freier.

Und auch wenn mein Leben nun viel mehr Trouble, Ärger und Aufregung enthält – fühle ich mich mehr bei mir als je zuvor. Ich bin auch kein unsozialer Mensch – ich reagiere nur auf unsoziales Verhalten. Das ist ein riesiger Unterschied!

Denn nicht ich bin das Problem in diesen Situationen, sondern der Umgang mit den Themen, die mich unmittelbar betreffen: Gewalt und Diskriminierung.

Seit meinem Erlebnis bei Fielmann und meiner Anzeige bzgl. einer Diskriminierung aufgrund psychischer Beeinträchtigungen ist einiges passiert. Ich habe seit dem keine Beiträge mehr veröffentlicht, weil mich vieles beschäftigt hat.

Mir wurde in den letzten Wochen noch mehr als sonst bewusst, dass Diskriminierung aufgrund psychischer Beeinträchtigung und die damit einhergehende Herabsetzung, Isolierung u.a. Formen von Gewalt bei sehr vielen Menschen keinerlei Präsenz im Leben haben.

Ich habe in den letzten Monaten, vor allem in der letzten Woche nach dem Fielmann Fouxpas, sehr liebe und mitfühlende Nachrichten erhalten, was mir sehr gut tat. Hier erstmal ein riesiges DANKESCHÖN an alle Menschen, die ein Kommentar hinterlassen haben oder mir geschrieben haben!

Auf der anderen Seite erlebte ich aber auch, seit der Gründung dieses Blogs, dass sich Menschen von mir entfernt haben. Die Menschen, die dies betrifft, haben auch schon vorher nicht großartig mit mir über Betroffenheit von psychischen Beeinträchtigungen, Trauma u.ä. sprechen wollen. Bzw. haben diese Personen seit Jahren Anmerkungen fallen lassen, die psychischen Beeinträchtigungen ihre Ernsthaftigkeit absprechen. Solange ich dies nicht weiter kommentiert habe und die psychische Beeinträchtigung, mein Wissen um die Verbreitung von Folgen für Betroffene größtenteils schweigsam durch mein Leben getragen habe (obwohl die Menschen darum wussten) war auch alles (für sie) ok. Als ich dann vermehrt anfing dies nicht mehr zu verstecken, sondern über mein Leben, meinen Alltag mit meiner Beeinträchtigung zu sprechen, erhielt ich ziemlich schnell den Kommentar „ich sollte mich nicht so bemitleiden“ und viele andere unschöne Kommentare.

Sichtbarkeit von psychischen Beeinträchtigungen ist also kacke – mh, ok.

Das Menschen lieber in ihrer rosaroten Welt leben wollen, ohne daran erinnert zu werden, dass es Menschen gibt, die mit sowas jeden Tag zu tun haben, war mit vorher bewusst und ich erlebte es ab und zu – nun erlebe ich es jeden Tag. Denn fast alle Menschen, die mich kennen, wissen nun um meinen öffentlichen Umgang mit diesen Themen, sowohl privat, beruflich, als auch medial. Sehr verletzt hat mich, in der letzten Woche, als Menschen zu mir sagten, ich hätte übertrieben gehandelt, als ich die Anzeige aufgrund der Diskriminierung bei der Polizei gemacht habe. Fielmann hätte schließlich „Hausrecht“ und könne entscheiden, wer bedient wird und wer nicht! Nachdem ich erläutert hatte, warum es sich bei dieser Situation um Diskriminierung handelte, wurde mir einfach nur immer wieder entgegen geworfen, dass es sich um „Hausrecht“ handelt und nicht um Diskriminierung. Der Mensch, der dies immer und immer wieder sagte, leidet selbst nicht unter einer psychischen Beeinträchtigung / Behinderung und hat diesbezüglich keinerlei eigene Erfahrung. Dennoch wurde mein Erleben in dieser Situation immer wieder heruntergespielt. Zum Ende hin wurde Diskriminierung an sich noch heruntergespielt, weil es letztendlich ja um das Leid der Menschen gehe, was erfahren wird – und das wird z.B. auch bei Mobbing erlebt, so die Aussage eines der Menschen. Alle Versuche zu erläutern, warum Mobbing an sich nicht vergleichbar ist mit Diskriminierung schlugen fehl und mein Wissen darum wurde immer wieder herabgesetzt. Das Leid was ich erfahren hatte, kam bei dem ganzen Gespräch übrigens nicht einmal zur Sprache.

