#Trauma #Corona #GeorgeFloyd und der gemeinsame Nenner

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Aus aktuellem Anlass und ständig präsentem Anlass!

Das Projekt TRAUMALEBEN und die Inhalte des Gemeinschaftsblogs thematisieren neben Traumafolgestörungen auch Ursachen von komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen bzw. Entwicklungstraumata.
Dieser Artikel wird sich der Hauptursache von komplexen PTBS widmen, welche Folgen diese unabhängig von Traumaentwicklungen haben können und was wir alleine und gemeinsam tun können.

Dieser Artikel wird die Themen #Corona und #GeorgeFloyd nur anreißen. Ich möchte vorher sagen, dass ich dadurch nicht alle Dimensionen von Betroffenheit mit einbeziehen werde bzw. auch gar nicht könnte, da ich nicht alle Betroffenheitsdimensionen in meinem Leben vereine. Wenn dir eine Sache zu diesen Themen wichtig ist und du diese hier erwähnt sehen möchtest, dann schreib mich doch an oder schreib dies in die Kommentare.


Wir haben Ende Mai und überall gibt es nur zwei Themen: die Pandemie Corona und die Ermordung von George Floyd sowie deren Auswirkungen.

Corona wird im Moment viel mit Sicherheit und Beschränkungen in Verbindung gebracht – die Lager teilen sich hier doch auffallend. Manche sehen die Beschränkungen als für alle Menschen absolut notwendig und denken hier verallgemeinernd. Andere sehen die Beschränkungen eher im Vordergrund und betrachten das Ganze eher aus einer individualistischen Perspektive. Es gibt hier kein einseitiges Denken, um die Gesamtsituation mit all ihren Facetten wirklich zu erfassen.

Im Folgenden möchte ich nur ein paar Perspektiven aufgreifen.

Menschen, die geschützt werden wollen und die Coronamaßnahmen unterstützen

Viele Menschen mit gesundheitlichen (chronischen) Einschränkungen wollen und müssen geschützt werden durch das soziale Geflecht, das sie umgibt. Hierfür werden viele, bisher kaum vergleichbar dagewesenen Sicherheitsmaßnahmen durch die Regierung und die Länder beschlossen.

„Um die Ausbreitung von gefährlichen Krankheiten wie COVID-19 zu verhindern, darf der Staat Grundrechte beschränken. Die rechtliche Grundlage für die aktuellen Maßnahmen bietet vor allem das Infektionsschutzgesetz (IfSG). Hier werden unterschiedliche Schutzmaßnahmen zur Seuchenbekämpfung geregelt, die u.a. die Versammlungsfreiheit und die Unverletzlichkeit der Wohnung beschränken (§ 28 IfSG). Es wird also festgelegt, wie und in welche Rechte der Staat eingreifen darf. Außerdem können die Bundesländer nach § 32 IfSG eigene Schutzmaßnahmen in Form von Rechtsverordnungen erlassen, auf deren Grundlage unsere Grundrechte ebenfalls beschränkt werden dürfen.
Wichtig ist: Der Staat darf auch in der aktuellen Ausnahmesituation nur in unsere Grundrechte eingreifen, wenn dies verhältnismäßig ist. Es sind also nicht alle Maßnahmen, die zum Infektionsschutz getroffen werden oder theoretisch getroffen werden können, automatisch rechtmäßig. Bei jeder einzelnen getroffene Maßnahme muss der Grundrechtseingriff verhältnismäßig zu dem Zweck sein, den sie verfolgt. Aktuell geht es darum, die Ausbreitung einer Krankheit zu verhindern und damit das Recht bisher nicht infizierter Dritter auf Leben und körperliche Unversehrtheit zu schützen (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 Grundgesetz, GG). Generell gilt: Je tiefer der jeweilige Grundrechtseingriff, desto erfolgsversprechender und alternativloser muss eine Maßnahme diesem Zwecke dienen. Und das Ziel, die Ausbreitung einer Krankheit zu verhindern, muss nach Möglichkeit durch Maßnahmen verfolgt werden, welche die Grundrechte so wenig wie möglich beschränken. Es geht also immer um eine Abwägung der betroffenen Rechtsgüter. (…)“

Quelle: freiheitsrechte.org

Menschen, mit und ohne gesundheitliche Einschränkungen, die Coronamaßnahmen kritisch betrachten bis hin zu offener Ablehnung

Viele Menschen ohne, aber auch mit gesundheitlichen Einschränkungen wollen nicht bevormundet werden und selber entscheiden wen sie wann treffen und wann nicht. Ihnen ist die Befriedigung der sozialen Bedürfnisse sehr wichtig.

„Ihr fragt uns nicht – wir reden trotzdem!

Wir sind Bürgerinnen und Bürger im Alter von 64 – 78 Jahren. Etliche von uns haben Vorerkrankungen. Nach offizieller Definition zählen wir alle zur Risikogruppe. Uns selber erstaunt der Gedanke, Teil einer Risikogruppe zu sein. Wir fürchten das Corona-Virus nicht. Respekt ja, Angst nein. Wir sorgen in einer ganzheitlichen Weise für ein intaktes Immunsystem. Tod und Sterben sehen wir nicht als Risiko. In unseren Familien wurde schon immer gestorben. Wir haben selber Menschen im Sterben begleitet, unsere Eltern, Freunde, Mitbewohner. Wir sehen das Sterben als bedeutsamen letzten Akt und damit Teil eines guten Lebens, auch wenn es Schmerz, Leid und Trauer einschließt. Falls wir mit oder am Virus erkranken oder sterben sollten, wünschen wir uns, die uns nahestehenden Menschen um uns zu haben. (…)“

Quelle: altersdiskriminierung.de

In diesen Bereich zählen auch viele Menschen, die die beschränkenden Maßnahmen aus gesundheitlichen Gründen ablehnen – Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Für diese kann soziale Isolation, Mundschutzzwang beim Einkaufen usw. zu erheblichen Beeinträchtigungen führen. Dazu können Ängste, Endzeitszenarien usw. in den Köpfen der Menschen verstärkt entstehen bzw. verstärkt werden.

