#EMDR: Die Schattenmonster

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⏱ Geschätzte Lesedauer: 13 Minuten

Triggerwarnung:
Die Artikelreihe #EMDR wird genauere Beschreibungen von unheimlichen Situationen und Gewalterfahrungen aus Kindheit und Jugend beinhalten.
Außerdem kommt es zu Aufzählungen und Beschreibungen von Verletzungen.
Bitte lies Dir diese Artikelreihe nur durch, wenn Du Dich dafür stabil genug fühlst.
Achte gut auf Dich.
Hier kommst Du nochmal zur allgemeinen Triggerwarnung
(einschließlich Hilfetelefonnummern) der Website TRAUMALEBEN.


Intro

Folgende Artikel gehören zu dieser Reihe:

  1. Therapieerfahrungen
  2. #EMDR: Wer Wie Was?
  3. #EMDR: Der Brunnen
  4. #EMDR: Die Schlucht – Umgang mit Scham in der Therapie
  5. #EMDR: Der Weg
  6. #EMDR: Die Schattenmonster

Alle hier thematisierten inneren Szenarien / Situationen / Bilder während der EMDR-Sitzung sind zum Teil reale Abbilder meiner Vergangenheit, zum Teil symbolische Imaginationen von früher erlebten Emotionen und Situationen (also Bilder, die für etwas anderes stehen) sowie Szenen, die meiner Vorstellungskraft entspringen, um eine Linderung des gefühlten Leids hervorzubringen. Bei manchen aufkommenden und in dieser Reihe beschriebenen Gedanken und Situationen lässt sich heute nicht mehr sagen, ob es sich um real erlebte Situationen handelt oder nicht.

Das liegt vor allem daran, dass das tatsächliche kognitive Erinnerungsvermögen, wie wir es als Erwachsene kennen, erst ab dem ca. dritten Lebensjahr beginnt. Alle Geschehnisse davor sind zwar im Körper gespeichert, können jedoch meist nicht bewusst beschrieben werden. Auch wenn der Körper die psychischen und physischen Reaktionen auf gewaltvolle frühkindliche Erlebnisse irgendwo gespeichert hat und diese im Laufe des Lebens immer wieder zu Beschwerden führen, wissen Betroffene kognitiv meist nicht, woher die jetzigen Reaktionen aus dieser frühkindlichen Prägung kommen.
Neben diesen frühkindlichen „Erinnerungsdefiziten“ führen auch Verdrängungs- und Abspaltungsprozesse im weiteren Kindesalter und auch später dazu, dass Situationen nicht oder nur teilweise erinnert werden können.

Aus diesen Gründen sind die Inhalte meiner EMDR-Sitzungen nicht klar in reale und fiktive Geschehnisse zu unterteilen. Meine Erinnerungen sind lückenhaft und geprägt von Verdrängung sowie dissoziativen Zuständen. Letztendlich ist es jedes Mal eine EMDR-Geschichte, die aus sich selbst heraus entsteht und sich entwickelt. Der Verlauf ist jedes Mal vollkommen ungewiss und ergebnisoffen. Ihr erhaltet hier also stets einen Einblick in meine EMDR-Geschichten, die zum Teil real und zum Teil fiktiv sind – aber vor allem und immer wieder das Ziel einer Heilung durch ihren Verlauf anstreben.

Während der letzten EMDR-Sitzungen tauchte während der Verarbeitung ein Hilfsintrojekt auf: mein Kind A., der mir durch seine mutige und nicht ängstliche, positive und freudige Art aus schwierigen Situationen heraus half. Wie es damit angefangen hat, kannst Du in der Sitzung „Der Weg“ nachlesen. In dem Beitrag „#EMDR: Wer Wie Was?“ habe ich bereits erläutert, was unter Hilfsintrojekten zu verstehen ist.

Was geschah in der Zeit der EMDR-Sitzung / Lebenssituation

Zu dieser Zeit, im Juni 2020, machte ich immer noch eine Weiterbildung. Diese fand in einer digitalen Lernumgebung statt. Jeden Tag interagierte ich dort mit Menschen und wir arbeiteten zusammen. Es machte mir sehr viel Spaß, auch wenn mich die Monate sehr stark mitnahmen und ich mit zunehmender Erschöpfung bemerkte, dass ich mich noch getrennter von den anderen Menschen empfand als sonst. Auch in private Gespräche kam ich nicht wirklich hinein. Ich empfand mich als zu langsam und konnte nicht schnell genug reagieren in Gruppengesprächen. Gerade in größeren Gruppen setzt mir meine große Aufmerksamkeitsspanne in solchen Situationen immer wieder so zu, dass die ungefilterten Reize dazu führen, dass ich in eine Reizüberflutung bei gleichzeitiger Reaktionsarmut verfalle. Bis ich die ganzen Reize verarbeitet habe und reagieren möchte, sind die Menschen meist schon wieder beim nächsten Gesprächsthema. Und wenn ich mich ganz doll anstrenge, komme ich zwar schneller mit, bin dann aber auch schneller erschöpft.