Am Ende dieses Artikels werde ich ausführlich darauf eingehen,
warum Mobbing und Diskriminierung bzw. deren Folgen eben nicht gleichzusetzen sind.

Als ich irgendwann lauter wurde aufgrund dieser Umgangsweise mit dem Thema und da all meine Erläuterung zu dem Thema (mit dem ich mich leider sehr gut auskenne) fast schon bewusst überhört wurden, wurde mir noch gesagt, ich solle nicht so laut werden, mich nicht so aufregen, ich würde ja schon gar nicht mehr richtig zuhören!
Im Großen und Ganzen wurde aus der Erzählung über eine Diskriminierungserfahrung wieder einer gewaltvolle, übergriffige Situation.

Damit musste ich erstmal ein paar Tage klar kommen.

Deshalb habe ich nun nachfolgend ein paar erläuternde Gedanken zu Gewalt und Diskriminierung zusammengetragen. Es geht mir darum, dass vor allem normalisierte Formen von Gewalt und Diskriminierung erfasst und verstanden werden. Auch wenn dies wahrscheinlich schwerer ist, wenn man sie nicht selbst wahrnimmt und er-lebt.

Aber Bildung war Zeit allen menschlichen Lebens schon immer ein Gut und brachte Hoffnung auf Besserung der Lebensumstände. Also auf ein Neues.

Das was ich seit vielen Jahren als emotionale und soziale Gewalt sowie Diskriminierung, getarnt als normale Denk- und Umgangsweisen in unserer Gesellschaft, erkenne, will ich nicht mehr ausschließlich in mir tragen.

So viel normalisierte Gewalt…

Jeder von uns kennt das Wort Gewalt und vllt. auch was Gewalt bedeuten kann – und dennoch verstehen wir alle unterschiedliche Dinge darunter! Eins ist allen Gewaltvorstellungen jedoch gemein – Gewalt verletzt, Gewalt tut weh, Gewalt überschreitet persönliche Grenzen.

Wir sind heutzutage bereits sehr sensibilisiert bzgl. körperlicher Gewalt. Im Mittelalter gehörte körperliche Gewalt fast schon zum guten Ton. In den letzten Jahrhunderten änderte sich dies entscheidend. Dennoch ist z.B. erst seit dem Jahr 2000 für Kinder eine gewaltfreie Erziehung per Gesetzt festgeschrieben – was noch lange nicht bedeutet, dass die über Generationen verankerten gewaltvollen Umgangsweisen in Familien damit vom Tisch sind! „Das war bei uns schon immer so!“, „Das hat mir auch nicht geschadet!“, „Dieser ganze neumoderne Kram, als wenn die nix besseres zu tun haben, als uns zu sagen, wie wir uns zu verhalten haben!“ (…) All diese (und noch mehr) Sätze habe ich bereits gehört und ihre Auswirkungen gespürt und gesehen – du vielleicht auch?

Was für den einen Menschen „normal“ und eben nicht gewaltvoll ist, kann für das Empfinden eines anderen Menschen sehr gewaltvoll sein. Hierbei ist eins sehr wichtig: Alle Empfindungen haben ihre DASEINSBERECHTIGUNG! Und auf dieser Grundlage sollten wir alle von einer „Hoheitsmacht“ eigener Meinungen und Empfindungen zurücktreten. Das heißt, wenn mir ein Mensch sagt, dass etwas gerade verletzend war, dann kann ich das zur Kenntnis nehmen und nochmal nachfragen was genau verletzend gewirkt hat – so dass ich bei diesem Menschen demnächst auf eine umsichtigere Umgangsweise diesbezüglich zurückgreife. Wenn Menschen auf sowas keinen Bock haben, mal ganz umgangssprachlich gesagt, oder es ihnen zu umständlich ist – dann ist das einfach unsozial und egoistisch. Ja, es kann verletzend sein, sich dies anzuhören und ungewohnt – aber auch nur, weil es insgesamt so wenig ausgesprochen wird im sozialen Raum.