In diesem Zusammenhang ist ein enorm wichtiger Faktor:
welche Beeinträchtigungen gelten gesellschaftlich / strukturell als beachtungswürdig?
Der Spiegel schrieb hierzu, …

„Zwar kam eine repräsentative Studie der Donau-Universität Krems Anfang Mai zu dem Ergebnis, dass „depressive Symptome“ in Österreich in der Krise etwa fünfmal häufiger aufgetreten seien als vorher. Allein das Vorhandensein von Symptomen wie Angst oder Schlafstörungen lasse aber nicht den Schluss zu, dass tatsächlich eine Depression vorliege, sagt der Vorsitzende der Deutschen Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, dem SPIEGEL.
`Depression ist eine eigenständige, schwere Erkrankung und mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände. Entscheidend ist das Vorliegen einer entsprechenden Veranlagung. Deswegen erwarte ich nicht, dass es jetzt zu einer Epidemie an Depressionen kommt.`“

Quelle: spiegel.de

Hier ist schon erstaunlich, was für einen Schlagschatten der Artikel wirft, dass psychische Beeinträchtigungen erst dann als „beachtungswürdig“ erscheinen, wenn diese als Erkrankung diagnostiziert sind.

Coronamaßnahmen, das Wirtschaftssystem und die Menschen

Unser gesamtes (fast gesamtweltliches) wirtschaftliches System ist aufgebaut auf einem neoliberalen Kapitalismus, der einen ständigen Mittelfluss sichern muss, um sich zu halten. Nun, in Zeiten von Corona, ist dieser Fluss teilweise unterbrochen und dies kann zu starken Einbußen für Länder, Regierungen, Händler*innen, Dientsleistungserbringer*innen usw. führen. Es bedient hier also jedmögliche Ebene – individuelle, soziale, wirtschaftliche, politisch – strukturelle und internationale Ebene.

Andere wirtschaftliche Perspektiven sind z.B.

  • Die Konzentration auf soziale und gesundheitsrelevante Berufe und was diese Situation nun aufzeigt: schlecht bezahlte Branchen mit wenig Anerkennung. Eigentlich ist dies so gut wie allen Menschen bekannt, aber darüber wurde immer gerne hinweg gesehen. „So ist das nunmal“ – der bekannteste Spruch überhaupt.
    Leidtragende: Menschen mit flächendeckend vergleichsweise geringem Auskommen, zu denen vor allem Frauen gehören.
  • weiterhin sind Künstler*innen schwer getroffen

Quelle, z.B.:
zeit.de

  • und viele Menschen mit anderen Perspektiven, auf die ich hier jetzt nicht eingehen kann.

Dies hat alles ungeahnte Folgen – gibt es bald bzw. muss es bald ein Grundeinkommen geben?

Hier wird aufgezeigt, dass das System des neoliberalen Kapitalismus materialistisch gesehen mit das Beste ist, was einer Gesellschaft passieren kann. Sind wir mal ehrlich und selbstreflektiert bzgl. unserer in Deutschland u.ä. Ländern privilegierten Stellung bzgl. Nahrungsmittel- und Gesundheitsversorgung. Außer Frage steht natürlich, ob das Gleiche nicht auch mit einem anderen System zu erreichen sei. Humanistisch bleiben wir bei dem System, was wir haben jedoch weit hinter dem zurückbleibt, was Menschen in einem sozialen Verbund zu jeder Zeit benötigen, um gut zu leben und sich ganzheitlich gesund entwickeln zu können.

Bereits Erich Fromm stellte fest, dass die reichsten Länder der Welt, die „schwerste[n] Symptome einer seelischen Störung aufweisen.“

Quelle:
Fromm, Erich (2011), S. 16.

Von den allgemeinen Auswirkungen des neoliberalen Kapitalismus auf dem Planeten Erde und alles Leben was sich darauf befindet mal ganz abgesehen. Es lebe #fridaysforfuture und die Umweltbewegung.

Was uns in der Coronazeit (und auch sonst) alle verbindet

Viele Menschen leiden in diesen Tagen aufgrund von Einschränkungen, Erkrankungen oder dem Tod von Angehörigen unter psychischen Leiden, Schmerzen bis hin zu Beeinträchtigungen. Viele sind schon auf die Straßen gegangen, manche für, manche gegen Hilfsmaßnahmen / institutionelle Einschränkungen.

Allen ist hier eins gemein:
Die einen fühlen sich physisch und psychisch verletzlich durch das Coronavirus, die anderen fühlen sich physisch und psychisch verletzlich durch die staatlich verhängten Maßnahmen. In allen Fällen geht es um die Unversehrtheit (und damit auch Freiheit) des eigenen Körpers und die Angst davor diese zu verlieren.

Wir alle können in diesen Tagen sogar Ähnlichkeiten mit dem Hausarrest in Kinderzeiten erkennen.

Wie empfanden wir diese Art von Bestrafung damals?

Egal ob Virus, Regierung, Eltern oder fürsorgeberechtigte Personen: es handelt sich dabei um einschneidende Situationen, weil es sich um Grenzüberschreitungen handelt, die sich durch verschiedene Formen psychischer und physischer Einwirkungen bzw. Gewalt zeigen.

vgl. auch Imbusch, Peter (2002), S. 26–57

Leider verstehen wir uns selbst und andere Menschen mit gezeigten Denk- und Handlungsweisen in diesen Zeiten so wenig, weil so wenig darüber gesprochen wird, was der Mensch wirklich braucht um sich ganzheitlich gesund zu entwickeln und wie schwerwiegend jede Form von Gewalt in diese Entwicklung und Lebensweise eingreift. Nicht umsonst bedarf es triftiger Gründe zur Einschränkung von Grundrechten – die Menschenrechte sollen Freiheit, physische und psychische Unversehrtheit garantieren.

