Arbeiten mit psychischer Erkrankung


Beitrag von Maria
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Beitragsbild von Anna Shvets on Pexels.com

Seit 2022 arbeite ich nun als Sozialarbeiterin.

Lange habe ich überlegt, was ich darüber schreiben kann.
Wie beeinflusst mich diese Arbeit in Bezug auf mein Trauma und meine Traumafolgestörungen?
Wie geht es mir mit dieser Arbeit im Alltag und in schwierigen Situationen?
Habe ich mich mehr und mehr gefunden oder verloren?

Meine Antwort – heute – nach 17 Monaten in Arbeit ist: teils, teils.

Der für mich wichtigste Aspekt ist, dass diese Arbeit mir unglaublich viel Halt und soziale Eingebundenheit gibt in meinem Leben.
Das ist meine ganz persönliche Erfahrung, weil ich einen Job gefunden habe, durch den ich sehr motiviert bin und Sinn verspüre. Mein Job hat, genauso wie dieser blog, etwas mit psychischen Erkrankungen, mit Teilhabe, mit neuen Chancen für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu tun. Ich möchte also keinesfalls eine generelle Aussage über Arbeit machen, sondern nur über mich und die Wirkung meiner Arbeit auf mein Leben. Unterm Strich glaube ich jedoch, dass gerade der persönlich verspürte Sinn in dem, was ich mache, mich stabilisiert.

Noch ein paar Monate bevor ich 2022 diesen mir sehr gut tuenden Job begann, überlegten mein Psychiater und ich, ob es nicht sinnvoll sei, nun einen Rentenantrag zu stellen.
Ich konnte mir mit meinen Beeinträchtigungen nicht vorstellen – und es wäre auch nicht möglich für mich – jeden morgen um sieben oder um acht pünktlich auf einer Arbeitsstelle zu erscheinen. Oder in einer Arbeitskultur zu verweilen, in der Druck und Leistungsanspruch an erster Stelle stehen.
Ich möchte damit nicht sagen, dass ich keine Arbeitsleistungen abliefern kann. Ich möchte nur sagen, dass ich erstarre in einem solchen Arbeitskorsett. Meine Energie, meine Kreativität, meine Wärme und Liebe zu allem kann nicht mehr fließen.
Und für die Skeptiker: Nein, auch besondere Anstrengungen, sich zusammenreißen oder ähnliches bewirkt keine „Alltagstauglichkeit“ sondern eher das Gegenteil: Erstarrung und Zusammenbruch.

Durch einen glücklichen Zufall…. Oder sagen wir, weil ich mich 2019 hineingleiten ließ in einen ehrenamtlichen Tätigkeitsbereich, der meinen Interessen entsprach, mich einfach auslebte mit dem wer ich war und was ich gerne machen wollte, landete ich dann hier. Ich erkannte, dass es sehr wohl, entgegen meiner bisherigen Erfahrungen, Bemühungen in dieser Gesellschaft gibt, inklusive Arbeitsstrukturen zu erschaffen und bereitzustellen.

Das komische, früher Undenkbare für mich, war, dass ich mich erst darauf einlassen musste, mich so zu zeigen, wie ich wirklich bin, ohne Verstecken und Beschönigungen, damit erkannt werden konnte, von mir und von anderen, welche inklusiven Strukturen ich wirklich brauchte.
Und davon mal abgesehen – damit ich erkennen konnte, dass die Menschen in diesem Bereich mich nicht verurteilten, mich nicht an eine ideale Norm anpassen wollten, dass ich einfach gemocht wurde für meine Art.

Allerdings möchte ich hier ganz klar sagen, dass ich in einem Bereich tätig bin, in dem die Menschen sensibilisiert sind für inklusive Arbeitshaltungen. Es gibt noch sehr, sehr viel Unternehmen, Träger, Vereine usw., in denen Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht so behandelt werden. In denen das Versteckspielen weiter geht, da die Missachtung und die fehlende Wertschätzung noch zu stark ausgeprägt sind…

Ich weiß um diese vielen verschiedenen Lebens- und Arbeitsbereiche von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Nichts von all dem ist leicht zu erklären, alles ist so komplex…
Und doch hoffe ich, dass sich mehr inklusive Rahmenbedingungen, mehr inklusive Haltungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen entwickeln werden…
Arbeit, tätig sein, sich verwirklichen in Gemeinschaft… Das ist so ein wichtiges Bedürfnis von Menschen. Es stellt eine Kraft, eine Ressource dar, die über schlimme Zeiten hinweghelfen kann.