Im Großen und Ganzen wird das Thema „Gewalt“ sowieso nicht gerne zum Thema in sozialen Interaktionen gemacht. Denn gewaltvolle Denk- und Verhaltensweisen stehen immer in Zusammenhang mit einem oder mehreren Menschen, die übergriffig und verletzend handeln und einem oder mehreren Menschen, die sich verletzt fühlen. Und mal ehrlich – wer möchte sich selbst schon gerne als übergriffig und verletzend handelnd sehen? Denn sowas ist eigentlich sozial unerwünscht – von Geburt an! Dann doch lieber verleugnen und anderen sagen sie seien „zu empfindlich“ und ihre Wahrnehmung von Gewalt sei falsch!

Überlegt doch mal wie oft ihr verletzt seid, nachdem was andere euch sagen oder wie sie euch behandeln – und wie oft ihr es runterschluckt oder euch sogar selbst maßregelt, dass ihr selbst doch nicht so empfindlich sein solltet oder die andere Person es doch gar nicht so gemeint habe! Oder wie oft fühlt ihr euch persönlich angegriffen, beleidigt o.ä. wenn euch jemand darauf hinweist, dass eine Verhaltensweisen verletzend wirkte. Wie oft gibt es hierzu eine ruhige Gesprächskultur, und einen gemeinsamen Austausch mit gegenseitigem Verständnis, statt eines harschen und bestimmenden Umgangstons?

Bei sehr vielen Begegnung mit Menschen treffe ich auf das Absprechen oder das Herabsetzen der Meinung von mir oder anderen, des Aussehens, der Interessen, der Intelligenz (…). Andere Formen sind offene oder versteckte Manipulation zum eigenen Vorteil (manchmal auch Gaslighting), Ignoranz, Spott, Missachtung, Bevormundung, Kontrolle, Dominanz, gerichtetes Schweigen, soziale Isolation usw. Und das alles kann in die unterschiedlichsten normal erscheinenden Verhaltensweisen verpackt sein – am besten noch mit einem Lächeln oder mit Humor und Witz. Schlimm wird es, wenn dann noch mehr Menschen auf diese Zug mit aufsteigen.

Deshalb frage ich fast schon provokativ:
Was ist, wenn wir einfach mal ehrlich zu uns selbst sind bzgl. verletzendem Verhalten und Eigenerleben?
Es nicht runterschlucken, sondern ansprechen?
Die Angst vor Liebesentzug, Isolation, Verachtung usw. mal wegschieben?

So viel normalisierte Diskriminierung…

Eng mit Gewalt hängt Diskriminierung zusammen. Denn über diskriminierendes Denken und Verhalten sowie ermöglichende und fördernde soziale und gesellschaftliche Strukturen wird im erhöhten Maße gewaltvolles Verhalten ausgeübt!

Diskriminierende Inhalte in Sprache und Verhalten, d.h. Zuschreibung von bestimmten Merkmalen, mit denen ganz bestimmte Benachteiligungen oder gewaltvolle Umgangsweisen einhergehen – sowohl individuell, als auch strukturell, sehe ich immer wieder und wieder in Bezug auf z.B. Menschen mit Beeinträchtigungen, Kindern aufgrund des Alters, Menschen aufgrund des zugeschriebenen Geschlechts oder Menschen mit zugeschriebener Intelligenz (IQ) und zugehörigen dauerhaften bis lebenslangen Auswirkungen.

Werden Menschen bestimmte Merkmale zugeschrieben (z.B. schwarz sein, psychisch krank sein, Kind sein, Hauptschüler*in sein usw.) gehen damit überdurchschnittlich oft gewaltvolle, z.B. herabsetzende und übergriffige Denk- und Verhaltensweisen einher. Da es zu bestimmten Merkmalszuschreiben auch noch gesellschaftlich verbreitete Denkweisen gibt, bezieht sich die Verbreitung auf ganze Bevölkerungsgruppen, die mit gleichen und ähnlichen Normen und Werten aufwachsen. Ganz platt gesagt, enthalten Normen und Werte in Erziehung und Sozialisation bestimmte Denkweisen. Dies könnt ihr bei euch selbst testen, indem ihr euch Gruppen mit bestimmten Merkmalen vorstellt und mal schaut was für Gedanken, Gefühle und Glaubenssätze dazu in euch auftauchen.

