#EMDR: Der Brunnen

⏱ Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Triggerwarnung:
Die Artikelreihe #EMDR wird genauere Beschreibungen von unheimlichen Situationen und Gewalterfahrungen aus Kindheit und Jugend beinhalten.
Außerdem kommt es zu Aufzählungen und Beschreibungen von Verletzungen.
Bitte lies Dir diese Artikelreihe nur durch, wenn Du Dich dafür stabil genug fühlst.
Achte gut auf Dich.
Hier kommst Du nochmal zur allgemeinen Triggerwarnung
(einschließlich Hilfetelefonnummern) der Website TRAUMALEBEN.


Intro

Folgende Artikel gehören zu dieser Reihe:

  1. Therapieerfahrungen
  2. #EMDR: Wer Wie Was?
  3. #EMDR: Der Brunnen

Alle hier thematisierten inneren Szenarien / Situationen / Bilder während der EMDR-Sitzung sind zum Teil reale Abbilder meiner Vergangenheit, zum Teil symbolische Imaginationen von früher erlebten Emotionen und Situationen (also Bilder, die für etwas anderes stehen) sowie Szenen, die meiner Vorstellungskraft entspringen, um eine Linderung des gefühlten Leids hervorzubringen. Bei manchen aufkommenden und in dieser Reihe beschriebenen Gedanken und Situationen lässt sich heute nicht mehr sagen, ob es sich um real erlebte Situationen handelt oder nicht.

Das liegt vor allem daran, dass das tatsächliche kognitive Erinnerungsvermögen, wie wir es als Erwachsene kennen, erst ab dem ca. dritten Lebensjahr beginnt. Alle Geschehnisse davor sind zwar im Körper gespeichert, können jedoch meist nicht bewusst beschrieben werden. Auch wenn der Körper die psychischen und physischen Reaktionen auf gewaltvolle frühkindliche Erlebnisse irgendwo gespeichert hat und diese im Laufe des Lebens immer wieder zu Beschwerden führen, wissen Betroffene kognitiv meist nicht, woher die jetzigen Reaktionen aus dieser frühkindlichen Prägung kommen.
Neben diesen frühkindlichen „Erinnerungsdefiziten“ führen auch Verdrängungs- und Abspaltungsprozesse im weiteren Kindesalter und auch später dazu, dass Situationen nicht oder nur teilweise erinnert werden können.

Aus diesen Gründen sind die Inhalte meiner EMDR-Sitzungen nicht klar in reale und fiktive Geschehnisse zu unterteilen. Meine Erinnerungen sind lückenhaft und geprägt von Verdrängung sowie dissoziativen Zuständen. Letztendlich ist es jedes Mal eine EMDR-Geschichte, die aus sich selbst heraus entsteht und sich entwickelt. Der Verlauf ist jedes Mal vollkommen ungewiss und ergebnisoffen. Ihr erhaltet hier also stets einen Einblick in meine EMDR-Geschichten, die zum Teil real und zum Teil fiktiv sind – aber vor allem und immer wieder das Ziel einer Heilung durch ihren Verlauf anstreben.

Was geschah in der Zeit der EMDR-Sitzung / Lebenssituation

Zu dieser Zeit, im Mai 2020, machte ich gerade eine digitale Vollzeit-Weiterbildung, die mich durch immer wiederkehrende Prüfungstage sehr viel Energie kostete.
Außerdem setzten mir die Corona-Maßnahmen zu, da ich durch Panikattacken keine eng anliegende Maske tragen kann und ich machte mir viele Gedanken, wie es mit der fehlenden Kindergartenbetreuung und den damit zusammenhängenden Belastungen weitergeht. Weiterhin hatte ein mir sehr wichtiges Familienmitglied Geburtstag und ich war das erste Mal seit 36 Jahren nicht eingeladen durch meinen Kontaktabbruch zu anderen Familienmitglieder*innen. Hier habe ich damals über all dies gesprochen.
Das sich in mir ausbreitende Gefühl der Einsamkeit und Sehnsucht nach familiärer Eingebundenheit thematisierte ich dann in dem Artikel „Wenn man Täter*innen liebt“. Vor allem die fehlende Regenerationszeit durch Weiterbildung und Kindesbetreuung setzte mir sehr zu.
Alles in allem eine bewegende Zeit, die dann in einer Verschlechterung meines psychischen Gesundheitszustandes endete. In der Woche vor meiner ersten EMDR-Sitzung bemerkte ich bereits eine starke Veränderung, da ich immer wieder Mal auf Spaziergängen das starke Verlangen hatte mich einfach unter einen Baum, unter Blätter legen zu können, um mich dann dort aufzulösen. Der Wunsch nach Auflösung hat eine lange „Tradition“ in meinem Leben und aus Erfahrung weiß ich, dass dies meist der Beginn einer Depression mit zugehörigem Lebensunmut darstellt.

