Therapie, Geld und Mutterübertragung

Es geht mir nicht gut, aber wann ist das schon jemals anders. Es tut immer weh, ständig, die ganze Zeit gerade. Schmerz, Traurigkeit, Sehnsucht und so viele Mängel. Eigentlich gab es da so einige Themen, über die ich hier schreiben wollte, aber es hat doch sehr an Kraft gefehlt und zusätzlich sind hier gerade so viele offene Baustellen, dass ich oft nicht weiß an welchem Punkt ich einen Anfang machen soll. Deshalb versuche ich mich nun an einem ganz aktuellen Thema. Es geht um meinen Kassentherapieplatz, der bald ein Ende hat und was das mit mir und meiner Mutterübertragung zu meiner Therapeutin macht.

Ich hatte so viel Glück auf Anhieb einen vollfinanzierten Kassentherapieplatz abbekommen zu haben, welche in Österreich schon ziemliche rar sind. Hinzu kommt, dass ich auch die Höchststundenanzahl von der Versicherung bewilligt bekommen habe, die nun aber nach mehr als über 2 1/2 Jahren, nach dem ich knapp ein Jahr zwei mal die Woche bei meiner Therapeutin war, am Auslaufen sind. Meine Therapeutin und ich haben deswegen in den vergangenen Wochen gemeinsam noch einen Antrag auf Verlängerung geschrieben, denn vielleicht ist ja doch noch was zu machen. Das war auch eine Premiere für meine Therapeutin – die Krankenkassen so lange auszureizen. Meine Therapie stand zwar nie wirklich auf dem Spiel, weil meine Therapeutin mit mir auch für viel zu wenig Geld weiter gemacht hätte, trotzdem stresst und belastet dieses Thema, wegen einer Vielzahl an Gründen. Es ist so schwierig, wenn Zeit und Geld so knapp bemessene Ressourcen sind und ich aber immer nur denke, warum ist sie nicht einfach meine Mutter. Nach einem Telefonat, das meine Therapeutin getätigt hat, sieht es nun (inoffiziell) so aus als würde ich noch weitere 20 Stunden bekommen und danach soll vielleicht noch eine Teilfinanzierung möglich sein. Das ist viel, viel weniger, als wir angedacht haben und außerdem schnell verbraucht. Es sind natürlich trotzdem auch gute Nachrichten, dennoch ändert es für mich einiges, wenn ich in absehbarer Zeit meine Therapeutin selbst bezahle. Vor allem gefühlsmäßig. Wenn Geld in die Beziehung kommt, was zuvor, da die Versicherung das übernahm, gut auszublenden war. 

