#EMDR: Der Weg


Beitrag von Nicole
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⏱ Geschätzte Lesedauer: 7 Minuten

Triggerwarnung:
Die Artikelreihe #EMDR wird genauere Beschreibungen von unheimlichen Situationen und Gewalterfahrungen aus Kindheit und Jugend beinhalten.
Außerdem kommt es zu Aufzählungen und Beschreibungen von Verletzungen.
Bitte lies Dir diese Artikelreihe nur durch, wenn Du Dich dafür stabil genug fühlst.
Achte gut auf Dich.
Hier kommst Du nochmal zur allgemeinen Triggerwarnung
(einschließlich Hilfetelefonnummern) der Website TRAUMALEBEN.


Intro

Folgende Artikel gehören zu dieser Reihe:

  1. Therapieerfahrungen
  2. #EMDR: Wer Wie Was?
  3. #EMDR: Der Brunnen
  4. #EMDR: Die Schlucht – Umgang mit Scham in der Therapie
  5. #EMDR: Der Weg
  6. #EMDR: Die Schattenmonster
  7. #EMDR: Der Abfall
  8. #EMDR: Die Schmetterlinge

Alle hier thematisierten inneren Szenarien / Situationen / Bilder während der EMDR-Sitzung sind zum Teil reale Abbilder meiner Vergangenheit, zum Teil symbolische Imaginationen von früher erlebten Emotionen und Situationen (also Bilder, die für etwas anderes stehen) sowie Szenen, die meiner Vorstellungskraft entspringen, um eine Linderung des gefühlten Leids hervorzubringen. Bei manchen aufkommenden und in dieser Reihe beschriebenen Gedanken und Situationen lässt sich heute nicht mehr sagen, ob es sich um real erlebte Situationen handelt oder nicht.

Das liegt vor allem daran, dass das tatsächliche kognitive Erinnerungsvermögen, wie wir es als Erwachsene kennen, erst ab dem ca. dritten Lebensjahr beginnt. Alle Geschehnisse davor sind zwar im Körper gespeichert, können jedoch meist nicht bewusst beschrieben werden. Auch wenn der Körper die psychischen und physischen Reaktionen auf gewaltvolle frühkindliche Erlebnisse irgendwo gespeichert hat und diese im Laufe des Lebens immer wieder zu Beschwerden führen, wissen Betroffene kognitiv meist nicht, woher die jetzigen Reaktionen aus dieser frühkindlichen Prägung kommen.
Neben diesen frühkindlichen „Erinnerungsdefiziten“ führen auch Verdrängungs- und Abspaltungsprozesse im weiteren Kindesalter und auch später dazu, dass Situationen nicht oder nur teilweise erinnert werden können.

Aus diesen Gründen sind die Inhalte meiner EMDR-Sitzungen nicht klar in reale und fiktive Geschehnisse zu unterteilen. Meine Erinnerungen sind lückenhaft und geprägt von Verdrängung sowie dissoziativen Zuständen. Letztendlich ist es jedes Mal eine EMDR-Geschichte, die aus sich selbst heraus entsteht und sich entwickelt. Der Verlauf ist jedes Mal vollkommen ungewiss und ergebnisoffen. Ihr erhaltet hier also stets einen Einblick in meine EMDR-Geschichten, die zum Teil real und zum Teil fiktiv sind – aber vor allem und immer wieder das Ziel einer Heilung durch ihren Verlauf anstreben.

Was geschah in der Zeit der EMDR-Sitzung / Lebenssituation

Immer noch absolvierte ich im Mai 2020 die digitale Vollzeit-Weiterbildung, die mich durch immer wiederkehrende Prüfungstage sehr viel Energie kostete.
Meine beginnende depressive Episode wurde durch die erste EMDR-Sitzung aufgehoben. Die Schwere, die Auflösungsgedanken, vor allem die Emotionen, die mich so schwer nach unten zogen, waren weg. Sowas habe ich noch nie erlebt. Es war faszinierend für mich, wie so etwas möglich sein konnte. Durch meine langjährigen Erfahrungen mit depressiven Episoden kann ich sagen, dass dies die bisher effektivste Methode war, um dort herauszukommen, zumindest für eine gewisse Zeit.

