Veränderungen & Sehnsucht nach Beständigkeit


Beitrag von Tina
⏱ Geschätzte Lesedauer: 5 Minuten
Beitragsbild von Tina

Der Herbst ist mittlerweile vorbeigegangen, die Luft ist eisig geworden, die Blätter sind nicht mehr so bunt – das ist dann wohl der Winter, stellte ich diese Woche fest, nehme ich nüchtern wahr. Nicht nur die Jahreszeit hat sich gewandelt, auch mein Leben hat das getan. Viel hat sich verändert, während der Zeit, in der ich hier so still war. Im Außen gab es einen Terroranschlag und einen zweiten Lockdown und letzterer dauert noch immer an. Beides hat viel mit meinem Inneren gemacht, aber schreiben werde ich hier nur über den Lockdown. Der bekam mir nämlich gar nicht gut. Gerade hatte ich begonnen mich in meinem Leben – man kann fast sagen – einzuleben, mich so lebendig gefühlt, wie vermutlich noch nie zuvor, und dann war plötzlich wieder alles weg. Alles, was Halt gab, was Sinn gab, was Struktur gab. Fast. Nach so kurzer Zeit. Da waren Menschen. Schön war das. Das Verbunden sein, das Tanzen, die Uni und einfach die Menschen. Aber dann war es eben wieder weg, für mich wie spurlos verschwunden und ich fand den Boden unter meinen Füßen auch nicht mehr. In diesem Zustand konnte ich nicht weiterleben. Nicht so, nicht wieder, beschloss ich. Alles in mir schrie nach radikaler Veränderung und da wurde ein Schmerz in mir so laut, der eigentlich die altbekannte Sehnsucht ist – die mich so verzweifelt, rastlos suchen ließ. Sie riss an mir, zerrte an mir, ließ mich hier nicht ruhen und trieb mich an, weiter, weg. Eben irgendwo anders hin und in meinem Kopf kreiste die Frage „Wie willst du eigentlich leben?”. Eines Abends da schrieb ich mit der unbeschreiblich laut schreienden und alles übertönenden Sehnsucht: ,Bring mich nach Hause! Bitte. Lass mich ankommen.’  Fleht sie, unaufhörlich, mit einer Dringlichkeit, die nicht auf später zu vertrösten ist. Sie nimmt alles, weil sie hier nichts hat, nichts, das sie hält, nichts, das sie beruhigt, nichts, das sie in eine Decke hüllt, nichts, das sie entspannen lässt. Einfach nichts, das sie ausreichend berührt und wirklich zu ihr durchdringt. Lass mich nach Hause, lass mich endlich richtig atmen und mich einfach irgendwo zu Hause sein. Nach so langer Zeit. Ich will nach Hause.” 

Deswegen machte ich mich auf die Suche nach einem neuen „zu Hause” oder zumindest nach einem neuen Dach über dem Kopf und nun ziehe ich wieder um. Zum zweiten Mal in diesem Jahr, zum dritten Mal in den letzten 1 1/2 Jahren. Ich suche so sehnsüchtig nach einem Platz zum Ankommen, dabei verändere ich stetig alles immer wieder, obwohl ich mir nichts sehnlicheres als ein bisschen Beständigkeit im Leben wünsche. Nur ein bisschen mehr. Dazu passend habe ich nun auch beschlossen einem Hund bei mir ein zu Hause zu geben. Und all diese Sehnsüchte konnten in meiner Ein-Personenwohnung nicht erfüllt werden, dafür gab es Schimmel und nasse Wände –  was nun nichts von dem war, was ich wollte. Wegen den nassen Wänden durfte ich aber ohne Kündigungsfrist jederzeit ausziehen. Daher war ich in den letzten Wochen, ich glaube es waren eigentlich nur ganz wenige, wie besessen auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Nun sollte es wieder eine Wohngemeinschaft werden. Undenkbar wäre das noch vor einem Monat gewesen, nicht mehr alleine zu wohnen und wieder in eine WG zu ziehen, mit Menschen, die mich nicht kennen, wie das meine engsten Vertrauten tun. Das wäre einfach unvorstellbar gewesen. Aber es hat sich so vieles in meinen Einstellungen verrückt in dieser doch so kurzen Zeit und zusätzlich habe ich das Gefühl, ich war so einsam und wirklich auch so viel allein mit mir in diesem Jahr, wie wahrscheinlich noch nie in meinem Leben. Der Lockdowns wegen, aber auch der Beziehungsabbrüche wegen. Das heißt vom allein sein habe ich erstmal eine Weile genug. Außerdem bin ich besser darin geworden meine Grenzen zu setzen sowie Raum einzunehmen und ich traue mich ebenfalls mehr mich anderen „zuzumuten“. Denn nicht alles an mir ist eine Traumafolge(-störung), zumindest nicht in der Hinsicht, dass es nicht sein darf. Und auch nicht alles an mir sind gestörte Verhaltensweisen und fehlgeleitete Emotionen. Wie auch immer, Montag zieh ich um, in eine Wohnung mit zwei weiteren Frauen. Ich freue mich darauf und bin unsagbar aufgeregt, nicht zuletzt wegen der Entscheidung für einen Hund, obwohl auch Hunde kotzen. Vielleicht bleibe ich ja diesmal länger, komme ein Stück weit mehr an, höre auf zu laufen oder kann wenigstens ein bisschen mehr zur Ruhe kommen – in der neuen Wohnung, im neuen Bezirk.

Es gab noch so vieles mehr an Veränderungen, auch ganz große, die mittlerweile schon wieder wie ganz kleine wirken, aber um wieder schreiben zu können, muss erstmal der Umzug hinter mich gebracht werden. Chaotisch war es hier, es gab Erfolge, Verzweiflung, Tränen, Aufregung, ich bin mich blutig kratzend ausgerastet, habe mich gefreut, wie ein Kind, bin immer noch rastlos, war mutig und bin wie die meiste Zeit ein Bündel an Symptomen, die mir den Alltag erschweren.  

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. nicole_von_traumaleben sagt:

    Es liest sich schön, wie Du deinem Gefühl und Deiner Sehnsucht nachgegeben hast… Wie sie Dich in ein neues Zuhause führen… Viel Erfolg ❤️🧡💛

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    1. tina von traumaleben sagt:

      Danke dir, ja genau das war es, ein der Sehnsucht nachgeben❤️

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  2. Ganz viel Kraft für deinen neuen Weg. Ich wünsche dir, dass du ankommen darfst. ❤

    Gefällt 4 Personen

    1. tina von traumaleben sagt:

      Danke euch ☺️❤️

      Gefällt 1 Person

  3. Mondmädchen sagt:

    Liebe Tina, diesen Wunsch nach einem zu Hause-Gefühl kenne ich so gut und ich werde genau wie du auch nicht aufgeben einen Ort zu suchen, an dem ich mich wohl fühle. Und an einem Ort mit Schimmel und nassen Wänden kann man das nun wirklich nicht! Ich wünsche dir ein gutes Ankommen in der neuen Wohnsituation! 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. tina von traumaleben sagt:

      Liebes Mondmädchen, wir werden diesen Ort oder diese Wohnsituation oder aber auch diese Menschen schon noch irgendwann finden. Immerhin wissen wir, was fehlt und suchen danach🙂 Danke, auf dieses Ankommen freue ich mich schon sehr!

      Gefällt 1 Person

  4. Paleica sagt:

    ich wünsch dir alles gute für den umzug und den neustart!

    Gefällt 3 Personen

    1. tina von traumaleben sagt:

      Danke dir, bisher hat alles gut geklappt!:)

      Gefällt 2 Personen

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