Kleine Selbstreflektion hierzu:

Welche Gedanken, Gefühle und Glaubenssätze tauchen in dir auf, wenn du an folgende Menschen denkst (wichtig hierbei ist dein erstes Gefühl / Gefühle – nicht deine langen Überlegungen zu den einzelnen Punkten!):

  • eine alte Oma
  • ein unkonventionell gekleideter Mensch, der dir erzählt er sei psychisch krank
  • eine Roma-Familie, die in einem Park ein Picknick macht und viele Sachen bei sich trägt
  • ein Kind, das laut schreit, es hätte aber noch nicht zu Ende gespielt auf dem Spielplatz
  • eine Person sagt dir, dass du sie bitte nur mit ihrem Namen und nicht mit sie oder er ansprechen sollst
  • eine Person erzählt dir, dass sie ihr Kind geschlechtsneutral / genderneutral erzieht und alles anzieht was es gibt
  • ein älterer Mann, der täglich am Fester sitzt und herausblickt
  • ein Schulkind in der 10. Klasse, das dir mit grammatikalisch falschem Ausdruck davon erzählt mal Ärzt*in werden zu wollen
  • zwei Männer bzw. Frauen ziehen in deinem Wohnhaus ein und erzählen dir, dass sie demnächst zwei Kinder adoptieren werden
  • eine Gruppe von Menschen mit schwarzer Hautfarbe kommt dir auf dem Gehweg entgegen (dieses Bsp. ist vor allem für weiße Menschen mit weißem Lebensumfeld selbstreflexiv zu betrachten)

Die ersten aufkommenden Impulse auf die Stichpunkte sind deshalb so entscheidend, weil sie auf die Prägung unseres früheren und / oder heutigen Lebensumfeldes, Kultur und Gesellschaft hinweisen. Diese sind nicht fassbar mit einem Gedanken oder einer Meinung! Es handelt sich dabei um ein WirrWarr aus Gefühlen, Gedanken, Glaubenssätzen, die einfach aufkommen – und die wir im Alltag manchmal mehr und manchmal weniger steuern und kontrollieren!

Dazu möchte ich sagen, dass niemand in irgendeiner Weise ein schlechter Mensch ist oder sich schämen muss oder sollte für abwertende Gefühle und Gedanken! Prägung erhalten wir – ob wir wollen oder nicht! Entscheidend ist letztendlich, wie wir damit umgehen, ob wir sie reflektieren und inwiefern wir uns für humane Gedanken entscheiden und ihre Notwendigkeit für ein friedliches, soziales Miteinander einsehen! So kann selbst eine eher menschenverachtende und damit zusammenhängende selbstverachtende Prägung mit der Zeit verändert werden!

Und nun denk bei den vorangegangenen Beispielen an deine Familie, Freunde usw. – würden Sie ähnlich (wie Du) denken?

Alle diese Beispiele lösen unbewusste und bewusste Reaktionsformen aus, die prägende Gedanken, Gefühle und Glaubenssätze offenlegen können – und gleichzeitig den Menschen Charaktereigenschaften oder Lebensweisen zuschreiben und damit unterstellen. Neben der neutralen Betrachtung können dies positive oder negative Unterstellungen sein.

Dazu können gehören:

  • Kind ist … verzogen … egoistisch … mutig …
  • Mensch ist … faul … liebevoll … gefährlich … unheimlich … argwöhnisch … krank … nicht normal … asozial … behindert …
  • Der Mensch bildet sich was ein … ist empfindlich … verwöhnt … will besonders sein …
  • (…)

Das entscheidende hierbei ist, dass diese Zuschreibungen nichts mit der real vorliegenden Situation zu tun haben bzw. nichts mit dem oder den jeweilig tatsächlichen Menschen. Das zeigt sich vor allem dadurch, dass die wirklichen Beweggründe von Menschen oft gar nicht hinterfragt werden oder die Menschen werden charakterlich gar nicht wirklich kennengelernt vor den Zuschreibungen / der Diskriminierung.

Außerdem treten nach den gedanklichen Zuschreibungen zu einer Person und den darauf folgenden Handlungen Folgen für die diskriminierte Person ein, z.B.:

  • Ausschluss bis hin zu Isolation
  • Herabwürdigung von Kompetenzen / Fähigkeiten
  • fehlende Notwendigkeit gesetzlicher Maßnahmen zum Schutz Betroffener
  • Unsichtbarkeit in Sprache und Umwelt durch Schweigen Betroffener
  • Verstärkung der psychischen Erkrankung durch die Diskriminierung / Gewalt
  • Überforderung aufgrund der Mehrfachbelastungen
  • (…)

Immer wieder wurde und wird mir nach dem Ansprechen von Herabsetzungen (…), Gewalt oder Diskriminierung begegnet mit Worten, wie z.B. ich sei zu empfindlich, so zu reden bzw. dies zu tun sei doch normal, ich würde noch alle Menschen vergraulen, mit mir stimmt doch was nicht (…).

