Eine kurze Geschichte für kleine und große Menschen.

Beitrag von Sammy
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Es war einmal ein kleiner Mensch.
Dieser kleine Mensch hatte einen täglichen Begleiter namens „Brian„. Der kleine Mensch und Brian erlebten viele anstrengende Dinge bereits in ihrem jungen Leben. Belastende Erfahrungen, anhaltende Bedingungen die immerzu viel Schmerz, Leid und Stress in ihnen auslösten.
Der kleine Mensch und Brian hatten in diesem Chaos, sobald gänzlich den Überblick verloren und wussten gar nicht mehr, wer sie eigentlich selbst sind, was sie fühlten oder was für Bedürfnisse es in ihnen gab. Sie waren einfach nicht mehr in der Lage all die schmerzlichen Erfahrungen auf eine gesunde und förderliche Art und Weise zu verarbeiten.
Um den kleinen Menschen vor noch mehr Schmerz und Leid zu beschützen überlegte sich Brian eine Strategie. Ab sofort würde er bei allen noch so kleinen Situationen einen großen Alarm auslösen, die auch nur ansatzweise ähnlich waren wie all die schmerzhaften Situationen, die den kleinen Menschen bisher geprägt hatten. Er würde einen so großen Alarm auslösen, dass der kleine Mensch sich in solchen Momenten an alle Gefühle erinnern wird, die er in den ursprünglichen Situationen gefühlt hatte. So konnte er entweder schnell die Flucht ergreifen oder in den Angriff gehen.
Tolle Strategie dachte sich Brian … und tatsächlich … in vielen der folgenden schweren Lebensjahre des kleinen Menschen, war ihm diese Strategie äußerst dienlich und er war Brian sogar sehr dankbar für diesen klugen Einfall. Wer weiß, vielleicht hätte der kleine Mensch ohne diese Strategie bis hierhin gar nicht überlebt.
Die Jahre vergingen und der kleine Mensch war nun schon etwas älter. Nach wie vor wurde er von Brian und der hilfreichen Strategie begleitet. So langsam wurde dem kleinen Menschen jedoch bewusst, dass ihm die einst so wertvolle Strategie längst nicht mehr in allen Situationen behilflich war. Im Gegenteil! Selbst ganz ungefährliche Situationen machten dem kleinen Menschen so große Angst, dass er nichts anderes tun konnte, als sich entweder übermäßig zu verteidigen und zu schützen oder viele Situationen schon von vornherein zu meiden.
Selbst Brian dämmerte es so langsam, dass der kleine Mensch, selbst wenn er anders handeln wollte, es gar nicht mehr anders könnte. Die Strategie hatte sich zu einem verhexten Automatismus entwickelt.
Der kleine Mensch und Brian verabredeten sich also zu einem leckeren Kakao-trinken und beratschlagten einander, wie es so weit hatte kommen können und wie es dem kleinen Mensch gelingen könnte, sein Verhalten fortan zu verändern. In diesem sehr aufschlussreichen Gespräch wurde dem kleinen Menschen bewusst, wie vielseitig Brian doch war.
Da gab es vor allem zwei ganz besonders wichtige Teile von Brian, die ihn zu einem wertvollen Begleiter des kleinen Menschen machte …
Der eine Teil nannte sich „Amygdala„, der andere Teil nannte sich „Frontalkortex„.
„Amygdala“ und „Frontalkortex“ waren sich so gut wie nie einig. Das lag vor allem daran, dass die beiden einfach nicht dieselbe Sprache sprachen.
Der kleine Mensch und Brian versuchten mit „Amygdala“ und „Frontalkortex“ in einen Dialog zu gehen und diesen für die beiden gegenseitig zu übersetzen.
