Dear Mister Bundespräsident


Beitrag von Nicole
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Ich habe am 17.09.2021 einen Brief an den Bundespräsidenten geschrieben.

Auch an unterschiedliche Bundesminister*innen, an die Parteien CDU/CSU, FDP, SPD, LINKE und die GRÜNEN, außerdem an verschiedene Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen.

Es geht konkret darum, was diese Personen in ihren beruflichen und institutionellen Rollen für uns als Menschen mit psychischen Behinderungen während der Corona-Pandemie machen können.

Grundlage dafür war ein von mir verfasster offener Brief zur Diskriminierung, zum Ausschluss und zur Diffamierung von Menschen mit psychischen Behinderungen während der Corona-Pandemie.

Im letzten Abschnitt könnt Ihr dann die Reaktionen / Antworten der Institutionen und Parteien sehen.

Aber lest selbst.

Sehr geehrte*r […],

ich möchte Ihnen heute meinen offenen Brief vom 15.09.2021 zukommen lassen, um auf die Lebensbedingungen vieler Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen während der Corona-Pandemie hinzuweisen. Aus diesem Brief geht eine Bitte zur Mitwirkung bei der Implementierung von Maßnahmen und Aktionen für eine öffentlichkeitswirksame Sensibilisierung und Aufklärung zu den momentanen Lebensbedingungen psychisch kranker Menschen einher.

Eine flächendeckende Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ist sehr zu befürworten. Eine stringente Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen (z. B. Maskenpflicht oder 2G-Regel) ist jedoch nicht für alle Menschen möglich. Dies betrifft auch Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen. Seit über einem Jahr sind Betroffene, die aufgrund Ihrer Erkrankung bestimmte Schutzmaßnahmen nicht einhalten können, verbalen und körperlichen Übergriffen (z. B. in Einkaufszentren, Veranstaltungen) ausgesetzt. Sie werden ausgegrenzt und isoliert. Durch die dauerhafte Einwirkung dieser Stressfaktoren entstehen zum Teil neue psychische Symptome bis hin zu Erkrankungen.

Bitte lesen Sie hierzu meinen offenen Brief, den ich über das soziale Projekt TRAUMALEBEN[1] sowie unterschiedliche soziale Medien geteilt habe.

Wir als Betroffene haben keine Lobby oder institutionelle Vertretung, die sich öffentlichkeitswirksam für eine Sensibilisierung und Aufklärung zu den momentanen Lebensbedingungen psychisch kranker Menschen einsetzt oder medial auf die öffentliche Meinungsbildung einwirkt.

Es ist im Angesicht der Entwicklung psychischer Belastungen[2] für betroffene und nicht betroffene Menschen dringend notwendig, öffentlichkeitswirksame prä-, inter- und postventive Maßnahmen einzuleiten. Dazu können Aufträge/Anordnungen für Plakate, analoge und digitale Informationsmaterialien und -aktionen, der Einsatz von Berater*innen usw. in die Wege geleitet werden. Auch die Unterstützung bei der strukturellen Entwicklung analoger und digitaler Hilfsangebote (z. B. Selbsthilfegruppen) oder ein zugeschnittenes Hilfspaket für Schulsozialarbeiter*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen, Gemeindezentren usw. kann zielführend sein. Ich habe im letzten Jahr Informationsmaterialien für eine Sensibilisierung und Aufklärung zur Maskenbefreiung von Menschen mit psychischen Erkrankungen erstellt[3].
Die Inhalte von Maßnahmen sollten jedoch über die Thematik der Diskriminierung, des Ausschlusses und der Diffamierung von Menschen mit psychischen Behinderungen hinausgehen und z. B. auch folgende Themen fokussieren:

  • Einsamkeit und Isolation von Menschen mit psychischen Behinderungen:
    Ausnahmeregelungen der Kontaktbeschränkungen in Lockdown-Phasen für Betroffene, die alleine und ohne Familie leben
  • legitime Ausnahmeregelungen bei Impfungen und der 2G-Regel mit Ausgabe eines als öffentlich legitim angesehenen Ausweises durch eine institutionelle Behörde nach offizieller Überprüfung einer Erkrankung oder Behinderung
  • öffentlichkeitswirksame Sensibilisierungs- und Aufklärungsaktionen
    (Werbung, Informationsmaterialen für Unternehmen und Bürger*innen)
  • Ausbau digitaler Hilfsmöglichkeiten durch z.B.
    Förderung und Etablierung begleiteter und kostenfrei zur Verfügung gestellter digitaler Plattformen für Austausch, Freizeitgestaltung usw.

