Die Hündin


Beitrag von Tina
⏱ Geschätzte Lesedauer: 5 Minuten
Beitragsbild von Tina

Vor über fünf Monate habe ich Wilma aus dem Tierschutz adoptiert, doch berichtet habe ich hier über sie und das Leben mit Hund noch gar nicht. Ich finde es schon länger schwierig hier zu schreiben, einfach, weil zu viel passiert, als das ich es hier verständlich, chronologisch wieder geben könnte, aber vielleicht ist das auch ein Anspruch, den ich fallen lassen sollte. Ebenso scheint die Zeit manchmal zu fehlen neben all den Dingen, wie Therapie, Uni (ich habe eigentlich noch ein Studium begonnen), dem Versuch Geld zu verdienen und mit dem Leben klar zu kommen. Es hat sich verändert, ganz oft inzwischen, mein Leben. Alles ist anders geworden, auch mein Alltag. Und diese Hündin hat ganz viel damit zu tun. Um es kurz zu fassen, sie hat mein Leben um so vieles schöner gemacht, auf ganz vielen Ebenen. Schwer das in Worte zu fassen und ich freue mich noch immer jeden Tag darüber, dass sie hier ist. Ich würde jetzt auch mal behaupten, dass wir wirklich erstaunlich gut zusammenpassen, ich finde sie ist ein wunderbares Wesen. Das war einfach ein sehr glücklicher Zufall.

Von Anfang an war mir klar, dass ich unbedingt einen Hund aus dem Tierschutz möchte, einfach, weil es so viele gibt, die ein zu Hause dringend brauchen. Ich ging auch vom schlimmsten aus, dass viele der Tiere traumatisiert sein würden, was für mich aber okay wäre, denn das kenne ich schließlich von mir selbst. Als ich Wilmas Anzeige auf einer Tierschutzseite gefunden habe, war ich anfangs von ihr gar nicht so angetan. Zuvor habe ich mich für einen anderen Hund „beworben“, den ich nicht bekommen habe. Sie war auch nicht mehr ganz so jung, wie ich erhofft hatte, auf dem Foto der Anzeige sah außerdem wirklich sehr ängstlich aus und so wurde sie auch beschrieben. Aber ich dachte auch, dass das passen könnte, dass ich mit ängstlichen Hunden gut können würde, dass ich mich da gut in sie einfühlen könnte und dass ich sie da gut unterstützen würde können. Die Frau von Wilmas Tierschutz hat mich dann eines Tages nach einer langen Nachricht von mir dazu eingeladen die Hündin zu besuchen. So habe ich mich ins Auto gesetzt, überhaupt nicht mit der Erwartung mit einem Hund wieder nach Hause zu fahren. Doch als ich die kleine Hündin, mit dem ockerfarbenen Fell zum ersten Mal entdeckt habe, war ich eigentlich gleich hin und weg. Als ich dann ihr Außengehege betreten habe, hat sie sofort meine Nähe gesucht, hat sich förmlich an mich geklebt und mein Herz hat sie auf der Stelle komplett erobert. Schlussendlich bin ich gegen Mittag mit der Hündin auf der Rückbank in einer kleinen Transportbox, die mir das Tierheim mitgegeben hat, nach Hause gefahren.