Dieser ging dann ungefähr so:
Amygdala:„Weißt du, Kortex. Mich gibt es schon seit tausenden von Jahren und dich gerade einmal ein paar hunderte Jahre im Vergleich zu mir. Von dir lasse ich mir gar nichts sagen. An mir geht keine Situation vorbei, die auch nur ansatzweise so ähnlich ist, wie eine der vielen grausamen Situationen, die der kleine Mensch in seinem jungen Leben erleben musste. Ich werde also bei jeder solcher ähnlichen Situationen so doll Alarm schlagen, dass ich weder ich dich, noch der kleine Mensch hören kann, was du zu sagen hast. Dies so zu tun, habe ich schon ganz früh von Brian gelernt.“
Frontalkortex:„Aber liebe Amygdala, höre mir doch bitte zu! Der kleine Mensch ist heute doch gar nicht mehr in Gefahr! Du brauchst ihn gar nicht mehr zu beschützen. Es hindert ihn sogar daran, dauerhaft glücklich zu werden, wenn du ihn immer wieder an all die Gefühle und Situationen aus seiner Vergangenheit erinnerst. Was muss nur passieren, damit du das verstehen kannst?“
Amygdala:„Nun ja lieber Kortex … wie dir vielleicht nicht entgangen ist, sind wir in einer westlichen Sache unterschiedlich. Denn du lernst Dinge über das Mittel „Sprache“ und ich lerne Dinge über das Mittel „Erfahrungen“
Frontalkortex:„Hm ja, da hast du recht. Das ist mir auch schon aufgefallen. Doch ich habe da von so einer ganz speziellen Methode gehört. Die könnte uns dabei helfen uns in Zukunft besser miteinander verständigen zu können. Du würdest dabei über „Erfahrungen“ lernen und ich über „Gedanken und Sprache“. Wir könnten uns dann gegenseitig alles übersetzen und gemeinsam ein neues Verhalten für den kleinen Menschen lernen. Wenn ich mich recht erinnere, dann heißt diese Methode „Therapie“! Ich werde es dem kleinen Menschen direkt mal vorschlagen, diese Methode auszuprobieren!“
Amygdala:„Aha, na dann viel Glück dabei“.
Der kleine Mensch hörte sich den Vorschlag des Frontalkortex gespannt an. Er war zunächst etwas skeptisch, doch nach Absprache mit Brian beschlossen die beiden, diese Methode gemeinsam ausprobieren zu wollen.
… Wieder einige Jahre später war der kleine Mensch nun schon fast ein großer Mensch.
Der fast große Mensch schaute nun gemeinsam mit Brian auf die vergangenen Jahre zurück. Es waren viele Jahre voll intensiver Erfahrungen. Erfahrungen durch die er lernen durfte seine Ängste auszuhalten, seine alte Strategie so gut es ging abzulegen und neue gesunde Strategien zu entwickeln. Er lernte mit seinen Gefühlen umzugehen, sie achtsam wahrzunehmen, frühzeitig zu erkennen und konnte so lernen sie zu regulieren.
Er war auf dem besten Wege dahin, mit all den belastenden Erfahrungen, seines vergangenen Lebens Frieden zu schließen und sein Leben fortan neu ausrichten zu können. Doch dieser Weg war bei weitem nicht leicht. Hinter ihm lag eine harte und anstrengende Zeit, die ihn Tag für Tag viel Kraft gekostet hatte. Er hatte wirklich viel gearbeitet und viel investiert.
Bestimmt wird es in seinem zukünftigen Leben immer noch die ein oder andere Situation geben, die ihm mehr abverlangen wird, als anderen Menschen, die solche Erfahrungen nicht gemacht hatten.
Doch der Weg hatte sich gelohnt!
Der fast große Mensch war nun sehr stolz auf sich, dass er diesen Weg bis hierhin gemeistert hatte. Ohne seinen unbändigen Willen und die für ihn äußerst wirksame Methode „Therapie“ wäre er nun bestimmt nicht an so einem Punkt seines Lebens angekommen, an dem er sich das erste Mal in seinem ganzen Leben als ein „freier Mensch“ fühlen konnte.
Der fast große und heute freie Mensch wurde auch heute noch von Brian begleitet. Auch Brian war heute viel gelassener als früher und wusste, dass er den fast großen Menschen nun nicht mehr beschützen musste.
Der fast große und heute freie Mensch und Brian beschlossen, hinaus in die Welt zu gehen und ihre Geschichte mit anderen kleinen, fast großen und großen Menschen zu teilen. Sie wollten den anderen Menschen bewusst machen, dass „Trauma“ unterschiedliche Gründe und Auswirkungen auf jeden einzelnen Menschen haben kann. Das „Trauma“ durch Erfahrungen und Ereignisse entstehen kann, in dem der allgegenwärtige Begleiter eines jeden Menschen namens „Brian“ oder auch „Brain“ (zu Deutsch: „Gehirn„), in einen Zustand der Überforderung und Stress versetzt wird, wodurch dieser seine Arbeit nicht mehr adäquat machen kann.
Daraufhin muss sich dieser Begleiter eines jeden Menschen, hilfreiche Strategien ausdenken, um das Überleben seines Menschen zu sichern. Doch so gibt es auch für jeden dieser Menschen, eine hilfreiche Methode namens „Therapie„.
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