#EMDR: Die Schlucht – Umgang mit Scham in der Therapie


Beitrag von Nicole
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⏱ Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Intro

Folgende Artikel gehören zu dieser Reihe:

  1. Therapieerfahrungen
  2. #EMDR: Wer Wie Was?
  3. #EMDR: Der Brunnen
  4. #EMDR: Die Schlucht – Umgang mit Scham in der Therapie
  5. #EMDR: Der Weg
  6. #EMDR: Die Schattenmonster
  7. #EMDR: Der Abfall
  8. #EMDR: Die Schmetterlinge


Rein kognitiv bin ich in meinem heutigen Leben soweit, dass ich sehr schnell bemerke, wenn mir meine Gedanken und Gefühle von jemand anderem oder anderen Menschen die ihren abgesprochen werden. Und ich reagiere heutzutage darauf – lass es nicht mehr einfach so stehen, lass es nicht mehr einfach so geschehen.

Dennoch, auch wenn ich heutzutage kognitiv so auf Geschehnisse reagieren kann, betrifft dies nicht meine Gefühlsebene, die immer wieder von den Geistern der Vergangenheit eingeholt wird.

Für eine erfolgreiche Therapie muss neben der Bereitschaft auch wirklich hinsehen zu wollen, was da so in einem abging und abgeht, auch die vorhandene und zum Teil überwältigende Scham auf der Gefühlsebene überwunden werden. Wie ein Schloss vor der Tür riegelt sie das „Verbotene“ ab. Ich muss also erstmal einen Weg finden sie zu überwinden, damit ich und mein Therapeut zusammen in die Dunkelheit hineinblicken können.

Vielleicht schon mal vorweg genommen:
Eine „Mir-Alles-Scheißegal-Haltung“ hilft mir dabei ungemein…

Aber wie komme ich da immer wieder aufs Neue hin? Denn die Scham ist nicht weg, nur weil ich einmal beschlossen und gefühlt habe, dass alle meine Gefühle und Gedanken eine Daseinsberechtigung haben. Sie kommt in Wellen, ist an so viele Synapsen geknüpft.

Jeder Weg ist da natürlich sehr individuell und ich kann hier nur von meinem ganz persönlichen Umgang mit Scham schreiben.

Während der EMDR-Sitzungen, vor allem direkt vor dem Beginn der Verarbeitung, spüre ich also Scham und Angst, sie formen meine Gedanken. Ich schäme mich meiner und der Sachen, die mein T. vllt. gleich sehen wird. Ich will es niemandem zeigen, ja, eigentlich nicht mal mir selbst. Ich bin furchtbar, ich bin schlecht… BlaBlaBla… Ist es manchmal furchtbar sein eigenes inneres Gelaber ertragen zu müssen…

Dann trete ich von mir zurück, nehme Abstand zu dem was da gerade passiert und greife eine Gedankenschleife auf, die in besonders schwierigen Zeiten in meinem Leben half. Dabei stehe ich an dem Abgrund einer Schlucht und vor mir zeichnet sich langsam und schemenhaft eine Art Weg, eine morsche Brücke ab. Ich weiß nicht ob sie mich hält.

Bild von Aravind kumar auf Pixabay

Ich kann nichts planen, keine Zukunft, keine Gegenwart, Nichts. Das erlebte ich z.B. in meiner Kindheit und Jugend, in schlimmen suizidalen Phasen oder wenn mich alles überforderte in meinem Leben, auch wenn ich vollkommen unergründliche und realitätsferne Ängste im Hier und Jetzt empfand oder ich mich einfach nur vollkommen Haltlos fühlte. Dann blieb meist nur noch eins:

Atmen. Ein- und Ausatmen. Autopilot.

Von dem Autopiloten komme ich dann in eine Gedankenschleife. Diese umfasst dann zur Überwindung der Scham (auf mich persönlich bezogen) ungefähr folgende Inhalte, während ich in die Schlucht und auf die Brücke blicke:

  • Du steckst doch bereits so lange schon in einem Abgrund, was soll denn noch schlimmer sein? Welche Gefühle sollen denn da noch kommen?
  • Wenn Du diese Brücke begehst, gibt es eine 50prozentige Chance, dass Du hier raus kommst… Eine größere Chance als jetzt…
  • Wie soll etwas noch schlimmer sein, als all das, was Du bereits gefühlt hast in den Zeiten, da Du dir das Leben nehmen wolltest? Es wird vllt. genauso sein, genau solche Schmerzen, die dich genauso zerreißen. Das habe ich schon mal durchgestanden – aber dieses Mal gibt es die Hoffnung auf Besserung, auf Heilung, wenn ich diesen Weg gehe, dann gehe ich wenigstens einen Schritt nach vorne – egal wohin und ob es mich trägt.
  • Ja, es ist wie ein Schritt in die absolute Dunkelheit – voller Angst und doch tue ich es einfach! Wie ein Abenteuer mit Adrenalin und einer Art Vorfreude!

Und wenn meine Gedanken auf T. und was er von mir denken könnte fallen, ich klein und winzig werde, im Boden versinken möchte vor Scham, dann denke ich daran…

  • dass er auch nur ein Mensch ist, genauso wie ich.
  • Er findet es bestimmt interessant für seine fachliche Expertise zu sehen, wie ich innerlich funktioniere. Nicht mehr nicht weniger.
  • Dass er auch in 100 Jahren unter der Erde liegen wird, genauso wie ich. Nichts wird dann mehr bleiben von dem hier. Es wird alles verfliegen im Wind…
  • Dass das alles hier, das gesamte Leben, nur eine Seifenoper ist und die kann ich nun mit Inhalt füllen. Und eine Seifenoper voller Schmerz und Leid kann interessanter sein, als eine langweilige, vor sich hin plätschernde…
  • Was er denkt und was er sagt ist für mich und mein Ziel hier in der Therapie bedeutungslos. Ich brauche seine Begleitung ja nur für mich, um aus dieser Scheiße herauszukommen. Nichts weiter ist das hier.
  • Er ist ein Roboter, der die Verarbeitungsschritte mit mir durchgeht, der sich nichts dabei denkt und fühlt.
  • (…)

Wenn die Gefühle rund um Angst und Scham dann weniger werden, bin ich gefühlt mit T. auf einer Ebene, auf einer Augenhöhe. Es gibt nichts mehr außer meiner Wirklichkeit, meinen Gefühlen und Gedanken. Ich nehme mich vollkommen ernst und kümmere mich nicht mehr um andere. Wenn ich in meine inneren Welten abtauche, verdränge ich alles andere aus meinem Bewusstsein, gebe mich nur meinem Inneren und all den Regungen hin.

Ich betrete die Brücke und gehe einfach los…

Bild von StockSnap auf Pixabay

Zwischendurch ploppen immer wieder störende Gedanken auf und die Anwesenheit meines T. tritt wieder in mein Bewusstsein, dann fokussiere ich mich wieder neu und verdränge oder ordne seine Existenz erneut ein.

Soviel zu meiner Umgangsweise mit der Scham innerhalb der Therapie…

Keine Ahnung warum ich in der Therapie nur in dieser Weise richtig mit mir in Verbindung komme und bleiben kann, aber es ist mir auch egal… Ich muss auch nicht alles verstehen…

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