Thema der EMDR-Sitzung

Das Thema meiner ersten EMDR-Sitzung war demnach eng mit meiner damaligen Lebenssituation verknüpft. Mein Therapeut (T.) sah die Bearbeitung der sich anschleichenden Depression wohl ebenfalls als vordergründiges Thema an, so dass wir uns darum kümmern wollten. Passend dazu hatte ich in diesen Tagen immer wieder ein Bild in meinem Kopf. Wenn ich versuchte meine Gefühle genauer in Worte zu fassen, sie zu beschreiben, dann beschrieb ich Folgendes:

Ich befinde mich in einem Brunnen. Ich hänge am oberen Rand, stütze mich mit meinen Armen an den Steinen ab. Mein Körper, meine Beine baumeln nach unten in die Tiefe hinein. Unter mir ist alles tiefschwarz und ein Sog versucht mich immer weiter nach unten zu ziehen. Meine Arme verlieren immer mehr an Kraft und ich kann mich kaum noch halten. Ich habe Angst hineinzufallen in das tiefe Schwarz. Ich weiß nicht was mich dort erwartet, aber es hat etwas mit Verlorensein, Haltlosigkeit und Schmerz zu tun.

Genau dieses Bild, diese Situation verwendeten wir dann für die Sitzung.

Die Bestandsaufnahme

Zu dem Gefühl, das die Situation für mich am besten beschreiben konnte, gehörten die Worte „sich eingeengt fühlen“. Als Ziel beschrieb ich das Gefühl der „Freiheit“.

Der Brunnen

Ich konzentrierte mich auf das Bild in meinem Inneren und brauchte ein paar Pendelphasen, bis ich mit mir und der Situation voll in Kontakt war, bis ich mich in dem Brunnen wirklich spüren und fühlen konnte. Es bewegte sich jedoch nichts und die Situation war wie erstarrt.

T. sagte in den Pendelpausen immer wieder zu mir, dass ich in das Gefühl hineingehen solle, mich hineinfallen lassen solle.

Also versuchte ich dies, indem ich mir ein Bild vorstellte, in dem sich mein Inneres weit öffnet und entspannt hineingleiten lässt. Ich öffnete ganz viel Raum. Mich überkamen Gefühle, die schwer zu beschreiben sind, voller Trauer und Dunkelheit. Mein Bauchraum füllte sich damit. Ich fing an zu weinen und fand keinen Ausweg, es zog mich immer weiter nach unten. Ich bekam immer schlechter Luft, mein Atem stockte und es fiel mir unheimlich schwer Sauerstoff einzuatmen, da ich meinen Brustkorb nicht weiten konnte. In mir erschien ein Bild, das so aussah, als wenn jemand auf meinem Brustkorb saß oder ihn herunterdrückte. Ich hatte Angst und verfiel in Panik.

