Trauma, Phobie und Nähe – Eine E-Mail

⏱ Geschätzte Lesedauer: 5 Minuten

Den Klinikaufenthalt habe ich fürs Erste abgesagt, aber es sieht nun so aus, als könnte ich in den Sommerferien kommen. Diese Entscheidung fühlt sich sehr richtig an, ich bin ziemlich erleichtert und freue mich riesig, dass sie auf meinen Wunsch, im Sommer kommen zu können, eingegangen sind – das hätte ich nicht unbedingt erwartet. Wie immer, passiert noch ganz viel anderes. Ich habe einen Mann kennengelernt, den ich sehr mag. Und wie könnte es anders sein, als dass es sehr viel in mir auslöst. Unter anderem wurden meine phobischen Angstzustände wieder stärker, deswegen entstand am Freitag diese E-Mail an meine Therapeutin, um im Gefühlschaos wieder Halt zu finden. Für mich ist der Inhalt der Mail ein sehr heikles und schambesetztes Thema, deshalb gibt es dazu erstmal auch keine weiteren Erläuterungen oder näheren Erklärungen.

Liebe Frau Freud,

Ich bin mittwochs nach der Stunde, dann noch ziemlich nach unten eingebrochen. Warum? Wohl wegen vielem, aber ausgelöst wegen zu vielen Phobie-Gesprächen. Es ist ein Sumpf, in dem ich dann versinke und es gibt keine Freiheit, wenn man so eingesperrt ist, gefangen in Ängsten, die alle Zeiten überdauern. Warum kann man sich nicht neu erfinden. Warum muss man Altes immer mit sich tragen. Überall hin, auch dorthin, wo es gar nicht hingehört und auch dorthin, wo es gar nicht passt. Das Traumapaket ist ziemlich flexibel, haftet überall an, ist hoch anpassungsfähig und kommt immer mit. Keine Logik kennend, nicht im Heute. Die Vergangenheit legt sich daher wie ein Filter über all das Neue. Mal mehr, mal weniger. Nun sehr. Deswegen diese E-Mail – der Versuch zu sortieren, um aus dem Sumpf wieder zu steigen.

Vielleicht mag es meine Phobie nicht enttarnt zu werden. Denn dann muss die Angst schließlich wo anders begraben liegen. Die phobischen Zustände beim Autofahren bzw. an roten Ampeln – ja die sind unlogisch, machen wenig Sinn, aber darum geht es ihr nicht. Mir „sinnvolle“ Gedanken dazu zu machen, also mir „Lösungen“ für phobische Situationen zurechtzulegen – für alle Fälle, das mag sie nicht. Denn das impliziert auch die phobischen Angstgedanken zu Ende zu denken und das triggert mich noch mehr. Holt erst recht das Paket an Traumagefühlen hervor. Das ist schon viel zu viel Beschäftigung mit der Phobie, auch ein zu viel an Annehmen meiner Phobie. Denn die Phobie ist nicht dazu da, um mir meine Ängste anzusehen, sie ist dazu da angstbesetztes zu vermeiden und bestimmte Dinge einfach zu verschleiern bzw. Möglichkeiten und Situationen aus dem Leben zu verbannen, sie daraus zu löschen. Sie auszuklammern. Ich weiß, dass da was in der Klammer steht, aber man ignoriert es, der Rest macht auch so Sinn und der Inhalt der Klammer würde alles nur verkomplizieren, würde mehr Auseinandersetzung erfordern. Auf das Leben umgeschrieben – es einfach schwerer machen. Okay nein, die Phobie steht nicht in einer Klammer, es ist nur ein Sternchen in einem Text, der auf eine lange, kleingedruckte Fußnote verweist, die jedoch niemand liest, sondern, ohne einen Blick darauf zu werfen, überspringt, erleichtert darüber einen großen Platz auf einer Seite auslassen zu können. Denn Klammern lese ich mit. Nicht nur das, sie bekommen fast noch gesonderte Aufmerksamkeit, fast schon wie eine Hervorhebung. Doch Fußnoten nicht, ohne diese ist der Text schlussendlich besser lesbar… Und die Phobie ist auch nicht dazu da um eine bewusste Angst zu haben. Es ist eine unsichtbare Angst, irgendwie eine, die keinen Platz in meinem Leben einnehmen sollte, eine, die nicht dazu da ist, um sich zu fragen, woher diese Angst kommt, nicht richtig. Sie ist eben einfach nicht dazu da, um ihr im Leben einen Platz einzuräumen – mit einem Sackerl im Auto. Das wäre definitiv zu viel Platz, zu viel Auseinandersetzung. Sie wird zwar stillschweigend akzeptiert, was anderes bleibt mir ohnehin nicht übrig, dabei aber nicht angenommen. Sie macht Dinge unsichtbar, aber holt sie keinesfalls nach draußen und schon gar nicht beschäftigt man sich mit den Gefühlen, die sie impliziert, vor allem, weil sobald diese Gefühle auch nur im Ansatz hervorkommen, sie mir irgendwie immer alles nehmen. Wie ein klebriger, dichter, dunkler Nebel, der alles trübt, die Welt verändert und nichts dann mehr wie zuvor erschient. Der Nebel, er ist fast wie Giftgas, der mein Gehirn verändert, einen Schalter umlegt, wodurch sich mein Gefühlsgewand radikal verändert, wie auch mein Selbstbild dann in den Boden versinkt. Alles verliert dann an Bedeutung. 