Kinder, die in dieser Gesellschaft mit physischen und emotionalen Misshandlungen sowie anderen Formen der Gewalt aufwachsen müssen, verschwinden nicht von der Bildfläche, sobald Sie erwachsen sind! Gesellschaftliche Institutionen sind eigentlich in der Pflicht betroffenen Kindern zu helfen. Leider wird dies viel zu oft versäumt. Wir als Betroffene leiden zum großen Teil unser Leben lang unter diesen Versäumnissen und tragen die Folgen. Neben den für uns normalen Lebensbedingungen mit psychischen Erkrankungen, erhöhten Suizidraten, geringeren Chancen der Teilhabe und Armut kommen nun gravierende coronabedingte Einschränkungen auf uns Betroffene zu.

Durch die 2G-Regel, die Maskenpflicht in Verbindung mit einer versäumten umfassenden gesellschaftlichen Aufklärung zu der Legitimität von Maskenbefreiungen sowie der Abschaffung von kostenfreien Coronavirus-Tests, die sich sehr viele Betroffene aufgrund der hohen Armutsrate nicht leisten können, werden Menschen mit psychischen Erkrankungen noch weiter von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. All dies und die allgemeine Verschlechterung der psychischen Gesundheit bei nicht von psychischen Erkrankungen betroffenen Menschen, wird fatale Folgen für das Gesundheitssystem, die Wirtschaft, das Sozialhilfesystem, die Familien und die darin lebenden Kinder haben.

Bitte beantworten Sie mir, anderen Betroffen und den Personen, die dem sozialen Projekt TRAUMALEBEN folgen, wie Sie Betroffenen in den nächsten Jahren helfen wollen?

Da es sich um ein öffentliches Interesse handelt, möchte ich die Reaktionen auf diese Anfrage gerne auf der Projektwebsite und den zugehörigen Social-Media-Kanälen veröffentlichen bzw. den Inhalt wiedergeben.


Mit freundlichen Grüßen

Nicole Heyden

[1] Das Projekt möchte Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit leisten zu Lebensweisen mit psychischen Einschränkungen und Behinderungen mit komplexen Traumatisierungen aus Kindheit, Jugend und Erwachsenenzeit und den daraus erwachsenen Traumafolgestörungen, wie z.B. Anpassungs- und Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Süchten oder Zwängen. So soll sich eine grundlegende gesellschaftliche Reichweite, Anerkennung sowie Verständnis zu Ursachen, Folgen und Hilfsmöglichkeiten, aber auch zu besonderen Fähigkeiten der Betroffenen entwickeln.

[2] vgl. z.B. folgende Quellen:
Psychische Belastungen in der COVID-19-Pandemie:
https://www.aerzteblatt.de/archiv/216384/Psychische-Belastungen-in-der-COVID-19-Pandemie-Allgemeine-Verunsicherung
Psychische Erkrankungen: Höchststand im Corona-Jahr 2020:
https://www.esv.info/aktuell/psychische-erkrankungen-hoechststand-im-corona-jahr-2020/id/112779/meldung.html
80 Prozent mehr psychische Erkrankungen in Corona-Krise:
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-08/seelische-gesundheit-corona-krise-psychische-erkrankungen-studie?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

[3] Innerhalb des Projektes TRAUMALEBEN werden frei verfügbare Informationsmaterialen für den Download angeboten.
Webauftritt mit Informationsmaterial: https://TRAUMALEBEN.blog/aktion-solidarisch-durch-die-corona-krise/


Anmerkungen

Ich habe auf meinen „Offenen Brief zur Diskriminierung, zum Ausschluss und zur Diffamierung von Menschen mit psychischen Behinderungen während der Corona-Pandemie“ viele liebe Mails erhalten – vielen Dank dafür!

Ich werde die direkten Antworten, die ich als Reaktion auf mein Anschreiben erhalte, hier unter dem Beitrag nach und nach veröffentlichen. Dabei werde ich keine Namen nennen, sondern immer nur um welches Amt es sich handelt bzw. um welche Partei – im Sinne des Datenschutzes.

Es gibt bereits Reaktionen auf den oben dargestellten Brief. Eine davon finde ich sehr aufschlussreich und alarmierend. In einer Antwort der Bundesgeschäftsstelle der Partei DIE LINKE wurde mir mitgeteilt, dass unser „Blickwinkel auf die beschwerlichen Umstände der Corona bedingten Infektionsschutzmaßnahmen“ nicht bekannt ist! Die ausführliche Antwort könnt ihr weiter unten lesen.

Ich weiß, aus dem Austausch mit anderen Betroffenen, dass viele von uns unter den momentanen Bedingungen während der Corona-Pandemie leiden. Ich hatte Austausch zu Maskenbefreiungen und Übergriffen durch andere Menschen, zu Isolation und Einsamkeit, Retraumasierung, Verschlimmerung von Erkrankungen und der Entstehung von neuen Erkrankungen, dazu, dass sich Menschen das Leben genommen haben (…).

