#Folgen der PTBS // Teil 1

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PODCAST TRAUMALEBEN


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Meine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS) bringt im Erwachsenenalter viele Folgen mit sich, die sich im Alltag zeigen. Oft treffe ich auf Menschen, die mir mit Berührungsängsten, Hilflosigkeit bis hin zu Unverständnis und Verurteilungen begegnen. Und immer wieder werde ich in Erklärungsnöte gebracht, da die Unwissenheit rund um komplexe PTBS noch sehr verbreitet ist, obwohl sie so häufig vorkommen.

Daher möchte ich einen Einblick in Entstehungsursachen und Folgen bzw. Regulationsprobleme geben, die mich jeden Tag begleiten. Allgemein ist allerdings zu sagen, dass sich die Folgen von Entwicklungstraumata vielfältig gestalten können. Meine Traumaerfahrungen müssen noch lange nicht denen von anderen Betroffenen ähneln.

Fast alle Traumafolgen, unter denen ich litt oder bis heute leide, haben ihren Ursprung in der starken Regulierung bzw. dem starken Anpassungsdruck, der Gewalt und Diskriminierung in meiner Kindheit und Jugend, d.h. es gab z.B. Vorgaben zu dem wie ich zu essen und zu trinken, was ich in meiner Freizeit zu tun und zu lassen hatte oder was ich sagen durfte und was nicht. Das fing bei kleinen alltäglichen Dingen an und reichte bis hin zu bedeutenden Lebensentscheidungen. Ich durfte zum Beispiel meine Kartoffeln auf dem Teller nicht zu Kartoffelbrei zermanschen oder erst vom Tisch aufstehen, wenn ich Familienmitglied XY (Namen werde ich nicht erwähnen) in Aussagen mit „Ja, du hast recht.“ zustimmte, auch wenn diese total unsinnig waren. Wenn ich dies nicht tat, musste ich so lange am Tisch sitzen bleiben, bis ich bereit war diesen Satz zu sagen. Manchmal saß ich noch sehr lange am Tisch. Es erstreckte sich weiter auf Herabwürdigungen oder Vorgaben zu meinem Aussehen, meiner Kleidung sowie Hobbies. Ich bin ein künstlerisch begabter Mensch und wollte sehr gerne Zeichenunterricht besuchen und Klavierspielen lernen. Nach den Vorgaben des Hauses musste ich jedoch einem sportlichen Hobby nachgehen. Sport und Wettkampf wurden und werden in dieser Familie sehr groß geschrieben. Das Fernsehprogramm wurde grundsätzlich vorgegeben, meine Wünsche nicht gehört (was bei meinen jüngeren Geschwistern anders war, so wie eigentlich alles andere auch). Manchmal schaute ich deshalb heimlich nach der Schule ein paar Serien und hatte immer Angst erwischt zu werden. Klassenfahrten, Jugendweihe, nachmittägliches Treffen mit Klassenkamerad*innen wurden mir grundsätzlich verboten. Dass ich letztendlich doch auf Klassenfahrten mitfahren durfte, war nur der unerbittlichen Fürsprache und Kostenübernahme durch meine Großeltern zu verdanken. Diese kauften auch den Großteil meiner Kleidungsstücke. Wenn ich in meiner Jugend mal mit Freunden weggehen wollte, musste ich lügen – ich schliefe bei einer Freundin. Wählbare Schulfächer durfte ich mir nicht aussuchen, genauso wenig was ich nach Beendigung der Realschule machen wollte. Mir wurde untersagt Abitur zu machen, stattdessen musste ich eine Ausbildung bei der Bundeswehr machen – weit weg von „zu Hause“, so dass u.a. keine Kosten mehr für mich anfielen. Ich war erst 16 Jahre alt und lebte in einer Kaserne. Letztendlich wurden mir tausende von Euro von meinem Sparkonto gestohlen, dass mir mein Großvater geschenkt hatte, mit dem einfachen Vermerk, sie hätten das Geld gebraucht. Ich sah es natürlich nie wieder. Es wurde ein Verbot ausgesprochen, mit dem von mir gekauften Auto zu meiner Arbeit bei der Bundeswehr zu fahren, die sich mehrere Stunden von meinem „Heimatort“ entfernt befand und den ich am Wochenende sehr häufig besuchte. Sie wollten dieses Auto, die Woche über selbst nutzen. Hier seht ihr bereits, dass die Ängste und Abhängigkeit aufgrund der jahrelangen Indoktrination bis in das Erwachsenenalter hineinreichten.
Zu den beliebtesten Strafmaßnahmen gehörten Hausarrest (obwohl ich sonst auch nicht viel rausgehen durfte), das Zudecken mit Arbeiten im Haushalt sowie (die für mich schlimmste Strafe) Mimik, Gestik und verbaler Ausdruck voll von Ignoranz und Missbilligung. Selbst jetzt, viele Jahre nachdem ich dies erlebt habe, stellen sich beim Schreiben Gefühle rund um Machtlosigkeit, Lähmung, Traurigkeit und Angst ein.