Menschen sind komplexe Wesen und benötigen zum Überleben und sich wohlfühlen mehr als nur physische Unversehrtheit. Es ist für sie genauso wichtig soziale Kontakte zu pflegen oder die grundlegenden Bedürfnisse nach „Tätigsein“ und „die eigene Welt verstehen“ zu befriedigen.

Genaueres zu sozialen Bedürfnissen nochmal hier:
zeit.de

wikipedia.de
nzzfolio.de
spektrum.de

Leider ist die gesellschaftliche und mediale Wahrnehmung immer noch zu einem großen Teil an Formen der Gewalt geknüpft, die vor allem starke physische Folgen thematisieren oder sogar den Tod.

George Floyd als Symbol für den vorhandenen menschlichen Habitus

Hier schließt der gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd am 25. Mai 2020 durch einen Polizisten an.

Quelle, z.B.:
gmx.de

Corona schloss ich gerade ab mit der Thematisierung von Gewalt. Im Fall von George Floyd kommt noch ein sehr große gewaltvermittelnde Dimension hinzu, von der weiße Menschen nicht betroffen sind: Diskriminierung durch Rassismus.

Das heißt ich möchte hier nicht nur Gewalt an sich thematisieren, sondern auch kurz die Dimensionen von Diskriminierung, hier genauer Rassismus, die ganz besondere Erfahrungsinhalte und Betroffenheit mit sich bringen! Diese kann ich als weißer Mensch, der durch die Merkmale rassistischer Diskriminierung nicht betroffen ist und zusätzlich durch ein Leben in einem Wohlstandsstaat über alle Maßen priviligiert ist, gar nicht in Gänze erfassen. Aber ich möchte wenigstens darauf hinweisen nicht wegzusehen, das Leid, die Gewalt, die Schmerzen sind da!

Und genauso wie ich immer wieder dafür plädiere, dass ein größeres Spektrum von Gewalt betrachtet werden muss, um die Denk- und Handlungsweisen der Menschen zu verstehen, so möchte ich in diesem Zuge auch auf intersektionale Betroffenheit hinweisen!

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit nicht ab von den Menschen, die aufgrund von bestimmten (zugeschriebenen) Merkmalen schlechter behandelt werden, als andere Menschen ohne diese (zugeschriebenen) Merkmale, hier genauer Hautfarbe und (zugeschriebene) Herkunft!

In diesem Zusammenhang möchte ich weiter auf Gewalt eingehen und verweise daher warmen Herzens auf einen Blogbeitrag von Ruth von Der Kompass, die das Thema Rassismus und was weiße Menschen tun können ganz toll beschreibt. Hier kommt ihr zu dem Artikel.
Die leisen und lauten Stimmen zur Diskriminierungsdimension Rassismus sollten vor allem den Menschen gehören, die betroffen sind – und nicht Weißen. Daher werde ich dies hier nicht weiter ausführen. Statt dessen ist Zuhören und Lernen von Betroffenen sehr wichtig, dies kannst Du z.B. hier tun:

  • noahso.com
  • decolonize-hannover.de
  • Instagram body_mary
  • Instagram wirmuesstenmalreden oder wirmuesstenreden.blogspot.com/
  • Instagram a_aischa
  • Instagram ffabae
  • Instagram tesfu_tarik
  • (…)

Um nicht zu weit auszuschweifen setzte ich nun die perspektivische Brille der „Gewalt“ auf, d.h. ich betrachte die Situation immer im Hinblick auf das Phänomen Gewalt. Was passiert dort in Amerika und wie beschreibt dies den verbreiteten Habitus dort?

Gewalt ist durch die Waffenpräsenz, stark verbreiteten Rassismus, arbeitnehmer*innenunfreundliche Praxis, unzureichende Krankenverorgungssysteme oder Verhältnisse zwischen Arm und Reich ein zentrales Thema in Amerika. Gewalt und Diskriminierung sind durch die gewachsenen Verhältnisse und durch den starken neoliberalen Charakter, der sich in den letzten Jahrhunderten noch durch das kapitalistische Wirtschaftssystem verschärft hat, ein immerwährendes Thema, dass zu viel Ungerechtigkeit, Armut, Krankheiten und Tod führt.

Das Fundament der Welt- und Menschenbilder

Die eben beschriebenen Verhältnisse sind vor allem eins: Materialistisch. Das heißt ausgerichtet an einem objektiv zugeschriebenen Wert, also einem Wert, der durch Geld oder Macht bemessen wird. So kann alles auf der Welt materialistisch betrachtet werden – und wird es auch durch viele Menschen.

Das symbolische Pendant dazu ist die humanistische Perspektive, bei der der Mensch mit den individuellen Bedürfnissen im Vordergrund steht und sich das System, auch das System rund um Geld und Macht, diesem größtmöglich anpasst. Diese Art System herrscht hier nicht vor und schon gar nicht in Amerika.

Warum schreibe ich dies? – Weil Gewalt und Diskriminierung immer in unmittelbarem Zusammenhang damit stehen, ja wenn nicht sogar auf diesem Fundament aufbauen:

Wie sehen wir die Charakteristik eines Menschen und durch welche „Brille“ betrachten wir den Menschen und seinen Wert bzw. sein Dasein?

Durch die materialistische oder humanistische Brille?

Hier sei gleich mal vorweg genommen, dass es niemals nur das eine oder andere geben kann – es handelt sich in der Reinform um idealistische Ideen. Es ist sinnvoll und angebracht je nach Situation das eine oder andere mehr zu fokussieren.
Und dennoch kann man die beiden Richtungen auch nach ihren Auswirkungen bewerten – und darum geht es hier ja nun.

