Muttertag


Beitrag von Nicole
⏱ Geschätzte Lesedauer: 3 Minuten
Beitragsbild von Dominika Roseclay on Pexels.com

Überall diese Beiträge und Posts zum Muttertag.

Dieser Tag soll allen Müttern sowas wie ein Danke vermitteln – ein Danke für das Muttersein.

Aber was ist mit all den Menschen, die ihren Eltern nicht Danken wollen? Ja – WOLLEN. Ich schreibe aus der Perspektive eines Menschen mit traumatisierenden Kindheitserfahrungen, die mich bis heute beeinträchtigen. Ich denke dabei nicht an die Eltern(teile), die auf die Bedürfnisse, Interessen und Grenzen ihrer Kinder achten – nein, ich denke an die vielen Eltern(teile), die ihre Kinder psychisch, physisch und sexuell missbrauchen! Ich denke auch an die vielen Menschen, die ihren gewaltvollen Eltern(teilen) an diesem Tag danken, sie lieben und ehren… Und ihr wisst schon was ich meine – warum das zu einem großen Teil so ist, habe ich hier erläutert. Ich möchte über Verantwortung sprechen und darüber, ob ein Danke für das alleinige Dasein schon reicht…

Als wenn es schon reicht ein Kind zur Welt gebracht zu haben, um sich dies als „Leistung“ ein Leben lang auf die eigene Fahne schreiben zu können, Dankbarkeit zu erwarten und sich selbst wertvoller, ja überhaupt im Selbstwert gesteigert zu fühlen!

Ich sage dies nicht nur als Kind einer Mutter und eines Vaters, sondern auch in Selbstreflektion über mein eigenes Mutterdasein. Überhaupt hat sich mein Denken in den letzteweil n 5 Jahren, seit ich Mutter bin, nochmal gravierend verändert. Ich bin in dieser seltsame Elternblase unserer Gesellschaft eingetaucht, zu der man ganz ungefragt Zutritt erhält mit vielen Rechten und Pflichten, sobald man ein Kind sein eigen nennt.

Es hat mich zum einen weicher gemacht – ich fühle mehr, weil ich mehr fühlen möchte – was mein Kind braucht und was ich brauche, um diesem gerecht werden zu können.
Aber es hat mich auch härter gemacht – vor allem im Umgang mit mir selbst. Ich möchte nicht, dass mein Kind erlebt, was ich erleben musste. Dafür muss ich mich jeden Tag glasklar im Spiegel betrachten und ungeniert reflektieren, was ich für Denk- und Verhaltensweisen aus meiner Kindheit in meine Erwachsenenzeit mitgenommen habe. Ich weiß nun, egal wie schwer das Elterndasein manchmal auch sein kann – wie wir Kinder behandeln, ob wir ihre Bedürfnisse, ihre Interessen und Grenzen wahrnehmen und achten – all dies liegt immer in unserer Verantwortung als Eltern(teile).

Aber Eltern geben doch immer ihr Bestes, mögen manche antworten… Und ich meine – nein! Manche Eltern(teile) geben viel zu viel oder ständig das Bestmögliche für sich selbst, aber nicht für ihr/e Kind/er. Viele wollen eben nicht hinschauen, weil sie sich schämen – sogar vor sich selbst – und keine unangenehmen Emotionen fühlen. Und ja, das ist zu einem großen Teil eine bewusste Entscheidung. Möchte ich mich mit meinen unangenehmen Gefühlen auseinandersetzen, die Kinder immer wieder in einem auslösen bzw. hervorholen (siehe da – Trigger aus der eigenen Kindheit)? Möchte ich den Fernseher ausmachen, das Handy weglegen, den Schmutz und die Möle auch mal liegen lassen, mit dem Kind spielen? Oder möchte ich, weil so bequem, einfach und ohne negative Gefühle meinen Gewohnheiten, die es für mich leicht machen, weiter nachgehen?

Ja, es gibt immer Zeiten, in denen man als Eltern(teil) mal nicht mehr kann – aber was man kann, ist menschlich zu bleiben, sich zu entschuldigen für das Rumgemeckere, für die schlechte Laune, die wir unseren Kindern entgegen werfen. Ihnen zu zeigen, dass wir unsere Macht eben nicht ausnutzen, sondern zu unserer Überforderung stehen, die Verantwortung für uns selbst übernehmen und den Kindern nicht das Gefühl geben, dass sie diese für uns tragen müssen!

