Tina stellt sich vor

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Hallo ihr Lieben!

Meinen ersten Eintrag werde ich erstmal dazu nutzen, um mich hier bei euch vorzustellen. Wie ihr im Titel lesen könnt, ist mein Name Tina, ich werde demnächst 24 und studiere im Master Soziologie. Da mich mein Studium auch schon persönlich sehr viel weitergebracht hat, was mir auch immer wieder sehr in meiner Therapie hilft, wird meine sozialwissenschaftliche Perspektive in meinen Texten und Gedanke wohl hin und wieder mitzulesen sein. Sonst bin ich nebenbei noch als Freiwillige in einer Organisation tätig, die Jugendliche mit Flucht- und Migrationserfahrung beim Lernen unterstützt, doch zu Pandemiezeiten verschiebt sich auch das in Onlineräume. 

Aber, um auf den Punkt zu kommen, werde ich euch nun von den etwas weniger schönen Dingen aus meinem Leben erzählen und weswegen es mich hierher verschlagen hat. Ich nenne das auch oft mein anderes Leben. In diesem „anderen“ Leben als Patientin bin ich seit über 2 Jahren in Psychotherapie und dabei glücklicherweise bei einer Therapeutin gelandet, mit der es von Anfang an einfach wirklich gepasst hat. In meinen ersten Therapieanträgen für Versicherungszwecke standen Dinge wie, generalisierte Angststörung, Emetophobie, somatoforme autonome Funktionsstörung, Depressionen und andere Dinge, die jedoch eigentlich alle die Nebenprodukte meiner komplexen Traumatisierung sind. In Therapie gegangen bin ich ursprünglich vor allem wegen meiner kontinuierlich schlimmer werdenden Angstzustände und meiner sehr heftigen körperlichen Symptome (wie z. B.  Magen-Darm, „Herzneurose“, etc.), denn so konnte es einfach nicht mehr weitergehen. Zu der Zeit habe ich mir eigentlich auch das erste Mal eingestanden, überhaupt psychische Probleme zu haben. Es ist erstaunlich, wie sehr man sich selbst belügen kann und wie weit Verdrängung gehen kann, aber woher soll man auch wissen, was „normal“ ist, wenn es eine „Normalität“ davor noch nie gegeben hat… Lange dachte ich, ich hätte schlimme körperliche Erkrankungen wie beispielsweise Darmkrebs, Magengeschwüre, eben alles mögliche, was mir Google so vorschlug und auch, dass ein Herzinfarkt nicht mehr weit weg sein kann. Meine Verzweiflung und Hilfslosigkeit wuchs von Tag zu Tag und viele hätten mich sicher auch als eine Hypochonderin bezeichnet, was ich auch selbst tat. Ich habe sehr lange, schon fast verbissen, nach körperlichen Diagnosen gesucht, um mein Leiden zu erklären, aber ich fand keine, bis ich irgendwann endlich den Gedanken zuließ, meine Probleme könnten psychischen Ursprungs sein und langsam wurde es auch einfach wirklich zu offensichtlich. Damit ich den Entschluss mir Hilfe zu suchen nicht wieder verwarf, meinte ich zu meiner liebsten Freundin, sie solle mich dazu „zwingen“ zu dieser psychologischen Beratungsstelle zu gehen, sollte ich doch noch kalte Füße bekommen. Aber ich bin hingegangen, ganz freiwillig sogar und landete so schließlich mit 21 Jahren bei meiner heutigen Therapeutin. Diese Therapie zu beginnen, war mitunter eine der besten Entscheidungen in meinem Leben. Bis dahin konnte ich nicht begreifen, wie die Psyche so „ganz wirklich reale“ körperliche Symptome auslösen kann. „Wie? Es sind doch nur Gefühle“, dachte ich immer. Psychosomatik war für mich fast gleichbedeutend mit „Einbildung“, „Simulieren“ oder einem „zu sensibel sein“, eben etwas aus dieser Schublade und jedenfalls nichts, das man wirklich ernst nehmen würde. Vor ein paar Monaten, in einem Seminar über Emotionssoziologie, ging es einmal darum, dass man nicht über Gefühle reden kann, ohne dabei Körperlichkeit miteinzubeziehen, denn es gäbe keine Gefühle ohne Körperbezug. Ja, dachte ich. Heute weiß ich das, aber zu Beginn der Therapie und all die Jahre davor, war das noch ganz anders. Ich zerbrach mir ebenfalls sehr lange den Kopf darüber, was denn nun der genaue Unterschied zwischen Gedanken und Gefühlen sei, denn auch das verstand ich nicht richtig. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte schon früher etwas über Traumafolgen erfahren oder, dass wenigstens ein bisschen mehr über psychischer Gesundheit gesprochen wird. Auch das motiviert mich dazu, nun hier darüber zu schreiben. Wie dem auch sei, meine Familiengeschichte, die zu meinen Problemen führte, ist ziemlich turbulent. Das eigentlich auch schon seit Generationen, vor allem väterlicherseits und ziemlich kompliziert. Mein Vater ist selbst traumatisiert, mittlerweile schwer psychisch krank und hat den Bezug zur Realität längst verloren. In meiner Kindheit und Jugend kam es durch ihn zu sexuellem Missbrauch an mir, da meine Mutter in jeglicher Hinsicht abhängig von ihm war und zudem kognitiv beeinträchtigt ist, war auch sie nie eine Stütze für mich. Mit 15 bin ich ihm dann davongekommen. Ich setzte alles daran, dass wir aus dem gemeinsamen Haus wegziehen. Alles Schritte, die zuvor unvorstellbar erschienen. Meine neugewonnene Freiheit, Sicherheit, meine eigene Identität und der Beginn eines neuen Lebens wurde durch eine grausame Scheidung, eine tiefe Depression und von Selbstverletzung begleitet. Denn ich habe dabei schließlich meinen Vater verloren. Es kam zum Kontaktabbruch und natürlich hörten die Probleme danach nicht einfach auf. Da er sehr bald aufhörte uns finanziell zu unterstützen, begann ich früh neben der Schule zu arbeiten und verbrachte somit meine Jugend in der Catering-Gastronomie. Ich arbeitete so wahnsinnig viel, um mich selbst zu finanzieren, um Geld für eine lange Reise zu sparen, die ich nach der Matura antrat, aber auch, weil ich mein Leben sonst nicht ausgehalten hätte. Auch die Beziehung zu meiner Mutter war noch nie besonders eng gewesen, ich war immer das „Papakind“, aber ich versuchte wirklich sie zu lieben, zu dieser Zeit. Mit 17 jedoch, zog ich in meine erste eigene Wohnung, in eine Wohngemeinschaft und mit 18 schließlich, brach auch der Kontakt zu ihr Großteils ab, da sie für mich sehr viel Schmerz und Enttäuschung bedeutete. 