Das ist nicht in jeder Situation mit vielen Menschen so in meinem Leben, es hängt davon ab, wie vertraut mir diese ist, welche Rolle im Gruppengefüge ich inne habe und welche Lebensumstände mich gerade begleiten…

Letztendlich fühle ich mich immer wieder sehr entfernt und getrennt von meinen Mitmenschen, was zu einer gewissen Retraumatisierung führt. Ich fühle mich dann abgelehnt, unverstanden, seltsam. Auch wenn diese Gefühle nichts mit dem zu tun haben, was die anderen Personen wirklich denken und erzählen, bleibt dieses Gefühl, holt mich ein, schlägt mich nieder. Wenn dies über einen längeren Zeitraum fortbesteht und ich keine Regulationsmöglichkeiten finde, führt dies zu einer allgemeinen Verschlechterung meines psychischen Gesundheitszustandes. Um diesem vorzubeugen, thematisierten wir das Ganze in einer EMDR-Sitzung.

Thema der EMDR-Sitzung

Das Thema der Sitzung legten wir also fest auf: Sich getrennt fühlen / Angst vor Menschen / Nicht in Beziehung gehen können mit fremden Menschen / …

Visualisieren konnte ich das Ganze durch folgende Szene:

Ich sitze im virtuellen Hörsaal meiner Weiterbildung und spüre die Trennung zwischen mir und den anderen Teilnehmenden.

Nachdem T. und ich die Gefühle, mögliche Situationen usw. für diese Sitzung festgehalten und festgelegt haben, begannen wir mit den ersten Pendelphasen.

Die Schattenmonster

Ich versuchte in die ausgesuchte Situation hineinzukommen, die immer wieder flankiert wurde von anderen sich aufdrängenden Bildern. Die Situation spielte deshalb vorerst in zwei Szenerien gleichzeitig statt. Meine inneren Bilder wechselten immer wieder ganz plötzlich und verschwammen miteinander:

Ich sitze im Hörsaal innerhalb der Weiterbildung auf meinem Stuhl. Als ich die Verbindung zu mir innerlich aufbaue, sehe ich mich als kleines Mädchen links neben mir unter dem Stuhl sitzen. Ich bin erwachsen und schaue zu mir, dem kleinen Kind. Mein kleines Ich hockt, ja kauert unter dem Stuhl, versteckt sich, ist angespannt.

Und dann auf einmal sitze ich mit meinen Großeltern an einem Tisch, es ist Abend. Ich bin bereits erwachsen. Die Situation spielt sich im Urlaub ab, den wir noch zusammen erlebten. Meine Großeltern reden mit mir, ich fühle mich klein. (…) Dann sehe ich auch hier mich, als kleines Kind, neben mir unter dem Stuhl hocken.

In beiden Situationen macht sich mein kleines Ich immer kleiner, umso länger ich es betrachte. Es hat Angst hervorzuschauen, drückt die Augen an die angewinkelten Beine. Ich versuche liebevoll auf mein kleines Ich einzureden. Sage, dass es hier sicher ist, dass hier Nichts ist, dass ich auf es aufpassen werde und es herauskommen kann. Dann dreht mein kleines Ich den Kopf zu mir und sagt dabei in leisem Ton: „Doch, siehst Du sie denn nicht?“ Es gruselt mich und schaudert mir. Ich weiß nicht was mein Kind-Ich meint. Als es weiter unter dem Stuhl kauert, sage ich, dass ich eine Glaskuppel über uns erschaffe, durch die niemand hindurch kann. Ich konzentriere mich darauf, wie sich eine Kuppel langsam um uns herum ausbreitet. Doch mein kleines Ich flüstert nur immer wieder: „Fühlst Du es? Fühlst Du es?“ und „Kannst Du sie sehen?“ Ich weiß einfach nicht was es meint und sehe nur in das erschrockene Gesicht.

