Was ich Dir noch sagen wollte… Brief für A.

⏱ Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Hallo A…

Nein, eigentlich möchte ich… wollte ich immer nur eins schreiben – und zwar:

Lieber A…

Nun bist Du schon fast 9 Jahre tot und immer noch denke ich fast jeden Tag an Dich.

Du wirst diesen Brief also niemals lesen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich mich überhaupt traue, Dir diesen als Nachricht zu senden.

Wie verrückt ist das? Selbst jetzt, so lange nachdem ich Dich das letzte Mal sah, erstarre ich vor Aufregung, Ehrfurcht und Angst bei dem Gedanken, dass Dich diese Nachricht erreichen könnte. Dass Du vor mir stehen könntest und wüsstest, was ich für Dich fühle, immer noch und eigentlich auch schon immer.

Ja, es ist so albern. Und ich denke, Du weißt und wusstest bereits davon, seitdem ich Dich damals, als wir 15 oder 16 Jahre alt waren, mit meinem Handy angeschrieben habe. Weißt Du noch, als wir uns jeden Tag in der Cafeteria Deiner Schule trafen. Du hast mich so oft angesehen. Und ich war immer wieder aufs Neue überrascht. Denn ich war so schüchtern, ich war so traumatisiert durch mein Leben, durch Das, was ich so sehr vor allen verstecken wollte. Ich lebte in dem Glauben nichts wert und nicht liebenswert zu sein. Und doch… ich wollte Dich gerne näher kennenlernen. Ich hatte schon lange das Gefühl, dass Du mich magst. Aber von Dir aus kam einfach nichts… Es war bestimmt auch nicht zuträglich, dass meine einzigen sozialen Kontakte meine Mitschüler*innen waren, die zum Freundeskreis der für Dich gegnerischen sportlichen Mannschaft und auch privat zum „gegnerischen“ Freundeskreis gehörten. Na ja, keine Ahnung, ich glaube das machte etwas mit Dir und mit mir. Wir waren letztendlich auch einfach nur Teenager.
Aber ich war schon immer etwas eigensinnig, wenn zu dieser Zeit auch meist nur innerlich. Also habe ich mir heimlich, ohne Dein Wissen, Deine Handynummer besorgt. Von dem Typen, der in meinem Dorf wohnte. Ihr kanntet euch. Ich weiß nicht mal mehr wer es war, so lange ist das alles schon her. Und dann schrieb ich Dich einfach an. Wir schrieben eine ganze Zeitlang hin und her. Ich tat so, als hätte ich die neue Nummer einer Freundin erhalten und als wollte ich eigentlich sie erreichen. Ich habe mich einfach nicht getraut Dir gleich davon zu erzählen, wer ich war. Ich hatte einfach zu viel Angst vor noch mehr Ablehnung. Neben dem, was bei mir zu Hause abging, hätte ich das nicht ertragen wollen. Aber ganz lassen konnte ich es auch nicht. Irgendwann grabe ich mein altes Handy aus. Was würde ich dafür geben noch einmal unsere Nachrichten zu lesen. Und dann, weißt Du noch, haben wir telefoniert. Wir haben uns so gut verstanden. Ich war jedes Mal sooo aufgeregt, wenn wir telefonierten. Oh Gott, mir sprang fast mein Herz heraus, wenn ich sah, dass Du mich anriefst. Aber irgendwann wolltest Du genau wissen wer ich denn bin. Natürlich sagte ich es Dir… ich sagte Dir, weißt Du noch, dass wir uns schon lange kennen… dass ich im Dorf neben Dir wohne. Und dann… wie sauer Du auf mich warst, als ich Dir alles sagte. Ich spürte, wie sehr ich Dich, wie sehr ich Deinen Stolz verletzt hatte. Ja, Du warst immer sehr stolz. Du hast mich wochenlang nicht angesehen, bist im Bus zur Schule extra woanders eingestiegen, sobald Du mich gesehen hast, und wechseltest kein Wort mit mir. (…)

Kennst Du den Film „Stolz und Vorurteil“? Bei uns hätte es über all die Jahre „Stolz, Vorurteil und Angst“ heißen müssen. Du warst voller Stolz und wahrscheinlich auch Angst, Du wolltest nicht die Kontrolle verlieren, Du wolltest nicht, dass Dich jemand an der Nase herumführt. Ja, Du warst ein sehr ehrlicher Mensch. Und eigentlich auch direkt. Nur nie zu mir. Ich habe Dich verletzt. Und A., das wollte ich nie. Es tut mir so leid, dass ich Dich gekränkt habe. Ich wollte Dich nur kennenlernen und wusste mir keinen anderen Ausweg… Dafür habe ich versucht alles zu überwinden… all meine Vorurteile und meine Angst – meine Seite der Medaille. Die Vorurteile, dass dieser rüpelhafte Typ sich vllt. nicht für mich interessiert und mich verletzen würde. Und die Angst, das Trauma aus meiner Familie, niemals gewollt zu sein. Vieles ist mir geblieben – bis heute. Aber für Dich wollte ich das überwinden. So sehr.

