Brief an meine Mutter: Teil 2

⏱ Geschätzte Lesedauer: 12 Minuten

Ich habe lange dabei gezögert den zweiten Teil zu veröffentlichen. Es hat sich so viel verändert in den letzten Wochen und vieles ist schlicht nicht mehr so, wie in dem Brief beschrieben. Vieles, das mir früher Halt gegeben hat, gibt mir heute keinen Halt mehr. Das Fundament hat Risse bekommen, eigentlich ist es zerbrochen, weswegen es sich eine Zeit lang nicht mehr richtig angefühlt hat, die Fortsetzung des Briefes hier mit euch zu teilen. Ich habe mich nun aber dennoch dafür entschieden, schließlich habe ich das alles einmal so empfunden. Vor allem aber sind die Gefühle, die meine Mutter betreffen, im Grunde dieselben geblieben und darum geht es eigentlich. Hier geht es zum 1. Teil. Auch dieser Teil ist wieder sehr lang, aber vielleicht findet sich ja jemand darin wieder. Der Prozess, um den Brief herum, hat mir sehr geholfen und das schönste war, dass er eine Brücke zu meiner Schwester gebaut hat.

Weißt du was ein Trauma ist? Ein Trauma ist etwas, ein oder mehrere Ereignisse, die ein Mensch schlicht und einfach zu diesem Zeitpunkt nicht verarbeiten kann. Es ist eine Realität, die man nicht aushalten kann, in der man psychisch nicht überleben kann. Für mich als Kind, wäre eine Realität, in der mich mein Vater sexuell missbraucht, nicht tragbar gewesen, schlicht nicht aushaltbar gewesen. Man kann nicht in einem Leben überleben, in dem die größte Bedrohung, die größte Gefahr, die selbe ist, wie das, was einem am Leben erhält. Der, der einem Sicherheit und Wärme bietet und ohne den man hilflos ist. Doch das beides aber war mein Vater. Ich habe das einzige mir mögliche getan, ich habe verdrängt, „vergessen“, später verleugnet, meine Ängste verlegte ich auf andere Dinge, wie zum Beispiel in meine Phobie und mein Leid legte ich in meinen Körper, unter anderem in meinen Bauch. Denn wie soll man sonst seinem Kinderschänder täglich begegnen, wie soll man ihn lieben können, wenn man nicht erhebliche Dinge ausblendet? Es gab keinen anderen Ausweg. Denn du warst kein Ausweg. Keine Hilfe, mit dir war man genauso allein, als wenn du gar nicht hier gewesen wärst. Weißt du, es hätte alles verändert, wenn damals jemand da gewesen wäre. Es hätte nicht nur mein Damals geändert, es hätte auch mein Heute geändert. Alles wäre heute anders und sicher nicht so schwer wie heute. Hätte mir jemand gesagt, es ist falsch was er macht, hätte mich jemand befreit, hätte mir jemand Sicherheit gegeben, hätte mich jemand vor dem Grauen bewahrt. Hättest du mir nur einen Raum für meine Gefühle gegeben. Dann wäre das meine Rettung gewesen. Ich hätte nicht so lange verdrängen müssen, dadurch nicht alles in den Körper projizieren müssen, bis ich mein Vertrauen in diesen verlor, mich kaum noch gespürt habe. Und ich hätte auch nicht so viel darüber legen müssen. Aber du warst nicht da. Niemand war da, niemand hat mich davor bewahrt und niemand stand für meine Rechte ein. Du hättest meine Hoffnung sein können, aber das warst du nicht und die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit möchte ich gerne loslassen. Weißt du, damit hast du mein Trauma erst zu einem Trauma gemacht, indem du weggesehen hast. Du hast es dadurch am Leben erhalten. Die Beziehung zu dir war genauso traumatisch, weil auch nichts tun, ist eine Tat und für mich wirst du damit zu einer Mittäterin. Du hieltest schließlich alles im Verborgenen. Dich anzusehen erweckt all die traumatischen Gefühle wieder zum Leben und all die damit einhergehende Enttäuschung, die Einsamkeit, den Schmerz, der so bodenlos erscheint. Für mich wurdest du immer nur im Mangel sichtbar. Du bist die Verkörperung dessen. Die Ohnmacht, die pure Verzweiflung und die nackte Angst. Mit dir fühlte ich mich immer so schrecklich allein, unsichtbar, wertlos, unwichtig, furchtbar hilflos und schrecklich ungeliebt. Bei dir bin ich auch heute noch das kleine verletze Mädchen, dass von ihrer Mutter nicht wahrgenommen wird. Denn Liebe ist mehr als nur ein Gefühl, Liebe ist auch ein bestimmtes Verhalten und nach jedweder normalen Definition von Liebe, Mama, war und ist das keine Liebe. Denn Liebe tut nicht so weh. Und das änderte sich auch dann nicht, als der Papa weg war. Nicht einmal dann, als ich das Schweigen über den sexuellen Missbrauch brach. Dich hat es nicht gekümmert, wie es mir geht. Weißt du, wie weh das tut, wenn man alles was man von seiner Mutter nach Jahren hört, 50 Euro sind? Dabei geht es nicht darum, dass der Betrag lächerlich niedrig ist. Um Geld ging es sowieso nie, sondern, dass du einfach nicht verstehst, um was es eigentlich geht. 50 Euro trösten mich nicht. Denn diese verändern absolut gar nichts an meinem Leben. Verbessern nicht meine Situation und auch nicht mein Wohlbefinden, aber eine Mutter, die sich für mich eingesetzt hätte, die auf mich Acht gegeben hätte, hätte das getan. Aber das hast du sowieso nie getan. Stattdessen wunderst du dich auch noch, warum ich mich nicht bedankt habe und mir fehlten wieder einmal die Worte. Immer wieder lässt du mich so fassungslos zurück, mit deinen Worten, mit