#EMDR: Wer Wie Was?

⏱ Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Triggerwarnung:
Die Artikelreihe #EMDR wird genauere Beschreibungen von unheimlichen Situationen und Gewalterfahrungen aus Kindheit und Jugend beinhalten.
Außerdem kommt es zu Aufzählungen und Beschreibungen von Verletzungen.
Bitte lies Dir diese Artikelreihe nur durch, wenn Du Dich dafür stabil genug fühlst.
Achte gut auf Dich.
Hier kommst Du nochmal zur allgemeinen Triggerwarnung
(einschließlich Hilfetelefonnummern) der Website TRAUMALEBEN.


Letzte Woche berichtete ich euch von meinen Erfahrungen bzgl. der Therapieformen Verhaltens-, tiefenpsychologische und Traumatherapie. In dem Artikel sprach ich bereits davon, dass ich eine Artikelreihe zu einigen meiner EMDR-Sitzungen machen möchte.

Ich finde einen direkten Einblick in die Geschehnisse und Verläufe ganz interessant, weil ich, als ich mich darüber informierte, nur sehr allgemeine Beschreibungen finden konnte. Tatsächliche persönliche Erfahrungen und die Möglichkeiten, der sich abspielenden Gedanken, Gefühle usw. blieben mir vollkommen unklar, dabei war ich sehr neugierig. Natürlich ist eine EMDR-Therapie von Mensch zu Mensch vollkommen verschieden – wir haben unterschiedliche Biografien, Erfahrungen, Bewältigungsstrategien, Glaubenssätze usw. Außerdem hängt der Verlauf auch von den Therapeut*innen und ihrem persönlichen Stil ab. Daher wird jeder Mensch traumatische Erfahrungen ganz anders verarbeiten und das ist auch gut so. Die von mir beschriebenen Sitzungsverläufe sind individuelle Einblicke – mehr nicht.

Im Mai diesen Jahres begannen wir, also meine Therapeut (ab jetzt nur noch T.) und ich, mit den EMDR-Sitzungen. Dafür sind jedes Mal ca. zwei Stunden angesetzt. Wir beginnen immer gleich: T. fragt mich wie es mir geht und ich erzähle von meiner Woche. Wenn ich stabil genug bin beginnen wir. Dafür setzt sich T. ca. 2 Meter mir gegenüber auf einen Stuhl, ich bekomme eine Glas Wasser und stelle es auf den Glastisch neben mir ab und dann muss ich noch entscheiden welchen Pendelstab ich während der Sitzung nutzen möchte – es ist immer der Stab mit der orangenen Kugel am oberen Ende. Orange ist für mich eine warme Farbe (der andere Stab hat eine blaue Kugel) und mein Inneres öffnet sich nur gut bei warmen Farben.

Als nächstes holt T. jedes Mal ein Klemmbrett mit Zettel hervor und wir beginnen mit einer kleinen Bestandsaufnahme bzw. Fragerunde. Zuerst entscheiden wir welches Thema wir betrachten wollen. Bisher waren es z.B. die Themen „sich auflösen wollen“, „sich ausgeschlossen fühlen“ oder „wertlos sein“, „ein Nichts sein“, „nicht Dasein dürfen“. Diese Themen stehen in einem engen Zusammenhang mit einer Vielzahl von klar benennbaren Situationen aus meiner Kindheit und Jugend, die sich oft wiederholten, und bis heute Auswirkungen auf das Hier und Jetzt haben. Für andere Menschen, die mich nicht so gut kennen, ist dies meist kaum sichtbar. Nachdem wir das Thema festgelegt haben geht um die Auswahl einer konkreten Situation in meiner Kindheit und Jugend, in der dieses Thema stark fühlbar war. Dann beantworte ich dazu in etwa folgende Fragen:

  1. Welches Gefühl löst die Situation jetzt in mir aus?
    Antwort: z.B. Ich fühle mich klein (Kind) und wertlos.
  2. Wie stark fühle ich dies jetzt?
    Skala 1 (schwach) bis 7 (stark).
  3. Wo fühle ich dies in meinem Körper?
    Antwort: z.B. im Brustbereich, im Bauchbereich.
  4. Wie möchte ich mich im Gegensatz dazu fühlen?
    Antwort: z.B. Ich möchte mich groß (Erwachsene) und wertvoll fühlen.
  5. Wie stark fühle ich dies jetzt?
    Skala 1 (schwach) bis 10 (stark).