Mit diesen Zeilen wollte ich euch einen kleinen Einblick in meine Geschichte geben, da sie in diesem Zusammenhang doch sehr viel erklärt. Meine Erfahrungen und Symptome sind daher sowohl auf Schock-, als auch auf Entwicklungstrauma zurückzuführen, aber eigentlich ist das für mich gar nicht wirklich voneinander zu trennen. Dissoziation, Psychosomatik, Verdrängung und spezifische Ängste, die sich über das eigentliche Trauma legten, sind dabei große Themen für mich. Die Liste meiner Probleme und Symptome ist lang und ich pendele oft zwischen einem sehr hohen Funktionsmodus und den kompletten Verlust dessen, hin und her. So sind auch meine Gefühle. Sprunghaft und intensiv. Warum ich nun hier schreibe, dafür gibt es viele Gründe. Zum einen geht es für mich bestimmt auch darum, meine „beiden“ Leben, die oft so konträr erscheinen, endlich miteinander zu verbinden. Es erfordert ziemlich große Anstrengung, diese zwei „Rollen“ immer aufrechtzuerhalten. Einerseits dem Bild einer „vorbildliche Studentin“ zu entsprechen, andererseits ist da auch noch mein „anderes“ Ich, das es zu manchen Zeiten noch nicht einmal schafft einen Fuß vor die Haustür zu setzen oder gar etwas zu essen und in diesen Momenten weiß ich auch nicht, wie das Leben jemals aushaltbar werden kann, mit all den Angst- und Anspannungszuständen. Die Seiten, die mit dem Trauma leben, immer im geheimen zu halten, erfordert unheimlich viel Kraft und manchmal habe ich das Gefühl, es zerreißt mich innerlich fast. Ich möchte dieses Versteckspiel hier ein bisschen mehr beenden, mein Schweigen brechen und damit versuchen nicht mehr ganz so leise zu sein. Zum anderen glaube ich aber auch, dass ich mittlerweile sehr viel aus all dem gelernt habe und viele meiner Ressourcen daraus ziehe, die ich gerne mit euch teilen möchte. Es ist mir auch sehr wichtig geworden, dem Stigma rund um psychische Erkrankungen etwas entgegenzusetzen. Damit zu zeigen, dass traumatisierte Menschen auch ganz „normale“ Menschen sind, mit eben anderen Herausforderungen, die vorrangig daraus resultieren, dass wir auf „abnormale“ Dinge eigentlich angemessen reagieren. Ich hoffe damit auch Traumaerfahrungen aus dem Verborgenen und dem privaten Raum zu holen, wo sie viel zu oft ein Familiengeheimnis bleiben. Für mich ist es zusätzlich ein Versuch die Scham ein bisschen mehr abzustreifen und das Thema damit ein kleines bisschen weiter in die gesellschaftliche Mitte zu rücken. Mein Leben war in den letzten 2, 3 Jahren durch meine Symptome sehr beeinträchtigt, es war ein Wechselspiel zwischen verschiedenen, beinahe nicht aus-haltbaren Extremzuständen. Mein Körper war mein Feind und mein Kopf meine ganz persönliche Hölle. Doch ich habe auch sehr viel an mir gearbeitet und in meinem Leben hat sich dadurch einiges zum Positiven verändert. Ganz schön viel sogar und mein Leben, wie es vor der Therapie war, ist für mich heute kaum noch vorstellbar. Ich komme im Leben langsam an und fühle mich endlich zuhause in meinem eigenen Körper, Gefühle, die man sehr zu schätzen weiß, wenn sie einem zuvor so fremd waren. Es ist noch immer ein stetiger Prozess, der aber nun schon eine Weile in die richtige Richtung geht. Mittlerweile habe ich mich soweit gesammelt und eine gewisse Stabilität erreicht, dass ich mich der Welt im Außen nun (wieder) aussetzen möchte und vielleicht kann auch die eine oder der andere etwas aus meiner Heilung für sich ziehen. 