Aber ich glaube, das alles steht auch noch in anderen Zusammenhängen. Ich freue mich darauf morgen M. zu sehen (den Mann). Wirklich, sehr sogar. Doch das Thema bringt mich meinem Vater näher. Ich weiß nicht, eigentlich möchte ich Ihnen das nicht (jetzt und auch sonst nicht) schreiben, aber ich tue es trotzdem, weil ich mir dadurch erhoffe, dass irgendwelche Zustände dadurch vielleicht leichter werden. Da ist schon wieder so viel mehr als Scham, es tut beinahe körperlich weh, das aus meinem Tagebuch abzutippen, geschriebenes erneut lesen zu müssen. Es treibt mir Tränen in die Augen, die aber nicht geweint werden können, weil es mehr körperlicher Schmerz ist als seelischer. Und Hass, auf mich selbst. Es bringt mich also meinem Vater näher, weil es Körperkontakt tut, also auch der Wunsch danach M. näher zu kommen – ein Satz für den ich mich hasse – , bringt mich meinem Vater näher. Dem Missbrauch damit. Körperkontakt ist so stark mit meinem Vater assoziiert. Auch mit dieser kindlichen Zärtlichkeit, mit dem geborgenen Gefühl in seinen Armen zu versinken. Ein Satz, bei dem mir schon ganz anders zu mute wird. Deswegen, wenn ich nun an Körperkontakt mit M. denke, denke ich an Körperkontakt mit meinem Vater. Dann wird es bitter, mir ein bisschen schlecht. Auch, weil es ein Gefühl gibt, dass sich die beiden teilen. Wie eben dieser Wunsch nach Nähe. Da wird mir phobisch zu mute. Dann gibt es diesen Impuls aus dieser Verbindung wieder auszubrechen, obwohl ich eigentlich so gerne bleiben möchte, aber die Ambivalenz dieser Gefühlsmischung ist schwer zu er-tragen. Hinzu kommt noch, dass Körperkontakt in meinem Leben bisher hauptsächlich an meinem Vater gebunden war. Zumindest intensiver, eben auch sehr positiv besetzter, mir Sicherheit versprechender. Mit meiner Mutter gab es das kaum. Und nachdem ich ging, war eigentlich jeglicher Körperkontakt… schwierig, weil er immer an meinem Vater kratzte und irgendwie auch immer sexuelle Konnotationen weckte. Auch, wenn es für mich gar nichts sexuelles hat, es ist einfach der erste Gedanke meines Gehirnes Berührung mit Sexualität assoziieren zu müssen, weil Berührungen anscheinend erfahrungsgemäß zu weit gingen. Unausweichlich, ungewollt. Und wenn ich dann auch noch will, dass Berührungen weitergehen, bin ich dann irgendwie wieder bei dem leidigen Thema das alles mit meinem Vater ganz wirklich und wahrhaftig nicht gewollt zu haben. Dabei geht  es nicht nur darum das nach außen beweisen zu müssen, sondern viel mehr auch vor mir selbst. Nicht, weil ich nicht weiß, das nicht gewollt zu haben – das weiß ich – doch warum will ich denn nun ähnliches… Warum müssen es unbedingt Männer sein… weil Papa mich dazu geformt hat, dazu gemacht hat? An dieser Stelle möchte ich weinen, mich einfach nur von seinen Gittern befreien, von seiner Beeinflussung, von seinem Einfluss auf mich losreißen. Ich wäre gerne etwas ganz eigenes, ein unbeschriebenes Blatt, frei von ihm, die einfach alles – alles ganz anders macht. Gegenteilig am besten – aber die Sehnsucht. Ich selbst bereite mir ziemlichen Durchfall, denn wie kann man sich da selbst nicht ein klein wenig bzw. eigentlich ziemlich eklig finden. 

Es ist eigentlich unnötig zu erwähnen wie viel Scham diese E-Mail in mir auslöst, aber ich tu es trotzdem. Vor diesen Phobiegefühlen möchte ich auch wieder flüchten. Unangenehm hier, eine ganz grausame Mischung aus einem Hoch an Scham, Ekel, Angst und Vertrautem (was das schlimmste daran ist) – das da in mir ist. Liegt schwer im Magen. Ich möchte nicht mehr an meinen Vater denken.

Ganz liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünschend,

Tina (die euch nun einen guten Start in die neue Woche wünscht)

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Paleica sagt:

    „Warum muss man Altes immer mit sich tragen. Überall hin, auch dorthin, wo es gar nicht hingehört und auch dorthin, wo es gar nicht passt.“ eine sehr gute frage…
    du hast das toll ge- und beschrieben und ich finde es sehr mutig, dass du ihr das geschickt und das generell zu papier gebracht hast!

    Gefällt 2 Personen

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