Wie ein Mensch, dem der Wert des Lebens abgesprochen wird.

Aus diesen und anderen Erfahrungen der Gewalt und Diskriminierung sind weitreichende Folgen erwachsen.

Stark vergrößerte Wahrnehmung meiner Umwelt

Zum einen hat sich meine Wahrnehmung entsprechend meiner Erfahrungen in Kindheit und Jugend entwickelt. Ich musste immer aufpassen was in meiner Umgebung passiert, um mich so schnell wie möglich anzupassen. Nur so konnte ich vielen Strafen entgehen und den Erwartungen verschiedener Teile der gesamten Familie entsprechen. Die Familie, in der ich die meiste Zeit war, hatte ganz bestimmte Erwartungen und Ansprüche an mich und die Umwelt, andere, als die der Familie meines Vaters, bei der ich ebenfalls Zeit verbrachte (Meine Eltern trennten sich als ich vier Jahre alt war.). Und meine Großeltern hatten ebenfalls einen anderen Alltags- und Familienhabitus. Wenn ich in der Familie meiner Mutter den Mund zu halten und mich sehr stark anzupassen hatte, galt dies in der Familie meines Vaters eher als schlechte Eigenschaft. Dort wurde ich für meine ruhige und zurückhalte Art schief angeschaut. Es gab dort sehr viele Freiheiten, mit denen ich jedoch gar nicht umgehen konnte. Meine Großeltern hingegen hatten schon immer einen sehr stark strukturierten Alltag, der mir viel Halt gab, dennoch musste ich mich hier auch stark an vorhandene Vorstellungen anpassen.

Ihr müsst euch vorstellen, dass diese Lebensumstände sich über einen Zeitraum von ca. 15 Jahren erstreckten. In diesen Jahren reift bei Kindern und Jugendlichen das Gehirn weiter, dazu gehört z.B. wie es die Umwelt wahrnimmt und bewertet, wie es mit eigenen Bedürfnissen und Gefühlen umgehen darf und dadurch kann, welche Masken von Beziehungsqualitäten sich einprägen oder wie physische und psychische Regulation möglich ist und damit sein wird.

Da ich über diese prägende Zeit meines Lebens sehr oft in Alarmbereitschaft war, und meine Umgebung nach für mich gefahrvollen Situationen abgesucht habe, erfolgte eine Manifestation dieses Musters über Kindheit und Jugend hinaus. Zu den Folgen gehört eine vergrößerte Wahrnehmung meiner Umwelt (was eine typische Folge von Entwicklungstrauma sein kann). Ich höre sehr gut, kann dabei aber die Geräusche weniger filtern. Ich nehme die Vögel und Autogeräusche hinter dem verschlossenen Fenster genauso wahr, wie die Stimmen in anderen Räumen, den Lüfter meines Laptops, das Summen eines Ladegeräts oder das Geräusch von Stiften und Flüstern in Unterrichtssituationen. Dies lässt sich auf alle Geräusche des Alltags übertragen. Daraus folgen Erschöpfungszustände, bis hin zum Verlust der Sprachfähigkeit. Nach ein paar Stunden muss ich mich in eine reizärmere Situation begeben, um mich zu erholen. Im Rahmen dieses Symptoms der komplexen PTBS konnte ich über die Jahre bereits einige Methoden erlernen. Hierzu gehört, dass ich immer Ohropax in der Tasche habe, ruhige Arbeitsorte erschaffe, meine verstärkte Wahrnehmung an meine Mitmenschen kommuniziere, wenn nötig.