Dies begann bereits als ich noch zur Schule ging mit 14 oder 15 Jahren. Als die Eltern einer damals guten Freundin ihr vom Kontakt mit mir abrieten, weil ich davon erzählte, dass ich oft über den Tod und den Sinn des Lebens nachdachte und viel unter Traurigkeit litt. Damals wusste ich noch nicht, dass es sich dabei um Depressionen handelte (Zeitalter ohne offenen Umgang mit diesen Themen oder Internet). Daraufhin zog sich diese Freundin wirklich von mir zurück. Letztendlich hätten die Eltern auch mit mir darüber sprechen können – mir Hilfe zur Selbsthilfe anbieten können.

Ihr seht, das alles ist keine einmalige Sache, die Betroffenen passiert. Solche Erfahrungen haben einen langen Rattenschwanz und nehmen auch nicht einfach so ein Ende, sobald man in eine andere Gruppe kommt, die Stadt oder den Beruf wechselt.

Am Anfang habe ich geschrieben, dass ich noch auf die Aussage eines Menschen eingehen möchte, der behauptete, dass Mobbing und Diskriminierung das Gleiche sind bzw. die Folgen ja die Gleichen wären.

Mobbing und Diskriminierung – das Gleiche?

Hier eine kurze Erläuterung, warum man Mobbing nicht einfach mit Diskriminierung gleich setzen kann: Mobbing ist eine Form der Gewalt, die sich in verschiedenen Formen zeigen kann. Dazu können Formen psychischer, physischer und sozialer Gewalt gehören. Mobbing kann z.B. einen Menschen in einer Schulklasse, einem Arbeitskreis o.ä. treffen. Dabei wird ein Mensch von einem, meistens mehreren Menschen gezielt über einen längeren Zeitraum schlecht behandelt. Die Gründe hierfür können bereits an folgenden Situationen liegen:

  • einem Menschen passt die „Nase“ des betroffenen Menschen nicht
  • der Kleidungsstil, eine Art des Charakters, Folgen von Verhaltensweisen usw. werden von einigen Gruppenmitglieder*innen für doof erachtet, was aus deren Sicht die gewaltvolle Umgangsweise rechtfertigt
  • ein Mensch hat selber so viele Probleme, dass dieser sich andere Menschen sucht, um einen Menschen über einen längeren Zeitraum zu drangsalieren
  • (…)

Es gibt viele Möglichkeiten, aus denen eine Mobbing-Situation entstehen kann. Das gefährliche daran ist, das eine Person durch eine Gruppendynamik in einen Kreislauf der Gewalt geraten kann, aus der die betroffene Person alleine nicht mehr aussteigen kann.

Mobbing KANN dann ein Teil von diskriminierenden Handlungen sein, wenn die Eigenschaften / Merkmale, aufgrund derer der Mensch gemobbt wird, zu den einer marginalisierten Gruppe zugehörigen Merkmalen gehört:

Marginalisierung (von lateinischmargo „Rand“: Abschiebung ins Abseits) ist ein sozialer Vorgang, bei dem Bevölkerungsgruppen an den „Rand der Gesellschaft“ gedrängt werden und dadurch nur wenig am sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben teilnehmen können.
Schaut doch Mal hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Marginalisierung
oder noch besser hier: https://www.diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/marginalisierung
.


