…, weil es immer eine Rolle spielt


Beitrag von Tina
Photo Tina_von_TRAUMALEBEN
⏱ Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Ich bin mittlerweile umgezogen. Schon seit einer Woche bin ich nun in meiner neuen Bleibe und eigentlich mag ich es hier auch ganz gern oder zumindest fühlt es sich noch immer nach der richtigen Entscheidung an. Vor allem die neue Gegend lädt dazu ein länger hier zu bleiben, es ist viel schöner als in der vorherigen und auch für einen Hund – den ich gerade verzweifelt suche – bietet sie viel Grünraum. Ich versuche nämlich gerade einen aus dem Tierschutz zu bekommen, was gar nicht so einfach ist und mich daher sehr deprimiert, weil es in mir zu flüstern beginnt „siehst du, auch dafür bist du nicht gut genug“. Wie auch immer, in meiner neuen Wohngemeinschaft kann ich mich bisher recht frei bewegen, das heißt ich traue mich auch aus meinem Zimmer, also traue mich Raum einzunehmen, aber dazu werde ich vermutlich ein anderes Mal mehr schreiben. Jetzt, wo der Umzug vorbei ist, kehrt langsam wieder Ruhe ein, aber die ist nur augenscheinlich. Eigentlich wird bloß wieder Raum geschaffen für die innere Unruhe, den Schmerz, für Traumageschichten und meine problematische Biografie. Diesen Text, der vor allem einen Zwischenfall auf der Uni beschreibt und was das alles in mir ausgelöst hat, entstand am Wochenende als E-Mail für meine Therapeutin. Für den Blog habe ich ihn noch mal leicht verändert, dem Verständnis wegen, aber auch, weil er zu viele Details enthielt, die im Leben da draußen erkennbar sein könnten. Und er ist auch als Update gedacht, der mit einem Absturz beginnt, der wiederum zeigt, wie einnehmend traumatische Vergangenheiten auch noch im Heute sind.

In mir macht sich wieder diese vertraute Verzweiflung breit, die wieder damit beginnt laut in mir zu toben, was diesmal auch an ganz konkrete Auslösern freitags festzumachen ist. Es gibt sie nur leider sowieso ständig und überall, diese Auslöser. Immer dann, wenn ich mich irgendwie kompetent fühle, stolz auf mich bin, viel geschafft habe und mich nach so viel mehr als diesem Trauma fühle, macht mich mein Körper wieder unmissverständlich und vernichtend auf meine Einschränkungen aufmerksam. Er macht mir deutlich, dass ich diese Traumafolgestörung bin, dass das alles ist, was ich bin. Allumfassend ergreift sie jeden meiner Lebensbereiche. Es gibt nichts, das sie nicht erfässt. Nichts, das sie nur mir überlässt und nichts, das nur mir gehört. Ich bin diese traumatische Geschichte, mit jeder Faser. Jeden Versuch mir meine eigene Geschichte zu schreiben, mir meine eigene Identität zu konstruieren, – also eine, die nicht so sehr nach Traumafolgen schreit, eine, in der ich mehr bin als ein Bündel an Behinderungen, als ein Körper, der zu heftig auf Gefahren reagiert, die längst nicht mehr im Heute verankert sind und eine, in der ich mehr bin als meine problematische Herkunft, – schlägt fehl. Das lässt sie nicht zu, die Ursprungsgeschichte. Ich versage, scheitere immer wieder kläglich beim Bemühen mir meine eigene Identität zu knüpfen, mir mein eigenes Leben zu weben. Das „trotz allem“, es funktioniert einfach nicht, ich bleibe im „deswegen“ hängen. Deswegen bin ich so, deswegen scheitere ich regelmäßig an ganz alltäglichen Aufgaben, aber natürlich auch an den größeren Dingen im Leben. In jeder Ecke stoße ich unübersehbar auf traumatische Fragmente meiner Vergangenheit. Es ist kein sanftes darauf stoßen, es ist mehr wie ein Schlag ins Gesicht oder noch treffender, wie einer in den Magen. Einfach ein Wink mit dem Zaunpfahl, der nicht zu übersehen ist. So auch am Freitag in meinem Seminar, es ist eigentlich ein Forschungsprojekt, eines ganz in echt. Dort geht es so grob um Biografieforschung (mehr möchte ich hier nicht verraten), die wir methodisch mit biografisch-narrativen Interviews erarbeiten. Das heißt vereinfacht, es geht um die Geschichten, die uns die Menschen aus ihrem Leben erzählen. Um Biografieverläufe. Um das Üben dieser Interviewführung ging es dann am Freitag, was wir in Gruppen zusammen mit einer von den beiden Lehrveranstaltungsleiterinnen und mit mehreren ZuhörerInnen gemacht haben. Online natürlich, wir waren schließlich noch immer im Lockdown. Eine Person übte dabei das richtige Fragen stellen, also die Rolle der Interviewerin und eine andere schlüpfte in die Rolle der zu interviewenden Person. Und in diesem Setting fand ich mich dann in letzterer Rolle wieder. Ich war die Person, die „interviewt“ wurde. Und wie könnte das anders sein, als das ich bei biografischen Fragen nicht auch unweigerlich auf problematische Themen stoße. Gefragt wurde ich dann eine Frage, in der es um Bildungsentscheidungen ging, eben was dazu geführt hat, dass ich an der Universität gelandet bin, also was in meinem Leben dazu beigetragen hat, dass ich zu studieren begonnen habe.

