All die Dinge, die erschöpfen


Beitrag von Nicole
⏱ Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten
Beitragsbild von Anna Shvets auf Pexels


Ich hatte am Montag einen Nervenzusammenbruch. Nichts ging mehr.

Ja, es geht mir gerade nicht so gut. Es kommt vieles zusammen.

Wenn es Dir gerade nicht so gut geht, solltest Du diesen Artikel vielleicht nicht lesen! Achte gut auf Dich!
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Ich werde einfach mal ein bisschen was dazu schreiben, warum es mir gerade nicht so gut geht und was alles dazu beigetragen hat…

Ich mache gerade eine Weiterbildung – bis zum Ende des Jahres. Diese macht mir sehr viel Spaß – die Inhalte und die tollen Leute mit denen ich da zusammen lernen darf. Leider hat das Weiterbildungsinstitut wohl versäumt daran zu denken, dass Menschen in einem halben Jahr auch mal eine Woche Urlaub brauchen, na ja, halt um sich zu erholen. Manche von uns haben sich einfach eine Woche als Urlaub herausgenommen – abgesprochen mit dem jeweiligen Förderinstitut. Aber dennoch fehlten sie dann und der Unterrichtsstoff ging einfach weiter. Davor hatte ich Angst. Ich wollte keinen Urlaub nehmen, weil ich den Inhalt der Weiterbildung so interessant finde. Ich möchte davon nichts verpassen.
Aber nun schwanden meine Kräfte. Wir hatten vier Wochen lang eine sehr grenzüberschreitende und in ihrer Ausdrucksweise sehr herabwürdigende Dozentin, über die ich danach eine offizielle Beschwerde einreichen musste. Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand so offensichtlich gewaltvoll agiert und das dann auch noch als akzeptierte Normalität durchgewunken wird. Das zerrte.

Dann setzten mir die politischen Entwicklungen und einige sozialen Situationen sehr zu. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg Vorpommern sagte vor kurzem noch, dass die Corona-Tests kostenlos bleiben werden – vor allem für ALGII Empfänger*innen und gefühlt eine Woche später hieß es dann von der Bundesregierung, dass es keine kostenfreien Corona-Tests mehr geben wird. Außerdem wurden die Stimmen nach einer Impfpflicht immer größer. Ganz zu schweigen von der G2-Regelung – nur getestete oder geimpfte Personen haben Zutritt! Da ich keine Maske tragen, mich nicht impfen lassen kann und mit ALGII nicht genügend Geld für Tests habe, würde dies für die nächsten Monate, vielleicht Jahre, meinen gesellschaftlichen und kulturellen Tod bedeuten. Zudem wird dies nicht nur mich sondern auch mein fünfjähriges Kind betreffen, da dieses durch meinen Ausschluss ebenfalls unmittelbar betroffen ist. In den Wochen bahnte sich eine depressive Episode an, aus der ich mich mit Hilfe meines Therapeuten jedoch wieder einigermaßen herausholen konnte.

Dann musste ich wieder eine unschöne Situation in einem Eisladen erleben. Man wollte mir und meinem Kind trotz meiner ärztlichen Befreiung vom Mund-Nasen-Schutz kein Eis verkaufen. Ich hatte es in einem der letzten Artikel ja bereits erwähnt. Ich musste vor der verkaufenden und den anderen wartenden Personen in dem Laden meine Erkrankung und Symptomatik erläutern, um überhaupt noch ein Eis zu erhalten – sehr demütigend. Der offene Ausschluss und die Diffamierung setzten mir erneut zu.

Als Reaktion auf diese Ereignisse verfasste ich einen offenen Brief und schrieb dem Bundespräsidenten, einigen Parteien, dem Oberbürgermeister und Senator für Gesundheit, Soziales usw. meiner Stadt und vielen anderen – und … kaum jemand reagierte – vor allem nicht die Personen aus meiner Stadt und meinem Bundesland.