Ohne mein Trauma hätte ich bestimmt nicht so viel Angst gehabt und Dir in den… ich weiß nicht… ca. 15 Jahren, in denen wir uns immer wieder und wieder irgendwo begegnet sind, endlich richtig gesagt, was ich für Dich empfinde. Ich hätte diese komische Brücke zwischen uns überwunden. Oft denke ich heute noch, dass ich verrückt war und bin. Aber wenn ich auf mein Bauchgefühl vertraue, dann weiß ich und wusste auch schon damals – seit dem ich Deine Blicke die ersten Male auf mir spürte, dass Du auch in mich verliebt warst. Oder nicht? Ich glaube, ich könnte auch heute noch, die Verneinung dieser Frage kaum ertragen. Aber weißt Du was: Scheiß drauf! Ich weiß einfach, dass Du auch in mich verliebt warst. All diese Jahre. All diese Momente, die wir miteinander hatten… Weil Dein Wesen, Deine Art mich niemals losgelassen hat. Sie hat mich überall hin begleitet. Du warst mit mir da. Immer…

Und wenn ich Dich dann wieder sah, so wie immer, waren wir beide wie erstarrt. Du lächeltest mich wieder an, schüchtern, immer wieder sahst Du zu mir. Fast so, als wenn dieses Mal das Eis zerbricht und die Brücke begehbar wird.

Aber wir sollten sie niemals überqueren, diese Brücke.

Immer kam uns das Leben dazwischen. Dann lebte ich woanders, dann Du, dann hatte ich jemanden, dann Du, dann wir beide usw. Aber egal wie ich es drehe und wende. Es war da. Die Gefühle waren immer da, so viele Situationen, so viel und gleichzeitig so wenig von uns…

Das eine Mal, weißt Du noch… Wir teilten uns nach einem Diskothekbesuch ein Taxi, weil wir in dieselbe Richtung fahren mussten. Es lief das Lied „Hungry Eyes“ von Carmen. Immer wieder sahen wir uns an und ich wäre am liebsten im Boden versunken, hätte mich gerne aufgelöst. Es tat alles so weh in mir – vor Freude, vor Verliebtsein, vor Angst, ich konnte Gefühle einfach nicht gut aushalten – vllt. wäre ich an einer Liebe mit Dir sowieso einfach nur zerbrochen, so sehr wie ich Dich, Deine Art, Dein Lachen immer in meinem Leben haben wollte. So sehr, wie ich Dich immer begehrte. So ohne Sinn und Verstand.
Und als Du dann das Auto verlassen hast, mir das Geld in meine Hand gelegt hast und sagtest: „Gute Nacht – schöne Frau.“… war es dann doch so wie immer, so wie all die Zeit. In all den Jahren. (…)

Und nun. Nun bin ich eine erwachsene Frau, die Dich seit über 20 Jahren liebt – einen Menschen, mit dem sie nie zusammen war und sein wird.

Ja, albern, vllt. wären wir doch nie zusammen gekommen, vllt. hätte es einfach nicht funktioniert. Wer weiß – aber ich hätte es schon gerne versucht. Denn trotz allem war da immer dieser untergründige unerschütterliche Glaube, dieses Gefühl zwischen uns und dabei bin ich überhaupt kein abergläubischer Mensch. Ich glaube nicht an Wunder oder so. Ich war mir einfach nur sicher, keine Ahnung warum, dass es sich mit uns gefügt hätte – irgendwann. Und niemals, niemals, niemals hätte ich gedacht, dass Du sterben könntest. Wer rechnet schon mit einem solchen, plötzlichen Tod… Und auf einmal, völlig absurd und unerwartet, zerbrach etwas in mir und ein großer Teil davon war Hoffnung. Als ich davon erfuhr, zerbrach eine Welt für mich. Es raubte mir allen Atem und ich fiel… so tief wie noch nie zuvor. Und von diesem Fall habe ich mich nie wieder ganz erholt. Es gibt in mir eine Lebenszeit, in der wir beide lebten, und dann eine andere, neue Lebenszeit, eine Welt ohne Dich. Ich funktionierte sehr lange Zeit einfach nur. Meine Blicke hielten Jahr um Jahr in unseren Straßen, Kneipen und Diskotheken Ausschau nach deinem altbekannten, vertrauten Gesicht. Und auch heute sehe ich Dich noch in Silhouetten, dein Lächeln, deine Blicke. Und es gibt Zeiten, in denen ich Dich fast neben mir sitzen sehe. Wir reden. Das immer dagewesene Gefühl Deiner Anwesenheit in mir überdauerte Deinen Tod. Und erst über all die Jahre wurde mir vollends bewusst, wer Du immer für mich warst:

