Schwindende Solidarität in Zeiten von Corona!?

⏱ Geschätzte Lesedauer: 7 Minuten

Diese Woche ist erst drei Tage alt.
Und doch konnte sie mir schon vieles bieten – das ich am liebsten nicht erlebt hätte.

Am Dienstag hatte ich einen Termin in einer Arztpraxis, den ich nicht noch länger aufschieben konnte. Also ging ich hinein, mit meinem Tuch vor Mund und Nase, und wurde auch sogleich von der Mitarbeiterin auf eine Schutzmaske hingewiesen. Ich erläuterte, dass ich eine ärztliche Befreiung habe und zeigte diese vor. Sie machte davon Kopien und ich füllte noch Unterlagen aus – dies machte ich jedoch vorsorglich gleich draußen auf dem Flur da ich unangenehme Situationen mit hereinkommenden Patient*innen befürchtete. Als ich alles abgegeben hatte, wartete ich weitere 30 Minuten auf dem Flur, als sich das Wartezimmer lichtete. Ich fragte, ob ich mich hinten in eine Ecke setzen dürfe, was bejaht wurde. Alle Stühle standen, so wie vorgeschrieben, weit voneinander entfernt. Ich setzte mich in die hintere Ecke und schloss meine Augen, was ich in letzter Zeit oft in solchen Situationen tue, damit ich die Blicke einiger Menschen nicht ertragen muss. Die Zeit verging und irgendwann wurden meine Arme müde und schlapp vom Hochhalten des Tuches vor Mund und Nase. Ich drehte mich etwas in Richtung Wand und nahm das Tuch herunter. Kurze Zeit später hörte ich auch schon ermahnend aus dem Raum, in dem die vorhandenen Stühle nun besetzt waren, von einem älteren Mann, dass ich einen Mundschutz aufzusetzen habe. Natürlich lagen alle Blicke auf mir und ich erläuterte ihm, dass ich eine ärztliche Befreiung habe. Er wurde daraufhin wütend und fing an mir verschiedenste Sätze an den Kopf zu hauen, dass alle dazu verpflichtet wären eine Maske zu tragen, dass ich rücksichtslos sei usw. Eine Frau im Raum stimmte ein und schmiss mir an den Kopf, dass diese Situation hier nur wegen Menschen wie mir so wäre. Von Sekunde zu Sekunde ging es mir schlechter, mein Herz und mein Puls rasten, beim Versuch die Situation zu erläutern brach meine Stimme. Ich versuchte, in die Ecke gedrängt, zu erläutern, dass ich aufgrund einer Behinderung keine Maske tragen können, jedoch das Tuch nutzen würde. Die Frau wurde immer ausfallender, schrie mich schon halb an, sie würde zu auch schwerbehindert sein und trotzdem eine Maske tragen, dass dies keine Ausrede sein könne! Ich weiß nicht mehr was ich alles gesagt habe – irgendwas mit unsolidarischem Denken, Unterschieden in Behinderungen, dass ich solche Aussagen übergriffig und gemein finden würde usw. Letztendlich wahrscheinlich ziemlich unsinnige Sachen, sie hörten mir eh nicht zu. Als es immer lauter wurde im Wartezimmer kamen die Mitarbeiter*innen der Praxis herein und waren wohl etwas ratlos und angespannt. Sie versuchten ruhig mit den wartenden Menschen zu reden, was jedoch nicht funktionierte. Sie wurden eher noch lauter und letztendlich sagte die eine Frau, dass Menschen wie ich überhaupt nicht mehr hier rein dürften. Ich konnte nicht mehr und fing einfach vor allen an zu heulen. Wie peinlich, wie grotesk. Ich stand auf und ging raus in den Flur. Eine Mitarbeiterin fragte, ob ich mich in das Labor setzen wollte, während man weiterhin die lautstarken Proteste aus dem Wartezimmer hören konnte. Eine mir bisher unbekannte Stimme sagte sowas wie: „Sie wissen doch gar nicht was für eine Behinderung die junge Frau hat.“ Dann fingen sie untereinander an zu streiten. Ich konnte mich gar nicht beruhigen und weinte immer döller, so dass ich die Praxis verließ. Eine Mitarbeiterin kam mir hinterher und versuchte mich zu beruhigen. Sie verwies mich auf die Stühle, die hinter dem Haus standen. Wäre nicht so gutes Wetter gewesen, wäre das Ganze schon ziemlich absurd gewesen. Am besten noch im Regen hinter dem Haus, im Dunkeln, wartend.