Als ich nicht weiter wusste, sagte T. irgendwann immer wieder in den Pendelpausen:
„Wer kann Ihnen denn helfen?“ / „Gibt es jemanden, der helfen kann?“

Ich bin nun zwiegespalten bzgl. dessen, was ich tun soll. Zum einen möchte ich meinem Kind-Ich aus der Angst heraus helfen, zum anderen jedoch erstmal sehen, was es sieht. Ich will es fühlen, es nicht so einfach übergehen und herausholen aus dieser Situation. So vergeht eine ganze Zeit, in der ich mit mir ringe und in der ich in mich hineinfühle.

Ich versuche also irgendwie eine Verbindung zu meinem Kind-Ich aufzunehmen. Dafür spüre ich immer wieder in meinen Bauchraum und stelle mir vor, wie sich dieser als Energiebereich öffnet und in mein Kind-Ich hineingleitet. Doch dort ist alles still. Dann antwortet es leise: „Du bist nicht bereit dafür!“ Während es mich anblickt und dies sagt, sieht es kurz nach oben und ich kann im äußeren Winkel meines Sichtfensters schattenartige Gebilde, die sich schnell in der Luft bewegen, erkennen. Weiter sagt es: „Ich kann nicht herauskommen, Sie sind überall – die Schattenmonster!

Ich versuche die Angst als „großes, verantwortungsvolles Ich“ nicht an mich heranzulassen und Sicherheit auszustrahlen. Dennoch will ich immer noch sehen und verstehen was es sieht. Immer wieder sage ich zu meinem kleinen Ich, dass ich es beschützen werde und es herauskommen kann. Aber es bleibt ohne Erfolg.

T. verwies mich in einer Pendelpause wieder auf mögliche Hilfe durch andere. Er sagt dabei immer sowas wie: „In der Phantasie ist alles erlaubt!“

Ich konzentriere mich also auf mein Gefühl nach Suche und Hilfe, blicke um mich und sehe dann A. links von der Tür auf mich zukommen. Er schlendert fast, locker, leicht, lächelt und lehnt sich dann, bei uns angekommen, herunter zu meinem Kind-Ich. Auf kindliche Weise schauen sie sich an und haben anscheinend gleich eine vertraute Ebene miteinander. A. geht gar nicht großartig auf die Schattenmonster ein, sondern redet fast flapsig, ohne Vorsicht. Er trägt einen Ghostbuster-Anzug mit einem Gürtel voller Werkzeuge und anderer komischer Geräte. A. sagt dann zum Kind-Ich, dass er ein Monster-Schießgerät dabei hat. Er wird sie nun alle wegpusten. Anscheinend kann A. die Schattenmonster auch sehen. Und schon fängt er an mit diesem Gerät in die Luft zu schießen. Ich höre wie Dinge platzten. Ich sehe den Luftraum um mich herum nun verschwommen, mal hell mal dunkel. Immer klarer werden die dunklen Schatten, die schnell hin und her fliegen über uns, auch für mich.

Als ich begann dies wahrzunehmen, fing ich an zu zittern. Die Geräusche des Platzens waren schwer auszuhalten. Die Anspannung in mir stieg immer weiter. Mein Körper fing immer mehr an zu zucken und zu zittern.

A. sagt währenddessen immer wieder zum Kind-Ich, dass es jetzt rauskommen könne, dass es sich das Ganze anschauen kann. Aber es verneint wieder und wieder, sagt „Nein, sie sind überall!

Erneut vergeht eine ganze Weile und irgendwann lugt mein kleines Ich unter dem Stuhl hervor – vllt. war es neugierig. Als es sich ein wenig erhebt, sehe ich wie sich ein Schatten blitzartig herunterstürzt und aus ihrem Arm ein Stück Fleisch herausreißt. Es blutet und ich kann nicht fassen wie schnell das ging. Dann kriecht es weinend wieder unter den Stuhl.