Ich weiß, es gibt viel Leid unter uns Betroffenen – und dennoch wissen viele Institutionen nichts davon!

Daher bitte ich Euch, schreibt den Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen in Eurer Stadt, in Eurem Bundesland, schreibt an Parteien, schreibt an Institutionen und Mitmenschen für mehr Sensibilisierung und Aufklärung!

Ihr habt Angst, Scham usw. in Euch? Lest vllt. meinen Artikel zu Scham – vllt. hilft er Euch…

Wie in dem Anschreiben oben erwähnt, haben wir bislang keine Lobby, keine institutionelle Vertretung, die sich für unsere, hier genannten Belange einsetzt. Daher ist es an uns für unsere Rechte einzutreten! Bitte helft mit, dass wir in den nächsten Jahren würdevoll leben können und nicht noch mehr Familienangehörige, Freunde, Bekannte u. a. Menschen verlieren!

Falls Ihr es als Hürde empfindet, ein Anschreiben zu formulieren, kann ich Euch mein oben aufgeführtes Anschreiben zum Download zur Verfügung stellen – ohne meine persönlichen Angaben. Füllt den Text einfach mit Euren persönlichen Erfahrungen aus und versendet ihn.

Institutionen & Parteien

Hier könnt ihr ein Anschreiben für Institutionen, z.B. Bürgermeister*innen, Minister*innen, Beauftragte für Menschen mit Behinderungen usw. herunterladen zum Versenden per E-Mail oder zum Ausdrucken.

Reaktionen / Antworten

Partei DIE LINKE

Antwort a)

vielen Dank für Ihr eindrückliches Schreiben. Ehrlich gesagt habe ich vorher Ihren Blickwinkel auf die beschwerlichen Umstände der Corona bedingten Infektionsschutzmaßnahmen nicht gekannt bzw. nicht bedacht. Dass die Reaktionen anderer auf Sie so diffamierend sind, hätte ich nicht gedacht. Erschwerend ist, dass Sie sich nicht impfen lassen können, sonst wäre unter 2G-Bedingungen ja ein Ende der potentiellen Diskriminierung in Sicht.

Ihre Vorschläge zur Verbesserung der Situation zielen ja insgesamt auf eine neue Sensibilisierung der Gesellschaft für die Lebensbedingungen psychisch kranker Menschen. Hier sind sicher in erster Linien die Regierungsinstitutionen gefragt. Aber die Selbstorganisation, wie Sie sie in Ihrem Blog betreiben, ist ebenso wichtig. Im derzeitigen Bundestag widmet sich eine Abgeordnete von uns besonders der Situation der Patient:innen, sie kandidiert aber nicht wieder, so dass ich Ihnen derzeit keine Ansprechpartnerin nennen kann. Sie können sich nach der Wahl (aber vermutlich erst im November) gerne wieder an mich wenden, wenn ich Ihnen eine Ansprechperson nennen soll.

Bis dahin will ich gerne in meinem persönlichen Umfeld mit dafür sorgen, dass die besonderen Bedingungen von psychisch kranken Menschen mehr Rücksicht finden.

Freundliche Grüße

Antwort b)

Am Anfang der Pandemie wurde der Blick auf diejenigen Gruppen gelenkt, die durch eine Infektion als besonders bedroht eingestuft wurden. Das hat die Infektionsschutzmaßnahmen auch gerechtfertigt. Allerdings war auch von Anfang an klar, dass es nicht nur durch eine Infektion mit Sars2 bedrohte Gruppen gab, sondern auch Menschen, die durch die Infektionsschutzmaßnahmen, insbesondere durch den Lockdown, bedrohte Gruppen gibt. Dazu gehören, in je unterschiedlicher Weise, junge Menschen, denen der Zugang zur Bildung erschwert wurde, dazu gehören Frauen und Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt werden konnten und dies auch wurden, und dazu gehören auch Menschen mit psychischen Problemen, gerade weil die Aufrechterhaltung eines strukturierten Alltags erschwert wurde.

Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist das eine besonders schwere Folge der Lockdown-Politik. DIE LINKE hat dieses Problem von Beginn an gesehen und thematisiert. Jetzt, wo ein hoher Teil der Bevölkerung geimpft ist, wird die Aufrechterhaltung der bisherigen Corona-Maßnahmen ohnehin immer problematischer. Ich stimme Ihnen darin zu, dass dieses Problem nicht ausreichend in der Öffentlichkeit präsent ist. Auch vor und unabhängig von Corona fehlte es an einer ausreichenden Sensibilisierung für Menschen mit psychischen Problemen. Sie können davon ausgehen, dass meine Partei und Fraktion diese Menschen im Blick hat und ihre Interessen besonders artikulieren wird.

Mit freundlichen Grüßen

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