deinem Verhalten. Für mich fühlt sich das alles, diese „Familie“, wie ein schlechter Scherz an, über den ich aber leider kein bisschen lachen kann. Weißt du, vielleicht hätte ich dir das auch noch verzeihen können, dass du mich vor dem Papa in meiner Kindheit und Jugend nicht beschützt hast. Du könntest immerhin behaupten, du hättest von all dem nichts gewusst, wenn du mir nur gezeigt hättest, dass es dir aufrichtig leid tut, dass du mit mir fühlst, dass ich dir wirklich wichtig bin, aber wie du dich verhalten hast, dann als er weg war, war noch immer meilenweit entfernt von einer guten Mutter. Weißt du, es ist eines, ein Elternteil zu verlieren und wenn zusätzlich einem der eigene Vater auch noch sexuelle Gewalt angetan hat, dann kann man sich nicht „einfach so“ zusammenreißen, nicht einfach so „vergessen“, so tun als wäre nichts und schon gar nicht kann man einen blöden Schwamm darüber wischen. Wie soll das denn bitte funktionieren?! Aber glaub mir, ich habe versucht zu vergessen, angestrengt versucht zu verleugnen, das habe ich ganz lange mit aller Kraft versucht. Irgendwann aber geht das dann nicht mehr und das ist eigentlich auch gut so, denn die Dinge, die einem nicht bewusst sind, quälen einen noch viel mehr, als das der greifbare Schrecken tut. Das alles hat auch nichts mit Entscheidungen zu tun, da hilft auch kein positives Denken mehr und schon gar keine Kräuter, die irgendwo wachsen. Die Welt ist schlicht nicht mehr so, wie sie einmal war und sie wird auch nie wieder so sein, wie sie einmal war. Sie ist zerbrochen, ich bin innerlich zerrissen, verstört und auch mein Weltbild wird nie wieder das selbe sein. Nichts ist mehr da, wo es hingehört und nichts ist mehr wie es einmal war. Da gibt es Ängste, die erscheinen größer als das Leben selbst, da ist der eigene Körper, der zum Käfig wird, der einen quält und da ist der eigene Kopf, der zum größten Peiniger wird. Da ist unfassbar viel Hilflosigkeit, Machtlosigkeit, Verzweiflung, Fassungslosigkeit, Trauer, Wut, Scham und Ekel ohne Ende. Gefühle, die nicht aus-haltbar erscheinen, die lähmen und einem die Kontrolle über sich selbst entreißen. Wenn es eines ist, dann ist es auf keinen Fall einfach. Das ist auch die Therapie nicht. Da wird nicht nur ein bisschen darüber geredet, was einen „bedrückt“. Das ist Arbeit, richtig schwere Arbeit, die fordert, immer wieder und ganz viel Zeit und Kraft kostet. Ich habe schon viel gearbeitet im Leben, aber noch nie war es so anstrengend wie jetzt. Denn manche Wunden sind zu groß, als dass man einfach ein Pflaster drüber kleben könnte. Und bei einer Wunde, die man 15 Jahre immer wieder aufriss und beschmutzte, ist auch noch nach fast 2 Jahren keine Narbe daraus geworden. Dazu hast du maßgeblich beigetragen. Die Erfahrungen mit dir, die damit einhergehende Entwürdigung, die von der Abweisung, der Lieblosigkeit und dem nicht gesehen werden, stammt, sind eine Kränkung, die mir gezeigt haben, dass ich dir nicht genügend wert war. Dass ich dir nicht genug wert war, um für mich zu kämpfen, um mich zu beschützen, um für mich einzustehen. Dass ich für dich so wertlos war und bin, ist für mich auch heute noch sehr beschämend, es tut weh und wirkt sich massiv auf mein Leben aus. Diese Scham zieht sich bis heute, wie ein roter Faden, durch mein Leben. Das alles nagt sehr am Selbst, weil man nichts gut genug, nichts richtig genug machen konnte, um das zu ändern. All das hat unter anderem dazu geführt, dass mir meine Gefühle auch heute noch meistens peinlich sind. Und ja, es reißt einem ein Loch ins Herz, die eigene Mutter auch noch verlassen zu müssen, nach allem was passiert ist mit dem Papa, aber deine Gleichgültigkeit macht alles noch viel schlimmer. Das schmerzt, noch so viel mehr als zuvor. Es schmerzt wirklich körperlich. Es ist so schwer damit leben zu lernen, wenn man das Gefühl hat, man ist der eigenen Mutter egal. Für mich ist das so unverständlich, so wahnsinnig unverständlich. Weißt du, ich habe das Gefühl ich war in den ersten 15 Jahren meines Lebens so verdammt allein. Mutterseelenallein. Dabei war ich so bedürftig. Du kannst es dir nicht vorstellen, wie das ist, ein Elternteil so zu verlieren und so etwas zu erfahren. Beide zu verlieren. So etwas zu erleben. Dass sich herausstellt, dass er so ein Mensch ist, wie man es sich in den schlimmsten Albträumen nicht einmal hätte ausmalen können. Dass du so ein Mensch bist. Das ist sehr schwer zu fassen, sehr schwer zu verdauen, das ist es für mich auch heute noch und es fällt mir immer noch schwer Worte dafür zu finden. Trotzdem hast du mich losgelassen, hast mich gehen lassen, warst wieder nicht für mich da. Du kannst dir nicht vorstellen wie lange ich schon an mir und meinem Leben arbeite um es irgendwie aushalten zu können, um mich irgendwie halten zu können. Es ist immer noch ein Kampf, ein Kampf es irgendwie erträglicher zu machen und damit ein regelmäßiger Grenzgang an meiner Belastbarkeit. Nein, psychisch bin ich ihm noch immer nicht entkommen. Meine Vergangenheit holt mich auch heute noch täglich ein und katapultiert mich zurück ins Gestern.