Da ich keine akuten Themen hatte in dieser EMDR-Woche, nahmen wir uns ein Thema, das mich gerade sehr beeinflusst in meinem Leben. Dabei handelte es sich um Ängste, die mich immer wieder packten, sobald ich das Haus verlassen wollte.

Thema der EMDR-Sitzung

Der Weg zu einem Ziel, d.h. zu einem Ort, einem Termin, zu Personen, war immer wieder geprägt von schlimmen Gefühlen. Ich wusste nicht warum das so war, woher sie kamen oder wie ich sie los werden sollte. Das führte in weniger guten Zeiten dazu, dass ich erst gar nicht das Haus verließ. Doch irgendwann wurde dies zum Teufelskreis, da ich mich der Welt mehr und mehr entzog und meine Angst sich nur noch verschlimmerte.

Worum ging es in diesen Situationen?

Ich habe Angst loszugehen, Angst vor dem Weg irgendwohin. Als wenn da zu viel Freiraum ist für Gedanken und Gefühle.

Folgendes Bild / Situation baute sich vor meinem inneren Auge auf:

Ich stehe an meiner Wohnungstür und traue mich nicht rauszugehen, weil dort etwas „Böses“ auf mich wartet.

Der Weg

Ich konzentrierte mich wieder auf das Bild in meinem Inneren und brauchte ein paar Pendelphasen, bis ich mit mir und der Situation voll in Kontakt war, bis ich mich an der Haustür sah, mich dort spürte und die Situation fühlte.

Ich machte die Haustür auf und stand im Eingangsbereich meines Wohnhauses.

Vor meinem inneren Auge erstreckte sich ein Weg vor mir. Es baute sich eine Art Tunnel auf, der sich geradeaus in die Weite erstreckte. Er war dunkel, dennoch konnte ich alles erkennen. Der runde Tunnel bestand aus schwarzem Stoff. Er flatterte im Wind und so erstreckte sich vor mir ein sich bewegendes dunkles Tunnelgebilde.

Ich versuchte mich in diesen Tunnel hineinzubegeben, schreckte jedoch wieder zurück an meinen sicheren Platz des Hauseingangs. Um den Tunnel herum schwebten dunkle Gestalten, die mit Krallen und riesigen Nadeln den Stoffmantel des Tunnels durchstachen, sobald ich hineinging. Etwas versuchte mich zu erstechen, mich aufzuspießen. Ich erstarrte an meinem Platz. Ich konnte nicht gehen, ich konnte mich dort nicht hineinbegeben.

Immer mehr Verzweiflung machte sich in mir breit, ich überlegte und überlegte, was ich denn machen könne, um durch diesen Tunnel bis zum Licht am Ende des Tunnels zu gelangen. Ich spielte die unterschiedlichsten Szenarien durch, von schnell durchschweben, unsichtbar werden oder kriechen – nichts half. Alle würden dazu führen, dass ich verletzt werde.

Nachdem meine Angst in dieser Zeit immer größer wurde, mein Körper anfing zu zucken, die Muskelanspannung immer mehr zunahm und mein Atem nicht mehr fließen wollte, sagte T. in einer Pendelpause, dass in der Phantasie alles erlaubt sei, es könne mir jemand zu Hilfe kommen, mir helfen, hindurch durch diesen schweren Moment…

In den nächsten Sequenzen sah ich mein Kind A. am Ende des Tunnels stehen. Er sagte immer wieder zu mir ich solle doch zu ihm kommen, dann können wir zusammen spielen. Ich schrie ihm entgegen: „Ich komme nicht durch!“