Es dauerte ca. eine halbe Stunde bis ich mich wieder beruhigt hatte. Mir schwirrte der Kopf. Nun war ich bereits ungefähr eineinhalb Stunden da, trotz Termin, was ja auch in Ordnung wäre, wäre nicht November und ich müsste draußen warten. Als mich die Mitarbeiterin irgendwann hereinrief, entschuldigte sie sich bei mir für die Situation und zeigte aufrichtige Anteilnahme.

Ich wurde direkt ins Behandlungszimmer hereingebeten. Die Ärztin verlor kein Wort über die Situation und fragte mich, warum genau ich keine Maske tragen könne – obwohl dies überhaupt nichts mit dem Grund der Untersuchung zu tun hatte und ich immer noch ein Tuch vor Mund und Nase hielt. Aus Angst jetzt, nach all dem, doch noch einfach gehen zu müssen, erzählte ich von der komplexen PTBS, den Angst- und Panikattacken beim Tragen einer Maske. Außerdem wollte sie von mir den Namen meines Psychologen wissen. Ich fühlte mich dabei so unwohl, denn ich glaube, sie hat das nur gefragt, weil sie nachprüfen wollte, ob mit meinem ärztlichen Attest alles in Ordnung war. Und ich denke, sie hätte das gar nicht so forsch fragen dürfen. Keine Ahnung, ich stand eh neben mir, war mehr ein Häufchen Elend als eine selbstbewusste Frau mittleren Alters und wollte einfach nur diese Untersuchung hinter mich bringen.

Der Tag war dann natürlich so gut wie gelaufen. Von solchen Situationen kann ich mich immer wieder schwer erholen. Es zerrt, es raubt so viel Kraft.

Weitere Artikel, die ich zu Corona / Covid-19 und meine Erfahrungen in dieser Zeit geschrieben habe, findet ihr hier:

Am Nachmittag beim Einkaufen (wieder mit Tuch vor Mund und Nase) mit meinem Kind bekam ich immer wieder Atemnot und ich konnte meine Panikattacken nur mit Müh und Not unterdrücken, obwohl es wohl sehr offensichtlich war, so wie mich ein paar Leute im Laden ansahen. Ich stellte mich immer wieder in eine Ecke nahm das Tuch vor meinem Gesicht weg und versuchte ruhig zu atmen und nicht zu heulen. Als ich ein Produkt nicht fand und eine Mitarbeiterin des Ladens danach fragte, entgegnete sie mir auch noch forsch, dass ich diesen Laden gar nicht betreten dürfe ohne Maske. Dann sah sie mein Kind an, was sie wohl an einen freundlicheren Umgangston erinnerte. Ich sagte daraufhin nur, dass sie mich ja auch einfach nett fragen könne, warum ich keine Maske trüge. Dann hätte ich ihr nämlich von meiner ärztlichen Befreiung erzählen und sie ihr vorzeigen können. Ihr Gesicht wurde freundlicher und es sah fast so aus, als wenn sie ihren vorherigen Ton bereute. Na das war ja wenigstens was.

Der Tag war jedenfalls gelaufen. Bereits 18 Uhr war ich so erschöpft, dass ich ins Bett hätte fallen können. Ich hatte Kopfschmerzen und mein Körper spielte verrückt. Aber all das sehen die Menschen nicht, die mich an diesem Tag angefaucht haben. Ich konnte nicht ins Bett gehen, denn mein Kind brauchte Abendbrot, ich musste es noch Bettfertig machen und eine Gutenachtgeschichte vorlesen. Erst 21 Uhr war das alles vorbei und ich hätte nur noch schreien und heulen können.

Am nächsten Tag wartete ich in der Innenstadt auf eine Freundin und stand vor einem fahrendem Cafè-Mobil. Eine Person, die vor mir stand, äußerte sich herablassend über die von dem Café-Menschen gerade gezeichneten Abstandlinien auf dem Boden. Irgendwas mit „So ein Unsinn.“ oder ähnliches. Als die Person vor mir dann weg war, fing der Café-Mensch mit mir ein Gespräch über die Montagsdemo an. Wie schlimm es für ihn wäre dort zu stehen usw. Ich sagte dazu nichts, denn ich war dort noch nie. Als er anfing über „die Maskenverweiger*innen“ in den Straßenbahnen zu reden und dass er sich regelmäßig über Menschen aufrege, die ihre Maske nicht über der Nase tragen und er es verstehen könne, dass sich alle so aufregen, versuchte ich dann doch das Wort zu ergreifen. Ich zeigte auf, dass es nicht nur Menschen gebe, die aus Überzeugung keine Maske tragen, sondern dass es wirklich auch Menschen gebe, die aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen können. Man dürfe nicht alle Menschen mit den Maskenverweigerer*innen über einen Kamm scheren usw. Er schien meine Worte zu verstehen und dann erhielten wir auch schon unsere Café und gingen.