Als A. das sieht und bemerkt, dass immer wieder neue Schatten auftauchen und die bisherige Methode nicht funktioniert, nimmt er ein anderes Gerät von seinem Gürtel. Mit einem lauten Donnerschlag knallt er das Gerät wie einen Richtstab auf den Boden, das Gebäude erzittert von dem lauten Knall und sogleich flutet ein grelles Licht mein gesamtes Sichtfeld. Als das Licht etwas verblasst, sehe ich in dem Hörsaal eine lichtdurchflutete Kuppel um uns herum aus einer dicken milchig-durchsichtigen Schicht, durch die die Schattenmonster außerhalb dieser verbleiben. Die Schatten prallen bei jedem Versuch uns zu erreichen an der Kuppel ab…

Es vergeht gefühlt eine Ewigkeit bis mein Kind-Ich durch meinen und A.s Zuspruch endlich genug Vertrauen gefasst hat, wieder unter dem Stuhl hervorschaut und sich traut das Versteck zu verlassen. Dann kriecht es verängstigt und verletzt auf meinen Schoß, es rollt sich dort zusammen, den Kopf an mein Bauch gedrückt und ich soll es mit meinem Armen umfassen – so als wenn es sich ein Nest baut. Dann sagt sie: „Sie sind immer noch da, ich sehe sie… Mein Arm tut so weh, mein Arm tut so weh!“ Ich blicke auf den Arm und betrachte die Wunde. Ich sehe es so, als wenn ich ein mir fremdes Bild betrachte. Ich fühle mich taub dabei…
A. macht derweil mit seinem Gerät die Kuppel immer größer und größer. Nun reicht sie schon weit über den Hörsaal hinaus, so dass wir die dunklen Schatten nicht mehr sehen können. Unvermittelt stehe ich mit meinem Kind-Ich auf, trage es in meinen Armen gehend mit A. in Richtung Tür und Fahrstuhl.

Da überkam mich eine Gefühlswelle und ich fing an zu weinen.

Ich sehe nun alles aus dem Blickwinkel meines kleinen Ichs. Ich spüre nun die Wärme in den Armen, festgehalten werden, sich beschützt fühlen und die Zuneigung. Ich schaue zu meinem Erwachsenen-Ich hoch und wünsche mir, dass ich das Kind dieses Erwachsenen-Ichs bin.

Gleichzeitig nahm ich wahr, dass ich mich nie so beschützt gefühlt habe und ließ alles los und fiel und fiel innerlich und weinte bitterlich. Als ich mir als Erwachsenen-Ich also all die Wärme gab, erkannte ich als Kind-Ich das was ich mir immer so sehr gewünscht hatte.

Als wir das Gebäude verlassen, überragt die Kuppel bereits alles weitläufig. Sie reicht bis über die Wolken – die sich außerhalb befindlichen Schattenmonster sind deshalb schon gar nicht mehr zu sehen. Immer wieder sehen wir jedoch erneut Menschen, die uns entgegen kommen. Mein Kind-Ich sagt, dass in manchen Menschen Schatten sind. Ich versuche genau hinzusehen, bis ich sie auch sehe und spüre. Manche Menschen sind hell und freundlich, andere umspielen schattenartige Züge. A. überlegt was nun zu tun ist… Noch mehr Kuppeln um uns herum scheinen keine geeignete Lösung zu sein. Daher nimmt er eine Fernbedienung aus dem Gürtel und zielt auf die „Schattenmenschen“ – sogleich zieht sich ein blasenartiges milchiges Gebilde um sie, so dass sie von uns separiert sind und wir sie nicht mehr richtig sehen können. Dennoch ist ihre Anwesenheit immer noch schmerzhaft zu spüren und wir überlegen was wir noch tun können. Dann beschließen wir sie ganz aus unserem Reich zu entfernen. Die „Schattenmenschen“ schweben mit einem Knopfdruck auf die Fernbedienung in ihren Blasen gen Himmel, bis die Kuppel sie nach außen frei gibt.

In diesem Moment kommt mir meine Familie in den Sinn und ich sehe, dass sich einige Familienmitglieder*innen in blasenartigen milchigen Gebilden befinden. Ich sehe sie vor mir und doch kann ich sie kaum erkennen. So wie im wirklichen Leben. Sie da sind und wollen doch nicht zu meinem Leben gehören, so wie es ist. Ich spüre ein Ziehen und Brennen in mir, es schmerzt. Also lasse ich sie nach oben schweben in den Himmel und dann ins All, außerhalb meiner Kuppel – bis ich sie nicht mehr sehen kann…

Auch wenn T. mir immer wieder zusprach, in den Pendelpausen bemerkte ich deutlich wie erschöpft ich war. Als wenn all das wirklich passiert, all die Ängste, die Schatten, das Ringen um Entscheidungen und die Erschaffung der Welten. Ich wollte endlich, dass es zu Ende ist und mich ausruhen. Dennoch gingen wir immer wieder in die Pendelphasen hinein…

Mein Kind-Ich schaut mich immer wieder schmerzerfüllt an und sagt: „Mein Arm tut so weh, mein Arm tut so weh…“ Daher setzen wir uns auf die Wiese vor dem Haus. Es sitzt auf meinem Schoß und A. kümmert sich derweil immer wieder um auftauchende „Schattenmenschen“. Er beförderte sie wieder und wieder ins All und mein Erwachsenen-Ich betrachtet die Wunde, versucht in das Gefühl hineinzugehen, eine Verbindung aufzubauen.