Sehen wir einen Menschen, als ein Subjekt, dass in Zahlen zu bemessen ist, etwas leisten muss, in eine Richtung erzogen werden muss, durch Sanktionen in die richtige Spur gebracht werden muss? Ein Subjekt, dass eigentlich von Natur aus faul ist und immer wieder einen ordentlichen „Arschtritt“ und soziale Sanktionen braucht, um sich in das soziale Gefüge „ordnungsgemäß“ einzufügen? Neben den Menschen muss auch die Natur ihren „Zoll“ zahlen für die Dinge die „halt benötigt“ werden? Wenn Du dies mit ja beantworten kannst, hast du ein weitgehend negatives Menschen- und Weltbild (z.B. nach Hobbes), bist materialitisch ausgerichtet.

Wenn du allerdings der Meinung bist, das Menschen individuell betrachtet werden müssen, von Geburt an als lernwillige und lernbegierige Wesen durch die Welt gehen, bestärkt werden sollten, in dem was sie ausmacht, statt in eine Richtung gedrängt und sanktioniert zu werden, vor allem die Gefühle und Bedürfnisse der umliegenden Personen in Denk- und Handlungsweisen mit einbeziehst und gleichwürdige Aushandlungen anstrebst, dann bist du auf ein weitgehend humanistisches Welt- und Menschenbild ausgerichtet.

All dies ist natürlich nicht abschließend, sondern lediglich eine Richtung, in die wir schauen können können.

Wie gestaltet sich nun Gewalt und Diskriminierung auf dem Fundament des einen oder anderen Menschenbildes?

Materialistisch gesehen ist es vollkommen in Ordnung das Baby weinen zu lassen, da es z.B. nicht zu doll verwöhnt werden soll. Verwöhnt? Ja, damit es sich zurücknehmen kann in der Welt, sich anpassen kann, auch ja Rücksicht auf andere nehmen kann. Es kommt ja wie gesagt mit einem Wesen auf die Welt, dass egoitisch, faul und rücksichtslos ausgeprägt ist. Und hier kommen wir auch schon zur Legitimation von Gewalt! In diesem Begründungszusammenhang braucht es psychische und physische Gewalt, um den Logikkreislauf zu schließen. Denn nur, wenn ich dem Menschen mit aller Macht das beibringe, was durch aufgestellte Regeln (durch wen eigentlich?) erwünscht wird, kann ich den Zweck meines Daseins überhaupt erfüllen. „Denn so muss man sich halt verhalten!“ und „Die Welt ist halt so!“

Wenn George nun also mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein (warum auch immer) in einem Lebensmittelgeschäft etwas einkaufen wollte und dann in dessen Folge von vier Polizeibeamt*innen widerstandslos festgenommen werden kann – dennoch ganze 8 Minuten und 46 Sekunden auf den Boden gedrückt wird und dabei verstirbt durch Luftnot – ist kaum zu verkennen, um was für eine Brutalität es sich hier handelt.

Quelle: z.B.
wikipedia.de

Wäre George Floyd, humanistisch betrachtet, als Mensch, als individuelles fühlendes Wesen betrachtet worden, hätte es so einen Vorfall niemals gegeben. Hier liegt ein Vorgehen vor, dass unterschiedlichste Ursachen und Beweggründe in den Polizeibeamt*innen vermuten lässt. Egal welche wir in betracht ziehen würden – eine Quintessenz bleibt – ein oder mehrere Polizist*innen haben durch das was sie getan haben einen Menschen getötet.

Dies sollte jedoch kaum überraschen.

Als wenn die Menschen nur dann Gewalt erkennen, wenn ein Mord geschieht! Aber so ist es leider oft.

Wir sind blind – blind für die Facetten von Gewalt und Diskriminierung und das was sie alles auslösen.

Dies habe ich jetzt stark verallgemeinernd geschrieben, eine kleine stilistische Einlage. 😉

Aber nein, natürlich sind es nicht „WIR ALLE“ – jedoch viele Menschen. Und viele Menschen, die glauben keine Gewalt auszuüben und voll von blinden Flecken sind. Von denen wir natürlich alle welche unser eigenen nennen „dürfen“.

Und in diesem Zusammenhang komme ich wieder auf die „betrachtungswürdigen“ Facetten von Gewalt und Diskriminierung. Es würde nicht so viel Gewalt, Hass und Diskriminierung auf der Welt geben, wenn wir allen grenzüberschreitenden Facetten gleichwertige Beachtung schenken – und zwar im zwischenmenschlichen Austausch!

Neben individueller Gewalt
gibt es auch unglaublich viel strukturelle Gewalt und Diskriminierung,
aber auf diese einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen
.

Leider leben wir in einer Gesellschaft, die VOLL von gewalt- und diskriminierungsvollen Denk- und Handlungsweisen ist. Jeden Tag sehe ich dies in Medien, beim Einkaufen, auf dem Spielplatz oder einfach grundsätzlich im Kontakt zwischen Menschen. Durch die Entwicklung, die Ursachen und Folgen meiner komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung bzw. Entwicklungstraumata sowie meinen Erfahrungen im Bereich Sozialer Arbeit bin ich sehr sensibilisiert bzgl. verschiedenster Formen von Gewalt.