Weißt du, meine Welt ist schon oft zerbrochen, ich habe den Boden unter meinen Füßen verloren und ich bin tief gefallen. So tief, dass ich schon oft dachte, ich schaffe das nicht mehr nach oben. Ich möchte das nicht mehr. Doch fast genauso oft, hat sie sich auch wieder um 180 Grad gewendet, jedoch jedes Mal erneut ohne dich. Du hast mich nie aufgefangen, warst nie da um mir vom Boden aufzuhelfen und hast mich nicht dabei unterstützt meine Leben zu sortieren. Das habe ich getan, das haben andere getan. Über die Jahre habe ich mir einen sehr engen Freundeskreis aufgebaut, diese Menschen sind alles für mich. Sind die Familie, die ich davor nie hatte, nach der ich mich aber schon immer so sehnte. In ihnen habe ich mein Zuhause gefunden. Sie haben mir gezeigt wie schön das Leben sein kann, was Liebe ist, was Hoffnung bedeutet und dass es immer einen Grund gibt wieder aufzustehen und weiterzumachen. Ich glaube nicht, dass ich übertreibe, wenn ich behaupte, dass sie der Grund sind, warum ich heute noch hier bin, nicht aufgegeben habe und stehe, wo ich heute stehe. Denn schlussendlich war es immer die Liebe, die mich dazu brachte weiter zu machen. Auch, wenn ich selbst für mich nicht mehr wollte. Weil sie, [Onkel*], [Tante*] und [kleine Cousine*], indem sie einfach da waren und sind, mich nie zu weit in den Abgrund rutschen lassen. Sie sind mein Fundament, das mir Stabilität, Sicherheit und Verbundenheit gibt. Und sie haben mir auch einen Ort gegeben, an dem ich zu mir finden konnte, an dem ich ankommen durfte. Durch sie habe ich erfahren, was es heißt lebendig zu sein und auch was Glück bedeutet.