T. sagte in der nächsten Pendelpause, dass A. mir vielleicht durch den Tunnel hindurchhelfen könne.

Sobald ich mit diesen Gedanken in Kontakt war, in meinem inneren Szenario, überkam mich eine Welle von Angst und Ohnmacht. Mir liefen die Tränen, ich weinte krampfartig und konnte die Vorstellung nicht zulassen, dass mein kleines Kind, für das ich die Beschützerin sein sollte, nun mich beschützen sollte. Ich wollte ihn nicht mit hineinziehen in meine Dunkelheit, es durfte nicht verletzt werden. Egal was mit mir passieren würde, alles, aber nicht das.

T. versicherte mir immer wieder in den Pendelpausen, dass in der Phantasie alles möglich ist, dass A. alles sein und tun kann, dass ich keine Angst haben bräuchte. Nachdem eine ganze Zeit vergangen war, ich A. von meiner hiesigen Lebensrealität lossagte, konnte ich mich gedanklich und emotional auf diese Vorstellung einlassen.

A. stand am Ende des Tunnels und blickte zu mir herüber. Er zeigte mir seine Bagger, mit denen er immer so gerne spielt. Dann ließ er sie in den Tunnel hineinfahren. Immer mehr fuhren in den Tunnel. Sie wurden größer und größer. Es waren so viele und sie verteilten sich über die gesamte Länge des Tunnels. Jeweils links und rechts stellten sie sich einander gegenüber an die Stoffwand und fuhren ihre Baggerarme noch oben aus, so dass sich die Baggerschaufeln berührten und sich unter ihren Armen ein weiterer Tunnel bildete. Die Krallen der Schatten, die Spitzen und Nadeln stachen weiter in den Tunnel – prallten nun jedoch am Metall der Bagger ab. Nichts durchdrang den „Baggertunnel“.

A. lächelte, lief und tanzte mir entgegen. Er war so unbeschwert. Wir trafen uns im Tunnel und gingen zusammen den Weg bis zum Ende. A. fing auf freier Fläche unbekümmert an zu spielen und ich versuchte die Situation zu betrachten und einzuschätzen.

Doch die Angst in mir war immer noch da, ich fühlte mich bedrückt und schaute mich um, ob der Angst vor alten und neuen Gefahren. Ich schaute hinter mich und sah das Tunnelszenario und die Schatten. Die Situation ließ mich nicht los. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie sich auflöste, jedoch ohne Erfolg. Es kam mir immer noch viel zu präsent vor, als dass es einfach hätte verschwinden können. Mein Verstand konnte lange keine für mich logisch ineinander greifenden Bilder erzeugen, durch die die Angst verschwindet.

T. verwies in den Pendelpausen immer wieder darauf, dass mir wieder jemand helfen könne.

Nach einiger Zeit, ich starrte das weit entfernte Haus, den Tunnel und die Schatten, Nadeln usw. an, wandelte sich das Bild. Nach und nach wurde das was ich sah zu Farbe auf einem Grund, einem Gemälde. Dickes Acryl gab dem Ganzen eine plastische Gestalt und ich betrachtete es. Auch die Szene um mich herum wandelte sich. Ich befand mich nun in einer Art Museum.

Das riesige Gemälde wanderte zu einer Wand, vor der eine Bank stand. A. spielte auf dem Boden herum und ich setzte mich auf die Bank, in Betrachtung des Bildes. Dabei nahm ich meine Gefühle und Regungen wahr. Ich fühlte mich schon ruhiger, aber noch nicht entspannt. Immer noch war ich in Habachtstellung. 

Auf der Leinwand sah ich die dunklen Schatten in Acryl. Die Farbschichten bewegten sich immer wieder etwas hin und her, fast wie auf dem „Schrei“ oder der „Verzweiflung“ von Munch. Als wären sie noch lebendig.