Ja.. Dazu kam, dass ich mich von meinem Partner trennte, der aufgrund seiner psychischen Probleme immer übergriffiger wurde. Trotz Therapie seinerseits und viel Verständnis meinerseits, musste ich einen Schlussstrich ziehen als er immer stärkere Drohungen aussprach. Nach der Trennung folgten Stalking und weitere Drohungen. Er beobachtete mich nach eigenen Aussagen von draußen durch meine Fenster, rief ständig an, so dass ich ihn überall blockieren musste. Er schrieb sogar Menschen an, mit denen ich in Kontakt stehe. Er wusste wann ich wo online war und drohte erneut, dass mein Kind ohne Mutter aufwachsen müsste, wenn ich zur Polizei gehe. Ich war kurz davor – nur die Bitte der Mutter seines Kindes hielt mich davon ab. Dennoch habe ich ihnen gesagt, dass ich die Polizei beim nächsten Kontakt seinerseits hinzuziehen werden. Das sog ebenfalls viel Energie – nicht nur die Auseinandersetzungen, sondern auch der Verlust eines Menschen, der mir über viele Monate ans Herz gewachsen war. Ja, er hatte auch gute Seiten, sonst wäre ich nicht mit ihm zusammen gewesen. Und das Herz lässt nicht so einfach los – auch von gewaltvollen Beziehungen. Das wird wohl jeder Mensch kennen, der zumindest noch an übergriffigen Elternteilen festhält. Man ist einander gewohnt, kennt sich, die Gewohnheiten, Abläufe und selbst wenn diese immer wieder gespickt waren von Gewalt, bleibt (erstmal) Sehnsucht nach dem Abbruch der Beziehung. Aber hierzu werde ich demnächst mal einen eigenen Artikel schreiben.

Und letzte Woche merkte ich dann, dass meine Energie sich, ja, dass ich mich nicht wieder regenerierte. Ich hatte immer mehr Schlafstörungen und weniger Energie. So wenig Energie, dass ich wieder anfing meine Tabletten zu nehmen. Ich wollte unbedingt weiter machen mit meiner Weiterbildung. Ich möchte mir diese Chance nicht nehmen lassen. Und als ich mich dann Mitte der Woche mit der Fertigstellung einer Prüfungsleistung beschäftigte, fingen die Schwindelgefühle an. In meinem Kopf drehte sich alles und mir wurde immer wieder übel. Das zog sich über vier Tage, ich machte dennoch weiter und biss mich wie ein Terrier an meinem Ziel fest. Und dann musste ich doch erkennen, dass die Stop-Taste unausweichlich ist – wenn ich Schlimmeres verhindern wollte. Also ging ich widerwillig zu meiner Hausärztin. Sie schrieb mich erstmal krank.