Oft gibt es jedoch keine Methoden, die helfen, außer die Meidung entsprechender Situationen. Viele Male musste ich Vorlesungen verlassen, da die Studierenden um mich herum den Geräuschpegel nicht herunterfahren wollten. In der Schule war das als Kind natürlich nicht möglich. Das Lesen ist mir in Gruppen nicht möglich. Ich kann nicht Auto fahren mit vielen Menschen im Auto, die sich unterhalten oder laut sind, da dies meine Konzentration im Straßenverkehr zu stark einschränkt. In der Schule und im Studium brauchte ich oft länger zum Lesen und Erarbeiten von Schriftstücken. Ich habe viele Jahre gebraucht, um Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Ich schrieb z.B. in meiner Geschichtsabiturprüfung, nach Aussage meiner damaligen Geschichtslehrerin, eine sehr gute und fundierte Arbeit. Ich bestand dennoch mit nur knapp 5 Punkten, obwohl ich ein Ass in Geschichte war; Grund: Inhalte nicht auf den Punkt gebracht, zu ausführlich. Eine andere Besonderheit ist, dass ich Sachverhalte zwar schnell und umfassend (mit Bezügen zu anderen Sachverhalten) verstehe, in Prüfungssituationen dann jedoch aufgrund von Ängsten vor den Erwartungen wie gelähmt war. In einem Statistikseminar der Universität konnte ich z.B. anderen die Inhalte gut und anschaulich erklären, bin aber letztendlich als einzige aus der Lerngruppe, aus Angst, nicht zur Prüfung gegangen. Diese Ängste gehören auch zu den Folgen der komplexen PTBS. Es handelt sich dabei nicht um rational verständliche Gefühle, sondern um Überbleibsel aus dem Entwicklungstrauma aus Kindheit und Jugend.

Als Folge dieser Zustände rund um meine verstärkte Wahrnehmung, wurde bei mir 2011 ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) diagnostiziert und ich erhielt viele Jahre dementsprechende Medikamente. Bis heute muss ich diese Medikamente in einigen Situationen noch nehmen, um belastbar zu bleiben (z.B. Kinderbetreuung mit Lärmbelastung).

Ich muss mich ausserdem immer wieder kontrollieren und so eine Kontrollinstanz aufgebauen: Ist das jetzt schon zu viel? Was ist das wirklich Wichtige heute? Verliere ich mich gerade in Etwas? Sind die Ängste wirklich angemessen in Bezug zur real vorliegenden Situation?

Bis heute bedeuten diese Denkprozesse vor allem eins: ein erhöhter Energieverbrauch und zusätzliche Prozesse im Speicher- und Verarbeitungsmedium Gehirn, als bei Menschen ohne diese Kompensationsmethoden.

Stark vergrößerte Wahrnehmung der Verhaltensweisen von Mitmenschen

Mit der erhöhten Wahrnehmung der Umwelt geht auch eine erhöhte Wahrnehmung der Verhaltensweisen von Mitmenschen einher. Man könnte sagen, dass ich eine starke Sensibilität für Reize, aber auch für Anzeichen von (emotionaler) Gewalt und Diskriminierung entwickelt habe. Die meisten Menschen in meiner Umgebung können ein Liedchen davon singen. Ob Manipulation, Überredungen zum eigenen Vorteil, Herabsetzungen zur Selbstwertsteigerung, Sexismus, Lookismus (…), meistens kann ich meinen Mund nicht halten und muss zuerst nett und höflich, später energischer darauf hinweisen. Wenn sich diese Denk- und Verhaltensweisen dann weiterhin fortsetzen, bleibt für mich nur Abstand bis hin zur Kündigung von Arbeitsverhältnissen, Freundschaften usw. Der Ursprung dieser Verhaltensweisen ist ebenfalls auf die komplexe PTBS zurückzuführen.

