Tod des Täters


Beitrag von Nicole
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⏱ Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Vor ein paar Wochen habe ich einen tollen Menschen kennengelernt, der sehr ähnliche biografische Erfahrungen gemacht hat. Eine*r seiner Haupttäter*innen ist 2018 gestorben – so wie einer von meinen… Wir tauschten uns zu den Taten aus, zu Gefühlen, was dies mit uns gemacht hat und zu dem Moment des Todes dieser Menschen. All diese Gespräche führten nun nochmal dazu, dass ich die damalige Zeit des Todes dieses Menschen, dieses Täters meiner Vergangenheit, erneut wahrnahm und reflektierte…

Was der Tod dieses Menschen mit mir gemacht hat, wie ich es empfunden und wie mein Umgang mit dem Tod des Täters war – das ist hier und jetzt Thema, davon möchte ich Euch berichten.


 

2018 starb er.

An den Folgen seiner Alkoholkrankheit.

Er war erst in den Fünfzigern, noch jung.

2015 sah ich ihn im Krankenhaus, kurz nach der Geburt meines Kindes, das letzte Mal. In diesen 10 Minuten, die er bei uns war, gestaltete sich fast jede Minute genauso wie in meiner Vergangenheit, in meiner Kindheit, meiner Jugend und der Zeit, die wir noch gemeinsam als Erwachsene verlebten. Die ganze Ausstrahlung war wieder geprägt von Herablassung und Übergriffigkeit, Wünsche wurden nicht respektiert und seine Meinung über die von allen anderen gestellt.

Ich wollte ihn nie wieder sehen – jetzt hatte ich einen sehr großen Motivationsfaktor in meinem Leben: mein Kind. Es würde nicht darunter leiden wie ich, niemals. Und so kam es auch.
Mein Kind hat ihn nie kennengelernt.

Als die Ehe des Täters kurz darauf zerbrach, ging es ihm nach und nach immer schlechter. Was vorher noch an stabilisierenden Elementen in seinem Leben war, war nun so gut wie verschwunden. Der Sinn seines Lebens ging und damit auch sein Lebensmut. Der Alkoholkonsum stieg immer weiter an, was schnell auch zum Verlust seiner Arbeit führte. Ich weiß von Menschen aus meiner Familie, die noch Kontakt mit ihm hatten, dass mehrere (Not-)Einweisungen, Entzüge und Genesungsversuche folgten. Aber ohne Erfolg. 2018 erholte er sich nicht mehr von einem Entzug und mir wurde mitgeteilt, dass ich mich verabschieden kommen kann, wenn ich möchte.

Mich durchströmten in dieser Zeit viele verschiedene Gefühle – Trauer, Wut, Entsetzen, Hilflosigkeit, Liebe, Sehnsucht, Verachtung (…). Es war ein heilloses Durcheinander. Ich musste entscheiden, ob ich diesen Menschen noch einmal sehen, ihm noch einmal unter die Augen treten wollte.

Ich wusste, dass es ihm sehr schlecht geht und ich mich schnell entscheiden musste.

Ich saß in meinem Garten und weinte. Kognitiv, rein rational konnte ich mir das einfach nicht erklären. Warum weine ich so viel wegen dieses Menschen. Er ist einer der Menschen, durch den ich heute schwerbehindert bin, von dem ich mich immer weggewünscht habe, immer. Die stark ausgeprägte Todessehnsucht in meiner Kindheit verdanke ich u.a. ihm.  Also warum?

Lass mich vorgreifen und die Quintessenz herausgreifen:

Weil er ein Mensch ist und war – wie Du und ich…
Aber bis zu diesen Gedanken und Gefühlen war es ein langer Weg…

In meiner Jugend und in den 20ern beschäftigte ich mich sehr viel mit dem Buddhismus, der buddhistischen Sichtweise auf das Leben, auf Leid und Freude. Ich las jedes Buch, das ich in die Finger bekam und besuchte buddhistische Zentren in allen Städten, in denen ich über die Jahre lebte. Und wenn ich eins aus all diesen Jahren mitgenommen habe, dann das grundlegende Gefühl der Verbundenheit mit allen Menschen, allen Lebewesen auf dieser Erde. Daraus entstammt ein großer Teil meines Einfühlungsvermögens in das Leid und die Verhaltensweisen von anderen Menschen, mich als Teil von ihnen und all ihr Sein als Teil von mir verstehen zu können. All dies half mir z.B. in meinem Studium der Sozialen Arbeit Menschen hinter ihren Taten wahrzunehmen und wertzuschätzen – egal für welche Gewalttat sie verantwortlich waren, von Mörder*innen bis hin zur Arbeit mit z.B. Menschen mit pädophilen Ausprägungen.
Es hat lange gedauert diese grundlegende Haltung voll und ganz annehmen und im professionellen Kontext leben zu können – aber Berufliches und Privates gehen manchmal auch unterschiedliche Wege.

