Wenn man Täter*innen liebt

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Besonders schwer ist die Aufarbeitung von komplexen PTBS, da die Menschen, die häufig für die Ursachen der Beschwerden verantwortlich sind, die Menschen sind, die wir seit unserer Geburt oder dem Verlauf unserer Kindheit und Jugend (bedingungslos) lieben – unsere Eltern oder andere Menschen, die uns lange begleitet haben.

Deshalb gibt es viele Menschen, die zwar sehr viele Beschwerden im Rahmen einer komplexen PTBS haben, jedoch immer wieder darauf verweisen, wie toll ihre Eltern sind bzw. wie sehr sich ihre Eltern bemüht haben. Das Verhalten der Eltern in der eigenen Kindheit wird verklärt und als z.B. notwendige Erziehungsmittel dargestellt. Oft wenden die später erwachsenen Kinder, ohne Aufarbeitung, diese Erziehungsmittel dann selber bei ihren Kindern an – mit ähnlichen Ergebnissen.

Warum ist es so schwer, sich mit der Verantwortung unserer Eltern im Zusammenhang mit bestehenden psychischen und physischen Symptomen bis hin zu dauerhaften Einschränkungen auseinanderzusetzen?

Die Bindung zwischen Eltern und Kind (sowie bindungsähnliche Konstellationen) ist durch neurophysiologische und -psychologische Charakteristika, z.B. Hormone, eigentlich clever von der Natur eingerichtet. Kinder kommen auf die Welt mit dem „Programm“:

„Ich brauche meine Eltern um zu überleben.“

Die Bindung ist so stark, dass sogar ein misshandeltes Kind weiterhin die Nähe der Eltern sucht.

Aber woran liegt das nun?

Eigentlich ist es ganz einfach:

Der Mensch ist ein soziales Wesen – von Geburt an und kann ohne die Befriedigung dieses Bedürfnisses nicht überleben bzw. erkrankt.
Wir brauchen unser Leben lang sozialen Kontakt – in welcher Form und mit wem auch immer!

„Seltsamerweise“ haben sehr viele Menschen, auch über die Kindheit hinaus, oft noch Kontakt zu Menschen, die sie in der Kindheit misshandelt haben. Dazu kann gehören: Ohrfeigen und schlimmere physische Übergriffe, das Ignorieren des Kindes, sozialer Ausschluss von Mahlzeiten, Freiheitsentzug, Zwang usw. Wenn ein solcher Übergriff nicht nur ein Ausrutscher war, hat dies mit großer Wahrscheinlichkeit psychische und physische Folgen!

Wenn Sehnsucht ewig währt

Selbst als erwachsene Menschen sehnen „wir“ uns noch nach der Nähe zu unseren Eltern. Wir wollen ihnen vielleicht nicht mehr körperlich so nahe sein, wie in den ersten Lebensjahren, wünschen uns jedoch eine psychische Nähe. Wir wollen mit ihnen reden, uns weiterhin (wenn auch vergeblich) verstanden fühlen – auch wenn „wir unser Leben lang gegen Windmühlen kämpfen.“

Eine Auseinandersetzung mit dem verantwortlichen Denken und Handeln der Eltern bedeutet „eine Gefahr der sozialen Isolation“ von der Herkunftsfamilie. Viele misshandelte Menschen bleiben in gewisser Weise innerlich Kinder und sehnen sich ihr Leben lang nach der bedingungslosen Liebe und Fürsorge, die sie nicht erhalten haben. Die Abnabelung ist nicht möglich, da ihr nötiges Kontinuum nicht gefüllt wurde.

Damit verweise ich auf das Koninuumkonzept von Jean Leadloff: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück in der Kindheit.
Über dieses kann ich, wenn gewünscht, auch mal etwas schreiben.

Die erwachsenen misshandelten Kinder befinden sich innerlich noch immer in der Haltung:

„Ich brauche eure Nähe, um zu überleben.“

Oft wird hier dann der Einwand eingebracht: „Aber ich kann ihre früheren Beweggründe jetzt verstehen.“ Das heißt, die Argumentation über rationales Verständnis im Erwachsenenalter entschuldigt frühere Gewalt, Diskriminierung und verursachtes Leid.

In meiner Traumatherapie musste ich eins lernen: Nur mit unserem Verstand können wir Trauma nicht auflösen – die früher ausgelösten und bis heute festgesetzten Gefühle (Ohnmacht, Ängste usw.).

Und doch versuchen viele, genauso wie ich es getan habe, nur über rationales Verständnis psychische und damit in Verbindung stehende physische Einschränkungen bzw. Behinderungen aufzulösen. Mein Bücherschrank ist voll von Informationen rund um psychische und physische Genesungsprozesse, Gesundheit, Krankheit usw. Ich habe viele Jahre die Beweggründe meiner Eltern entschuldigt und immer wieder gesagt:

  • Sie wussten es nicht besser.
  • Es gab damals nicht die Möglichkeiten sich zu informieren.
  • Es war halt eine andere Zeit.
  • usw.