  • das Aussehen des Menschen entspricht im größeren Maße nicht dem gängigen Schönheitsideal einer bestehenden Gruppe (z.B. Freundeskreis, aber auch Gesellschaft) und dieser Mensch wird aus diesem Grund IMMER WIEDER in unterschiedlichsten Situationen und Gruppen schlechter behandelt, als Menschen, die in diesen Gruppen eher dem gängigen Schönheitsidealen entsprechen (Diskriminierungsdimension: Lookismus)
  • die geistigen Fähigkeiten eines Menschen entsprechen im größeren Maße nicht der gängigen Leistungsfähigkeit, z.B. in einer Schulklasse oder einem Freundeskreis, und dieser Mensch wird aus diesem Grund IMMER WIEDER in unterschiedlichsten Situationen und Gruppen schlechter behandelt, als Menschen, die in diesen Gruppen eher der gängigen Leistungsfähigkeit entsprechen (Diskriminierungsdimension: IQismus oder / und Ableismus)
  • oder eben die psychische Gesundheit eines Menschen entspricht im größeren Maße nicht dem öffentlich dargestellten gängigen psychischen Gesundheitszustand in einer bestehenden Gruppe (z.B. Freundeskreis, aber auch Gesellschaft) und dieser Mensch wird aus diesem Grund IMMER WIEDER in unterschiedlichsten Situationen und Gruppen schlechter behandelt, als Menschen, die in diesen Gruppen eher dem gängigen psychischen Gesundheitszustand und einer damit zusammenhängenden erwarteten Leistungsfähigkeit entsprechen (Diskriminierungsdimension: Ableismus)
  • (…)

Mobbing geht also einher mit unterschiedlichsten Formen der Gewalt – kann aber grundsätzlich jeden Menschen treffen, auch Menschen ohne marginalisierende Merkmalszuschreibungen.

Diskriminierung bezeichnet dagegen eine Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen in einer Gesellschaft und aufgrund unreflektierter, z.T. auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen (siehe z.B. für einen Einstieg in das Thema Wikipedia).

Da bestimmte Vorstellungen weit verbreitet sind (z.B. zum Aussehen, zu als adäquat bezeichneten Denk- und Verhaltensweisen, als Beurteilung physischer und psychischer Gesundheit und Leistungsfähigkeit) kommen Menschen mit Eigenschaften, die nicht den „allgemeinen“ Vorstellungen entsprechen, öfter und in den verschiedensten gesellschaftlichen Strukturen (Schule, Arbeit, Jobcenter, Freundeskreise …) in ähnliche Situationen. Hier erfahren sie häufiger, als nicht betroffene Menschen Herabsetzungen, Missachtung, Bevormundung, Kontrolle, Dominanz und weitere Formen von Gewalt. Gerade die Regelmäßigkeit und Ortsunabhängigkeit dieser Vorkommnisse zeigen die soziale und strukturelle Verankerung von Diskriminierung durch die in einer Gesellschaft weiter getragenen Normen und Werte mit den Zuschreibungen bestimmter erwünschter oder unerwünschter Merkmale. Durch die in Institutionen angewendeten Vorgehensweisen, Vorschriften, Gesetze, aber auch Medien, in denen Menschen mit Beeinträchtigungen nicht mitgedacht und mit angesprochen werden, führt strukturelle Diskriminierung dann zu einer Normalitätsvorstellung von Leben – ohne bestimmte Merkmale mit einzubeziehen. Menschen, die einer marginalisierten Gruppe angehören, haben aus diesen Gründen z.B. weniger Zugang zu entsprechender Bildung, leben sehr viel häufiger in Armut, haben aus diesen Gründen öfter Schulden, weniger Zugang zur Gesundheitsversorgung, weniger soziale Kontakte, sterben früher (…).

Also, natürlich ist es doof von Mobbing betroffen zu sein – keine Frage! Betroffene sollten Hilfe erhalten und auch die Folgen sind nicht zu unterschätzen! Mobbing jedoch grundsätzlich gleichzusetzen mit Diskriminierung ist einfach nur falsch und dazu noch total gefährlich! So können weit verbreitete diskriminierende Denk- und Verhaltensweisen sowie diese fördernden gesellschaftlichen Strukturen untergraben und unsichtbar gemacht werden!

Wenn ein Mensch also demnächst behauptet Mobbing sei jawohl genau das Gleiche wie Diskriminierung oder die Folgen von Mobbing und Diskriminierung seien gleich – dann hoffe ich, dass es Menschen gibt, die solchen Behauptungen entgegentreten können. So stärken sich vllt. nicht noch weiter Menschen ohne Hintergrundwissen den Rücken und fördern damit Diskriminierung, Intoleranz und Gewalt!