Plötzlich spürte ich die Wunde auf meinem Arm mitten in der Therapiestunde. Es zog, suppte vor Blut, brannte und stach. Das Brennen wurde immer stärker und strahlte bereits in den ganzen Arm und die Schulter aus. Ich war erschrocken und zunehmend verwirrt und weinte, schaute in der Realität auf meinen rechten Arm hinunter, von dem der Schmerz ausging. Mein Arm und dann meine ganze rechte Körperhälfte zuckten, verkrampften sich immer wieder. Ich konnte dem Pendel nicht mehr folgen. Ich fragte mich wie sowas nur passieren konnte. Ich hätte schreien können vor Schmerzen, atmete schnappartig und versuchte laute Geräusche zu unterdrücken.

T. blieb ganz ruhig und wies mich darauf hin, dass ich oder jemand anderes mir da heraushelfen kann. Er sprach vollkommen ruhig, aber eindringlich – auch wenn ich mich wie betäubt fühlte durch den Schmerz und sonst nicht mehr viel mitbekam. Also versuchte ich mich wieder auf das Pendel zu konzentrieren, in meine erschaffene Welt abzutauchen.

Und da sitze ich wieder. Ich sehe die Wunde wieder an dem Arm meines Kind-Ichs und spüre den Schmerz genauso deutlich wie zuvor. Ich wende meinen Kopf nach oben und blicke suchend in die Umgebung…
Und da hüpft eine Freundin um die Ecke des Hauses. Sie hat einen Hexenhut auf und tänzelt lächelnd auf uns zu. Sie sieht aus wie ein übernatürliches Wesen und erinnert mich an eine Fee. Ihre Anwesenheit umgibt uns zugleich mit Ruhe und wirkt schmerzlindernd. Um uns herum glitzert es. Sie zieht eine Salbentube aus ihrem Gewand und schmiert den Inhalt auf den Arm meines Kind-Ichs. Und sogleich spüre ich an meinem Arm, in allen Versionen meiner Selbst, eine Kühlung, eine wohltuende Kälte an der Stelle der Wunde. Wir sitzen zusammen auf der Wiese, die Schmerzen werden weniger und wir sehen A. über die Wiese tollen. Erleichterung tritt ein. Immer wieder kickt er die milchigen Blasen mit den „Schattenmenschen“ freudig umher und wir fangen alle an zu lachen. Meine Fee streicht dann den Rest der eingezogenen Salbe ab und holt eine neue hervor. Ich spüre die Wunde immer noch, auch wenn sie lange nicht mehr so viel Schmerzen verursacht wie zuvor. Die Salbe sieht regenbogenfarben, dickflüssig, fast wie Ölfarbe oder dicke Acrylfarbe aus. Es erscheint wunderschön auf meinem Arm und bringt erneut Kühlung.

Die bunte Salbe auf meinem Arm verwandelt sich nun nach und nach in Farbe, wie ein Tuschkasten, eingelassen in meine Haut. Mir kommt der Gedanke, dass ich damit die Welt bemalen könne. Und dann denke ich daran, dass ich von klein auf an meine Gefühle, mein Leid in Farben und Gemälden ausdrückte. Manchmal fühle ich mich, als wenn ich selber Farbe wäre, als wenn meine Arme einen Schweif aus Farbe und Energie bilden. Und ich liebe den Geruch von Farbe – einfach alles daran.
Ich spüre, wie die offene Wunde nun zu einem Symbol des Leides, all der schlimmen Gefühle, wird und die Farbe zu einem Ausdrucksmittel dessen. Ich möchte dies festhalten. Ich denke daran, wie es wohl wäre mir einen Tuschkasten auf den Arm tätowieren zu lassen.