Gleich nach dem Besuch meiner Hausärztin wollte ich zu meinem ansässigen Neurologen, oder wie er sich selber nennt: Facharzt für Nervenheilkunde. Meine Traumatherapie ist nun vorbei. In den letzten zwei Jahren war mein Traumatherapeut mein Hauptansprechpartner, neben meiner Hausärztin. Meinen Neurologen brauchte ich eigentlich nur für die psychiatrische Anbindung mit der Möglichkeit der Medikamentenverschreibung. Diesen Facharzt habe ich seit knapp zwei Jahren. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht, sondern er war der einzige, der bereit war mir meine Medikamente zu verschreiben. Nachdem mein damaliger Psychiater ganz plötzlich in den Ruhestand ging, stand ich ohne Weiterversorgung da. Ich rief alle Psychiater*innen in meiner Stadt an – niemand war bereit mich aufzunehmen und mir meine Medikamente zu verschreiben. Ah nein, doch eine tolle Ärztin war bereit – doch nach zwei Sitzungen stellte sie fest, dass meine Mutter bereits bei ihr in Behandlung ist und daher konnte sie mich nicht weiter behandeln.
Ich rief bei der Krankenkasse und anderen Institutionen an, fragte, warum niemand bereit war mir meine Medikamente zu verschreiben. Sie waren ratlos. Einige vermuteten, dass es mit dem erhöhten Aufwand der Verschreibung (BtM-Rezepte) zu tun hat…
Nach einem Jahr der Suche kam ich also irgendwann zu dem besagten Neurologen, bei dem ich dann in Behandlung war. Zu der Zeit musste ich nicht oft zu ihm, da ich, wie bereits geschrieben, zu dieser Zeit von meinem Traumatherapeut gut betreut wurde. Als im letzten Jahr die Corona-Pandemie begann und ich in den ersten Wochen keine zwei Minuten mit Maske in einem Laden aushalten konnte und immer wieder Panikattacken bekam, kontaktierte ich diesen Arzt für eine Maskenbefreiung. Aufgrund meiner langjährigen Behinderung und zu dieser Zeit schweren Symptomatik ging ich davon aus, dass ich diese von ihm erhalten würde. Aber er hörte mich gar nicht an und sagte, er würde mir sowas nicht ausstellen. Erst meine Hausärztin, die mich seit sehr vielen Jahren mit meiner Erkrankung kennt, stellte mir diese dann aus. Seit dem hatte ich keinen Kontakt mehr zu diesem Arzt.

Nun wollte ich also am Montag zu diesem Arzt, um über die weitere Behandlung zu sprechen:

Gleich am Empfang wies mich eine Mitarbeiterin darauf hin, dass ich eine Maske aufsetzen müsse. Ich sagte, dass ich eine Maskenbefreiung habe und zeigte diese vor. Sie erwiderte missbilligend, dass diese hier nicht anerkannt wird. Ich versuchte zu erläutern, dass ich binnen kurzer Zeit Panik bekomme, wenn ich eine eng anliegende Maske aufsetzen würde. Daraufhin befragte sie mich unverhältnismäßig detailliert zu meiner Symptomatik und meinem Krankheitsbild aus. Währenddessen kam eine neue Patientin herein und stand hinter mir, eine andere kam aus dem Behandlungszimmer und stand ebenfalls im Raum. Was war da eigentlich nochmal mit Datenschutz? Na ja, halt Corona-Pandemie, da kann man auf solche Nebensächlichkeiten schon mal verzichten… Da ich dies bereits gewohnt bin aus den letzten eineinhalb Jahren, antwortete ich, um doch noch eine Behandlung zu erhalten. Ich fühlte mich wieder klein, unwirklich und als ob meine Erkrankung keine wäre… Die Mitarbeiterin wies mich an, mich hinzusetzen und zu warten. Ich nahm im Wartebereich Platz. Kurze Zeit später kam ein anderer Patient und setzte sich ebenfalls in das Wartezimmer. Als der Arzt sein Behandlungszimmer verließ und in Richtung Praxisausgang ging, blickte er in das Wartezimmer. Er sah, dass ich keine Maske trug und kam daraufhin sofort mit einem sehr energischen Tonfall auf mich zu. Er sagte, dass ich bitte sofort eine Maske aufzusetzen habe. Ich erwiderte, dass ich eine ärztliche Maskenbefreiung habe, woraufhin er noch näher kam und lauter sprach. Er lies mich nicht ausreden und sagte, dass er keine Maskenbefreiung akzeptieren würde und ich sofort seine Praxis zu verlassen habe. Da ich auf einem Stuhl saß und er sich sehr laut und stehend mir gegenüber artikulierte, nahm dies für mich bedrohliche Züge an, Retraumatisierung lässt grüßen. Der andere Patient und die Mitarbeiter*innen starten mich an und ich fing an zu weinen. Der Arzt sah mich regungslos an, machte kehrt und verließ seine Praxis ohne ein Wort. Ich stand auf und ging zur Rezeption, wo man mir bereits meine Chipkarte entgegenhielt. Ich verließ die Praxis und hatte keine Kontrolle mehr über meine Reaktionen, stellte mich an ein Fenster und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Die Zeit verging und ich konnte mich nicht beruhigen. Immer wieder gingen Menschen im Hausflur an mir vorbei. Es gab leider keine Toilette, auf die ich mich hätte zurückziehen können. Auch der Arzt und eine Mitarbeiterin der Praxis gingen wortlos an mir vorbei. Ich konnte mich über eine Stunde nicht beruhigen und von der Stelle bewegen. Nachdem ich auch nach einer Stunde immer wieder Weinkrämpfe erlebte, überlegte ich einen Notarzt zu rufen, um Beruhigungsmittel zu erhalten. Nach einem Telefonat mit dem Vater meines Kindes, schlug dieser jedoch vor mich abzuholen. Eineinhalb Stunden nach dem Vorfall in der Praxis konnte er mich abholen – mein Zustand hatte sich nicht verbessert. Ich lag zwei Tage mit Weinkrämpfen im Bett und habe nun beim Verlassen des Hauses gemerkt, dass ich wieder größere Angst vor anderen Menschen und möglichen Übergriffen habe. Einkaufen ist mir im Moment gar nicht möglich aufgrund der Angst vor weiteren Anfeindungen.