Einen Hund wollte ich schon immer. Eigentlich seit dem ich ein kleines Kind bin. Aber mit meiner Emetophobie war das undenkbar. Auch Hunde kotzen und wenn ich die Verantwortung für ein solches Lebewesen übernehme, dann werde ich nicht darum herumkommen mich mit diesen Ängsten auseinander zu setzen. Außerdem war mein Leben so unstetig und ein Alltag als Studentin mit Hund erschien mir nicht machbar. Die Dinge haben sich jedoch geändert, meine Emetophobie hat es mir plötzlich erlaubt und in meinen Alltag, in mein Leben, schien ein Hund nun ebenfalls zu passen. Zusätzlich war ich dazu bereit mein Leben an einen Hund anzupassen und gewisse „Abstriche“, die ein Leben mit Hund bedeuten würden, sah ich nicht mehr als diese. Ich wollte das so sehr. Tieren haben für mich schon immer eine besondere Bedeutung. In meiner Kindheit hatte ich einen Kater, der mich vom fünften Lebensjahr bis zu dem Zeitpunkt begleitete, als ich bei meiner Mutter auszog. Dieser Kater war eine für mich so unfassbar wichtige „Bezugsperson“. Er war es wohl auch, der mich als Kind am besten gespiegelt hat. War ich lieb, respektvoll, ihm gegenüber, dann war er das auch. War ich hingegen gemein, verletzend, dann hat er mir gezeigt, wie mein Verhalten bei ihm ankommt. Dieser Kater war wohl die sicherste Beziehung und haltgebenste Bindung in meiner Kindheit, auch wenn das traurig ist. Wie sehr ich den geliebt habe. Durch ihn habe ich auch sehr viel lernen können. Umso glücklicher bin ich nun, dass ich mir diesen großen Wunsch, mein Leben wieder mit einem Tier zu teilen, erfüllt habe. Ich liebe das Zusammenleben mit Wilma, ich liebe es sie ständig um mich zu haben, ich liebe es mit ihr Ausflüge ins Grüne zu machen oder wenn sie sich zu mir ins Bett kuschelt. Ich kann sie mir, möchte sie mir nicht mehr wegdenken. Sie ist auf eine unperfekte Weise sehr perfekt. Das, was es mit sich bringt einen Hund zu haben, ist für meine psychischen Erkrankungen zusätzlich ziemlich heilsam. Ich kann mich auch besser um mich selbst kümmern, wenn ich mich um noch jemanden kümmere, zumindest trifft das auf Hunde zu. Durch sie muss ich mindestens drei mal am Tag vor die Tür, es ist notwendig spazieren zu gehen. Das ist für mich auch unverhandelbar, das sind schließlich ihre Bedürfnisse, die ich nicht so leicht umgehen kann, wie meine eigenen manchmal und das tut auch mir gut. Seit dem habe ich meine Probleme mit dem Verlassen der Wohnung, das ich zuvor oft hatte, verloren. Wilma kam zudem mit einem unglaublich großen Hunger an Nähe zu mir. Die körperliche Nähe zu Tieren war für mich nie gefährlich, wie die zu Menschen, deswegen ist auch das sehr heilsam. Da ist einfach so vieles, was gut tut, auch das nie alleine sein, ist Balsam für mein entwicklungsbedingtes Bindungstrauma. Ich habe sogar aufgehört zu rauchen kurz nach dem Wilma zu mir kam. Dabei erschien mir ein Leben ohne meine geliebten Zigaretten einmal nicht als lebenswert. Ich lerne auch ganz viel von und mit ihr. Zum Beispiel kommuniziert sie bei manchen Dingen klar, was sie möchte. Wenn sie Nähe möchte, wenn sie Schutz möchte, weil sie unsicher ist. Zu sehen, dass ich jemandem Sicherheit geben kann, gibt wiederum mir selbst Sicherheit. Da gibt es so vieles worüber ich schreiben könnte, was das alles mit mir macht, was ich dadurch alles erlebt und erfahren habe. Natürlich gab es da auch einige Herausforderungen. Mussten uns auch einmal kennenlernen, uns auf einander einstellen, daran arbeiten, dass wir uns gegenseitig verstehen, die „Sprache“ des jeweils anderen begreifen und unser Leben miteinander in einen „Einklang“ bringen. Sie brachte Baustellen mit, wie beispielsweise das allein bleiben und ich brachte Baustellen mit, die mich vor allem mit meiner Emetophobie sehr an meine Grenzen brachten. Sie hat mich da quasi gleich ins kalte Wasser geworfen. Gekotzt hat sie gegen Ende der Autofahrt vom Tierheim nach Hause. Zugegeben, die Autofahrt war wirklich sehr lang, der Verkehr in der Stadt dann mit sehr viel Trubel verbunden, sie war zudem bestimmt sehr aufgeregt, wusste schließlich nicht, was da mit ihr passiert und die städtische Umgebung, die sie aus dem Auto wahrnehmen konnte, hat ihr bestimmt auch Angst gemacht, da sie ihr vermutlich ganz neu war. Die Folge davon war, dass ich unbeschreiblich große Angst vor dem Autofahren mit ihr entwickelt hatte. Das war eine Angst. So schlimm. Alleine der Gedanke daran hat mir immensen Durchfall bereitet, aber irgendwie habe ich diese Angst (fast) überwunden. Schritt für Schritt. Anfangs bin ich gefahren, wie sonst wer. Sehr langsam, so geschmeidig versucht zu bremsen, zu beschleunigen, zu schalten, wie nur irgendwie möglich. Immer nur kurze Strecken, nur dann, wenn ihre letztes Mal essbares zu sich zu nehmen schon viele Stunden her war, nur in Begleitung der besten Freundin. Dann langsam immer mehr „gewagt“. Mittlerweile bin ich mit ihr alleine schon eine Strecke von zweieinhalb Stunden gefahren, was prima funktioniert hat. Für Wilma ist das Autofahren inzwischen ebenfalls sehr positiv besetzt (sie hatte eigentlich nie ein Problem damit), weiß sie schließlich, dass es dann an tolle Orte geht, an denen es viel zu entdecken gibt.