Alles um mich herum wird immer ruhiger. Ich schaue auf mein Kind-Ich und muss feststellen, dass es weiterhin etwas ängstlich um sich herum schaut in Erwartung neuer Schatten. A., Fee und mein Erwachsenen-Ich versuchen ihr zu versichern, dass alles ruhig und sicher ist. Aber zu oft erlag es wohl den Enttäuschungen. Da fällt A. etwas Neues ein. Er erklärt uns, dass er die Fernbedienung, die „Schattenmenschen“ mit Blasen umhüllt und  ins All katapultiert, nun auf Automatik umstellten würde. Das heißt, niemand muss mehr aufpassen, die Fernbedienung erkennt „Schattenmenschen“ vollkommen automatisch und entsorgt sie.

Über mehrere Pendelphasen hinweg beruhigte sich mein Kind-Ich innerlich und wurde langsam müde.

Mein kleines Ich liegt eingekuschelt auf meinem Schoß, an mein Bauch angelehnt. Plötzlich beginnt es ganz weich zu werden  und verschmilzt langsam mit meinem Erwachsenen-Ich.

Da fing ich plötzlich wieder doll an zu weinen und mir wurde bewusst, dass ich das kleine Ich weiter in meinen Armen halten wollte, ich verspürte eine starke Sehnsucht.

Ich will nicht, dass es in mir verschwindet.
Mir schießen die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf: „Ich möchte Dich behalten!“, „Nein, geh nicht weg, geh nicht weg…“, „Bleib bei mir!“…
Aber es ist nicht aufzuhalten.

In dem Prozess der Verschmelzung fing ich an zu zittern, was sich fortlaufend steigerte. Es war ein sehr unangenehmes Gefühl zu zittern, zu weinen und dann die Wunde wieder vollkommen in meinem Erwachsenen-Ich zu spüren, als mein Kind-Ich in mir verschwunden war.

Und wieder sitze ich als Erwachsenen-Ich auf der Wiese und in der Realität auf meinem Stuhl und spüre meine Verwundung am Arm, er wird immer schwerer und ich spüre ihn kaum noch. Ich bin so darüber erschrocken, dass ich meinen Arm nicht heben kann, er sich wie gelähmt anfühlt. Die Farbe auf dem Arm ist weg und wieder liegt die offene Wunde vor mir. Ich weine und krampfe. A. kommt herbeigehüpft und sagt, dass ich mal hinsehen soll, also in die Wunde hinein sehen soll, nicht wegschauen. Ich zwinge mich dazu hinzusehen – auf meinem rechten Unterarm eine klaffende blutige Wunde mit abstehenden Hautfetzen. Wir betrachten gemeinsam die Details und umso mehr ich wahrnehme, umso ruhiger werde ich. Dann fängt die Wunde langsam an sich zu verändern, zu verkrusten. Und ich spüre eine unglaubliche Erschöpfung und werde müder und müder, bis ich fast auf dem Stuhl zusammensacke.

Wir versuchten noch ein paar Mal in die Ausgangssituation zurückzukehren, aber ich war einfach zu erschöpft, um noch viel wahrzunehmen oder etwas zu sehen…

Nachwirkungen

Dieses Gefühl in meinem Arm hatte ich noch Tage nach der EMDR-Sitzung. Das heißt, ich fühlte in meinem Arm, an der Stelle, an der sich die Wunde befand, tatsächlich Reste des Schmerzes und eine gewisse Taubheit. Das alles erschreckte mich. Wie konnte mein Verstand nur solche physischen Schmerzen erschaffen, obwohl da in der Realität keine Wunde war? Das hatte ich noch nie erlebt und zeigte mir wieder mal auf, dass ich die Komplexität des Lebens und meines Körpers nicht annähernd begreifen kann und werde. Ich möchte es einfach nehmen wie es ist und mich auf das konzentrieren was ich wirklich beeinflussen kann. Ganz wie in dem Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr :

„[…] gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Außerdem spürte ich in den darauffolgenden Wochen, im Kontakt mit anderen Menschen, eine gewisse Leichtigkeit in mir. Als wenn eine Schwere, eine Angst, von mir genommen war – kaum in Worte zu fassen, noch vollends zu begreifen. Vielleicht vertraute ich nun darauf, dass die „Schattenmenschen“ automatisch herauskatapultiert werden durch meine Gedanken und Handlungen. Und ich glaube wirklich, dass genau das passiert ist. Viel entschlossener verabschiedete ich mich von Menschen, die mir weh taten.

Und nun vertraue ich einfach darauf, dass jedes weitere Puzzleteil im Gesamtprozess der komplexen Verarbeitung in mein Leben greift, ob ich es verstehen kann oder nicht…

Ich glaube das nennt man Vertrauen in den eigenen Körper oder so…

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