Mama, der Papa hat mir viel angetan, aber darum geht es in diesem Brief nicht. Du hast auch viel getan, eben genau deshalb, weil du nichts getan hast. Menschen machen Fehler, er hat schlimme Fehler begangen, ich möchte das nicht klein reden, aber er hat mir auch viel gegeben, nämlich meinen Selbstwert, sodass ich irgendwann stark genug war, um mich mit euch zu retten. Als ich endlich alt genug war um zu begreifen, damals im Urlaub, als das Verdrängen nicht mehr ausreichte. Das, was vom Papa zu viel kam, kam von dir zu wenig und auch das hinterließ tiefe Lücken. Denn mit wenig ist auch nicht viel anzufangen. Vor allem in letzter Zeit hatte ich oft wahnsinnig große Sehnsucht nach einer Mutter, das war und ist ein sehr schmerzlicher Prozess, aber an dich denke ich dabei schon lange nicht mehr und ich kann noch nicht einmal sagen, wann ich dich das letzte Mal vermisst habe. Denn die Mutter, die ich vermisse, habe ich in dir nie gefunden. Ich hatte das große Glück auf Anhieb, bei einer wirklich wundervollen Therapeutin gelandet zu sein, die mittlerweile eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben eingenommen hat. Die bereits jetzt mein Leben schon so nachhaltig verändert hat, so sehr, dass ich das gar nicht in Worte fassen kann. Das, was ich in dir vermisst habe, habe ich in ihr gefunden und ich hoffe, irgendwann finde ich sie bei mir selbst. Die Mutter, die Frau, die du nie warst. Es ist schön und schmerzhaft zugleich. Denn sie nimmt mich wahr, wie du mich nie wahrgenommen hast. Sie gibt mir den Raum, den ich bei dir nie hatte. Sie meint es so gut mit mir, wie du das nie getan hast und sie schenkt mir die Wertschätzung, die du mir nie geben konntest. Durch sie habe ich endlich, nach so langer Zeit, das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein und einen Raum, für all das gefunden zu haben. Sie hilft mir auszuhalten, was nicht auszuhalten war und zu fassen, was nicht zu fassen war. Du warst mir schließlich nie ein Vorbild, nie wollte ich so sein wie du. Du warst alles, was ich nie sein wollte und nichts was ich je brauchte. Mama, mir sind schon so viele wundervolle Menschen im Leben begegnet, aber du warst leider keine davon. Du hast es nie geschafft mich zu berühren. Papa hat mich berührt, aber er hat mich auch angefasst. Angefasst so, dass ich es auch heute noch nicht fassen kann. Seine Geborgenheit war keine Sicherheit, sie war Gefahr und du konntest mich nicht davor bewahren. Weißt du, je weiter ich mich von dir und meinem Vater entfernt habe, desto mehr habe ich zu mir gefunden.

Mein Leben habe ich mir ohne dich aufgebaut und ich bin unglaublich dankbar für die Menschen, die sich in meinem Leben befinden. Du bist schon so lange kein Teil mehr davon und ich möchte das auch nicht mehr. Du hattest zwei Jahrzehnte lang Zeit an meinem Leben teilzunehmen, du hattest mehr als genug Chancen, aber nach so langer Zeit gibt es keinen Platz mehr für dich. Ich mag das Leben, das ich heute führe sehr und es könnte so schön sein, hätten mich meine ersten Bindungserfahrungen nicht so traumatisiert. Ich hoffe, dass aus dem Überleben, nach all den Jahren, endlich ein Leben wird, denn es gibt noch so viele Dinge, die ich gerne machen würde. Doch zuerst will ich den Missbrauch, den sexuelle, aber vor allem auch den emotionalen, der schon seit Generationen in unserer Familie weitergegeben wird, durchbrechen und eine neue Zukunft schreiben. Eigentlich wollte ich, dass du mich dabei finanziell unterstützt. Wollte, dass du für die Dinge bezahlst, die mir angetan wurden und wollte, dass du dafür Verantwortung übernimmst. Denn all die Schuld, all die Scham und den ganzen Ballast der eigenen Eltern zu tragen, ist schwer zu ertragen. Ich dachte, das wäre die einzige Möglichkeit wie du mir dabei helfen könntest. Ich wollte, dass du mir damit zeigst, dass ich dir doch etwas wert bin. Dass es dir leid tut. Doch dein Geld würde nichts verändern. Denn es gibt Dinge, die sind mit Geld nicht zu bezahlen. Dinge, deren Wert mit Geld schlicht nicht aufzuwiegen ist und auch ich mache meinen Wert nicht (mehr) von dir anhängig. Ein paar Dinge habe ich durch dich dann aber doch gelernt. Nämlich mir selbst zu helfen und stark zu sein. Mich immer wieder durch zu kämpfen, beharrlich und ausdauernd zu sein. Mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, mir immer wieder neue Lösungen zu überlegen, für Probleme, die zu Beginn unlösbar erscheinen und aus Situationen, die auf den ersten Blick vielleicht negativ erscheinen, positives für mich ziehen zu können. Ja ich bin zäh geworden und doch gleichzeitig furchtbar sensibel und weich.