Ja wie kam ich zum Studieren… so viele Stunden habe ich mit meiner Therapeutin schon über diese und ähnliche Themen gesprochen. Die Antworten weiß ich, zumindest habe ich viele dazu. So viel habe ich darüber schon reflektiert. Darüber in Tagebüchern geschrieben, was in meinem Lebensverlauf dazu geführt hat diesen Weg einzuschlagen. Es ist eine sehr emotionale Thematik für mich, worüber ich hier glaube ich noch nicht so viel geschrieben habe, eben weil es für mich so etwas gar nicht selbstverständliches ist, das Studieren. Auch, weil ich aus einer sehr bildungsfernen Schicht komme, – ungeachtet der Familien-Traumageschichten – empfinde ich es als ein enormes Privileg hier auf der Uni gelandet zu sein. Aber ich kenne die Benachteiligungen und die Diskriminierung aus eigenen Erfahrungen, die man als solches Kind beispielsweise bei Schulwechseln macht. Wenn man beurteilt wird anhand des Auftretens, der Kleidung, der Ausdrucksweise der Eltern – so in Schubladen gesteckt wird, auf die man keinen Einfluss hat. Wie gesagt, ein sehr emotionales Thema für mich, das sich wie ein roter Faden – gedacht als konstante Hürde – durch mein Leben zieht. Ich kenne das warum und welche Ereignisse und Begegnungen mich in die Richtung Studium beeinflusst haben. Aber wie ich nun genau hier gelandet bin, was meine Geschichte ist und woher ich eigentlich komme, das ist mein Geheimnis oder zumindest etwas, das ich sicher verborgen hinter einer Fassade aufbewahre. Nach außen soll das unsichtbar bleiben, insbesondere und vor allem in Unikontexten (und früher in schulischen). Das sind zwei voneinander unabhängige Identitäten, sie passen nicht zueinander und die eine hat keinen Platz in der anderen. Traumafolgen passen nicht an die Uni. Ich nicht mit ihr hier her. Es ist nicht so, dass ich nicht wusste welche Frage mich erwarten würde. Die zwei zuvor hatten schon damit geübt, aber ich habe nicht erahnt, wie ich dann darauf reagieren würde, wenn sie mir tatsächlich gestellt wird und ich ganz in echt etwas dazu erzählen soll. Mein Herz sprang mir dann fast aus der Brust, hämmerte so heftig gegen meine Rippen, dass fast nichts anderes mehr wahrnehmbar war. Zudem war ich zittrig, meine Atmung funktionierte auch nicht so richtig und es verschlug mir buchstäblich die Sprache. Nicht vollständig, natürlich habe ich gesprochen, aber nur sehr stocken, weil da so viel passiert ist in meinem Kopf und das gleichzeitige Atmen und Sprechen in diesem Moment auch einfach zu viel auf einmal für mich war. Fast so, als würde ich ersticken an meinen eigenen Worten. Ich weiß nicht genau warum. Vielleicht wurde mir mit einem Schlag bewusst „Scheiße, das ist ja jetzt schon sehr persönlich, eben nichts, was nun irgendjemand hier erwartet hätte und nichts, das irgendwie hier her passen würde, also zumindest dann nicht, wenn ich auf dieser Seite hier stehe“. Wir üben, wir sind professionell, aber ich, ich stecke noch fest in meiner problematischen Vergangenheit. Natürlich habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, mir schnell eine andere Geschichte auszudenken, mir eine zu erfinden, aber dafür hatte ich bereits zu viele laute Antworten im Kopf und das Lügen mittlerweile zu sehr verlernt. Worüber ich denn nun schlussendlich gesprochen habe…? Ich glaub über den Auszug mit 17, über die WG, dass es mit meiner Mutter schwierig war und das viele Arbeiten habe ich wohl auch mal erwähnt. Ich habe alles nur ganz grob angeschnitten, so mal kurz irgendwie erwähnt. So im Nachhinein sind das nun auch wirklich nicht die eigentlich wilden Themen aus meinem Leben, aber in diesem Kontext, in diesem Rahmen, für diese Menschen war es das. Hier sind keine missbrauchten Kinder – glaube ich. Es hatte eine doch recht… intensive Wirkung, mein Gesagtes, würde ich sagen, in diesem Onlineraum. Zumindest für mich. Aber auch die, die mich interviewte war ebenfalls sichtbar überfordert und auch in der Gruppe wie auch bei der Lehrveranstaltungsleiterin hat es einen Nachhall hinterlassen. Denn die Erzählungen der anderen, also die, die ich bisher gehört habe, waren immer glatt, nicht ganz natürlich, aber eben nicht heftig. Es ist nun auch nicht so, dass ich mich für das Gesprochene schäme. Schamgefühle gab es eigentlich auch nicht während dem Sprechen, ich fühle mich einfach… naja scheiße irgendwie, enttarnt, besiegt. Verzweifelt – darüber, dass es immer eine Rolle spielt. Überall. Egal wohin ich gehe. Eine so große noch dazu. In jedem Bereich meines Lebens machen sich diese Traumageschichten breit. Richten sich ein. Häuslicher, als ich je selbst irgendwo zu Hause war. Resignation löst das fast aus, weil ich nicht weiß, wie ich diese Folgen noch an allen Ecken ausbügeln soll. Womit diesmal wieder kompensieren? 