Extreme Anpassungsabneigung im Erwachsenenalter

Durch die extremen Anpassungserwartungen in meiner Kindheit und Jugend hat sich eine extreme Anpassungsabneigung im Erwachsenenalter entwickelt. Im Jugend- und frühen Erwachsenenalter wurden aus Hoffnungs- und Alternativlosigkeit, dem Gefühl zu Ersticken und Platzängsten Depressionen und Selbstmordgedanken. Durch mehrere Therapien, Klinikaufenthalte und selbstreflexive Arbeit, konnte ich lernen, aus der Passivität in die Aktivität zu kommen. Das heißt, in mir hat sich im Laufe der Jahre folgendes neue Denk- und Handlungsmuster in Verbindung mit den alten Erfahrungsmustern aus Kindheit und Jugend entwickelt:

Wenn ich Gewalt und Diskriminierung erfahre und dabei passiv bleibe, werden Depressionen und Selbstmordgedanken folgen. Also MUSS ich aktiv werden. Die Gefühls- und Denklage kurz zusammengefasst: Passivität bedeutet Schmerz und Tod.

Daraus entstand, dass ich mich in einengenden (hohe Anpassungserwartung), gewalt- und diskriminierungsvollen Arbeits-, Freundschafts- oder Partner*innenbeziehungen schnell zu Wort melden muss. Lassen sich die Umstände der gewalt- und diskriminierungsvollen Denk- und Handlungsweisen nicht ändern, leide ich unter starken psychischen und physischen Beeinträchtigungen. Meistens muss ich die Beziehungen dann abbrechen, ich bin allerdings auch schon rechtliche Wege gegangen.

Laut werden und mich wehren, musste ich erst lernen.

Dadurch ist mein Freundeskreis klein und der Kontakt zu meiner Familie abgebrochen. Dinge, über die viele meiner Freunde bei anderen einfach hinwegsehen können, kann ich mit mir und meiner Gesundheit nicht vereinbaren. Selbst wenn gewalt- und diskriminierungsvolle Denk- und Handlungsweisen nicht mir gelten, sondern anderen Menschen, und ich dies in meinem Umfeld mitbekomme. Hier hat sich ein starkes Gerechtigkeitsgefühl ausgeprägt. Da in diesem Bezug eine starke Normalisierung vieler Gewalt- und Diskriminierungsformen in unserer Gesellschaft vorliegt, fühle ich mich immer wieder (selbstverursacht) isoliert. Hierzu gehören z.B. psychische und physische Übergriffigkeiten, Lästern über das Aussehen von Menschen, das Schlechtreden von anderen Menschen, Bestimmungen zu dem, was sich für Männer, Frauen oder ganz allgemein „gehört und was nicht“ oder das Übergehen von Bedürfnissen und Gefühlen anderer.

In manchen Bereichen wird die Aktivität fast zwanghaft. Ich habe auf Schiffen gearbeitet und konnte, wenn es verlangt wurde, wochenlang 18 bis 20 Stunden am Tag arbeiten. Danach hatte ich zwar oft ein „Burnout“ – doch es war möglich aufgrund meiner Erfahrungen. Gelernte Anpassung an extreme Erwartungen hat mir hier ermöglicht den Anforderungen auf den Schiffen zu entsprechen, auch wenn es gesundheitliche Folgen hatte. In den letzten Jahren konnte ich unerbittlich an Hausarbeiten schreiben oder Projekte entwerfen. Es gab Zeiten, in denen ich viele Dinge gleichzeitig organisiert habe. Umso mehr umso besser. Heute kann ich das bereits ruhiger angehen. Meine Arbeit ist aufgrund dieser Umstände heute meistens selbstbestimmt und macht mir Spaß. Meine Arbeit ist so mein größtes Hobby. Dies kann allerdings auch zu Problemen führen, auf die ich später noch eingehe.