Zum Schluss…

Und wenn nun jemand denkt, dies gehe sie*ihn nichts an, dann möchte ich euch sagen, dass jeder Mensch mindestens einen Menschen kennt oder kannte, der unter Diskriminierung leidet. Außerdem hängt eine Betroffenheit von Gewalt und einer oder mehrerer Formen von Diskriminierung immer von den Lebensumständen ab, in der sich ein Mensch gewollt oder ungewollt befindet! Dies kann sich von heute auf morgen ändern: man selbst kann betroffen sein oder Freunde, Kinder, Kollegen oder, oder, oder.

So schnell kann man betroffen sein von Unfällen und deren Folgen, Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheiten und vielen anderen Merkmalen, die zu lebenslangen Beeinträchtigungen und Benachteiligungen führen können!

Wenn wir wirklich mal hinsehen, und nicht negieren, dann werden wir auch von all dem, was ich hier geschrieben habe, eine Menge sehen!

Und daher nochmal:
Was ist wenn wir einfach mal ehrlich zu uns selbst sind?
Es nicht runterschlucken, sondern ansprechen?
Die Angst vor Liebesentzug, Isolation, Verachtung usw. mal wegschieben?

Was ist, wenn du und ich (immer wieder und wieder) ansprechen, dass:

  • uns nicht ständig jemand über den Mund fahren soll
  • wir auch zu einem Brunch eingeladen werden möchten, so wie die anderen
  • dass es so weh tut, dass der Partner kein Kind will
  • dass du nicht herabgewürdigt werden möchtest, weil du dich nicht für Politik und die Tagesschau interessierst
  • es traurig macht, wenn niemand beim Umzug hilft, man sonst aber für Kontakt gut ist
  • es kacke ist ausgenutzt zu werden
  • es sich gehört geliehenes Geld zurückzugeben
  • geliehene Sachen (sauber und ordentlich) zurückzugeben
  • wir sagen dürfen, dass uns das Essen nicht geschmeckt hat, ohne dass wir gleich mit Schweigen gestraft werden
  • wir nicht die Meinung von anderen haben müssen, nur um gemocht zu werden
  • wir kein*e Lückenbüsser*innen sein wollen, wenn andere keine Zeit haben
  • unsere Eltern uns wirklich zuhören sollten
  • wir nicht bestraft werden wollen, wenn wir unangemessenes Verhalten ansprechen
  • es verletzend ist, wenn blöde Sachen aus der Familie auf andere übertragen werden oder Menschen sagen: „Du verhältst dich wie meine Mutter / mein Vater!“
  • wir angesehen werden wollen, wenn man mit uns spricht
  • darüber informiert werden wollen, wenn jemand wegen irgendwas schlechte Laune hat und anfängt diese an uns auszulassen
  • es verletzend ist, wenn der Film den wir gerade sehen, einfach weggeschalten wird von einer Person
  • es traurig macht, wenn wir hören, dass über uns gelästert wird
  • es nun mal Menschen gibt, die keine Masken tragen können
  • es uns traurig macht, dass ein Mensch eine Verabredung nicht abgesagt hat / nicht angerufen hat
  • es weh tut, wenn sich Menschen für verletzendes Verhalten nicht entschuldigen
  • dass die Menschen in einem Mehrfamilienhaus auch Rücksicht auf Familien mit Kindern nehmen können (denn manche wissen nicht, wie es ist Kinder zu haben und manche haben es wohl schon vergessen)
  • wir nicht durch abschätzige Mimik und Gestik oder offen dargestellte Enttäuschung bestraft werden wollen, wenn wir aufgrund einer Erkrankung oder fehlender Energie nicht zu einem Treffen, einer Veranstaltung oder Party gehen können
  • wir einfach nicht zu einer anderen Person passen (Partner*in, Freund*innen usw.)
  • (…)

Diese Liste ist gefüllt mit eigenen Erfahrungen und denen von Bekannten, Freunden usw.

Bitte erweitert diese Liste um all das, was ihr sonst nicht aussprecht oder euch nicht mal traut zu denken. Ihr könnt auch gerne die Liste in den Kommentaren weiter führen, wenn ein tatsächliches Aussprechen zu sehr weh tun würde oder für euch zu schlimme Konsequenzen hätte.

Es ist auch dann schon ein Weg in eine liebevollere Lebensweise mit uns selbst und anderen, wenn wir mit der Wahrnehmung unserer eigenen Gefühle und Gedanken anfangen…

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