Gewalt als Ursache komplexer Posttraumatischer Belastungsstörungen bzw. Entwicklungstraumata

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörungen sind…

„Seelische Verletzungen durch extrem belastende Ereignisse“

„(…) andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“

„Eine komplexe PTBS entwickelt sich meist als Folge von schweren, anhaltenden oder wiederholten Traumatisierungen. Im Unterschied zur einfachen PTBS treten hier vielfältige, ausgeprägte Beeinträchtigungen im Bereich des Denkens, der Gefühle und der sozialen Beziehungen auf. Um die Diagnose zu stellen, muss die Störung über einen längeren Zeitraum, nämlich mindestens zwei Jahre, bestehen. In der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) wird ein ähnliches Störungsbild unter dem Begriff „andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“ beschrieben.“

Zu den auslösenden Faktoren von komplexe Posttraumatische Belastungsstörungen gehören…

„Ungünstige Einflüsse in der Kindheit und Jugend scheinen das Risiko für eine PTBS zu erhöhen. Dazu gehören häufige Konflikte in der Familie, wenig emotionale Unterstützung durch die Eltern, ein autoritäres Erziehungsverhalten der Eltern und wenig Freundschaften mit Gleichaltrigen. Auch psychische Erkrankungen der Eltern und frühere Traumatisierungen (zum Beispiel sexueller Missbrauch in der Kindheit) erhöhen das Risiko einer PTBS. Andere Risikofaktoren sind ein sehr junges oder höheres Alter zum Zeitpunkt des Traumas, ein geringer Bildungsgrad und schon bestehende psychische Erkrankungen.“

„Faktoren, die bereits vor dem Trauma bestanden, haben einen wesentlich geringeren Einfluss auf die Entwicklung einer PTBS als Faktoren, die das Trauma selbst und die Zeit nach dem Trauma betreffen.“

„Ein Risikofaktor für die Entwicklung einer PTBS ist das Trauma selbst: Ist das traumatische Ereignis schwer ausgeprägt oder dauert über längere Zeit an, steigt das Risiko für eine PTBS. Außerdem haben Traumata, die von Menschen zugefügt wurden (…) meist schwerere psychische Auswirkungen als Traumata, die nicht durch menschlichen Einfluss entstehen (zum Beispiel Naturkatastrophen).“

Quelle:
therapie.de

Aber warum sind diese Einflussfaktoren nun Gewalt?

„Als Gewalt (…) werden Handlungen, Vorgänge und soziale Zusammenhänge bezeichnet, in denen oder durch die auf Menschen, Tiere oder Gegenstände beeinflussend, verändernd oder schädigend eingewirkt wird.“

Quelle:
Gewaltbegriff wikipedia.de

Die Informationen, zu dem was genau unter Gewalt zu verstehen ist und was keine Gewalt darstellen soll, sind breit gefächert. Dies ist oft abhängig vom jeweiligen Kontext, d.h. von den jeweiligen Berufszweigen, die den Begriff professionell benutzen; den eigenen Erfahrungen oder der jeweiligen Sozialisation mit bestimmten kulturellen Inhalten, Werten und Normen.

Ich verwende den Gewaltbegriff nach Heitmeyer und Hagan 2002, S. 16, die als Grundprinzip der Gewalt die Grenzüberschreitung anlegen. Oft wird in diesem Zusammenhang unterschieden zwischen unabsichtlichen und absichtlichen Grenzüberschreitungen. Dabei werden unabsichtlichen Grenzüberschreitungen zum Teil jedoch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt bzw. diese als weniger schlimm betrachtet. Das liegt u.a. daran, dass diese vielfach als „normale“ Verhaltensweisen unserer Kultur eingestuft werden („Normalisierung von Grenzüberschreitungen / Formen von Gewalt). Das führt letztendlich in den schlimmsten Fällen dazu, dass Betroffene überhaupt nicht einschätzen können, warum sie psychische Beeinträchtigungen entwickelt haben, da sie die Gewaltformen gar nicht als solche erkennen. Diese Entwicklung wird unterstützt durch Sprüche, wie z.B. „Das ist doch nur Spaß!“ oder „Das ist doch gar nicht so schlimm!“ Umso mehr Menschen dies sagen, umso mehr zweifeln Betroffene an ihrer eigenen Wahrnehmung und empfinden sich nur allzu oft als „zu empfindlich“.

Leider wird Gewalt sehr oft nicht als Grenzüberschreitung eines Menschen ggü. eines anderen Menschen gesehen. Ganz so, als wenn es sich oft erst um „vollwertige“ Gewalt handelt, wenn geschlagen und getötet wird.

Wo kommt die Gewalt her?

In diesem Zusammenhang möchte ich einen sehr interessanten Blickwinkel einwerfen:

Der Mensch der hier nun direkt im Zusammenhang mit George Floyd und dessen Ermordnung steht, ist der Polizist Derek Chauvin. Es wird beschrieben, dass dieser bereits vor dieser Tat in Polizeigewalt verwickelt war.

Wie kommt es, dass sich Menschen so verhalten? Dass Sie bereit sind laute, von Schmerz erfüllte Töne zu missachten? Wenn der Mensch doch dem natürlichen Wesen nach als soziales und emphatisches Wesen geboren wird – was muss da passieren, das sich ein Mensch so entwickelt?

Hierzu gibt es z.B. ein sehr interessantes Experiment, dass in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts durchgeführt wurde. Das Milgram-Experiment.

„Das Milgram-Experiment ist ein erstmals 1961 in New Haven durchgeführtes psychologisches Experiment, das von dem Psychologen Stanley Milgram entwickelt wurde, um die Bereitschaft durchschnittlicher Personen zu testen, autoritären Anweisungen auch dann Folge zu leisten, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Der Versuch bestand darin, dass ein „Lehrer“ – die eigentliche Versuchsperson – einem „Schüler“ (ein Schauspieler) bei Fehlern vermeintlich einen elektrischen Schlag versetzte. Ein Versuchsleiter (ebenso ein Schauspieler) gab dazu Anweisungen. Die Intensität des elektrischen Schlages sollte nach jedem Fehler erhöht werden. Diese Anordnung wurde in verschiedenen Variationen durchgeführt.“