Ein eher lustiges Resultat der Anpassungsabneigung ist, dass ich seit vielen Jahren, jeden Tag, zwei verschiedene Socken trage. 😊

Fehlende Wahrnehmung von Bedürfnissen und Gefühlen

Eine weitere und sehr schwerwiegende Folge des Entwicklungstrauma ist die fehlende Wahrnehmung von Bedürfnissen und Gefühlen aufgrund der dauerhaften Unterdrückung in Kindheit und Jugend. Die zuvor beschriebenen extremen Anpassungserwartungen führten dazu, dass ich meine Gefühle und Bedürfnisse unterdrücken musste. Hätte ich diesen Raum gegeben, so wären Ärger und Strafen nicht weit gewesen. Ich hatte schließlich zu funktionieren, so wie es von mir erwartet wurde und den Eltern nicht entsprechenden Gefühle und Bedürfnisse waren verboten. Was ca. 15 Jahre Tag ein Tag aus von dir verlangt wird, vergisst du, dein Körper, deine Psyche nicht so schnell. So hat sich in mir folgendes Muster eingebrannt:

Wahrnehmung und Auslebung eigener Gefühle und Bedürfnisse bedeutet Strafe und Tod.

In den letzten 20 Jahren konnte ich mir das Recht auf meine Gefühle wieder zurückerobern. Die unterdrückenden Glaubenssätze sind nicht mehr vorhanden – zumindest in meinen Gedanken. In der Traumatherapie musste ich feststellen, dass sich die alten Gefühlsmuster und Glaubenssätze aber auch in tiefere Schichten eingebrannt haben, zu denen ich im Alltag wenig Zugang habe. Resultat ist eine vorhandene Grundanspannung meiner Muskeln und Muskelschmerzen. Hieraus sprechen festgesetzte Ängste und Fluchtbereitschaft.

Es ist so, als wenn mein Körper nicht vergessen kann was er erlebt hat.

Ein bisschen wie bei einem Hund, der getreten und geschlagen wurde und weiterhin Ängste und Panik hat, sobald ihm ein Mensch zu nahekommt.

Anders, als bei meinen Fortschritten in Sachen Gefühlswelt, sieht es mit der Wahrnehmung meiner Bedürfnisse aus. Bis heute fühle ich grundlegende Bedürfnisse nicht bzw. kaum. Als wenn sie hinter einer Tür tief im Keller verschlossen sind und ich den Schlüssel nicht finden kann. Das wirkt sich zum Beispiel wie folgt aus: Ich spüre Hunger erst, wenn mein Magen krampft oder mir schwindelig wird. Entspannungszustände sind für mich schwer aushaltbar. Überhaupt kann ich schwer spüren, wenn mein Körper Erholung braucht und dem dann auch nachgehen. Zu den Folgen gehören spätere Erschöpfungszustände. Ich spüre auch kaum, dass mein physischer Körper und meine Psyche Bewegung, soziale Kontakte, Hobbies oder erholsame Freizeit braucht. Vor allem nachdem ich ein Kind bekommen habe, was von Natur aus bereits starke Einschränkungen für Eltern mit sich bringt, bin ich aus Liebe zu meinem Kind wieder in eine Bedürfnislosigkeit gefallen. Trauma und Kleinkind waren für mich schwer zu händeln (ich hatte glücklicherweise viel Hilfe!).

Und wenn ich die Bedürfnisse doch spüre, kann ich diesen nur schwer nachgeben. All dies betrifft unmittelbar die lebenswichtige Selbstregulation. Hier habe ich bereits etwas dazu geschrieben.

Als wenn die Welt meiner Kindheit irgendwo in mir weiterlebt.