Mit 17 und noch viele Jahre danach war ich der festen Überzeugung, keine Eltern zu brauchen. Nicht ich. Ich glaubte aus diesem Bedürfnis herausgewachsen zu sein. Eine Überzeugung, die aus unendlichem Schmerz heraus gewachsen ist, da meine Eltern – nun ja – missbräuchlich waren und das konnte ich nun wirklich nicht „gebrauchen“. Heute sehe ich das anders. Sehr. Es dauerte nicht lange, schon ganz am Anfang in meiner Therapie, da knickte diese Überzeugung heftig ein, weil meine „Übertragungsgefühle“ sehr schnell viel Raum einnahmen. Ich weiß noch, als ich das erste Mal mit ihr telefoniert habe, weil ich in massiven Angstzuständen gefangen war, eigentlich in emotionalen Flashbacks und sie versucht hat mich am Telefon zu beruhigen, eben einfach da gewesen ist. Ich erinnere wie sich bei mir neben der Verzweiflung eine Vertrautheit entwickelt hat, ein Gefühl von Geborgenheit, Halt und ein bisschen Sicherheit, so wie ich mir das gefühlsmäßig vorstelle, wenn Mütter (oder Väter) ihren Kindern versuchen die Angst vor der Dunkelheit zu nehmen. Und irgendwann im Gespräch, als sie mich dann siezte, riss es mich förmlich wieder aus diesen Gefühlen heraus, weil dann so plötzlich die Distanz wieder im Raum stand. Ich erinnere mich auch noch gut daran, als ich das erste Mal mit ihr über dieses Thema sprach. Das ist wohl eines der Themen, die mit der meisten Scham behaftet sind (neben so vielen anderen). Damals nannte ich das noch Tochtergefühle, das bei ihr fühlen, als wäre ich ihre Tochter oder zumindest so fühlen, als wäre ich es gern. Zu sagen, ich hätte gern, dass sie meine Mutter wäre, das konnte ich so direkt lange nicht. Nicht mit dem Wort „Mutter“, weil da so viel Scham war, weil ich dachte, sie wäre dann angewidert, weil ich dachte, sie fände das ganz schrecklich mich als ihre Tochter zu imaginieren, weil ich generell dachte es wäre etwas ganz furchtbar absurdes mir eine Mutter zu sein. Diese Sehnsucht zu äußern war für mich lange so als würde ich meine Therapeutin mit solchen Worten bestrafen, weil wer könnte mich schon als Tochter haben wollen. Diese Mutterübertragung wurde Stoff vieler, vieler Stunden, in denen ich viel schwieg und um Worte rang, wegen der Scham und die Angst vor Zurückweisung wie auch vor dem Verlassenwerden tat noch ihr Übriges dazu. Auf jeden Fall empfand ich die Beziehung zu meiner Therapeutin dadurch – trotz der schmerzhaften Sehnsucht – schon recht früh als sehr heilsam, haltgebend und irgendwo auch als belastbar. Dieses Gefühl von Halt war und ist ein sehr neues für mich und ich kann es kaum in Worte fassen, was das für mich bedeutet. Was diese Beziehung für mich bedeutet. Es ist der Halt, der mir immer so gefehlt hat, aber die Sehnsucht, die sich daraus entwickelt, ist so tiefgreifend, allumfassend. Man sagt Kinder brauchen Wurzeln und Flügel und ich habe das Gefühl genau das bei ihr zu bekommen. Das ist zwar wirklich schön, aber zur selben Zeit auch unfassbar bitter. Denn es ist gleichzeitig der Geschmack von „was wäre wenn“. Davon, wie es auch hätte sein können. Davon, wie es sich anfühlen könnte liebevolle Eltern zu haben, die es wirklich gut mit einem meinen. Dieser Mutterschmerz ist für mich daher Sehnsucht nach einem zu Hause, nach Halt, nach Sicherheit, nach Orientierung, nach Stabilität, nach Beständigkeit, nach Wurzeln, nach Geborgenheit, nach Trost, nach weniger Schmerz… nach all dem und noch so vielem mehr, das mir im Außen immer so fehlte und das ich auch nie ganz haben kann. Nicht so. Meine Therapeutin hat einmal (zu meiner Mutterübertragung) gesagt, es sei schön und gut, dass ich mir diese Gefühle bewahrt habe, trotz der widrigen Umstände. Das sei etwas sehr Wertvolles, Gesundes eigentlich, weil es ein so wichtiges und natürliches Bedürfnis sei. Das zu hören half etwas, weil ich mich so weniger kaputt und verstört fühle, sondern mehr so als gäbe es da leere Lücken, die Zuwendung brauchen und die gefüllt werden wollen. Irgendwie so ähnlich, aber schmerzhaft ist es trotzdem und ich glaube es wird auch nie aufhören zu fehlen. 

Und – um wieder zu meiner ausgeschöpften Kassenleistung zurückzukommen – ich habe nun das Gefühl ich verliere etwas. Es ist nicht Geld, das ich dadurch verliere, es ist ein Gefühl, eine Illusion, auch wenn ich mich sträube das so zu nennen. Denn ich habe so das Gefühl ich verliere ein Stück einer Mutter, einen Teil von meiner durch Sehnsucht getragenen Übertragung. Eben einfach einen Teil von meiner Therapeutin und ich fühle mich nicht bereit diesen Teil loszulassen. Dieses vor Augen haben, dass diese Beziehung auf Geld basiert, verschiebt vieles auf eine pragmatischere Ebene, wo doch für mich daran rein gar nichts pragmatisch ist. Für mich ist es so voller Emotionen und diese „rationale“ Sichtweise möchte ich in dieser Beziehung nicht aufbringen, weil ich bei ihr nicht „groß“ und „unabhängig“ sein möchte. Nicht bei ihr. In dieser einen Beziehung nicht. Ich will sie als Mama und nicht sehen, dass sie dafür bezahlt wird, um mich zu (er-)tragen, dass ich sie bezahle und sie mir deshalb gibt, was ich brauche. Das ist wie eine „Realitätswatsche“, die mir vor Augen hält, dass sie „nur“ meine Therapeutin ist, die Geld für die Zeit bekommt, die sie mit mir verbringt. Das tut so weh, weil mein Fühlen ein so anderes ist. Für mich hat das nichts „geschäftsmäßiges“, diese Beziehung. Rein gar nichts. Vermutlich war ich noch nie so offen verletzlich in einer Beziehung (meine Eltern ausgeschlossen), noch nie so haltgebend aufgehoben, so wertschätzend wohlwollend, außer vielleicht bei meiner liebsten Freundin, aber das ist auch noch mal etwas anderes. Noch nie zuvor habe ich mir bei einer Person so viele Sehnsüchte, Verletzungen, Mängel und Schwächen erlaubt bzw. auf all das schauen lassen. Da gibt es einfach diesen kindlichen Anteil in mir, der laut schreit, warum kann sie nicht einfach meine Mutter sein, das Leben wäre so viel besser, schöner, einfacher. Damals wie heute. Genau darüber habe ich mit ihr am Mittwoch auch gesprochen, was das mit mir macht, wenn ich sie dann direkt bezahlen würde.