Als ich mich bei der Ärztekammer über Beschwerdemöglichkeiten informierte und den Fall schilderte, riet man mir eine offizielle Beschwerde aufgrund des Verhaltens dieses Arztes einzureichen. Eine offizielle Beschwerde habe ich nun eingereicht.

Ebenfalls rief ich im Laufe der Woche bei verschiedenen Stellen an, um zu erfragen was für Möglichkeiten es gibt, mich zukünftig vor solchen Übergriffen zu schützen.

Ergebnis: Nada, Zero – Nichts. Einfach nichts.

Es gibt zwar einen offiziellen Bericht der*s Bürger*innenbeauftragten von M-V über die flächendeckende Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, die keine Maske tragen können – dennoch gibt es keinerlei handfeste Maßnahmen. Also z.B. die Implementierung eines öffentlich anerkannten Ausweises, eine konkrete und direkte wirtschafts- und institutionsnahe Aufklärung und Sensibilisierung oder etwas ähnliches. Alles was Betroffene erhalten ist dieses hier:

„Wegen der damit verbundenen möglichen Diskriminierung der Betroffenen rief der Bürgerbeauftragte die Wirtschaft öffentlich dazu auf, hier sensibel vorzugehen.“ Jahresbericht für 2020

Zu all diesen Sachen kommen meine „normalen“ traumabedingten Lebensbedingungen hinzu. Ich vermisse meine Familie – aber ich möchte keinen Kontakt zu diesen gewaltvollen Personen. Ich vermisse meine früheren Freunde – aber auch zu diesen möchte ich aufgrund ihres übergriffigen und unsozialen Verhaltens keinen Kontakt. Ich würde gerne mal in den Urlaub fahren, den Kopf frei bekommen – aber ich habe kein Geld dafür. Ich würde gerne mal wieder weg gehen und tanzen – aber das ist mir mir aufgrund der Maskenbefreiung und ohne Impfung nicht möglich. Retraumatisierungen, Flashbacks und psychosomatische Symptome werden wieder schlimmer…

Alles in allem ist es gerade schwer. Zu stehen, zu atmen, weiterzumachen… Der Blick auf die nächsten Monate und vllt. auch Jahre…

Und doch muss ich weitermachen… irgendwie…
Ich lenke mich ab… gestalte Lernvideos, bin kreativ, denke mir Projekte aus und versuche sie umzusetzen, schaue lustige Serien und Filme… Ich versuche mich selbst zu halten… mir Liebe und Zuversicht zu geben…

Bis es mir wieder leichter fällt – zu stehen, zu atmen und weiterzumachen…

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gelesen… Tut mir von Herzen leid. 😟

    Ganz viel Kraft wünscht: VVN

    Gefällt 1 Person

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      🧡

      Gefällt 1 Person

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