T. sagte in den Pendelpausen immer wieder, dass ich sicher bin und ob es nicht etwas gibt, das mir helfen könne.

Aber ich wollte noch keine Hilfe, ich wollte sehen was da war. Sehr lange gab es einfach nichts außer dieses Gefühl, diese Bilder. Nach und nach wandelte sich dieses Szenario. Ich ließ einfach alles auf mich zukommen. Dann war ich in einem dunklen Raum. Ich sah Stäbe senkrecht vor mir und mir wurde bewusst, dass ich in einem Kinderbett war. Ich war klein, sehr klein, konnte nicht reden. Und ich schaute in dem Zimmer Richtung Tür. Immer wieder wiederholte sich die Schlaufe: „Hoffentlich kommt niemand rein.“ / „Bleib draußen“ (…) Ich hatte Angst vor dem oder den Menschen, die da draußen waren. Ich wollte nicht, dass sie zu mir kommen. Ich spürte Verzweiflung und war starr vor Angst.

T. wies mich in der Pause wieder auf Hilfsmöglichkeiten hin, sagte ich könne mir helfen oder helfen lassen. Dadurch, dass ich in den Pausen immer wieder zurück in das Hier und Jetzt katapultiert wurde, erhielt ich eine gewisse Sicherheit.

Ich saß im Gitterbett und machte mir diesen Umstand bewusst. Ich sagte mir selbst, dass ich frei bin, dass ich sicher bin und niemand kann mir etwas anhaben. Nach und nach konnte ich wieder freier atmen, ich wurde mir meiner Selbst bewusst und die Angst nahm ab. Irgendwie transportierte ich mich dann aus dieser Szene hinaus.

Im gesamten Verlauf der Sitzung kamen erst die Erinnerungen, die Vorstellungen, die Phantasie und dann die körperlichen Reaktionen. Diese Situationen wurden begleitet von körperlichen Reaktionen, wie die beschriebene Atemnot und zum Schluss ein starkes Zucken. Was zuerst im Bauchraum begann, ging über die ganze Sitzung in Richtung Brust und dann zum Kopf. Schlimm und kaum aushaltbar war am Ende ein Ziehen, Stechen und Zucken in meinem Kopf und Gesicht. Ich drückte mit meinen Händen an meinem Kopf herum und hatte kurzzeitig Angst vor einem Hirnschlag oder ähnlichem, da die Reaktionen so heftig waren. Ich war kurz davor aufzuspringen, ich wollte dem Ganzen entfliehen. Aber T. beruhigte mich immer wieder. Ich atmete ein und aus, ein und aus… bis es weniger wurde. Auch wenn dies für mich gefühlt das Ende meiner Geschichte war, wollte T., dass ich nochmal in die Ausgangssituation zurückkehre, um zu sehen, was da noch war. Ich verstand das zwar nicht, aber versetzte mich nochmals in die Brunnenszene.

Im Brunnen war der Sog und eigentlich alles unter mir dann auf einmal weg und um mich herum erstreckte sich weites Meer. Vom Brunnen und mir schlugen sanfte Wellen ins Meer hinaus. Langsam lösten sich die Steine um mich herum auf, wurden weich und verwandelten sich in Wasser. Die Steine flossen hinweg und der Brunnen löste sich auf. Nichts Festes umgab mich in diesem Moment und ich spürte einen anderen Körper. Ich flog als Vogel über das Meer hinweg und fühlte mich frei. Ich konnte atmen.

Bei dem nächsten Versuch in die Ausgangssituation zurückzukehren war alles weiß und ich kam nicht mehr damit in Verbindung…

Nachwirkungen

Da dies meine erste EMDR-Sitzung war, wusste ich überhaupt nicht was diese mit mir machen würde, wie mein Körper reagiert oder ob es überhaupt funktioniert. T. sagte am Ende nur zu mir, ich solle die Nachwirkungen beobachten.

Und tatsächlich, ich weiß nicht wie, ich weiß nicht was genau da in mir passiert ist, ich weiß nur, dass die Schwere weg war. Ich fühlte mich leicht und das Ausgangsgefühl erreichte mich im Alltag nicht mehr.

Resümee war für mich, dass es mich wirklich aus meiner beginnenden depressiven Verstimmung / Depression herausgezogen hat. Keine Ahnung was dies mit den Szenen aus der EMDR-Sitzung zu tun hatte, warum gerade diese Bilder auftauchten – aber ich wollte es auch gar nicht alles hinterfragen.

Ich genoss einfach, dass es mir danach besser ging.

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