Der Brief ist lang geworden, so viele Worte nach so langem Schweigen und doch ist es nur ein Bruchteil dessen, was ich eigentlich sagen möchte und es sind nur ein paar Seiten, von einer Vielzahl an weiteren Seiten. Doch meine Worte werden nie ausreichen, um all das auszudrücken, was all das in mir auslöste. Da der Brief über einen Zeitraum von vielen Monaten entstanden ist, möchte ich, bevor ich zu einem Ende komme, noch ein paar Worte zu deiner Kontaktaufnahme im Mai schreiben:

Weißt du nämlich, es ist mir egal, dass du „mir überhaupt nicht böse bist, auf das, was einmal war“, denn meiner Ansicht nach gibt es keinen Grund dafür, dass du mir böse sein könntest. Du verdrehst die Wahrheit, du verschiebst Tatsachen und hör doch endlich damit auf dich selbst ständig als Opfer darzustellen. Es zeigt wieder nur, dass du mich gar nicht verstehen willst, dass du überhaupt nichts verstehst, dass dir gar nichts leid tut und du immer noch jede Schuld von dir weißt. Damit sprichst du mir mein Leid ab, machst mich wieder unsichtbar und du kannst dir nicht vorstellen in was für psychische Abgründe mich deine Worte wieder gerissen haben. Ich denke auch, dass deine Kontaktaufnahme, von O.* ausging und du zugestimmt hast, damit für dich wieder alles passt, damit das Bild der “heilen Familie“ für dich wieder stimmt. Nicht aber, weil du dich um mich sorgst, nicht, weil du wissen willst, wie es mir wirklich geht. Wenn du zusätzlich noch die Geschichte mit dem Papa verleugnest, sprichst du mir damit wieder alles ab, meinen Schmerz und mein Leid. Kontakt mit dir ist vernichtend und tut immer wieder nur weh. Es gibt auch nichts mehr zwischen uns zu bereden. Ich wüsste nicht worüber und auf gar keinen Fall spreche ich mit dir über Dinge, die mich „bedrücken“. Schließlich hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass diese bei dir nicht gut aufgehoben sind. Du konntest mich nie tragen, meine Gefühle mit mir nie aus-halten. Du bist wirklich die allerletzte, mit der ich über meine Probleme reden möchte. Du verstehst sie doch nicht.

Die Wut von damals ist mittlerweile etwas abgeflacht und mir ist auch klar geworden, dass du vermutlich gar nicht anders hättest handeln können, dass du nie die Mutter hättest sein können, die ich gebraucht hätte und mir nie das hättest geben können, was ich so bitter benötigt hätte, weil du selbst nie erwachsen geworden bist und weil du die emotionale Reife dazu nie hattest. Ich möchte dir auch nicht absprechen, dass du mich je geliebt hast, vielleicht hast du sogar dein Bestes gegeben. Doch es war eben nicht genug, ich habe wenig davon gespürt und das alles ändert trotzdem nichts an meinen Gefühlen. Es ändert nichts an dem, was mir dadurch gefehlt hat, nichts daran, was dadurch möglich wurde und nichts, was mir dadurch angetan wurde. Mein Schmerz, meine Ängste und meine Verletzungen waren und sind dennoch real. Aber ich arbeite daran und bin auf dem Weg in eine Zukunft, die ich mir heute gerne ausmale. Eine Zukunft ohne dich. Ich habe meinen Bachelor abgeschlossen, studiere mittlerweile im Master, meine Lieblingsmenschen wurde zu meiner Wahlfamilie und auch in meiner Therapie mache ich ständig Fortschritte. Ich weiß, dass es noch ein langer Prozess ist, aber er bewegt sich in eine gute Richtung und ich habe Unterstützung. Ich bin zuversichtlich, nicht immer, aber immer öfter.

Alles Gute,

Tina

*Namen unkenntlich gemacht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.