Quelle:
Milgram-Experiment Wikipedia.de

oder

„Milgram-Experimente, von S. Milgram Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts durchgeführte sozialpsychologische Experimente, anfangs in den USA, später auch in anderen Ländern, über die autoritäre Persönlichkeit und eine daraus resultierende Bereitschaft, den Befehlen von Autoritäten zu gehorchen (Gehorsamsbereitschaft). Versuchspersonen, die glaubten, in einem lernpsychologischen Experiment mitzuwirken, erhielten die Instruktion, einer vorgeblichen Versuchsperson bei Fehlern elektrische Stöße zunehmender Stärke zu verabreichen. Milgram kam zu dem Ergebnis, daß zwei Drittel der Versuchspersonen bereit sind, auf Anweisung einer wissenschaftlichen Autorität einer ihnen unbekannten Person elektrische Stöße in lebensbedrohlicher Höhe zu verabreichen. Milgrams Experimente wurden zwar als „künstlich“ kritisiert, doch ähnliche Experimente sowie die Realität legen nahe, daß solche Ergebnisse jederzeit auch unter natürlichen Bedingungen zu erzielen sind (Foltermethoden, Folterer).“


Quelle:
spektrum.de

Das Milgram-Experiment wurde aus ganz verschiedenen Perspektiven betrachtet: aus psychologischer und soziologischer beispielsweise. Es gab und gibt viele Erklärungsversuche.

Während meines Studiums gab es eine Erläuterung hierzu von einem Professor der Psychologie, die mich sehr erschütterte und an die ich bis heute glaube. Diese erklärt für mich die psychologische Beschaffenheit sehr vieler gewaltvoller Menschen und lautet wie folgt:

Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend (oder darüber hinaus) Gewalt und Diskriminierung erfahren haben, die Bewältigungsrepertoire überstieg, deren psychische Folgen sie nicht verarbeiten konnten – wurden aufgefangen durch ein natürliches, jedoch nur vorübergehend unschädliches, „Selbstheilungsmittel“ des Körpers: die Dissoziation oder eine, einfach ausgedrückt, Druck- bzw. Schmerzumleitung.

Bei einer Dissoziation handelt es sich grob umschrieben, um die Selbsterhaltungsfunktion des Körpers, bei der belastende psychische Reaktionen zerfallen und nicht mehr als „eine“ Erfahrung wahrgenommen werden. Anders gesagt, wird die belastende Erfahrung und körperliche Reaktion verdrängt, abgespalten vom Bewusstsein oder in viele verschiedene Puzzleteile aufgelöst, die einzeln nicht so weh tun, als wenn sie zusammen bleiben würden.

Bei der Umleitung des empfundenen Stresses, des Drucks, der empfundenen Schmerzen usw. findet eine Kanalisierung in eine Richtung statt, die den inneren Druck und die Schmerzen vermindert. Ähnlich wie bei einem Vulkan. Der innere Druck ist so groß, dass der Lavafluss irgendwo hin muss. Diese Kanalisierung kann sich nun nach innen oder außen richten. Menschen, bzw. Kinder, die den Druck nach innen richten können z.B. starke psychosomatische Erscheinungen bekommen, Atemnot, Ohnmacht, Depressionen, Angstzustände usw. Menschen, die den Druck nach außen weiter leiten, zeigen dies z.B. durch gewaltvollen Umgang mit Gegenständen oder anderen Menschen. Dies kann sogar sozial anerkannte Gewalt sein, z.B. gewisse Sportarten.

Es liegt niemals irgendeine Reinform vor – jeder Mensch hat sowohl dissoziative Anteile und Bewältigungsstrategien zur Umleitung von innerem Stress bzw. Druck nach innen und nach außen.

Menschen, die schlimme psychische und physische Zustände durch Gewalt erfahren haben, können mit diesen Erfahrungen nun vollkommen unteschiedlich umgehen. Eigentlich verlaufen die Möglichkeiten alle auf einem Kontinuum von absoluter Verdrängung („Ich habe keinerlei Gewalt erlebt und damit keinerlei Folgen von Gewalt in mir!“) bis hin zu absoluter Fokussierung auf die erlebten Gewalterfahrungen („Mein Leben dreht sich nur um meine Gewalterfahrungen bzw. Folgen der Gewalterfahrungen!“). Die meisten Menschen verorten sich irgendwo dazwischen.

Mein Professor ging auf die Charakteristik von Menschen ein, die eine hohe bis absolute Verdrängung leben. Natürlich sind erfahrene traumatische Gewalterfahrungen niemals ganz weg. Sie werden in einen Mantel des Schweigens gehüllt und zeigen sich immer wieder auf die eine oder andere Weise. Was Menschen mit diesem Umgang auszeichnet, ist eine Abneigung ggü. Handlungsweisen von Menschen, die, die vom verdrängendem Menschen verschlossenen Erfahrungen und Gefühle hierzu, zulassen. Denn dies erinnert sie, ihren Körper, ihr Unterbewusstsein an das, was nicht erinnert werden möchte. Diese Gefühle sollen nicht hoch kommen, sie wollen/sollen nicht gefühlt werden. Eigentlich meinen sie mit ihrer Ablehnung nicht den anderen Menschen, sondern sich selbst. Wenn sie sagen „Jetzt hab dich mal nicht so!“, dann meinen sie eigentlich niemand anderen als sich selbst damit.

Als wenn man vor seinen Augen nicht daran erinnert werden möchte, dass es solches Leid, solche traurigen, schmerzerfüllten Gefühle gibt. Nicht sehen wollen, was man bereits so lange verdrängt hat, die Gefühle, vor denen man solche Angst hat sie wieder fühlen zu müssen.

Wenn ein Mensch nun, wie im Falle des Milgram-Experiments, einen anderen Menschen foltert und dieser bereits fleht und schreit vor Schmerzen – ist dies nichts anderes als die (unbewusste) Erinnerung daran selbst mal Schmerzen gespürt zu haben – in Zusammenhang mit dem erlernten Denken und Verhalten, diese nicht spüren zu wollen, das heißt diese ABZULEHNEN!

Ganz nach dem Motto:
DU SOLLST NICHT FÜHLEN! Ich nicht – und Du auch nicht!

