Vermissen und Sehnsucht

⏱ Geschätzte Lesedauer: 3 Minuten

Durch all die Enttäuschungen und Verletzungen, die ich durch enge Bezugspersonen in den letzten Wochen erfahren habe, holt mich die Einsamkeit wellenförmig wieder ein, flutet mein Gefühlsempfinden bis nichts anderes mehr übrig ist. Mit dieser Einsamkeit kam auch das Vermissen nach meinem Vater zurück. Eine Wehmut nach all der empfundenen Liebe für ihn, die ich bei meiner Mutter nie fand. Nach all den Gefühlen, die ich immer mit einer tiefen Geborgenheit, ‚Sicherheit‘ und Zugehörigkeit beschreibe, eine Zugehörigkeit, die zwar unverhandelbar war, aber mir damit auch Halt gab. In seinen Armen, an seinen Oberkörper geschmiegt, das war zu Hause für mich. Eine Geborgenheit, die mir heute so fehlt. Es war ein loslassen, ein abgeben der Kontrolle über die Welt, die ich dann nicht tragen musste. Er hatte so viel Macht, mein Papa, die ich ihm eigentlich auch gerne gab. Das war Liebe, für mich war sie echt. Ich glaube, ich habe nie wieder einen Menschen so sehr geliebt, wie ich meinen Vater geliebt habe. Vielleicht. Vielleicht auch nur, weil das die bedingungslose Liebe eines Kindes war, die geblieben ist, trotz allem. Zusammen mit dem Vermissen kommt unweigerlich die Angst, und er in meine (Alb-)Träume, zurück. Er hat an meine Tür geklopft. Einen kleinen Spalt habe ich geöffnet, nur um zu sehen, wer da ist, doch er hat sie gleich aufgerissen, mit Gewalt und dann war sie da, mit einer Wucht, die unbändige Gefahr. Erschrocken riss ich die Augen auf und war wieder sicher im Hier und Jetzt. In einer weiteren Nacht hat er meine Brust durchbohrt. Mit einer Art  Korkenzieher, einem überdimensional großen, hat er das spitze Eisen durch mich hindurch gedrückt, mit drehenden Bewegungen, knackend, durch meinen Brustkorb hindurch. War es eine Vision, eine Vorahnung oder etwas das tatsächlich passiert ist, das wurde im Traum nicht klar. Getrieben war ich trotzdem von der Angst und von drängenden Fragen, ob denn nun von ihm eine Gefahr ausgeht. Ich habe unentwegt gesucht nach dem Vertrauen in ihm, nach Gewissheit, dass er nicht so ist, dass er mir nichts antut. Kann ich bleiben oder muss ich gehen? Es war ein gehetzter Traum, mit vielen wirren Szenen, die einen ganz bitteren Beigeschmack hinterließen, doch sie sind irgendwie an mir vorbeigegangen. Verzweifelt habe ich die ganze Zeit versucht die Puzzleteile zusammenzutragen, dass er mich doch aufrichtig liebt, dass ich bei ihm sicher bin und dass ich ihm vertrauen kann (, weil er doch mein Papa ist).

All das schmerzhafte Vermissen löst eine nicht weniger schmerzhafte Sehnsucht in mir aus, an dessen Stelle immer wieder R. tritt. Ausschließlich, seit Jahren und es ist mir so unangenehm zuzugeben, wie sehr. Es ist so erbärmlich, aber so nagend. In ihm finde ich all meine verlorenen Gefühle wieder, diese warme Geborgenheit und eine Sicherheit, die keine Angst verspricht und nicht gleichzeitig auch Gefahr bedeutet. Das sehe ich in ihm, zumindest glaube ich das. Es ist eine Sehnsucht, die aus dem gleichen Vermissen entspringt, nur, dass sie doch ganz anders ist. Dass er ganz anders ist. Da gibt es keinen Wahnsinn, der in seinen Augen flimmert, keine Härte, die sich dahinter verbirgt. Nur Wärme und eine Sanftmut, die nie böses will. In solchen Armen möchte ich versinken und bleiben. Ich vermisse sie beide und die Zuneigung, die ich für beide empfinde, ist enorm, aber ich sehne mich nur noch nach einem. 

Was für ein eigenartiger Text. Schambesetzt, das Vermissen und die Sehnsucht, die aus dieser Einsamkeit so groß gewachsen sind. Warum liebt man jemanden so sehr, der einem so weh getan hat und warum jemanden, der das so vermutlich nie erwidern wird? Und warum frage ich mich das, obwohl ich dafür doch so viel Antworten habe… Das Beste ist wohl, wenn ich diesen gestörten fast ‚Liebesbrief‘ nun beende.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Susann Uckan sagt:

    Ist es eine Art Schutzreaktion, dass unangenehme Erlebnisse unterdrückt werden und dafür die positiven Gefühle es überdecken? Wenn ich an manche Personen mich zurückerinnere, die ich aus gutem Grund aus meinem Leben verbannt habe, dann sind die auslösenden Gefühle (für die Trennung) verschwommen und es drängen sich die schönen Momente hervor – als ob mein Hirn nicht zulassen will, erneut verletzt zu werden.

    Gefällt 3 Personen

    1. tina von traumaleben sagt:

      Puhh, ja das hast du ziemlich treffend formuliert, sehr sogar! Dadurch bleibt kaum Raum für Wut und all die weiteren negativen Emotionen, die auch zu meinem Vater gehören. Ich schätze, ich verhindere dadurch konkrete Erinnerungen, unterdrücke all die kaum aus-haltbaren Gefühle, die damit verbunden sind… Danke für deinen aufmerksamen Kommentar! Der hält mir gerade meine Schutzmechanismen nochmals vor Augen, die ich zwar großteils kenne, aber trotzdem immer wieder gerne “vergesse”.

      Gefällt 2 Personen

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