Nein, ich feiere keinen Mutter- oder Vatertag. Zum einen, weil ich den Kontakt zu diesen verloren habe und zum anderen, weil sie es einfach nicht verdient haben. Weil sie ihre Verantwortung ggü. mir als Kind, dass nicht gesund erwachsen werden konnte, nicht wahrgenommen haben. Weil sie bis heute denken und sagen, es wäre doch nicht so schlimm gewesen. 3 psychiatrische Klinikaufenthalte, drei langjährige Therapien und eine Schwerbehinderung aufgrund einer psychischen Behinderung schreiben da ein anderes Bild. Ich bemühe mich all das aufzuarbeiten. Ja, ich bemühe mich jeden Tag, immer wieder – alleine, denn meine Eltern wollen nichts aufarbeiten, sie wollen sich mit ihrer Verantwortung dazu bis heute nicht auseinandersetzen.

Eltern prägen das Leben ihrer Kinder, wie es nie wieder durch andere Menschen möglich sein wird. Sie können ihren Kindern ein Fundament voller Liebe, Vertrauen, Selbstwert und Hoffnung mitgeben – oder ein Fundament, auf dem nichts zu stehen vermag. Und die Kinder bauen auf diesem brüchigen Fundament wieder brüchige Fundamente neuer Generationen auf oder haben (meist) ihr Leben lang mit den Folgen zu kämpfen!

Daher möchte ich sagen: Mütter, Väter, Elternteile – feiert Euch nicht, nur weil ihr ein Kind habt! Feiert Euch und eure Kinder für eine liebevolle gegenseitige Beziehung! Dafür, dass ihr auch in schweren Zeiten füreinander da seid, dass ihr Gefühle aushaltet, auch wenn sie euch sehr unangenehm sind, dafür, dass ihr Therapien macht, um weniger gewaltvoll zu agieren, dafür, dass ihr aus schmerzvollen Fehlern lernt – für Euch und Eure (auch erwachsenen) Kinder!

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. ich finde es wahnsinnig schwer und auch schmerzhaft immer all dieses muttertags- und vatertagsgedöns, das „ich hab die beste mama der welt“ „mein papa ist ein superheld“ – es gibt mir immer das gefühl, ein alien zu sein. ich habe keinen zutritt zu dem club der menschen, für die familie ein warmes wort ist.

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    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Diese inneren Schmerzen kommen bei mir auch immer wieder – an allen Feiertagen, an denen dem idealisierten Konstrukt „Familie“ gehuldigt werden soll. Ja als „Alien“ oder „nicht so wie die anderen“ fühle ich mich dann auch – ich vermeide es deshalb z.B. schon dort hinzugehen, wo ich an solchen Tagen viele Familien vermute. Das zu sehen hat mir früher immer am meisten weh getan. Nun geht es schon etwas besser, seit dem ich diese Orte meide und meinen Blick woanders hinrichte… Aber ganz weggehen wird es vllt. nie… Keine Ahnung..

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  2. k-feechen sagt:

    Hallo Nicole, kann man nicht beides? Das anerkennen was gut war und das ansprechen was verletzt hat?
    Zum Beispiel so: Alles Gute zum Vatertag 🎈
    Auch wenn du nicht immer der Vater warst, den ich gebraucht hätte, hast du doch dein Bestes gegeben und ich habe überlebt.
    Kerstin

    Gefällt 1 Person

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Hallo Kerstin,
      für einige Eltern-Kind-Beziehungen geht das, für andere nicht.
      Vllt. für ein besseres Verständnis: Bei mir war die Beziehung zu meinem Eltern, als ich die Beziehung so gestaltete, wie Du es oben beschreibst, leider durch eine Abwehrhaltung meiner Eltern mir ggü. gekennzeichnet. Sobald ich etwas ansprach, wurde dies verleugnet oder schnell das Thema gewechselt, weil sie sich mit den unangenehmen Gefühlen diesbzgl. nie auseinandersetzen wollten. Das bedeutet, ich musste einen großen Teil von mir immer verstecken und so tun als wenn alles „in Ordnung“ ist mit mir. Dazu kommt, dass an mich als psychisch Erkrankte genau die gleichen Leistungsanforderungen gestellt wurden, wie an andere in der Familie – ohne diese Erkrankung. Das bedeutete wiederum, dass ich mich mehr anstrengen musste, um meine Erkrankung zu verbergen und die Defizite auszugleichen – eine Benennung der Gründe für z.B. Scheitern und Gespräche darüber waren nicht möglich.
      Wenn ein Mensch sich so sehr verleugnen muss, um von der Familie anerkannt zu werden – obwohl diese eine große Verantwortung für die Entstehung der Erkrankung trägt, ist ein Kontakt ohne weitere Kränkungen und Verletzungen sowie Retraumatisierungen nicht möglich.
      Das ist ein Bsp. warum manche Menschen keinen Kontakt zu Ihren Eltern haben können – zumindest wenn sie sich dafür entscheiden gesünder leben zu wollen.
      LG Nicole

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      1. k-feechen sagt:

        Du hast recht, Über seine Grenzen sollte jeder selbst entscheiden dürfen

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