Diese Analysen gehen unter anderem auf die zahlreichen Analysen und Beschreibungen der Psychologin Alice Miller zurück. Dieses hier beschriebene Phänomen unserer Psyche beschreibt sie z.B. ausführlich in ihrem Werk „Du sollst nicht merken“:

“»Du sollst nicht merken« – nämlich: was dir in deiner Kindheit angetan
wurde und was du in Wahrheit selbst tust – ist ein niemals ausgesprochenes, aber sehr früh verinnerlichtes Gebot, dessen Wirksamkeit im Unbewußten des Einzelnen und der Gesellschaft Alice Miller zu beschreiben versucht.“

Quelle:
irwish.de

Die gewaltvolle Unterdrückung anderer Menschen geht meiner Überzeugung nach auf diese Form der Bewältigungsstrategie von selbst betroffenen Menschen zurück (im Zusammenhang mit vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen, sozialisierten Werten und Normen). Eine sehr bekannte Bewältigungsstrategie in diesem Zusammenhang ist z.B. die Unterdrückung anderer durch Machtmissbrauch.

Hierbei ist entscheidend, ob wir diese Formen der Bewältigungsstrategien wählen wollen oder eine andere!
Und, ob wir bereit sind uns neue Bewältigungsstrategien zu erarbeiten!

Ich selbst merke an mir selbst immer wieder, wenn Unwohlsein bei Verhaltensweisen von z.B. meinem Kind in mir aufkommt. Ich versuche mittlerweile diese Situationen nicht mehr zu meiden, sondern versuche mich dann erst recht in die Situation zu begeben, um zu schauen, was da in mir hoch kommt.

Was will ein Teil von mir nicht an sich selbst sehen?
Vor was will ein Teil von mir fliehen und nicht sehen?

Durch meine Traumatherapie habe ich gelernt, Situationen, in denen ich mich sehr unwohl fühle, als Chance zu sehen, um mich besser kennenzulernen. So kann ich immer wieder „unterdrückende Mechanismen meines Geistes“ aufdecken und dann annehmend (und heulend) da sitzen, um diese Wunden heilen zu lassen…

Und letztendlich musste ich für mich feststellen, dass Menschen, die sich trauen zu fühlen und hinzuschauen, was da wirklich ist in ihrem Inneren los ist, verbunden mit Angst und Scham, sehr viel mutigere Menschen sind, als Menschen die davor weg laufen…

Natürlich werden die individuellen Umgangsweisen mit solchen traumatischen Erfahrungen immer gestützt durch erwachsene Strukturen einer Gesellschaft, die gewaltvolle Verhaltensweisen durch Normen, Werte und Gesetzte sogar stützen können!

So z.B. die Annahme vieler Menschen, dass Sanktionen gegen ALG-II Empfänger*innen angebracht sind – obwohl selbst das Bundesverfassungsgericht diese teilweise als rechtwsidrig eingestuft hat.

Quelle, z.B.:
hartziv.org

Aber letztendlich beginnt es immer in den Köpfen der Menschen, bei ihren Gewohnheiten, ihren innerlich aufgebauten Denk- und Verhaltensmustern! Und das ist auch gut so, denn einem Menschen kann man etwas über Gewalt und Diskriminierung erzählen, einer Institution, einer GmbH oder einem Verein, strukturell gesehen – nicht. Und diese Strukturen werde sich nur mit den Menschen verändern – niemals anders herum!

Es beginnt am Esstisch im Gespräch miteinander; beim „Poklatscher“ in der Schule; beim Übergehen von Wortmeldungen; wenn ich jemandem über den Mund fahre und nicht ausreden lasse; das Kind übermächtig an mich nehme und schreiend weg trage; bei verachtenden Blicken; dem böswilligen Lästern über das Aussehen einer anderen Person; der Entlassung von Müttern, weil die Kinder zu viel krank sind; den Worten „Du bemitleidest dich aber auch ganz schön doll selber!“ wenn über Gefühle gesprochen wird usw.

Das alles sind Formen von Gewalt, die zu einem großen Teil normalisiert werden, oft nicht als Gewalt angesehen werden.
Emotionale Gewalt, d.h. auch Herabwürdigungen, Beleidigungen, Drohungen, Einschüchterungen und der Entzug von Zuwendung u.ä. wirken im Gehirn wie physische Gewalt. Studien haben bereits nachweislich herausgefunden, dass sich psychische Gewalt genauso verheerend auf Menschen auswirkt wie körperliche Folter.

Siehe z.B.:
aerzteblatt.de oder
welt.de

„Bei Kindern etwa, die dauerhaft emotional vernachlässigt werden, entwickelt sich weniger Hirnsubtanz.“

Wir alle haben mehr oder weniger viele Dinge gesagt und getan, die gewaltvoll waren und sind. Wir leben nämlich in einer Gesellschaft, in der viele Formen der Gewalt / der Grenzüberschreitungen total NORMALISIERT sind! Und leider helfen die Sprüche „Hab dich mal nicht so!“ / „Sei nicht so empfindlich!“ usw. nicht das Grundproblem zu minimieren
die immer weiter steigende Anzahl an psychisch betroffenen und erkrankten Menschen!
Hier müssen Zusammenhänge gezogen werden, so dass endlich auch psychische Gewalt und deren Folgen stärker fokussiert werden!

Eine tiefgreifend substanzielle, individuelle und gesellschaftliche Entwicklung zeigt sich bei der allgemeinen Auswertung der »Todesursachenstatistik von 1980 bis 2018«:
Die Todesursache »Psychische und Verhaltensstörungen« haben vom Jahr 1980 bis 2018 um rund 795 % zugenommen.

Quelle:
Statistisches Bundesamt Krankenhauspatienten

Natürlich wäre es notwendig etwaige Drittvariablen, historische, kulturelle und gesellschaftliche Zusammenhänge sowie Einflüsse durch Studiendesigns und Grundgesamtheit zu untersuchen, was jedoch nicht von dem gemeinsamen Nenner psychischen Leidens bei allen Betroffenen abzulenken vermag.