Meine buddhistische Grundhaltung ließ mich zuerst vor Trauer weinen:

Ein Mensch, der sein Leben verliert, weil er mit sich und seinem Leben nicht klar gekommen ist. Was musste dieser Mensch erlebt haben, um all diese destruktiven Bewältigungsmechanismen aufgebaut zu haben? All diese Gewalt, die er in sich trug und nach außen richtete, keinen Sinn im Leben sah, als aller Status und Materielles weg war. Ich weinte um das Kind, das er mal war, sah ihn vor mir spielen, so wie ich mein Kind sehe und fühle. All das Glück, die Freude, die Erwartungen auf das Leben… Um den Verlust dieser weinte ich nun also.

Außerdem war da immer wieder dieses seltsame Vermissen, die nun einkehrende Gewissheit, dass es nie wieder die gewohnte Routine meiner Vergangenheit geben würde. Dieser Punkt ist gerade für Menschen mit kPTBS immer wieder schwierig: Das Vermissen, die Sehnsucht, vllt. sogar sowas wie Liebe zu Menschen, die einem Schlimmes angetan haben…
Immer wieder wurde diese Trauer flankiert durch auftauchende Erinnerungen, Bilder, sein für mich so böse erscheinendes Gesicht in der Kindheit (…). Wut bis hin zu Schadenfreude zeigten sich in mir. Sofort schämte ich mich für Letzteres – dennoch gab es irgendwo in mir einen Teil, der sein Recht auf diese Gefühle einforderte. Immer wieder.

Ich dachte an die Jahre voller Angst, den Hass, die Ohnmacht in seiner Gegenwart. Auch Erinnerungen aus meiner Erwachsenenzeit, in der er seine Art mir gegenüber nicht änderte. Alles war da und bahnte sich seinen Weg an die Oberfläche.

So saß ich in meinem Garten, tagelang, wieder und wieder, weinte vor Trauer und vor Wut, war durcheinander, verwirrt und erlebte auch ruhige Momente des inneren Friedens.

Ich wollte mir diese Zeit geben, alles fühlen was da war und den Raum für all mein Sein öffnen.
Und das tat ich, ganze drei Tage. Und dann fuhr ich ins Krankenhaus, um mich zu verabschieden.

Ich wurde vor dem Krankenhaus von einem Familienmitglied abgeholt. Dieses sagte mir gleich, dass er bereits im Koma liegt und ich spürte in mir wie überrascht, ja sogar traurig, ich war. Anscheinend gab es da eine Sehnsucht in mir, die gehofft hatte nochmal mit ihm reden zu können – auch wenn ich sie bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte. Lange hatte ich für diese Gefühle keine Zeit, denn kaum auf der Station angekommen stand seine Mutter mir schon gegenüber und blitzte mich wütend an. Ich verstand jede ihrer Gedanken, was ich denn hier nur wolle und weitaus schlimmere Dinge, die ich hier nicht verwenden sollte! Sie und ich hatten niemals irgendeine gute Beziehung zueinander und ihren Hass mir, dem angeheirateten Kind ggü., war Zeit unseres gemeinsamen Lebens spürbar. Ich versuchte dennoch höflich und nett zu lächeln, denn egal was ich von ihr hielt – ihr Sohn war gerade dabei zu sterben.

Ich weiß noch, wie in Trance, betrat ich den Vorraum zu seinem Zimmer. Ich spürte die Aufregung mir bis zum Halse schlagen und als sich die Tür zu ihm öffnete – stand ich wie angewurzelt da. Die vorbeiziehenden Sekunden kamen mir wie Minuten vor. Ich sah ihn dort auf dem Bett an diesen Schläuchen und ohne Bewusstsein – und in meinem Körper tobte ein Feuerwerk, was urplötzlich versog. Meine Schultern, meine Arme, mein Bauchraum, meine Beine – es war als wenn sich jeder Muskel meines Körpers entspannte. Ich konnte gar nicht glauben was alles von mir abfiel und hätte es mir nie vorstellen können – bis zu dem Moment, in dem es wirklich passierte. Eine riesige Welle der Angst ebbte ab und es wurde still in mir. Ich konnte mir das später nur so erklären, dass mein ganzer Körper immer noch in Alarmbereitschaft war bei dem Gedanken und dem Vorhaben ihn zu sehen, mein Körper verband ihn über so viele Jahre mit Gefahr, wie sollte das jetzt in dem Moment in Erwartung des Wiedersehens anders sein. Auch die Information, dass er im Koma liegt, ohne Bewusstsein sein sollte, ist nicht zu meinem Körper durchgedrungen – bis ich ihn tatsächlich dort hab liegen sehen.

In der folgenden Stunde unterhielt ich mich mit den Anwesenden und betrachtete ihn immer wieder, seine Haare, seine Haut, die Fingerspitzen und die Hände, den Hals, die Ohren, die Nase, das Gesicht. Ich war wie gebannt von der Reglosigkeit und konnte nicht begreifen was ich da sah. Wie viel Angst ich immer vor diesem Körper hatte, jede Kleinigkeit hatte ich seit Jahrzehnten in meinem Kopf abgespeichert und nun lag all dies vor mir und konnte mir nicht mehr weh tun.