Nachdem wir alles durchgegangen sind, gehen wir direkt in die Situation. Das heißt T. sagt mir, ich solle mich jetzt in die Situation begeben und mit meinen Gefühlen in Kontakt treten. Dazu brauche ich meist einen Moment, da die Situationen nicht wohltuend waren und ich mir die Szenerie, die Menschen, die Gefühle erst wieder voll bewusst machen muss. Ich habe meist den Anspruch an mich, dass ich mich wirklich in der Situation befinden, also voll und ganz in ihr wiederfinden möchte. Das ist am Anfang meist sehr unangenehm, da diese Situation ja auch aus genau diesem Grund ausgewählt wurde.

Ich hatte am Anfang, vor dem Beginn der EMDR-Sitzungen, ggü. T. meine Bedenken und Ängste zu den bevorstehenden Sitzungen geäußert. Ich hatte Angst Situationen und Gefühle nicht aushalten zu können, Angst vor den Auswirkungen der Sitzungen bzw. Angst davor tage- oder wochenlang unter den Nachwirkungen zu leiden. T. äußerte dann in etwa Folgendes: „Na ja, leiden tun sie doch so oder so. Auch ohne Verarbeitung spüren sie die Auswirkungen durch die Traumafolgestörungen jeden Tag. Ob sie nun deshalb leiden oder weil sie Teile des Traumas verarbeiten – durch letzteres ist wenigstens eine Hoffnung auf Besserung in Sicht.“ Das waren für mich ausschlaggebende Argumente. Also stürze ich mich jede Sitzung in die Situationen, da ich immer die Hoffnung habe, dass es eines der letzten Male sein könnte, dass mir die Erinnerungen an die Situation so weh tut.

T. fragt mich dann immer, ob ich in Kontakt mit der Situation und meinen Gefühlen bin. Wenn ich soweit bin, bejahe ich diese Frage. T. beginnt daraufhin, ruhig auf seinem Stuhl sitzend, mit dem orangenen Stab auf der Höhe meiner Augen von links nach rechts zu pendeln. Meine Aufgabe besteht nun darin, den Kopf still zu halten und dem Stab ununterbrochen mit den Augen zu folgen während ich mich innerlich in der Situation befinde.

Im Verlauf der Sitzung gestaltet sich die Verarbeitung der Erinnerung und zugehöriger Gefühle nun in einem Wechsel zwischen ca. 2 bis 3 minütigem Pendeln, das unterbrochen wird durch eine Ruhephase von ca. einer Minute. In dieser fragt mich T. jedes Mal, was gerade los ist in mir. Ich antworte was in mir passiert ist.

Bis ich mich vom Hier und Jetzt ganz gelöst und in der Situation voll angekommen bin, vergehen meist zwei bis drei Pendelphasen. Das Einlassen auf die damaligen Gefühle, d.h. sie jetzt in diesem Moment wieder voll fühlbar zu machen, ist für mich meist das Schwerste. Zum einen ist da immer eine gewisse Angst bzw. ein gesunder Respekt vor den aufkommenden Gefühlen und zum anderen kommt es auch vor, dass ich mich wie betäubt fühle, d.h. keinen Zugang zu meinen schlimmen Gefühlen bekomme. Dann suche ich in mir nach Triggern, die meine Gefühle hervorholen. Das können ganz bestimmte Blicke und Sprüche von in der Situation anwesenden Personen sein, Farben oder das Einfühlen in den Raum. Letzteres klappt immer sehr gut bei mir, da ich mich bereits als Kind durch intensive Betrachtung der Umgebung aus einer Interaktion mit Menschen herausflüchten konnte. Räume sind für mich mit ihren Einrichtungsgegenständen intensive Erinnerungsträger – bis heute.

Bin ich in vollem Kontakt mit den Menschen und Gefühlen in der Situation in meinem Inneren, beginnen sich Dinge zu verändern. Am Anfang sehe ich meist wie die Menschen in der Situation agieren. Dazu gehören Mimik, Gestik, Sätze, manchmal verschwommen, manchmal klar. Immer wieder konnte ich sehen, dass bestimmte Faktoren fester Teil des traumatisierenden Geschehens darstellt. Dazu gehören z.B. ganz bestimmte Gesichtsausdrücke meiner Mutter und meines Stiefvaters, Schnaufen, Schnalzen, Tonfälle, Handbewegungen – Dinge, die über Jahre gleich waren und fest mit ihnen verbunden sind in meiner Erinnerung.