Und danach war ich einkaufen. Ich wollte es zumindest. Aber dann begann sich mein Magen wieder so sehr zusammenzuziehen, meine Gliedmaßen wurden zittrig und ein Blick auf die Schlange an der Kassa ließ endgültig die Panik in mir ausbrechen. Dann bin ich rausgelaufen. Das wollte ich nicht mehr aushalten. Denn Fluchtinstinkt nicht weiter ignorieren. Meine Einkaufstasche mit ein paar Lebensmitteln habe ich irgendwo drinnen liegen lassen, damit ich schnell nach draußen flüchten kann. Und nach solchen Aktionen fühl ich mich dann wirklich wie eine Versagerin, von Traumafolgen besiegt, von ihnen komplett eingenommen. Als wären sie alles, was ich bin. Das macht mir keinen Spaß so oft am Tag mit meinen Unzulänglichkeiten und Mängeln konfrontiert zu werden. Deswegen, war ich samstags dann am Markt einkaufen, um keinen Supermarkt betreten zu müssen. War aber auch grenzwertig und ich danach komplett fertig von den ganzen Stressreaktionen. Ein Date hatte ich am Wochenende auch, was ebenfalls ein Bündel an körperlichen Stressreaktionen mit sich brachte und wovor ich deswegen extreme Angst hatte, weil ich nie weiß, was mein Körper dann wieder mit mir macht. Es ist einfach noch immer nicht sicher hier drinnen. Doch das Treffen an sich (bis auf einen Panikschub) verlief sehr gut und er stellte sich als sehr sympathisch heraus. Ich nenne ihn hier jetzt den Physiker, einfach, weil er Physiker ist, also sollte ich ihn hier noch öfter erwähnen. Aber eigentlich hätte ich gerade lieber einen Hund, als einen Mann, weil mich der weniger triggert. Weil Tiere seit meiner Kindheit für mich die sichersten Bindungserfahrungen waren, es die Beziehungen waren, die nie weh taten, nie missbräuchlich waren, die wohlwollend, respektvoll, tröstend waren und weil die Nähe eines Hundes kein Meer an Traumagefühlen auslöst. Vielleicht will ich aber auch beides, nur zuerst eben einen Hund, mit dem ich die nächsten 15 Jahre gemeinsam durchs Leben gehen kann. Als zwei Lebewesen, die einander nicht mehr im Stich lassen. Das stelle ich mir sehr heilsam vor, so eine Bindung, die bleibt. Auch, weil mir die Menschen meine Einsamkeit nie wirklich nehmen konnten.

Drückt mir die Daumen, dass das bald klappt. Es ist dringend.

4 Kommentare Gib deinen ab

    1. tina von traumaleben sagt:

      Danke!

      Gefällt 3 Personen

  1. connyx sagt:

    Du packst das!
    Du kannst das!
    Nur nicht aufgeben. Weiter gehen!

    Gefällt 3 Personen

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