Währenddessen vollzog sich in mir ein Dialog zwischen der Frage, warum der Inhalt der Leinwand denn nicht einfach verschwinden könne, und dem Standpunkt, dass etwas, das da war und ist niemals ganz vergeht und Teil meiner Selbst ist. Mein Verstand rang um mögliche Vorgehensweisen und musste sich doch einfach dem ergeben, was die Gesamtheit aus Emotionen, vorherrschenden Strukturen, überhaupt möglich-integrierbare Lösungen und allem was dazwischen ist zuließ. Letztendlich musste ich mich immer dem ergeben, was sich gut und entlastend anfühlt, nicht dem, was ich für eine gute Idee hielt.

Ich stand in diesem Prozess immer wieder auf, lief umher, blickte wieder zum Gemälde. Immer wieder die sich bewegenden Acrylschichten, die die Dämonen und Schatten zeigten.

Erst als ich das Bild, so wie es war, akzeptierte mit den Gedanken „Dann gehört es halt zu mir und ist im Bild gut verwahrt.“ ging es mir besser.

Ich ließ einfach los.

Ließ los alle Bemühungen um Lösungen und Vorgehensweisen…

Ich fühlte mich freier und gleichzeitig traurig im Angesicht der Gewissheit, dass sich manche Dinge nicht auslöschen lassen. Aber es ging mir besser. Dennoch stellte sich mir die Frage, wie ich mit diesem Gemälde und seiner ständigen Präsenz weiter machen sollte.

Da brachte A. mir einen Schlüssel.

Neben dem großen Gemälde an der Wand erschien eine alte Kommode und auf dieser Kommode stand eine offene Schatulle. Ich ging hinüber und betrachtete sie und den Schlüssel. Mir gingen die Gedanken im Kopf herum, dass diese kleine Truhe das Gemälde und alles was sonst noch tief in mir ist, alles Dunkle enthält. Und mit der Öffnung kann ich alles herauslassen. Mit dem Verschließen packe ich es weg – für eine Weile. Also verschloss ich die Schatulle mit dem Schlüssel und beschloss sie nur in meiner Therapie zu öffnen – in einem sicheren Rahmen… Ich wollte in meinem Alltag freier sein mit weniger Beeinträchtigungen…

Da verschwand das Bild und es wurde ruhig und weiß um mich herum.

Ich dachte darüber nach später zu Hause ein Bild zu malen, das mir als Symbol dafür dient, dass die Dunkelheit da ist, jedoch gerahmt und ich kann die Leinwand weglegen, wenn ich es will.

T. bat mich letztendlich nochmal in Kontakt mit der Ausgangssituation zu gehen und nach und nach war dies nicht mehr möglich…

Es war weg.

Nachwirkungen

Nach dieser EMDR-Sitzung spürte ich im darauf folgenden Alltag, dass der Druck auf meiner Brust, die Sorgen, die Angst beim Losgehen weg waren. Es war wieder kaum erklärbar. Natürlich habe ich immer noch ab und zu Phasen, in denen ich „kein Bock“ habe oder Hemmungen spüre – aber anders als zuvor. Das ist ja gerade das seltsame bei Trauma und den tiefen Gefühlen, die damit in Verbindung stehen, es ist surreal wenn sie da sind, was sie mit uns machen…

Im Verlauf der ganzen EMDR-Sitzungen habe ich irgendwann zu T. gesagt, dass ich die Veränderungen im Alltag in meinem Fühlen so nicht bemerke – nur wenn ich tatsächlich in Handlung bin. Das heißt, wenn ich etwas tue und mich dann dabei anders fühle.

Und genauso war es hier.

Ich würde sagen, dass die Veränderung darin lag, dass ich mehr eine „mir egal“ – Einstellung spürte, wenn ich irgendwo hin wollte.

Dennoch, nun nach einigen Monaten, muss ich sagen, dass es immer noch Momente gibt, in denen ich nicht los gehen möchte. Aber es liegt nicht mehr an der hier bearbeiteten Problematik und den Gefühlen, sonders an anderen Dingen…

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