Den inneren Weg zu dieser Haltung erlernte ich sogar zusätzlich in einer tiefenpsychologischen Therapie!

Und so lebte ich mit ihnen weiter in einer Stadt, traf sie und erlitt immer wieder neue Verletzungen durch Demütigungen, Herabsetzungen usw. Auch wenn Gespräche mit meiner Mutter zu ihrer Verantwortung an meinen Leiden in der Kindheit und Jugend möglich waren, konnte sie ihr Verhalten bis in die Gegenwart nicht ändern. Dies führte oft zu Reaktivierungen, ich fiel immer wieder in Depressionen und wunderte mich, dass sich mein Gesundheitszustand trotz all dem Wissen und Verständnis, was ich mir angeeignet hatte, nicht verbesserte.

Erst als ich nach und nach lernte mich selbst zu lieben und wertzuschätzen konnte ich erkennen, dass ich nun als Erwachsene die Chance hatte, mich dieser immer noch vorhandenen psychischen Gewalt zu entziehen!

Mein inneres Kind, mein Selbst, meine Seele, wie auch immer ihr es nennen wollt – hatte diese Art der Behandlung nicht verdient – so wie kein Lebewesen auf dieser Erde!

Ich weinte um mich und es tat mir für mich selbst leid – was mir angetan wurde und angetan wird. Es war, als wenn ich neben mir, der unterwürfigen und stummen Person stand und meine Eltern anschrie, sie sollten mit diesen Misshandlungen aufhören:

„Seht ihr nicht, dass Nicole ein toller, liebenswerter Mensch ist!“

Und als wenn ich, als neben mir stehende erwachsene Person, zu mir, dem kleinen stummen Kind, sagte: „Ich beschütze dich nun – das lasse ich nicht mehr zu! Ich werde für dich kämpfen!“

Dies ist heute nicht mehr nur in Bezug auf meine Herkunftsfamilie und die dort geschehene Gewalt vorherrschend – sondern bezieht sich auf alle Menschen, die in meiner Gegenwart psychische Gewalt anwenden. Ich bin in dem Modus:

„Wehre dich dagegen!
Das hat kein Mensch verdient!“

Aber was bleibt dann…

Mit den Jahren, seit dem Kontaktabbruch zu meiner Familie, fühlte ich mich oft einsam innerlich. Als wenn ich keinen Halt fand und ständig die Sehnsucht nach Versöhnung vorhanden war. Durch meine Traumatherapie habe ich einen tollen Satz gelernt, der lange in mir arbeitete:

„Die von mir (meinem inneren Kind) gesuchte Geborgenheit, Liebe und Annahme kann ich nur durch mich selbst erhalten!“

Seitdem unterliege ich dem Versuch dieses zu lernen, das heißt ich fühle jeden Tag auf´s Neue in mich hinein und begebe mich in das Gefühl von Geborgenheit, Liebe und Annahme – und tatsächlich habe ich das Gefühl über die Zeit immer stabiler zu werden.

Natürlich gibt es Momente, wie Feiertage und Geburtstage, an denen es immer noch schwer ist, ganz ohne Familie – aber ich versuche die traurigen Gefühle anzunehmen, nicht wegzudrücken, denn sie gehen wieder vorbei. Das tut manchmal sehr weh – darauf zu vertrauen, fällt mir aber immer leichter. Es werden wohl lebenslange Narbe bleiben, die bis in das hohe Alter mal mehr und mal weniger schmerzen.

Aber ich kann leben!

Ich habe endlich wieder positive Gefühle, bin größtenteils frei von Depressionen… Ich habe die Motivation morgens aufzustehen und mir Ziele zu setzen! Und das ist es, was für mich zählt – was für mich Leben ist!

– denn vorher war es für mich kein lebenswertes Leben…

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. samle sagt:

    Ich kann dich gut verstehen. Mir hat sehr geholfen, als mir klar wurde, dass meine Vorfahren nur das weitergeben konnten, was sie selbst gesehen haben… Das war hart, aber hat mich frei gemacht…

    Gefällt 1 Person

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Hallo samle,
      ja das empfinde ich auch als einen sehr hilfreichen Ansatz. Ich habe oben geschrieben, dass jedoch allein diese Gedanken / Gedankenmuster / Mindset mir langfristig nicht geholfen haben, um mich physisch und psychisch freier von Symptomen fühlen zu können. Ein paar Jahre habe ich durch diese Gedanken eher entschuldigt, was mir angetan wurde. Also musste ich mich da dann letztendlich doch nochmal in eine andere Richtung orientieren.
      Für den Einstieg in dieses Riesenthema, d.h. für das Verständnis zu Denk- und Handlungsstrukturen, war dieser Schritt unvermeidlich… Meinen physischen und psychischen Symptomen und den immer wiederkehrenden Verletzungen durch gleiche traumaauslösende Personen konnte dieses Verständnis jedoch nicht helfen. Bei mir half erst die Konzentration auf die Gefühlsebene…

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