In der Stunde habe ich dann so etwas gesagt wie „Bitte adoptieren Sie mich!” oder vielleicht habe ich es auch eher so formuliert, dass ich am liebsten hätte, sie würde mich adoptieren. Natürlich war das keine wirklich, ganz ernst gemeinte Bitte, nur ein Wunsch, von dem ich weiß, dass er immer einer bleiben wird, den ich aber dennoch geäußert habe. Sie antwortete darauf „Ja liebend gern,…“ (Die zweite Hälfte vom Satz lass ich weg, weil es doch zu privat und für den Kontext irrelevant ist). Und dann nach einer kurzen Pause fuhr sie damit fort, dass das aber missbräuchlich wäre. So ähnlich wie die Ebene, dass Eltern nicht zu Freunden werden sollten, denn dadurch wird etwas weggenommen. In mir jubelte es trotzdem, heute noch und bestimmt noch eine lange Zeit weiter. Einfach, weil sie ohne zu zögern mit Ja geantwortet hat und sie den Gedanken nicht von Grund auf furchtbar fand. Ich entgegnete darauf, dass es doch viele mehr von meiner Seite missbräuchlich wäre, weil ich sie dazu benutzen würde, um meine Lücken und Mängel durch sie zu stopfen. Sie meinte dann auch noch etwas in die Richtung, dass es nicht richtig, nicht angebracht wäre den Rahmen zu verändern. Der Rahmen, der wäre, dass sie meine Therapeutin ist und abgesehen von dem Geld – wie dann abgesprochen – nichts von mir will oder braucht, also sich nichts von mir für ihre emotionalen Bedürfnisse nimmt. Dass sie da ist und bleibt als meine Therapeutin und ich mich so nicht mit ihren „Neurosen“ oder was auch immer, befassen müsse, mit denen ich mich in diesem anderen Rahmen „herumschlagen“ müsse. Sie meinte auch noch, sie überschreite bei mir ohnehin schon oft Grenzen, wie zum Beispiel, wenn sie mich anrufe, worauf ich sagte, dass das eigentlich die Dinge sind, die mir am meisten helfen. Zu spüren, dass da jemand ist, der da ist, dass ich vielleicht für jemanden wichtig sein könnte und dass man mich eventuell schätzt. Darauf meinte sie wieder schmunzelnd, ja – aber, wenn ich dann im Fachspezifikum wäre, würde ich noch oft an sie erinnert werden, an all die Grenzen, die sie bei mir ausgeweitet hat. Wir haben dann auch noch darüber gesprochen, dass Geld eigentlich nichts an der Besonderheit dieser Beziehung ändern würde, dass Geld, das der Beziehung weder geben noch hoffentlich nehmen kann. Eigentlich weiß ich das auch und vor allem blieb bei mir hängen, dass sie unsere Beziehung als besonders bezeichnet hat. 

Vielleicht liest sich das hier so, als würde sie mich „verkindlichen“, aber so ist das nicht. Sie nimmt einfach alle Anteile in mir ernst. Sie dürfen alle sein, weil es einen Grund dafür gibt, dass sie laut sind. Ich erlebe das als eine korrigierende Beziehungserfahrung, wenn man das – nun ganz nüchtern betrachtet– so nennen mag. Es ist ein „Beziehung neu lernen“. Zu lernen, wie man sich in Beziehungen auch noch fühlen kann, wie man auch noch behandelt werden kann. Wie gut und schmerzlos sich das anfühlen kann, wie sehr man verstanden werden kann (zwar ist der Wunsch, sie wäre meine Mutter nicht unbedingt ohne Schmerz, aber es ist irgendwie ein Schmerz, der von ihr aufgefangen wird und damit ist er fast so etwas wie eine warme Decke, die mich umhüllt und mir damit Trost spendet). Das brachte mich schon oft sehr zum Weinen, weil es sich so deutlich von meinen anderen Beziehungserfahrungen unterscheidet. Ich mag sie sehr.

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