Trauern um Täter*innen?

⏱ Geschätzte Lesedauer: 3 Minuten 

Heute ist es wieder soweit – ich weine um eine*n Täter*in.

Ich befinde mich wieder in Bedürfnistagen und da kommt meist viel hoch – und ich versuche nicht dagegen zu steuern und es zuzulassen.

Und vorhin in der Küche beim Frühstück machen überkam mich dann ein Gefühl, als wenn mir jemand einen Lattenzaun vor den Kopf prescht. Kurz zuvor kamen Bilder auf beim Greifen des Brettchens, des Bestecks und des Brotes. Bilder von Situationen aus meiner Kindheit und von einer*m Täter*in meiner Kindheit flammten auf. Eine*n mit sehr viel Einfluss auf die Entstehung meiner Komplexen PTBS.

Diese Person ist seit ein paar Jahren tot.

Nun, wie bereits so oft zuvor in den letzten Jahren, kommen Flashbacks: mein inneres Kind denkt beim Frühstück machen an frühere Zeiten, befindet sich in früheren Zeiten – auch in guten früheren Zeiten, wenn man diese so nennen kann. Gute Zeiten werden innerlich schon als solche deklariert, wenn kein Feuersturm auf mich niederging.

Das Gefühl gemeinsam zu Frühstücken am Wochenende.
Wir waren drei Kinder, da war immer was los und leben in der Bude, könnte man sagen.

Und dann wünscht sich ein Teil von mir in einen solchen Moment zurück – erwacht jedoch aus dem Moment. Ich bekomme Atemprobleme und fange an zu schluchzen und zu weinen. Ich bin überwältigt traurig, dass dieser Mensch nicht mehr da ist, das wir alle nicht am Tisch sitzen können – nie mehr. Dieser Mensch ist tot und wie ihr vielleicht schon wisst, habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Familie.

Und hier sitze ich nun, ein Lähmungsgefühl will sich einschleichen. Auch in meine Hände, während ich dies schreibe – mich wieder abkapseln, mich fernhalten von all den Gefühlen.

Denn ein anderer Teil in mir fragt: Wie kannst du diesen Menschen nur vermissen?
Die Stimme, die Art des Gehens, das Lachen, die Haare, die Arme, die Gesichtsausdrücke (…).
All das ist so präsent. Es drängt sich mir so auf. Ich bin verwirrt im Angesicht meiner Gefühle.

Was ist das?
Es sieht für mich aus wie liebevolles Vermissen eines Menschen, aber ich kann diesen Menschen doch nicht „liebevoll“ vermissen!!!!

Dieser Mensch war ein Teil meines Lebens – über 30 Jahre meines Lebens, 20 davon mit intensivem Kontakt. Und weil diese Jahre (fast) meine ganze Kindheit überdauerten, in denen sich mein Weltbild, meine Beziehungsfähigkeit zu anderen Menschen, prägende Erinnerungen, Vorstellung von Familie usw. ausprägten, wird dieser Mensch auch immer ein Teil von mir sein. Und nicht nur die vielen schlechten Momente, sondern auch das einfache Dasein in der Wohnung, am Tisch sitzen, beim Spa­zie­ren­ge­hen usw.

Ich war noch so klein. Und diese Welt mit diesem Menschen war alles was ich hatte, jeden einzelnen Tag. Musste ich da nicht als Kind auch liebevolle Gefühle zu diesem Menschen aufbauen? – das Vorhandensein solcher Gefühle ist doch lebenswichtig.

Die Antwort aus der Psychologie und Sozialen Arbeit würde jetzt im professionellen Kontext „Ja“ heißen.
Dies wird z.B. durch den Schutz- und Abwehrmechanismus „Identifikation mit dem Aggressor“ beschrieben.
Aber das soll jetzt hier keine Rolle spielen und bringt mich eher weg von mir.
Quelle, z.B. hier: Wikipedia

Was für ein Durcheinander: meine Gedanken, meine Gefühle.

Wie eine Normalität, die in mir präsent ist und doch schon lange nicht mehr wahr ist.

Ich komme, wenn ich vollkommen ehrlich sein will, nicht drum herum zu sagen:
Ich vermisse dich. Deine Präsenz, einfach da zu sein, einfache Worte wie „Hallo, Nici.“ auszusprechen und ja – selbst das ganze autoritäre und unterdrückende Denken und Verhalten waren vertraut, gewohnt.

Ob mir Personen, die ebenfalls in gewaltvollen, unterdrückenden Lebensverhältnissen über viele Jahre lebten, wohl ähnliches berichten würden?

Ich fühle mich zerrissen und möchte doch alle Teile wahrnehmen und diesen sagen: Ihr dürft alle da sein – es ist gut so.

Es ist nicht das Leben, was ich mir gewünscht hätte, nein, wirklich nicht – aber es ist das Einzige was mir gegeben wurde. Und seit dem ich mich nicht mehr von dieser Welt wünsche – lebe ich dieses Leben annehmend.

Manchmal tut es noch sehr weh, so wie heute. Und gerade im Vergleich wird dies deutlich, aber dann Schlucke ich den Kloß irgendwann wieder runter, hebe meine Schultern, lasse Gefühle zu und ordne meine Gedanken – und gehe wieder los und trage dieses Schicksal weiter.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. tina von traumaleben sagt:

    Da geht es mir sehr ähnlich mit diesem Vermissen, mit dieser bedingungslosen Zuneigung..

    Gefällt 1 Person

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