Auch ich hatte in diesen letzten eineinhalb Jahren schwere Zeiten, schwere depressive Episoden und Zeiten tiefer Verzweiflung, in denen ich nicht mehr ein noch aus wusste, und schon gar nicht, wie ich den nächsten Tag überstehen oder weiteratmen sollte. Meine Erkrankung ist nach wie vor da und ich nehme weiterhin Antidepressiva seit den Vorfällen während der Coronazeit. Ein Absetzversuch im letzten Winter scheiterte kläglich…
Und doch… kann ich nach diesen Auf und Abs der letzten siebzehn Monate sagen, dass ich mich viel schneller stabilisiere als zuvor. Ich weiß um die Menschen bei mir auf der Arbeit, die sich freuen, wenn ich wieder komme und die mich schätzen. Ich kann auch wieder zur Arbeit gehen, wenn ich noch nicht wieder ganz fit bin. Ich sage, dass ich zwar da sein möchte, ein bisschen am Computer arbeite, aber nicht über meinen Zustand sprechen möchte. Sie sehen und akzeptieren, wenn meine Wahrnehmung gerade etwas langsamer ist, wenn ich nicht so viel Informationen verarbeiten kann, da alles in mir gedämpft ist. Aber alleine zuzuhören, wie sie miteinander sprechen im Raum, sich austauschen, lachen… Das zieht mich Millimeter für Millimeter weiter heraus aus dem dunklen Loch. Ich sage nicht, dass es heilt – es hilft.

Sich nicht verstecken zu müssen, ist so heilsam.

Früher war ich in einer depressiven Episode wochen- oder monatelang in meinen vier Wänden (eingesperrt). Ich denke heute, dass dieses Einigeln auch gewisse Ängste verstärkt hat, ich gewöhnte mich mehr und mehr an das Alleinsein und Gesellschaft wurde mich fremder und fremder. Und nun… Habe ich es anders erlebt. Und eine meiner depressiven Episoden, die so schlimm war wie früher, mich monatelang in die Dunkelheit gezwungen hätte, dauerte zwei Wochen der Einsamkeit. Ich war zwar noch krank und auch krankgeschrieben, aber ich war immer wieder für ein paar Stunden im Büro, einfach nur dasitzend oder am Computer schreibend.

Und ich glaube, hier liegt ein entscheidender Unterschied.
Eine Gesellschaft, in der man sich zeigen darf, in der dies ausgestrahlt und klar kommuniziert wird. In der wir uns auch in einer instabilen Phase zeigen und teilhaben dürfen ohne Verurteilungen und „ungefragte gute Tipps & Ratschläge“. In der uns gezeigt wird, dass es schön ist, dass wir da sind – auch in einer kranken Phase.

Vielleicht ist das ein Funken Hoffnung… auch Arbeit ist mit dauerhafter psychischer Erkrankung möglich… Auf eine ganz individuelle Art und Weise… Und mit Menschen um uns herum, die uns als Menschen wertschätzen und akzeptieren…

Doch, auch die Skeptikerin in mir ist wach und trotz der guten Erfahrungen in den letzten Monaten bin ich mir dessen gewahr, dass auch wieder Umstände, Zeiten kommen können, in denen ich einfach nur in mein Dunkel verschwinden werde… Ich hoffe nicht so schnell… Und dass eine einigermaßen langfristige Stabilisierung durch meine neuen Erfahrungen möglich ist…

Für heute… genug Infos… Die anfänglichen Fragen sind noch nicht zu meiner Zufriedenheit beantwortet… Deshalb bald mehr…

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