Resümee für das Bergfest dieser Woche: Die Woche ist halb um und war bereits vollgepackt mit Anfeindungen und Hetzreden.

Wäre ich nicht betroffen, wer weiß, wie ich denken würde. Aber ich glaube doch, dass ich mir die ganze Sache aus den unterschiedlichen Perspektiven und Betroffenenlagen ansehen würde, so wie ich es schon in diesem älteren Artikel vom 1. Juni 2020 getan habe.

Die Auswirkungen, die diese ganze dauerhaft anhaltende Situation für mich hat, werden größer, soviel weiß ich bereits. Ich brauche z.B. dringend eine neue Brille und kann mir auf normalem Wege keine anfertigen lassen, da ich ohne Maske mehrere Optikergeschäfte nicht betreten durfte. Ich beginne mittlerweile mit der Entwicklung einer Grundangst vor dem Betreten von Geschäften, Praxen, Centern o.ä. Ich gehe an Cafés vorbei, hole mir kein Brötchen oder Café, setze mich nicht hin, kaufe nicht mehr lokal in Geschäften ein (außer Lebensmittel) – und das, obwohl ich mir ein Tuch vor Mund und Nase halte. Ich traue mich nicht mehr mit Bahn oder Bus zu fahren. Ich schaue Menschen weniger an, da sich eine Angst vor missbilligenden Blicken und Sprüchen entwickelt hat. Ich erwische mich immer wieder bei dem Gedanken, was ich nur machen soll, wenn ich demnächst nicht mal mehr Lebensmittelgeschäfte mit meinem Tuch betreten darf. Ich habe Angst, immer mehr. Angst vor den Worten der Menschen, die ich tagsüber treffe, vor ihren Blicken, vor Übergriffen, vor Gewalt.

All das war vor Corona nicht da.

Ja, ich habe eine psychische Erkrankung, aber nun scheint es fast so, als wenn ich aufgrund der Umgangsweisen in diesen Zeiten eine weitere psychische Störung entwickle.

Ich kann die Angst der Menschen verstehen, jedoch nicht ihre krasse unsolidarische Umgangsweise. Auch in Arztpraxen scheinen unklare Umgangsweisen mit ärztlichen Befreiungen vorzuliegen – als wenn diese nicht so recht für voll genommen werden.

Ich glaube, dass die undifferenzierte Berichterstattung in den Medien und durch unsere Regierung zu einer einseitigen Darstellung der Gesamtproblematik führt. Leben ist vielseitig und Gesundheit spielt sich auf einer biologischen, psychologischen und sozialen Ebene ab. Es gibt bereits einige schlimme Erfahrungen von Menschen mit ärztlicher Befreiung von der Maskenpflicht. Menschen wurden bespuckt, geschlagen und getreten – weil sie keine Maske trugen. Menschen werden mehr und mehr öffentlich und ohne Scheu gedemütigt und aus Geschäften ausgeschlossen. Der allgemeine Umgangston wird immer rauer.

Einige Beispiele habe ich hier für euch zusammengetragen:

Auch wenn es gesetzliche Grundlagen gibt, die Menschen mit Behinderungen eine gesellschaftliche Teilhabe garantieren sollen und entsprechende Institutionen und Vereine bereits öffentliche Stellungnahmen (über das Internet) bekannt gegeben haben, so scheint jedoch nur vereinzelnd Austausch mit den Medien, mit Wirtschaftsunternehmen u.a. zu erfolgen. Warum ist das so?

Die Tagesschau ließ hierzu bereits folgendes verlauten:

Warum wurde hier von den entsprechenden Behörden noch kein weitreichende Aufklärungskampagne gestartet – Informationsmaterial für Mitarbeiter*innen von Unternehmen und Institutionen, für die Polizei, für Bürger*innen, für Briefkästen, Plakate, Zeitungsartikel usw.? Es gibt doch Behörden und Institutionen, die direkt damit betraut sind Diskriminierung zu begegnen – auch aktiv! Ich habe jedenfalls von sowas noch nichts mitbekommen und ich glaube, wenn solche Aktionen nicht bald starten und sich die Coronakrise noch viele Monate hinzieht, dann bleibt es nicht bei den bisherigen Meldungen.