Eines der größten Gaben, die ich durch mein Trauma erhalten habe, ist die einer krassen Wahrnehmung von allem was um mich herum passiert. Dazu gehören auch alle Facetten von Mimik, Gestik, Verhaltensweisen… Und ich habe Dich wahrgenommen – fast 15 Jahre lang. Du warst der willensstärkste, mutigste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Ja, Du warst auch starköpfig, übermütig und was weiß ich noch alles. Aber es war mir egal. Das Lustige ist, dass ich mich erst unsterblich in Dich verliebt habe, als ich all diese Eigenarten mehr und mehr von Dir wahrnahm. Als ich mitbekam, wie die uns umgebenden Menschen immer wieder über Deine Art meckerten, dass Du Dich wieder so aufgeregt hättest wegen ungerechter Spielentscheidungen auf dem Platz usw. usf., war ich wohl immer der einzige Mensch dazwischen, der darin andere Dinge sah. Hat es überhaupt jemanden gegeben, der jemals so viele rote Karten erhielt wie Du? Es war bestimmt nicht alles cool, was Du gemacht hast, aber wer kann das schon von seinen eigenen Verhaltensweisen sagen? Ich fand Dich mutig! Du hast Dich für Deine Überzeugungen eingesetzt solange ich Dich kannte, egal was andere sagten und machten. Du wolltest keine Erwartungen erfüllen, nur um dazuzugehören oder gemocht zu werden. All das war damals und ist auch heute noch eher eine Randerscheinung in unserer Gesellschaft. Ich jedoch, war durch mein kack Trauma immer so ruhig und eingeschüchtert.
Aber innerlich sah es dann doch ganz anders in mir aus.
Du warst nicht nur der Mensch, der mich so unbeschreiblich mit seinen Augen durchdringen konnte und bei dem mir Schwindelzustände zugesichert waren, sondern auch der Mensch, der mir einfach zeigte, dass man sein kann, wer man wirklich ist und Das machen kann, was man wirklich will. Diese Wesenszüge galten mir in meiner Traumabewältigung, in meinen inneren und äußeren Kämpfen mit mir und der Welt, als Vorbild. Ich habe Dich in einer Phase meines Lebens kennengelernt, in der Du zu einem wichtigen stabilisierenden Faktor neben meinen traumatisierenden Lebensumständen geworden bist – und dies hielt sich kurioser Weise über all die Jahre, bis über Deinen Tod hinaus. Du warst der Fels in meiner Brandung, ich kannte Dich – ob Du nun bei mir warst oder nicht, weil ich mich immer zu Dir hingezogen fühlte, weil ich in Dir gesehen habe und spürte, wie ich aus vollem Herzen war und bin. Unsere Herzen berührten sich von Anfang an, weil Sie sich einfach so ähnlich waren, weil ich mich, auch wenn ich mir Meiner durch den Traumaschleier noch nicht wirklich bewusst war, in Dir wiedererkannte. Meine Gefühle leiteten mich immer wieder zu Dir – und damit eigentlich zu mir selbst. So wie in diesen schnulzigen Filmen, in denen es im sch*** Happy End heißt… „Durch Dich bin ich erst zu dem Menschen geworden, der ich immer sein wollte!“ … oder so ähnlich. Und jetzt, ja, auch jetzt lebt so viel von Dir in mir weiter.

So sehr hast Du mein Leben beeinflusst…

Ich bin heute ein ganz anderer Mensch – als damals. Ich kann immer mehr auch nach außen zeigen, was ich innerlich fühle und denke. Und Du warst der erste und eindrücklichste Mensch, der mir dies gezeigt hat! Und Du bist es bis heute. Nie wieder habe ich einen Menschen wie Dich kennengelernt. Dafür möchte ich Dir so sehr danken. DANKE! Danke, dass ich Dich kennenlernen durfte, dass Du dieser unvergleichliche Mensch warst. Und immer… werde ich Dich vermissen…

Und so gehe ich durch die Zeit und höre Scott, Brothers, Hurts, Carmen, Norman, Birdy, Tawil, Unheilig, Bourani, Fallon, Perry und viele andere in Gedenken an Dich.

Und egal was noch passieren wird in meinem Leben, einfach weil es uns nie vergönnt war und ich kaum eine größere Sehnsucht in meinem Leben kennengelernt habe, wünsche ich mir, wenn ich einmal sterbe, einen schnulzigen Tanz mit Dir. Dabei spielt „Hunger“ von Copperman und wir werden, wie Elena und Damon, vollkommen allein, ohne diese Welt auf der Straße tanzen – einfach so wie wir wirklich sind.

Und bis dahin mache ich hier weiter, ohne Dich, auch wenn Du jeden Tag durch mich in diese Welt scheinst.

In Liebe

Nicole

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Einfach wundervoll! Danke! Diese Wortgefühle kommen an bei ihm. Darauf darfst du vertrauen! Segen! Und … er wird glücklich lächeln …!
    M.M.

    Gefällt 2 Personen

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

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  2. Der Brief hat mich sehr berührt. M.

    Gefällt 3 Personen

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Gefällt 1 Person

  3. tina von traumaleben sagt:

    Sehr berührend – schön, traurig, liebevoll.

    Gefällt 4 Personen

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Gefällt 1 Person

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