Diese Muster betreffen nicht nur kognitive Prozesse, wie das Denken. Dies geht viel tiefer, in eingeprägte Entwicklungsstrukturen des Fühlens und Denkens, in aktionale Handlungsmuster, die wie Affekte (z.B. Hand wegziehen bei heißer Herdplatte) funktionieren. Aus diesem Grund gestalten sich Traumatherapien auch anders als Verhaltens- oder tiefenpsychologische Therapien. Das Erlernen der Wahrnehmung des eigenen Körpers, der Gefühle und Bedürfnisse ist dabei essenziell. Da muss man den Kopf auch mal ausschalten.

Das Spüren meiner Bedürfnisse steht bei mir gerade ganz oben auf meiner Agenda. Dafür sind allerdings nicht nur innere Bemühungen und das Erlernen von entsprechenden Fähigkeiten notwendig, sondern auch eine Umgebung, in der ich dies wieder erlernen kann. Eine für mich neue und großartige Methode ist die „Bedürfniswoche“. In einem der nächsten Artikel werde ich diese erläutern.

Mit einigen Einschränkungen kann ich mittlerweile gut umgehen, mit anderen noch nicht so gut. In diesem Artikel ging es vor allem um die Folgen aus den letzten 30 Jahren, die mit dem Stand der Bewältigung jedoch nichts zu tun haben.

Ihr seht, die Folgen eines Entwicklungstraumas bzw. einer komplexen PTBS sind umfassend und weitreichend, hier habe ich nur einige genannt. Vielleicht mache ich irgendwann noch einen zweiten Teil zu diesem Thema.

Mit einem Artikel, wie diesem, möchte ich vor allem sensibilisieren und aufklären. Wenn ihr Betroffene seid, dann möchte ich Euch sagen: Ihr seid nicht allein damit. Wenn ihr nicht betroffen seid, dann habt ihr nun vielleicht eine Ahnung von dem, was Betroffene aus eurem Umfeld beeinträchtigt, auch wenn sie nicht darüber sprechen können und wollen.

Zum Schluss möchte ich Euch dazu ermutigen Euch selbst zu beobachten: Welche Muster habt ihr aus der Kindheit und Jugend, die bis heute vorhanden sind? Welche starken Abneigungen habt ihr aus Situationen oder Gewohnheiten eurer Herkunftsfamilie oder anderen Lebenssituationen entwickelt?


Zusammenfassung einiger Folgen meines Entwicklungstraumas (nicht sortiert):

  • vergrößerte Wahrnehmung meiner Umwelt und
  • erhöhte Wahrnehmung der (Denk- und) Verhaltensweisen von Mitmenschen
  • physische und psychische Alarmbereitschaft
  • starke Sensibilität für Reize und für Anzeichen von (emotionaler) Gewalt und Diskriminierung
  • Erschöpfungszustände, bis hin zum Verlust der Sprachfähigkeit
  • Langsames Lesen und Schreiben aufgrund erhöhter Wahrnehmung (Konzentrationsprobleme)
  • Prüfungsängste (bei schriftlichen Prüfungen)
  • Notwendigkeit einer inneren Kontrollebene zur Überprüfung von z.B. aufkommenden Ängsten, aus dieser entsteht
  • erhöhter Energieverbrauch und zusätzliche Prozesse im Speicher- und Verarbeitungsmedium Gehirn
  • kleiner Freundeskreis
  • kein Kontakt zur Familie
  • zwanghafte Aktivität statt Passivität
  • Gefühl der Isolation
  • fehlende Wahrnehmung von Bedürfnissen und Gefühlen mit
  • Beeinträchtigung der Selbstregulation
  • Diagnose ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) mit Medikamenten
  • extreme Anpassungsabneigung im Erwachsenenalter
  • Depressionen und Selbstmordgedanken
  • starkes Gerechtigkeitsgefühl

Empfehlung:

Die folgenden Reportagen stellen die Ursachen und Folgen rund um komplexe PTBS mit emotionaler Gewalt sehr gut dar:

und hier:

https://www.e-dietrich-stiftung.de/das-filmprojekt.html

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