Kontaktabbruch und Weihnachtszeit


Beitrag von Ivy
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TW Herkunftsfamilie, psych., phys. & sex. Gewalt, Depression, Vernachlässigung, Schuld- und Schamgefühle

Meine Herkunftsfamilie bestand einmal aus sechs Personen. Mit den Jahren ist sie immer kleiner geworden. Ein Elternteil starb, als ich 14 war. Mein jüngstes Geschwister mit 22, da war ich 21. Und zu den anderen Geschwistern habe/musste ich den Kontakt abbrechen, weil Täterkontakt in der Therapie nicht erlaubt ist. Bleibt noch eine Person zu der ich mich momentan etwas distanziere. Insgesamt war der Kontaktabbruch Ende letzten Jahres für die Therapie sicher sinnvoll. Abgesehen von den traumatischen Erlebnissen, die mir diese Menschen beschert haben, war die Beziehung ohnehin toxisch. Immer wieder habe ich Energie reingesteckt, mich bemüht. Zurück kam nicht viel außer Vorwürfen und Missgunst. Auch ohne die schwierige Vergangenheit war das keine gesunde Beziehung.

Ich fahre nicht in meine Heimatstadt. Die Täter habe ich auf allen Kanälen blockiert. Die paar Menschen, die noch zu mir und zu ihnen Kontakt haben, habe ich gebeten weder Handynummer, noch Adresse weiterzugeben. Habe drum gebeten keine Informationen zu mir weiter zu geben und im Gegensatz sie auch nicht zu erwähnen. Ich male und schreibe im Internet unter einem Pseudonym. Ich habe einige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, dass der Kontaktabbruch aufrecht gehalten wird.

Es gäbe keine ambivalenten Gefühle, wäre ihr Verhalten nicht ambivalent gewesen.

Zu Geburtstagen, Todestagen und eben auch zu Weihnachten wird mir die Auswirkung des Kontaktabbruchs immer wieder schmerzlich bewusst. Weil ich es (noch?) nicht schaffe Wut zuzulassen, sie einfach wegzuschieben und froh darüber zu sein, dass der Kontakt nicht mehr besteht. Im Gegenteil. Ich fühle mich schuldig die Familie zerrissen zu haben, ihnen Kummer zu bereiten, alles kaputt gemacht zu haben. Ich vermisse sie. Der Versuch die Vernunft reden zu lassen und mir zu sagen, dass es richtig und gesund war, klappt mal mehr, mal weniger. Diese ambivalenten Gefühle sind schwer zu ertragen.

Vielleicht würde mir Wut leichter fallen, wäre gar keine Ambivalenz der Gefühle nötig, wenn ihr Verhalten nicht ambivalent gewesen wäre. Es waren eben auch wichtige und zeitweise auch liebevoll-kümmernde Bindungspersonen. Wahrscheinlich ist es das, was es mir so schwer macht.

Es überfordert mich. Ich weine um die liebevollen Seiten meiner frühkindlichen Bindung. Ich weine um Zusammensein und Familientraditionen, die ich nicht mehr haben kann. Ich weine um das kleine Mädchen, das Angst hat, dass Papa die Beherrschung verliert, dass nicht weiß, wann er sich wieder beruhigt hat und der Liebesentzug vorbei ist. Ich weine um das kleine Mädchen in mir, dass einfach nur eine normale gesunde Familie und Zuneigung und Liebe haben will.

An den Feiertage damals viel zu Hause aufeinander hocken, hat natürlich auch zu Streit geführt unter den Geschwistern. So weit, so normal. Mein Vater, der mit all dem Kinderlärm, dem Weihnachtsstress und der unbehandelten Winterdepression nicht so gut zurechtgekommen ist, hat seine Überforderung in physischer und psychischer Gewalt an den Kindern ausgelassen. Weihnachtszeit heißt für mich auch jetzt noch wachsamer als sonst auf mögliche Signale von Stress und Überforderung aus meinem Umfeld zu achten. Weihnachtszeit heißt Anspannung, heißt hoffen, dass alle irgendwie durchkommen und keiner explodiert.

Weihnachtszeit heißt aber auch schöne Erinnerungen. Wieder Ambivalenz.

Meine Familie ist nicht mehr zu retten. Sie war schon lange vor dem Kontaktabbruch und den Toden kaputt. Kaputt gemacht durch physische, psychische und sexuelle Gewalt und Vernachlässigung. Ich bin zum Glück nicht allein, denn mit meinem Partner habe ich einen neuen Kreis um mich, den ich nun Familie nenne. So viel gesünder, verunsichert mich manchmal noch etwas. Und doch ist die Kleine in mir manchmal noch so laut. Ein Geruch, ein Lied, ein zu rauer Kommentar und sie schreckt auf, hat Angst, nimmt Abstand, will weglaufen und sich verstecken. Ich versuche ihr dann zu zeigen, dass es jetzt anders ist. Dass nach einem ruppigen Satz auch ein Witz kommen kann und alle lachen. Dass ein Lied, das Erinnerungen wachruft nicht zwangsläufig in Gewalt übergeht. Das müssen wir lernen. Und manchmal gebe ich ihr auch nach. Dann verstecken wir uns und suchen uns den Schutzraum, der uns früher gefehlt hat. Das ist wichtig. Und es ist auch wichtig dann wieder raus zu gehen und zu sehen, dass keine Gefahr besteht.

Ich wünsche allen, für die die Weihnachtszeit eine Herausforderung darstellt ruhige und angenehme Feiertage. Die Möglichkeit neue Erfahrungen zu sammeln und genügend Ruckzugsräume, sollte es doch zu schwierig werden.

Ivy

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