Solche Aufklärungskampagnen bieten sich ja zusätzlich auch sehr gut an, um über mögliche Hilfsnetzwerke für Menschen mit Depressionen oder anderen, sich in der Corona-Zeit ausbildenden, psychischen Beeinträchtigungen zu informieren.

Ein weiterer Fakt, der für mich absolut nicht nachvollziehbar ist, ist das von der Polizei immer wieder dargestellte „Hausrecht“ von Unternehmen. Nach meinen Erlebnissen der letzten Monate und nach der Aussage eines Polizisten mir gegenüber, kann ein Geschäft jeden Menschen aus einem Laden verweisen, egal weshalb. Das heißt, nach diesen Aussagen ist möglich, dass Menschen mit Behinderungen, die keine eng anliegende Maske tragen könne, der Zutritt zu Lebensmittelgeschäften in Zukunft verwehrt wird. Und wenn dann nicht ausreichend soziale Kontakte vorhanden sind, die netterweise Einkäufe usw. erledigen? Was ist, wenn Menschen, wie ich und viele andere Betroffene, für viele Monate von allem ausgeschlossen werden?

Entsetzlich ist, dass auch heute Geschäfte, rechtlich vollkommen legitim, an ihren Eingängen Schreiben mit Sätzen anbringen können, mit Inhalten wie z.B. „Menschen ohne Maske dürfen den Laden nicht betreten, auch diejenigen mit ärztlicher Maskenbefreiung (eigentlich könnte hier auch stehen: Menschen mit Behinderungen, denen es nicht möglich ist eine Maske zu tragen)“ All dies ist laut „Hausrecht“ auch heute noch möglich! Wie kann man da keine Angst bekommen?

Das alles macht Angst.

Das alles ist keine Fiktion.

Und alle, die nun sagen, es sei doch nicht so schlimm, den sei liebevoll geraten schnell über den Tellerrand zu schauen, bevor das gesellschaftliche Stimmungsbild noch mehr kippt und sie selbst auf einmal auch in unschönen oder gar gewaltvollen Auseinandersetzungen involviert sind.


Aktion:
Solidarisch durch die Corona-Zeit

* öffentlichen Vorurteilen vorbeugen und entgegentreten
* Sensibilisierung und Aufklärung zu den Lebensbedingungen von Menschen mit psychischen Einschränkungen, Erkrankungen und Behinderungen

MITMACHEN

Hier gelangt Ihr direkt zur Aktions-Seite…

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Leandra sagt:

    Ich verstehe das so gut! Mir geht es ganz ähnlich, alleine schon, wenn ich auf Social Media immer wieder pauschale Beleidigungen gegen Menschen ohne Maske lese… es ist so schwierig. Mehr kann ich gerade nicht dazu schreiben, ist heute zu spät schon… aber ja, ich kenne das auch und mir geht es auch so!

    Gefällt 2 Personen

    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Hallo Leandra, danke, dass du das schreibst und ja, ich glaube, es geht vielen Menschen so. Auch Menschen, die sich draußen, trotz Beeinträchtigung oder Behinderung dazu zwingen eine Maske zu tragen, obwohl es ihnen damit sehr schlecht geht. Ob mit oder ohne Maske, mit vorgehaltenem Tuch oder anderen Lösungen…
      Ich hoffe sehr, dass diese ganze Problematik bekannter wird und die Menschen erreicht… Dann wird es für uns vllt. auch wieder etwas leichter…

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      1. Susann Uckan sagt:

        Mich hat dieser Beitrag sehr berührt und noch einmal mehr die Augen geöffnet. Aus diesem Grund habe ich ihn auf meiner Seite Rebloggt. Ich danke dir sehr für diese Möglichkeit, mehr zu reflektieren und meine Gedanken darüber neu zu sortieren.

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      2. nicole_von_traumaleben sagt:

        Danke für deine Worte und gut, wenn das Thema öffentlicher wird…

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  2. Es ist firchtbar, dass den Leuten sowas nicht in den Kopf kommt. Ich habe von einem Mädchen gelesen, dass mit einem Zettel um den Hals rausgeht wo drauf steht das sie befreit ist. Unfassbar!
    Alles Gute

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    1. nicole_von_traumaleben sagt:

      Ich glaube, dass wir Bon vielen Sachen noch gar nichts wissen, da auch noch nicht viel darüber gesprochen wird…

      Gefällt 1 Person

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