Trotz den Herausforderungen mit meiner Phobie, würde ich sagen, diese Hündin hat so viel Ruhe und Freude in mein Leben gebracht, ich glaube das gab es so noch nie. Sie ist die entspannteste Seele, wenn ich mit ihr zu Hause bin (draußen aufgeregt und voller Energie). Es ist unbeschreiblich, wie sehr das entspannt, wenn ich beispielsweise von meinem Schreibtisch aus aufschaue und zu ihr blicke, wie sie seelenruhig, tiefenentspannt in ihrem Bett schläft, sich scheinbar in dem Moment zur Gänze wohl in ihrer Haut fühlend. Ihre Begeisterung für die kleinen Dinge im Leben ist zudem ansteckend und ich genieße es sehr mit ihr die Welt zu entdecken. Manchmal ist das Achtsamkeitstraining vom Feinsten. Da hocken und sitzen wir manchmal am Waldboden, einfach nur wahrnehmend. Sie vorrangig mit der Nase, ich mit den Augen und lauschen – lauschen, das tun wir beide. Es ist auch toll zu sehen, wie sie sich entwickelt, wie sie immer sicherer wird in ihrer Umwelt. Von der ängstlichen Hündin, die in der Anzeige beschrieben wurde, ist nicht viel erkennbar, eigentlich ist sie sogar ziemlich selbstbewusst. Sie liebt es gestreichelt zu werden, zu kuscheln, zu futtern (wobei ihr Geschmack für mich sehr fragwürdig ist), sie ist eine gute Läuferin, sie mag die meisten Menschen, Erdlöcher und Baumstämme, ist sehr friedlich, lieb, eigentlich ruhig (außer sie ist aufgeregt und es sind Eichhörnchen oder ähnliches zu sehen) und sie findet selten die Notwendigkeit zu bellen. Es ist irgendwie harmonisch mit ihr, natürlich nervt sie mich auch manchmal. Wenn ich überspannt bin, dann merk ich das oft an an meiner fehlenden Geduld für ihr aufgeregtes Verhalten und wenn sie krank ist, es ihr nicht gut geht, dann ist das eine Belastung, die so schwer ist, das sie alles umfasst. Aber alles in allem ist es einfach schön. Sie bringt so viel Schönes in mein Leben. Da ist so viel Liebe für dieses kleine Wesen. Ich könnte noch so viel mehr dazu schreiben, aber der Text ist schon so lang und eigentlich möchte ich ohnehin wieder regelmäßiger hier schreiben.

– Foto von der besten Freundin geschoßen. Eine Momentaufnahme, die so gut zu dem Beitrag passt.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Paleica sagt:

    das ist wirklich schön zu lesen!

    Gefällt 2 Personen

    1. tina von traumaleben sagt:

      Danke dir!😊

      Gefällt mir

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