Worüber werde ich nun schreiben? Bisher habe ich hauptsächlich für mich geschrieben oder meine Worte in E-Mails und Briefen direkt an eine andere Person gerichtet. Ich schreibe, um mich zu sortieren, um meine Gefühle zu entwirren, um zu (über-)leben, vor allem aber um zu reflektieren, um Ordnung ins Chaos zu bringen, um mich auszudrücken, auch um zu mir zu finden und um aufzuschreiben, was ich nicht aussprechen kann. Das eigentlich fast täglich und es ist für mich zu einem regelrechten Bedürfnis geworden. Dabei ist es zu meiner hilfreichsten Ressource geworden, trägt zu einem beträchtlichen Teil meiner Selbstregulation bei und zählt zu meinen wichtigsten Verarbeitungsschritten. Mittlerweile haben sich dadurch 15 (Therapie-) Tagebücher angesammelt. Schreiben werde ich hier über all die Dinge, die mich bewegen und berühren, über meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen. Auch im Studium gerate ich immer wieder an Dinge, die mich sehr inspirieren und mich lange beschäftigt, da ich wiederholt Verknüpfungen zu meinen persönlichen Themen darin entdecke. Dabei geht es oft um Emotionen und Geschlechterrollen und wie sich diese wiederum in Familienstrukturen wiederfinden. Eben auch um das Wechselspiel zwischen Familie und Gesellschaft. Ich weiß noch nicht genau, was ich hier veröffentlichen werden, vermutlich wird es ein Mix aus vielem sein. Vielleicht Ausschnitte aus Tagebüchern, geschriebene Briefe, E-Mails, die ich an meine Therapeutin geschickt habe, sowie Berichte aus Therapieprozessen und damit verbundene Erfahrungen. Dabei wird es sicher um das Thema der Übertragung und Gegenübertragung (Mutterübertragung) gehen, um Selbstregulation, Yoga, um den Alltag mit psychischen Einschränkungen und um den Umgang mit Depressionen sowie Ängsten. Aber es wird auch um Freundschaft gehen, um all die Menschen, die mir etwas bedeuten und um das, was mich hält. Ich werde über Themen wie Machtmissbrauch schreiben, über die bedingungslose Liebe und Loyalität zum Täter und über die Ambivalenz von Gefühlen in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch. Ja ich fürchte, die Themen werden mir dabei nie ausgehen.

Mein Leben hatte und hat viele Facetten und meine Erfahrungen sind vielschichtig, viele davon bitter, vom Trauma geprägt, doch es gibt auch ein Leben abseits davon. Zeiten, in denen ich beinahe frei davon lebte und in denen ich alleine um die Welt gereist bin. Ich habe viel gesehen und viel erlebt in meinen doch recht überschaubaren Lebensjahren, oft hat es sich angefühlt wie ein „zu“ viel. Das alles spiegelt sich auch in meiner Gefühlswelt wider, wie könnte es auch anders sein. Ich weiß, was es heißt sich nichts sehnlicheres zu wünschen, als endlich zu sterben, was es heißt, wenn Ängste größer als das Leben erscheinen, ich weiß aber auch, wie es ist vollkommen berauscht vom Glück und der Liebe zu sein und ich kenne Momente, in denen mir die Dankbarkeit beinahe aus den Poren zu tropfen scheint. Es gibt so viele Seiten am Leben, auch oder ganz besonders in einem „Traumaleben“ und darum wird es hier gehen. Um all die bodenlosen, dunklen Abgründe und um das, was mich immer wieder davor bewahrt, mich darin zu verlieren. 

Alles Liebe und bis bald,

Tina 

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