Genau das sind die immer wiederkehrenden Erinnerungsstücke, die mich zusammenzucken lassen, mich lähmen, mich das Atmen vergessen lassen – bei einem Menschen mit ähnlichen Verhaltensweisen in z.B. einer Einkaufsschlange, wenn ich einen Menschen mit ähnlichem Gang sehe, gleicher Haarfarbe usw.

Im weiteren Verlauf der Pendelphasen verändern sich die Situationen und ergänzen sich um irrationale Elemente, z.B. eine Wand aus Dunst und Rauch, Käfige in der Mitte des Raumes, Fesseln usw.

Wenn die Situationen mit zugehörigen Gefühlen zu heftig werden, ich weine, zucke usw. weist mich T. in den kurzen Ruhephasen immer darauf hin, dass in der Phantasie alles möglich sei und ob mir nicht jemand zur Hilfe kommen kann. Die Imagination von sogenannten Hilfsintrojekten, also z.B. einer guten Fee o.ä., ist dann in der Verarbeitung ausschlaggebend. Ich bin in den inneren Situationen immer wieder das damalige Kind, dass den Situationen und Menschen hilflos ausgeliefert war. Jetzt geht es darum, dass ich mir mit für mich passenden und für mich in meinen Verstand eingliederbaren Hilfsmöglichkeiten aus der jeweiligen Situation herausverhelfe bzw. die mich bedrohenden Menschen besiege. Das war mir als Kind und Jugendliche nicht möglich – nun holen wir das sozusagen für meinen physischen und psychischen Körper nach.

Durch das Pendeln, also die Augenbewegungen von links nach rechts während des Durchlebens dieser Situationen, arbeiten die linke und rechte Gehirnhälfte in der Form zusammen, dass Erinnerungen und Gefühle neu und tiefgreifend abgespeichert werden können in unserem Körper.

Durch meine mit der Zeit fest etablierten Hilfsintrojekte kann ich Situationen immer wieder verändern, das fühlt sich jedoch immer wie ein Marathon und eine Ewigkeit an. Irgendwann, zum Ende hin, werde ich immer extrem müde, fühle mich wahnsinnig erschöpft. Einmal bin sogar fast eingeschlafen und ein anderes Mal hatte ich das Gefühl ohnmächtig zu werden. Da solche EMDR-Sitzungen sehr kräftezehrend sind, darf ich danach mindestens eine Stunde kein Auto oder Fahrrad fahren.

Die für mich schlimmsten Momente in meinen bisherigen Sitzungen waren meine körperlichen Reaktionen auf Erinnerungen, auf Bruchstücke, von denen ich nicht weiß, ob sie real waren oder nur eine symbolische Bedeutung in meinem Unterbewusstsein haben. Zu den körperlichen Reaktionen gehörten z.B. das für mich reale Fühlen von blutenden Wunden überall auf meinem Kopf, verletzter oder gebrochenen Gliedmaßen und einer Gehirnerschütterung mit Schwindel und Übelkeit. Ein einziges Mal konnte ich die körperlichen Reaktionen nicht innerhalb der Sitzung abklingen und heilen lassen. Das Gefühl der Gehirnerschütterung blieb tagelang bestehen. Es war wirklich erstaunlich. Ich nahm alles nur dumpf um mich herum wahr, die Kopfschmerzen blieben, es fühlte sich an, als wenn ich offene Wunden am Kopf hätte. Der physische Zustand fühlt sich genauso wie in meiner schemenhaften Erinnerung an. Nachdem ich T. davon erzählt hatte, bemerkte ich eine Veränderung in den EMDR-Sitzungen. Seit dem gestaltet T. die sich am Ende der Situationen in mir vollziehenden Heilungsprozesse länger, weit mehr Pendelphasen begleiten diesen Zeitraum, der Ausklang der Verarbeitung nimmt also mehr Zeit in Anspruch.

Der eben dargestellte Verlauf ist in jeder EMDR-Sitzung gleich – die Inhalte, also die Situationen, variieren, wenn auch die darin vorkommenden Menschen nicht.

Im Verlauf dieser EMDR-Reihe möchte ich nun einige Verarbeitungsprozesse, also die tatsächlichen Inhalte der Situationen, wie Geschichten erzählen. Vielleicht interessiert es einige, was mein Gehirn sich da für Szenerien zusammengestellt hat, um dem Grauen der Vergangenheit zu begegnen.

Vielleicht schaffe ich eine Geschichte, immer am Ende einer Woche…
Mal sehen wie es kommt – also was das Leben dazu sagt.

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