Traumadurchtränkter Tag


Beitrag von Nicole
⏱ Geschätzte Lesedauer: 3 Minuten
Beitragsbild von Arun Kr on Pexels.com

Eigentlich gab es in letzter Zeit viele gute Tage. Also Tage, die nicht durchsetzt sind von meinen Traumathemen. Ja, ich bin schon gestresst von Sachen – müde, erschöpft – aber eben von anderen Dingen des Alltags. Immer noch nicht so belastbar wie vllt. Menschen ohne Entwicklungstrauma und Traumafolgestörungen, aber dennoch ging es in den letzten Wochen ganz gut.

Aber vllt. fehlten auch einfach nur die Trigger.
Denn im Moment triggert es wieder ziemlich doll und ich reagiere wieder heftig.

Vor ein paar Tagen war Muttertag, dazu habe ich hier ja einen Artikel verfasst. Der Tag, an dem man der eigenen Mutter huldigt – den gibt es bei mir nicht. Und morgen ist Vatertag, auch dieser fällt bei mir aus, wegen is nich. Und heute, ja heute hat eine meiner Schwestern Geburtstag. Da morgen ein Feiertag ist und sie morgen vllt. frei hat, sitzt sie wahrscheinlich gerade mit meiner Mutter und unserer anderen Schwester zusammen. Bestimmt feiern sie ein bisschen. So wie früher, als ich auch noch dabei war. Das mochte ich immer sehr. Zusammensein, gemütlich sitzen, reden, lachen, diese warme Atmosphäre an solchen Geburtstagstagen. Ja, jetzt denke ich bewusst daran – aber eigentlich hatte ich gar nicht richtig daran gedacht in den letzten Tagen, nur so nebenbei, aber kaum erwähnenswert. Und dann, heute morgen, als ich aufwache, ohne Vorwarnung, ist diese bleierne Schwere wieder in meiner Bauchgegend vorhanden.

Dann schaue ich auf mein Handy und sehe, dass der Vater meines Kindes heute doch nicht zum Frühstück kommen kann. Da zieht es schon bis in den Unterleib. Kein gemütliches Beisammensitzen, reden und lachen. Ja, da ist er wieder dieser Schmerz. Ich kenne ihn schon ganz gut. Es ist ein Schmerz, der sich bei Traumathemen und überhaupt bei psychischen Schmerzen immer wieder zeigt.

2 Themen – schon vor dem Aufstehen, auf die mein Inneres, ohne überhaupt um Erlaubnis zu bitten, reagiert.

Mein Kind steht aus unserem Bett auf und läuft in sein Zimmer und ich bleibe noch liegen, habe das Gefühl mich nicht bewegen zu können. Zuerst die Schwere im Bauch, dann das Ziehen im Unterleib, dass sich den Weg hinauf sucht durch all meine Organe. In der Lunge angekommen ist mir, als bekäme ich kaum noch Luft – das Gefühl unterzugehen, zu ertrinken. Es fällt so schwer Luft einzuatmen und auszupressen. Meine Lunge, oder sind es die Muskeln? Sie wollen sich nicht bewegen. Und dann ist der Schmerz in meinem Kopf und die Tränen fließen und ich kann langsam wieder atmen.

Aber ich will nicht.
Nein, dieser Tag nicht – habe ich mir gesagt.
Also aufstehen und weiter geht´s.

Beim Frühstück ist mein Kind schon vor mir fertig und springt auf – es habe noch etwas Wichtiges zu erledigen. Und weg ist es. Eigentlich kein Problem für mich. Nur dieses Mal kommt mein Inneres damit irgendwie nicht zurecht – denn wieder ist da dieser Schmerz – Bauch, Unterleib, Lunge, Kopf, Tränen. Es zieht und es kriecht in mir hoch. Ein sehr altes Gefühl von alleine sein, verlassen sein, nicht liebenswürdig genug sein.

Aber ich will nicht.
Wieder schiebe ich es weg.

Und so zieht sich der Tag – auf die gleiche Weise immer weiter und weiter. Ich baue Türmagnete an, mache sauber, checke Mails und arbeite etwas an der Website, wir bauen an einem Roboter, ich pflanze Blumen, schneide an einer Hecke und dann bauen wir eine Matschküche… … … Einiges davon lenkt mich gut ab, anderes nicht. Mein Kind ist unzufrieden – schon wieder zieht es in mir. Der Vater meines Kindes verzieht sein Gesicht leicht – schon wieder zieht es in mir. Mein Freund ist heute schon anderweitig verabredet und hat keine Zeit für ein Treffen – schon wieder zieht es heftig in mir. Mein Kind hört auch nach dem 3. Mal nicht auf meine Schlafanzug-Anzieh-Bitte – schon wieder zieht es. Könnte das jetzt noch etwas weiter ausführen, aber lassen wir das.

Und immer wieder belästigt mich dieses Ziehen, dieser Schmerz. Ich schlucke es herunter, wieder und wieder.

Alle Versuche der Gedanken- und Emotionskontrolle und -regulation sind heute für die Katz, höchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es holt mich ein, will gesehen werden, unbedingt.

Aber ich will nicht.
Ich habe mich heute dagegen entschieden.
Ich möchte heute nicht fallen, nicht hineinfallen in den Schmerz, nicht aushalten.
Nicht im Bett liegen und weinen, nicht aus meinem Alltag gerissen werden.
Deshalb mache ich weiter, immer weiter.

Beim Zubettbringen meines Kindes befürchte ich schon den nächsten inneren Sturm – aber ich denke einfach an diesen Artikel. Ich überlege mir, wie ich davon berichte, was mir heute widerfahren ist durch das Bestehen dieses Entwicklungstraumas. Ich denke über die auslösenden Trigger, die Momente nach, die immer wieder diese Schmerzen auslösten.

Jedes der heutigen Trigger hatte etwas mit Trennungsschmerz, mit dem Gefühl nicht gewollt zu sein, nicht gehört zu werden, nicht genug zu sein zu tun. Der Schmerz taucht auch immer wieder auf, wenn ich das Gefühl habe, jemand möchte mit mir keine Zeit verbringen, so als wenn ich es nicht wert bin, mit mir Zeit zu verbringen. Als wenn etwas nicht richtig ist mit mir, als wenn ich einfach falsch und nicht liebenswürdig bin.

Ich weiß, dass dieses Gefühl aus meiner Kindheit kommt. Dass ich mich so über viele, viele Jahre im Hause meiner Mutter und im Hause meines Vaters gefühlt habe. Ich kenne diese Schmerzen aus meiner Kindheit und Jugend… Und sie sind immer noch da.

Und an Tagen, wie diesem, war es meinem Inneren nun wohl doch einfach zu viel, zu viele Gedenktage an Familie. Und dann kann ich tun was ich möchte, mich anstrengen, mich kontrollieren – es gibt einfach kein Wegrennen. Nur die Hoffnung, dass es morgen und übermorgen besser wird und es dieses Mall nicht der Anfang einer neuen depressiven Episode ist.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich lese deine Worte und es zieht auch in mir heftig…weil ich diesen Schmerz kenne, den du beschreibst.

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    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Auch wenn ich wünschte, niemand müsste diese Schmerzen spüren, fühlt sich ein Teil von mir weniger „unnormal“ durch solche Worte, wie die von Dir… Danke ❤

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