Es war eine unwirkliche Situation – ist sie bis heute.

Irgendwann gingen meine Gedanken zu seiner Mutter und ihm. Sie war sichtlich betroffen und furchtbar traurig. Sie nannte ihn beim kindlichen Spitznamen, immer wieder. Und dann sah ich ihn nicht mehr als angsteinflößenden Täter vor mir, sondern als Kind dieser Frau. Wie er wohl vor ihr auf dem Boden gespielt hatte als kleines Kind, wie er sie angehimmelt hatte. Wie sie wohl gelächelt hat bei seinen ersten Schritten. Ich sah all die Liebe und Unschuld – in einer Familie voller Täter*innen. Und ich spürte wie mein Inneres weich und liebevoll wurde. Ich sah ihn mit ihren Augen und erkannte deutlicher als je zuvor den Menschen mit liebevoller Art und Weise vor mir. Auch wenn ich diese kaum am eigenen Leibe erfahren durfte, war sie da, das wusste ich. Und die Traurigkeit nahm wieder den Raum ein.

Da ich nicht wusste, ob und was er überhaupt noch hörte, ging ich einfach davon aus, er würde uns im Raum verstehen. Ich wollte diesem Menschen in seinen letzten Stunden nichts vorheucheln, er wusste genau was ich von ihm hielt und ich wusste was er von mir hielt, wollte aber dennoch wertschätzende und nette Abschiedsworte an ihn richten, die gleichzeitig authentisch waren. Also sagte ich, dass wir es zusammen oft nicht leicht hatten in unserem gemeinsamen Leben, wir uns oft gestritten haben, dennoch hatten wir eine lange gemeinsame Familienzeit, die auch schöne Momente beinhaltete. Das morgendliche Frühstücken am Sonntag, die Dönerzeit am Freitagabend, das Tina-Turner Konzert in den 90ern (…)

Ich zählte ein paar Momente unseres Zusammenlebens auf, die ich als „einigermaßen in Ordnung“ einschätzen konnte. Dass ich auch während all dieser Momente voller körperlicher Anspannung und grundlegender Ängste war, ließ ich einfach weg… Ich weiß, dass einige in dem Raum um das fürchteten, was ich sagen würde. Aber die meisten waren versöhnlich gestimmt und so entstand eine behagliche Atmosphäre. Und dies war mein Geschenk an ihn, an diesen sterbenden Menschen – mit seinen liebevollen Anteilen – im Angesicht dieses bedauerlichen und tragischen Verlustes seines Lebens…

Als ich mich verabschiedete und ihn das letzte Mal sah, ging es mir gut. Ich hatte alle inneren Räumen, die gefühlt werden wollten, wahrgenommen und im Abgleich mit den für alle behaglichen, letzten Momente ihre Daseinsberechtigung gegeben. Als ich den Weg vom Krankenhaus zu meinem Auto ging, „sah“ ich den sterbenden Menschen als kleines Kind neben mir gehen, er lächelte mich unschuldig und unbeholfen, ohne je Täter gewesen zu sein, an. Er nahm meine Hand und wir gingen ein Stück zusammen. Es fühlte sich sehr befreiend an ihn so zu sehen und ich fühlte mich gut in seiner Gegenwart. Am Ende des Klinikgrundstückes blieb er stehen und ich sah, wie er mir zuwinkte. Ich drehte mich immer nochmal um und sah einfach nur noch ein Kind, so liebevoll und unschuldig, wie es auf diese Welt gekommen war.

Über die Jahre dachte ich immer wieder viel an diese letzten Tage seines Lebens, an meine Gefühle und den Umgang mit dieser Situation… Im Nachhinein fiel mir auf, wie mutig ich doch sein musste, wie viel Überwindung mich all das gekostet hat. Aber es fühlt sich bis heute richtig für mich an. Und auch in diesem damaligen Moment machte ich Gebrauch von meiner Methode „des einfach Losgehens“, die ich vor einiger Zeit in dem Artikel „#EMDR: Die Schlucht – Umgang mit Scham in der Therapie“ beschrieben habe.

In meiner EMDR-Therapie, in diesem Jahr, machte ich immer wieder die Erfahrung, dass ich Menschen, durch die ich viele Schmerzen erleiden musste, in der Verarbeitung liebevoll verabschieden konnte. Es war ein immer gleicher Ablauf – eine Aufspaltung der Anteile innerhalb der Täter*innen. Die gewaltvollen Teile besiege ich letztendlich immer und die liebevollen Anteile dieser Menschen nehmen entweder eine kindliche, liebenswerte Gestalt an oder werden zu blauen Schmetterlingen, die frei gen Himmel fliegen…

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wundervoll … Segen …. alles Liebe!
    Meine Hochachtung! M.M.

    Gefällt 3 Personen

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Danke 💛

      Gefällt 2 Personen

  2. Paleica sagt:

    soviel gänsehaut bei diesem text. wunderbar, du hast das ganz unglaublich toll gemeistert.

    Gefällt 2 Personen

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Danke für die lieben Worte… 💙

      Gefällt 2 Personen

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