Wenn ein Mensch nun also Gewalt und Diskriminierung erfahren hat, diese nicht adäquat bewältigen konnte und kann, wurden und werden diese Erfahrungen und Schmerzen durch Dissoziation und erlernte Strategien der Umleitung vorübergehend „verarbeitet“. Hieraus entstehen Denk- und Handlungsmuster (Bewältigungsstrategien), die sich weiter in das Leben tragen. Immer wieder finden sich in den Leben von betroffenen Menschen z.B. depressive Episoden, Ängstzustände, autoritäre Denk- und Handlungsweisen mit überzogenen Machtansprüchen, aufbrausendes, gewaltvolles Verhalten und andere teilweise „normalisierte“ Verhaltensweisen, die weniger auffällig sind, langfristig jedoch sehr großen Schaden bei anderen Menschen anrichten können.

Eins wird bereits hier sichtbar und ist auch vielen Menschen bekannt: So gut wie alle Arten auffälligen Verhaltens haben mit den biografischen Erfahrungen der Person zu tun, die auffälliges Verhalten zeigen. Das entbindet diese Personen nicht von der Verantwortung für eigenes Verhalten (in einem über Kindheit und Jugend hinausgehendem Alter), bringt jedoch Einflüsse mit ein, die gerne weggeschoben werden. So wie es sich nun auch im Fall von George Floyd zeigt.

Wenn wir nur über eine individuelle „Schuld“ sprechen, wird dies den Sachverhalten rund um Gewalt und Diskriminierung niemals gerecht. Im Rahmen des neoliberalen Charakters unserer Zeit wird nur zu gern von „individueller Verantwortung“ für Handlungen gesprochen. Das finde ich absolut falsch!

Alle Denk- und Verhaltensweisen, sind trotz individueller Entscheidungsmöglichkeiten immer eingebunden in unterschiedlichste Kontexte, die diese beeinflussen.

Dies nennt sich Sozialisation und wir alle werden beeinflusst und beeinflussen andere Menschen durch unser Denken und Handeln. Zu den Kontexten gehören:  individuelle biografische Erfahrungen, Familie, Freundeskreis, also sozialer Nahraum, staatliche und wirtschaftliche Institutionen wie Kindergärten, Schulen und Unternehmen sowie Umgangsweisen in diesen, historisch erwachsene kulturelle Werte und Normen usw.

Dieser riesige Rahmen in all seiner Komplexität führt zu Situationen, wie der  vom Tod von George Perry Floyd und den darauf folgenden enormen Gewaltausschreitungen in vielen Städten Amerikas. Und wenn sich Menschen nun wundern, dass DA ja soviel Gewalt herrscht, dann kann ich nur erwidern, dass die Ursachen und alles was zu solchen „allgemein anerkannten“ Gewaltformen führt – bei uns schon längst vorhanden ist. Vielleicht kommen bei uns im Moment nicht so viele Faktoren auf einmal zusammen, die zu solchen Ausschreitungen führen – dennoch muss ich erwidern: „Noch nicht!“

Was können wir tun?

Ein einzelner Mensch kann hier meist nicht viel ausrichten, aber wir alle zusammen können das Unheil, das immer über uns allen schwebt, bei der Wurzel packen.

Wir können mit unseren Denk- und Verhaltensweisen dazu beitragen, dass Biografien, Institutionen, Unternehmen, Werte und Normen weniger geprägt sind und sein werden von den verschiedensten Formen von Gewalt und Diskriminierung, die wiederum Gewalt und Diskriminierung hervorrufen.

Dafür brauchen wir nichts anderes, als unseren eigenen Körper, d.h. selbstreflexives Denken; den Willen und die Ausdauer zum Erlernen neuer Bewältigungsstrategien, die uns selbst und anderen Menschen nicht schaden; den Austausch zu diesen Themen, Fehlerfreundlichkeit und die Hoffnung, dass wir mehr schaffen können, wenn wir es zusammen machen!


Und zum Schluss noch ein
kleines EinmalEins der gewalt- und diskriminierungsarmen Umgangsweisen:

  • achte gut auf dich selbst (Gefühle, Bedürfnisse, eigene Fähigkeiten und Grenzen)
  • lerne offen zu kommunizieren was dich bewegt, was du möchtest und was nicht
  • höre anderen genau zu, wenn sie etwas sagen und respektiere ihre Grenzen
  • richte deine Kommunikation mit anderen auf jeweilige Bedürfnisse, Gefühle und mögliche gemeinsame Aushandlungsprozesse
  • lese, schau oder rede viel über die Erfahrungswelten von anderen Menschen,
    so lernst du, was alles als Grenzüberschreitung wahrgenommen werden kann und dass Erfahrungen, daraus resultierenden Meinungen und Handlungen immer in Begründungszusammenhängen stehen und Daseinsberechtigungen haben (solange andere Menschen dadurch nicht geschädigt werden) – Vorurteile nehmen ab
  • mische dich ein in gewalt- und diskriminierungsvolle Situationen, d.h. wenn die Grenzen eines Menschen überschritten werden
  • entwickle eine offene Kultur der Selbst- und Fremdreflektion zu gewalt- und diskriminierungsvollem Denken und Handeln, das deckt „Blinde-Flecken“ auf und schafft eine soziale Sensibilität für das Thema

Weitere Quellen:
Imbusch, Peter (2002): Der Gewaltbegriff. In: Wilhelm Heitmeyer und John Hagan (Hg.): Internationales Handbuch der
Gewaltforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Fromm, Erich (2011): Wege aus einer kranken Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Untersuchung. 7. Auflage. München, S. 16.

Heitmeyer, Wilhelm; Hagan, John (2002): Gewalt. Zu den Schwierigkeiten einer systematischen internationalen Bestandsaufnahme. In: Wilhelm Heitmeyer und John Hagan (Hg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 15–25.

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