#metooaustria – Überlebende von sexueller Gewalt in der Kindheit


Beitrag von Tina
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Beitragsbild von Tina

Ich bin wütend. Wütend über die hier vorherrschende Schweigenorm. Wütend über die Kultur des Wegschauens und des Verdrängens. Wütend darüber, dass das gesellschaftliche Problem der sexualisierten Gewalt (gegen Kinder und Frauen*) immer noch so ausgeblendet wird. 14 Femizide in diesem Jahr – Österreich damit das Land der Femizide. Auch in meiner Geschichte war das eine Androhung. Zum Weinen diese Patriarchale Rollenbilder und Strukturen. Warum ich hier Gewalt gegen Partnerinnen* und sexualisierte Gewalt gegen Kinder zusammenbringe? Weil die beiden Gewaltformen nun mal strukturell in enger Verbindung stehen. Traurig bin ich darüber, da ich das Gefühl habe, die einzige Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Kindheit hier in ganz Österreich zu sein, obwohl ich gleichzeitig weiß, dass das nicht sein kann. Aber niemand redet darüber. Über dieses enorme Tabuthema. Aber ich habe nun keine Lust mehr darüber zu schweigen und mich dafür zu schämen für etwas, für das ich nichts kann.

Man kann auch wirklich nicht behaupten die MeToo-Bewegung wäre in Österreich angekommen, kaum hier ein Reden über sexualisierte Gewalt im Allgemeinen. Daher findet man unter dem Hashtag #metooaustria auch kaum Beiträge. Es ist so frustrierend, stattdessen nur Sexismus. Zwar gab eine kurze „Zündung“ der MeToo-Protestbewegung von Nicola Werdenigg bezogen auf sexualisierter Gewalt im (Schi-)Sport, die jedoch schnell wieder abflachte und das Problem des sexuellen Kindesmissbrauchs wurde dabei noch gar nicht richtig gestreift. Die interdisziplinäre Ringvorlesung “Eine*r von fünf” von der MedUni Wien möchte ich in diesem Zusammenhang noch nennen, da sie Gewalt im Geschlechterverhältnis (Machtmissbrauch auch gegen Kinder) zum Thema macht. Dennoch ein wirklicher öffentlicher Diskurs über sexualisiere Gewalt gegen Kinder existiert bisher kaum. Folglich fehlt es dadurch an Organisationen, Institutionen und Hilfeleistung, die Unterstützungen für Opfer anbieten würden und eine gesellschaftliche Aufarbeitung finden sowieso gar nicht statt. Natürlich gibt es auch Beratungsstellen zum Thema sexuelle Gewalt sowie Kinderschutzzentren, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, aber das reicht nicht und hinzu kommt, dass diese viel zu wenig Förderungen bekomme. Es reicht auch nicht, wenn nur die Kinder betreut und unterstützt werden, die noch als Kind aus sexuellen Gewaltverhältnissen genommen werden. Der viel größere Anteil betroffene Kinder bleibt unsichtbar, schweigt und spricht erst im Erwachsenenalter darüber (‚ wenn überhaupt). So auch in meinem Fall und dann ist es nicht mehr so leicht weitere langfristige und engmaschige Unterstützungen zu bekommen. Dabei wird gerade das darüber reden, das sich Hilfe suchen, dadurch so massiv erschwert bis unmöglich gemacht, da das Thema sexueller Missbrauch gesellschaftliche so verdrängt wird. Ja oder auch, dass fast aktiv weggeschaut wird. Welche Wahl bleibt da als Betroffene*r, als den Missbrauch nicht auch zu verdrängen? Sich ständig falsch und anders als alle anderen zu fühlen. Weil das Thema scheint es hier gesellschaftlich ja „nicht“ zu geben. Komplett alleine mit dem Thema, weil uns das Schweigen vereinzelt, getrennt voneinander hält. Ich habe genug davon und es macht mich auch traurig, dass sich vermutlich ganz viele so fühlen, weil wir einfach unsere Stimmen nicht hören. Ich möchte das gerne verändern und in mir ist das Bedürfnis entstanden das Problem laut aus mir heraus zu schreien, weil meine Wut mittlerweile größer ist als die Angst, als die Scham, zwar nicht als der Schmerz, aber ich halte es nicht mehr aus meine Augen vor diesen gesellschaftlichen Missständen zu verschließen und nichts zu tun.

Deswegen möchte ich dazu aufrufen als Überlebende miteinander in den Austausch zu gehen oder sich zu vernetzen und nach Möglichkeit sich gegenseitig zu unterstützen. Gemeinsam ist Heilung leichter. Schön wäre es in einen persönlichen Austausch zu kommen, vielleicht eine Selbsthilfe-Gruppe in Wien / um Wien zu gründen oder auch eine über das Internet. Vielleicht gibt es auch jemanden der Lust hat sich anderweitig zu engagieren, Projekte zu starten, was auch immer. Ich bin offen für weitere Ideen und freue mich über jeden Hinweis, welcher Art auch immer. Auch über Tipps zu Anlaufstellen, bereits laufende Projekte und Initiativen etc.. Vielleicht gibt es auch schon ganz viele Leute in Österreich, die sich damit auseinandersetzen und ich habe da was ganz gründlich übersehen, auch hier freue ich mich über jede Information.

Ich glaube nämlich nicht, dass ich die einzige bin, die hier damit nicht fertig wird. Die gesellschaftliche Tabuisierung des Themas hat auch zu einer individuellen Tabuisierung bei mir geführt. Es braucht gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die ein Sprechen über sexualisierte Gewalterfahrungen (in der Kindheit) und sexuelle Traumatisierungen möglich machen. Diese kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen habe ich in dieser Gesellschaft beim Aufwachsen nicht vorgefunden. Nun habe ich die Schnauze voll davon das liebe, nette und leise Mädchen zu sein. Keinen Bock mehr mich der Schweigenorm zu unterwerfen.

Vielleicht liest das ja jemand, der oder die sich davon angesprochen fühlt und Lust hat gemeinsam das Schweigen zu brechen oder in einen Austausch gehen möchte oder aber auch einfach nur mal einer anderen Überlebenden mitteilen möchte, dass sie_er ähnliche Erfahrungen gemacht hat oder sonst irgendeine andere Idee hat. Eventuell wird es auch möglich sein hier anonym die eigene Geschichte zu teilen. Mal sehen. Ich freue mich über Nachrichten via:

E-Mail: tina_von_traumaleben@gmx.at

bei Instagram: tina_von_traumaleben

oder Twitter: @Tina86930643

Beitrag darf gerne geteilt werden.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. hallo tina, ich habe keine sexualisierte gewalt im eigentlichen sinne erlebt, aber viele körperliche grenzüberschreitungen und auch das war und ist bis heute schlimm für mich.. ich finde es auch extrem heftig dass das so unter den teppich gekehrt wird… ich drücke dir die daumen, dass du durch deinen aufruf menschen findest, mit denen du dich auch austauschen kannst, denn viele stimmen sind immer lauter als eine einzelne…

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